{"id":110105,"date":"2024-01-28T13:00:20","date_gmt":"2024-01-28T12:00:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110105"},"modified":"2024-02-07T21:06:37","modified_gmt":"2024-02-07T20:06:37","slug":"philippinen-dr-jose-p-rizal-der-moenchsorden-ideeller-gesamtaufruehrer-teil-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110105","title":{"rendered":"Philippinen: Dr. Jos\u00e9 P. Rizal \u2013 der M\u00f6nchsorden ideeller Gesamt\u201eaufr\u00fchrer\u201c (Teil II)"},"content":{"rendered":"<p>Die Philippinen sind das einzige Land in Asien, das nach einem westeurop&auml;ischen Herrscher, Philipp II., benannt ist. Zudem war der s&uuml;dostasiatische Inselstaat die einstige und einzige Kolonie der Vereinigten Staaten von Amerika in Asien, was den bekannten, in mehrere Sprachen &uuml;bersetzten und im Januar 2022 97-j&auml;hrig verstorbenen philippinischen Schriftsteller und Autor Francisco Sionil Jos&eacute; einst zu der trefflichen Bemerkung veranlasste: &bdquo;Unsere Landsleute hatten das historische Pech, etwa 350 Jahre im spanischen Konventsmief und ein halbes Jahrhundert unter Hollywood-Herrschaft leben zu m&uuml;ssen, von einem dreij&auml;hrigen Intermezzo unter japanischer Knute einmal abgesehen.&ldquo; Jahrhunderte kolonialer Herrschaft haben in den Philippinen tiefe Spuren hinterlassen, die bis heute auf Schritt und Tritt sp&uuml;rbar sind. Diese f&uuml;nfteilige Serie aus der Feder unseres S&uuml;dost- und Ostasienexperten <strong>Rainer Werning<\/strong> versteht sich als Spurensuche in einem Land, das w&auml;hrend der Internationalen Buchmesse in Frankfurt am Main im Jahre 2025 Gastland sein wird. Den ersten Teil k&ouml;nnen Sie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=109736\">hier nachlesen<\/a>.<br>\n<!--more--><br>\nDer Filipino Dr. Jos&eacute; Protacio Rizal (19. Juni 1861, &dagger; 30. Dezember 1896) war, was man f&uuml;glich ein Naturtalent nennen k&ouml;nnte. Er stammte aus beg&uuml;tertem Hause, erhielt eine gediegene Ausbildung im In- wie Ausland, lernte spielerisch Fremdsprachen, war Arzt, Schriftsteller und Nationalist. Letzteres wurde dem begabten Rizal, zumal unter kolonialen Verh&auml;ltnissen, zum Verh&auml;ngnis, denn in den Philippinen herrschten seit 1571 die Spanier als Kolonialmacht. Erst 1898 zogen die letzten Spanier aus dem fern&ouml;stlichen Inselreich ab und &uuml;berlie&szlig;en das Land neuen Herren &ndash; den Vereinigten Staaten von Amerika.<\/p><p>Zwei Jahre zuvor, genau am 30. Dezember 1896 &ndash; also vor 127 Jahren &ndash; richtete die spanische Soldateska Dr. Jos&eacute; Protacio Rizal hin. Damit entledigten sie sich eines scharfen Kritikers, der mit spitzer Feder, &auml;tzender Kritik und eleganter Rhetorik in seinen beiden Hauptwerken <em>&bdquo;Noli me tangere&ldquo;<\/em> und <em>&bdquo;El Filibusterismo&ldquo;<\/em> die Willk&uuml;rherrschaft der zivilen Kolonialbeamten und geistlichen Orden sowie deren bleiernen Obskurantismus ins Visier genommen hatte.<\/p><p>Wer war dieser Rizal, was machte ihn in den Augen der Kolonialisten zum &bdquo;gef&auml;hrlichen Aufr&uuml;hrer&ldquo;? Und warum stieg ausgerechnet Rizal nach seinem Tode zum Nationalhelden auf, was bis heute jedes Schulkind in den Philippinen pflichtbewusst anzuerkennen hat? Selbst in den abgelegensten Winkeln des Inselstaates wird man eine <em>Plaza Rizal<\/em> finden, die den zentralen Ort d&ouml;rflichen oder l&auml;ndlichen Geschehens markiert.<\/p><p>Aufgrund seiner Herkunft und seiner Bildung geh&ouml;rte Jos&eacute; Rizal zu den <em>&bdquo;ilustrados&rdquo;,<\/em> den &bdquo;Erleuchteten&rdquo;. Diese sprachen flie&szlig;end die Sprache der Kolonialisten, waren vertraut mit den Ideen der europ&auml;ischen Aufkl&auml;rung und den Idealen der Franz&ouml;sischen Revolution &ndash; n&auml;mlich<em> Freiheit, Gleichheit, Br&uuml;derlichkeit. <\/em>Obgleich betucht und kosmopolitisch gebildet, blieben diese &bdquo;ilustrados&ldquo; dennoch sozial ge&auml;chtet und politisch ausgegrenzt. Denn die spanische, streng katholische Kolonialordnung war strikt hierarchisch verfasst. Die absoluten Herren waren die <em>&bdquo;Peninsulares&rdquo;<\/em>, jene Spanier, die auf der Iberischen Halbinsel geboren worden waren. Nach ihnen rangierten die <em>&bdquo;Filipinos&ldquo;,<\/em> in jenen Tagen eine Bezeichnung f&uuml;r die Spanier, die in den Philippinen das Licht der Welt erblickt hatten. Und diejenigen, die sich heute Filipinos und Filipinas nennen, galten als Bodensatz der Gesellschaft &ndash; von den Spaniern absch&auml;tzig &bdquo;Indios&ldquo; genannt.