{"id":110117,"date":"2024-01-27T14:00:42","date_gmt":"2024-01-27T13:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110117"},"modified":"2024-09-07T12:04:46","modified_gmt":"2024-09-07T10:04:46","slug":"die-massenmedien-als-konsensfabrik-fuer-die-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110117","title":{"rendered":"Die Massenmedien als Konsensfabrik f\u00fcr die Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p>F&uuml;r das Funktionieren der Demokratie haben investigative und kritische Medien eine elementare Bedeutung. Nicht ohne Grund werden sie als die &bdquo;Vierte Gewalt&ldquo; im Staat bezeichnet. Sollen sie doch die eigentlichen drei Gewalten des Rechtsstaates &ndash; die Gesetzgebung (Legislative), die ausf&uuml;hrende Gewalt (Exekutive) und die Rechtsprechung (Judikative) &ndash; kritisch begleiten, hinterfragen und Missst&auml;nde aufdecken, um die Macht dieser drei Gewalten zu begrenzen und demokratie-untergrabende Verquickungen zwischen diesen zu enth&uuml;llen. Dieser Funktion kommen die Massenmedien jedoch zunehmend immer weniger nach. Den Ursachen f&uuml;r diese Deformierung sind <strong>Edward S. Herman<\/strong> und <strong>Noam Chomsky<\/strong> in ihrem 1988 erschienenen Buch <em>&bdquo;Manufacturing Consent&ldquo;<\/em> nachgegangen. Nun liegt zum ersten Mal dessen deutsche &Uuml;bersetzung <em>&bdquo;Die Konsensfabrik &ndash; Die politische &Ouml;konomie der Massenmedien&ldquo;<\/em> vor. Eine Rezension von <strong>Lutz Hausstein<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8811\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-110117-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240129_Die_Massenmedien_als_Konsensfabrik_fuer_die_Gesellschaft_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240129_Die_Massenmedien_als_Konsensfabrik_fuer_die_Gesellschaft_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240129_Die_Massenmedien_als_Konsensfabrik_fuer_die_Gesellschaft_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240129_Die_Massenmedien_als_Konsensfabrik_fuer_die_Gesellschaft_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=110117-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240129_Die_Massenmedien_als_Konsensfabrik_fuer_die_Gesellschaft_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240129_Die_Massenmedien_als_Konsensfabrik_fuer_die_Gesellschaft_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Es ist schon erstaunlich. Auf nur wenige B&uuml;cher wurde in den vergangenen Jahrzehnten auch hierzulande so h&auml;ufig Bezug genommen wie auf &bdquo;Manufacturing Consent&ldquo;, obwohl es bislang noch gar nicht in deutscher Sprache erschienen war. Dabei widmen sich die beiden Autoren, der 2017 verstorbene US-amerikanische &Ouml;konom und Medienanalyst Edward S. Herman und der US-amerikanische Linguist und Kognitionswissenschaftler Noam Chomsky, der k&uuml;rzlich seinen 95. Geburtstag feierte, doch einem Kernproblem der Demokratie: der systematischen Aushebelung eines funktionierenden Mediensystems. Und zuzugeben, dass es Probleme bei der uneingeschr&auml;nkten Umsetzung ihrer Kernaufgabe gibt, kommen selbst die Massenmedien nicht mehr umhin. Zwar verweigern sie sich nach wie vor der grundlegenden Feststellung ihres Versagens, dennoch sehen sie sich neben kritischen Eigenberichten zu strukturellen Verwerfungen zunehmend auch dazu gezwungen, dem &ouml;ffentlichen Protest gegen die Art ihrer Berichterstattung hin und wieder Raum einzur&auml;umen. Auch wenn dies h&auml;ufig mit einem Framing wie beispielsweise &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo; verbunden wird, so k&ouml;nnen sie dennoch den zunehmenden Widerstand gegen ihre Verweigerungshaltung nicht mehr einfach so unter den Tisch kehren.<\/p><p>Das sehr ausf&uuml;hrliche Vorwort von Kr&uuml;ger, P&ouml;tzsch und Zollmann ist &auml;u&szlig;erst bemerkenswert, bildet es doch eine Art Metaebene, die das Buch von Herman und Chomsky und seine Inhalte um weitere, teils aktuelle Facetten erweitert sowie punktuell Konkretisierungen und zus&auml;tzliche Kontexte hinzuf&uuml;gt. Man ist als Leser fast versucht, sich dieses Vorwort vielmehr als Nachwort zu w&uuml;nschen, da es nicht nur auf den Inhalten des Buches aufbaut, sondern diese sogar noch ma&szlig;geblich fachlich erweitert.