<\/p><p><strong>Reform oder Revolution?<\/strong><\/p><p>Diese Diskriminierung auf friedlichem Wege zu beenden und die Philippinen angemessen in der spanischen Nationalversammlung, der <em>Cort&eacute;z<\/em>, repr&auml;sentiert zu sehen &ndash; das waren die eigentlichen Ideale, f&uuml;r die sich Rizal und die von ihm 1892 gegr&uuml;ndete <em>Liga Filipina<\/em> eingesetzt hatten. Andere philippinische Nationalisten, wie beispielsweise Andres Bonifacio, gingen da weiter und schrieben sich gar die Revolution und den bewaffneten Unabh&auml;ngigkeitskampf auf ihre Fahnen.<\/p><p>Als &bdquo;ilustrado&ldquo; genoss Jos&eacute; Rizal auch das Privileg, ausgedehnte Weltreisen zu unternehmen, die ihn u.a. nach Europa und selbst in die schon damals unter Weltenbummlern so beliebte Neckarstadt Heidelberg f&uuml;hrten. In Heidelberg und im nahe gelegenen Wilhelmsfeld verbrachte er die Monate von Februar bis zum Juni 1886. Hier entstand unter anderem sein Gedicht &bdquo;<em>A las Flores de Heidelberg&rdquo; &ndash; <\/em>&bdquo;<em>An die Blumen von Heidelberg&rdquo;<\/em>, in dem sich Rizal &ndash; in Hochstimmung und voller Emotionen beseelt vom deutschen Fr&uuml;hling &ndash; inspirieren und an seine Verwandten daheim in den Philippinen schreiben lie&szlig;:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Tragt meine Liebe in die Heimat,<\/em><br>\n<em>bringt ihrer Erde, die so reich an Fr&uuml;chten,<\/em><br>\n<em>Frieden,<\/em><br>\n<em>Vernunft den M&auml;nnern,<\/em><br>\n<em>Klugheit ihren Frauen,<\/em><br>\n<em>Gesundheit allen guten Menschen,<\/em><br>\n<em>die der Geborgenheit des Vaterhauses sicher sind.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Rizal war alles andere als ein Anh&auml;nger der Subversion. Ganz im Gegenteil: Er war, was wir heute einen Reformer oder Reformisten par excellence nennen w&uuml;rden. Denn seine Landsleute hielt er politisch noch nicht f&uuml;r reif genug, um zu den Waffen zu greifen und milit&auml;risch die Unabh&auml;ngigkeit zu erstreiten. Ja, nachdem die spanischen Beh&ouml;rden ihn in den S&uuml;den der Philippinen verbannt hatten und seine Haftzeit abgelaufen war, meldete sich Rizal freiwillig, im Dienste der Spanier in Kuba als Arzt zu praktizieren. Dort bahnte sich bereits der Spanisch-Amerikanische Krieg an, und auf dem Wege dorthin befand sich Rizal bereits an Bord eines spanischen Schiffes, als dieses im Pazifik zur R&uuml;ckkehr aufgefordert wurde.<\/p><p>Der Grund: Rizal war zwischenzeitlich des Hochverrats angeklagt und f&uuml;r schuldig befunden worden. Dieses fatale Missverst&auml;ndnis kostete ihn das Leben. Am 30. Dezember 1896 wurde er in Manilas Stadtpark, der heute Rizals Namen tr&auml;gt, erschossen.<\/p><p>Der von den Spaniern zu seinen Lebzeiten so gehasste Rizal wurde nach seinem Tod zum Darling der neuen US-amerikanischen Machthaber auf den Inseln, die 1898 die Spanier beerbten und die Philippinen erst 1946 in die Unabh&auml;ngigkeit entlie&szlig;en. Die USA betonten den gewaltlosen Aspekt Rizals und seiner Liga Filipina, w&auml;hrend die Revolution&auml;re um Andres Bonifacio, die tats&auml;chlich gegen die Spanier 1896 zu den Waffen gegriffen hatten, ge&auml;chtet und lange aus dem &ouml;ffentlichen Bewusstsein verdr&auml;ngt wurden. Zweifellos war Dr. Jos&eacute; Rizal eine herausragende Gestalt in der philippinischen Geschichte, doch seine Erh&ouml;hung zum Nationalhelden der Filipinos geschah durch die neue Kolonialmacht USA &ndash; ein Erbe, das die Regierungen in Manila bis heute pflegen.<\/p><p>Eingesperrt im Kerker des am Pasig-Fluss gelegenen Fort Santiago und im Angesicht des nahenden Todes verfasste der 35-j&auml;hrige Rizal sein bewegendes Abschiedsgedicht <em>Mi Ultimo Adi&oacute;s<\/em>, sein in zig Sprachen &uuml;bersetztes <em>Letztes Lebewohl<\/em>:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Lebe denn wohl, Vaterland, liebes, Kind du der Sonne&rdquo;,<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>so beginnt dieses Gedicht:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Perle des &ouml;stlichen Meeres, du unser verlorenes Eden!<\/em><br>\n<em>Freudig will ich mein d&uuml;steres, trauriges Dasein dir opfern!<\/em><br>\n<em>Auch wenn es strahlender, frischer oder bl&uuml;hender w&auml;re,<\/em><br>\n<em>Ja, ich g&auml;b&rsquo; es f&uuml;r dich, f&uuml;r deine W&uuml;rde und Gr&ouml;&szlig;e!&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Und das Gedicht schlie&szlig;t mit den Zeilen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Lebe du wohl, s&uuml;&szlig;e Fremde, Freundin du mir, meine Freude,<\/em><br>\n<em>lebt alle wohl, geliebteste Wesen: Sterben hei&szlig;t schlafen!&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><strong>* * *<\/strong><\/p><p><em><strong>Als weiterf&uuml;hrende, erhellende Lekt&uuml;re in dieser in mehrfacher Hinsicht dunklen Zeit seien folgende Schriften empfohlen, deren Autoren allesamt hervorragende Rizal-Forscher und -Kenner sind:<\/strong><\/em><\/p><ul>\n<li>Bernhard Dahm: <em>Jos&eacute; Rizal: Der Nationalheld der Filipinos <\/em>(Pers&ouml;nlichkeit und Geschichte, 134). G&ouml;ttingen\/Z&uuml;rich: Muster-Schmidt Verlag, 1988.<\/li>\n<li>Epifanio San Juan, Jr.: <em>Rizal in Our Time: Essays in Interpretation.<\/em> Mandaluyong City, Philippines: Anvil Publishing, 1997.<\/li>\n<li>Ambeth R. Ocampo: <em>Rizal without the Overcoat <\/em>(New Edition). Mandaluyong City, Philippines: Anvil Publishing, 2018.<\/li>\n<li>Dietrich Harth: <em>Jos&eacute; Rizals Kampf um Leben und Tod: Facetten einer kolonialismuskritischen Biografie. <\/em>Heidelberg: heiBOOKS, 2021. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.11588\/heibooks.839\">doi.org<\/a><\/li>\n<\/ul><p><em>Abschlie&szlig;end ein kleiner Ausflugstipp f&uuml;r NDS-Leser in und um Heidelberg:<\/em> Eine Statue Rizals und die Bronze-Portr&auml;ts f&uuml;r ihn bedeutsamer Zeitgenossen befinden sich im 1978 eingeweihten Rizal-Park in Wilhelmsfeld. Ein Uferabschnitt des Neckars in Heidelberg ist nach Rizal benannt, wo im Jahre 2014 auch ein Gedenkstein enth&uuml;llt wurde.<\/p><p><small>Titelbild: hyotographics\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Philippinen sind das einzige Land in Asien, das nach einem westeurop&auml;ischen Herrscher, Philipp II., benannt ist. Zudem war der s&uuml;dostasiatische Inselstaat die einstige und einzige Kolonie der Vereinigten Staaten von Amerika in Asien, was den bekannten, in mehrere Sprachen &uuml;bersetzten und im Januar 2022 97-j&auml;hrig verstorbenen philippinischen Schriftsteller und Autor Francisco Sionil Jos&eacute; einst<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110105\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":109737,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,20],"tags":[1792,835,1971,564,2991,1556],"class_list":["post-110105","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-landerberichte","tag-kolonialismus","tag-nationalismus","tag-philippinen","tag-spanien","tag-unabhaengigkeitsbewegungen","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Shutterstock_1326821609.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/110105","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=110105"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/110105\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":110743,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/110105\/revisions\/110743"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/109737"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=110105"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=110105"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=110105"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}