<\/p><p>In diesem Vorwort wird u.a. auch der Begriff &bdquo;Propaganda&ldquo;, der f&uuml;r das Buch wie auch das in ihm aufgestellte Propagandamodell fundamental ist, hergeleitet und beschrieben (S. 20 ff.). Es geht hierbei um Propaganda im Sinne von PR\/&Ouml;ffentlichkeitsarbeit, wie sie erstmals 1922 in Walter Lippmanns &bdquo;Public Opinion&ldquo;, im Deutschen <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/die-oeffentliche-meinung-2\/\">&bdquo;Die &ouml;ffentliche Meinung&ldquo;<\/a>, dargelegt wurde. Dort redet Lippmann einer Elitendemokratie das Wort, da &bdquo;die Gemeininteressen [&hellip;] nur von einer spezialisierten Schicht wahrgenommen werden&ldquo; k&ouml;nnten. Dieses Werk hatte wiederum ma&szlig;geblichen Einfluss auf die Arbeiten eines der Begr&uuml;nder der Propaganda, Edward Bernays, welche sp&auml;ter in Public Relations umbenannt wurde, um sie vom inzwischen negativ konnotierten Begriff der Propaganda abzugrenzen.<\/p><p><strong>Das Propagandamodell im Einzelnen<\/strong><\/p><p>Ein Kernsatz steht schon im Vorwort der Ausgabe von 1988:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Zensur ist hier weitgehend Selbstzensur [&hellip;]&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Die soziale Herkunft wirkt f&uuml;r Medienschaffende schon mit dem Eintritt ins Journalismusstudium als ein Filter. Und je h&ouml;her es die Karriereleiter zu erklimmen gilt, desto st&auml;rker wirkt dieser Filter. So stark, dass in den F&uuml;hrungspositionen fast durchg&auml;ngig genau die Mitglieder der oberen Mittelschicht sowie der Oberschicht &uuml;brig bleiben. Und diese haben nat&uuml;rlich die Werte der Schicht, der sie selbst entstammen, im wahrsten Sinne des Wortes &bdquo;mit der Muttermilch aufgesaugt&ldquo; und vertreten diese Interessen nun ganz selbstverst&auml;ndlich auch in ihrer beruflichen T&auml;tigkeit &ndash; auch ganz ohne Anweisung &bdquo;von oben&ldquo;. Denn auch hier gilt wie andernorts eine zentrale Aussage der Marx&rsquo;schen Philosophie: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Die Sozialisation der Journalisten bestimmt, wie sie die Welt wahrnehmen und interpretieren.<\/p><p>Gleichzeitig existierte schon auf dem Weg bis zur Universit&auml;t ein erheblicher Konformit&auml;tsdruck, der andernfalls zur Selektion f&uuml;hrt. Noam Chomsky beschrieb das <a href=\"https:\/\/theanarchistlibrary.org\/library\/eric-french-interview-with-noam-chomsky-direct-participation-in-creativity\">in einem Interview<\/a> 2010 folgenderma&szlig;en:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es wird erwartet, dass man bestimmte Glaubenss&auml;tze, Ausdrucksweisen, Verhaltensmuster und so weiter akzeptiert. Wenn Sie diese nicht akzeptieren, wird man Sie vielleicht als verhaltensauff&auml;llig bezeichnen und aussortieren. Und so geht das den gesamten Weg bis hinauf zur Universit&auml;t. Es gibt ein verborgenes Filtersystem &hellip;, das eine starke Neigung zur Konformit&auml;t erzeugt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Als weiterer Aspekt kommt die Tatsache hinzu, dass Journalisten in der Regel ein Hochschulstudium absolviert haben. In den USA beispielsweise schnellte deren Anteil von 58,2 Prozent im Jahr 1971 auf 92,1 Prozent im Jahr 2013 hoch (siehe <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102795\">Artikel von Caitlin Johnstone<\/a>). Dieser an und f&uuml;r sich positive Fakt f&uuml;hrt jedoch dazu, dass die damit verbundene Verschuldung durch die Studienkredite die Journalisten besonders anf&auml;llig f&uuml;r ein redaktionskonformes Verhalten macht. Denn andernfalls droht die Gefahr eines Jobverlustes und damit die Unf&auml;higkeit zur Schuldentilgung.<\/p><p>Dass die allzu h&auml;ufig unausgewogene Berichterstattung der Massenmedien eben gerade nicht auf Verschw&ouml;rungstheorien basiert, sondern strukturell bedingt ist, haben sich Herman und Chomsky zur Aufgabe gemacht, in ihrem gemeinsamen Buch zu belegen. Im ersten Abschnitt des Buches sowie in der Zusammenfassung am Buchende haben sie ihre als &bdquo;Propagandamodell&ldquo; bezeichnete Theorie aufgestellt, in der sie die Ursachen und Mechanismen zusammentragen, die privatwirtschaftlich organisierte Medien strukturell dazu bringen, bei gesellschaftlich grundlegenden Themen generell die Auffassungen der wirtschaftlichen sowie politischen Eliten zu rezipieren &ndash; zwar nicht vollkommen uniform, aber stets nur innerhalb eines eng abgesteckten Rahmens, der die offizielle Agenda nicht infrage stellt. Das von ihnen aufgestellte Propagandamodell von 1988 besteht aus den folgenden Komponenten, welche die Berichterstattung der Massenmedien mit einem Filter ausstatten (S. 130):<\/p><ol>\n<li>Gr&ouml;&szlig;e, Eigentumskonzentration, Eigent&uuml;merverm&ouml;gen und Profitorientierung der dominanten Firmen im Sektor Massenmedien<\/li>\n<li>Werbung als Haupteinnahmequelle der Massenmedien<\/li>\n<li>Die Abh&auml;ngigkeit der Medien von Informationen, die ihnen von Staat, Unternehmen und &bdquo;Experten&ldquo; (die von Staat und Unternehmen finanziert und f&uuml;r gut befunden sind) geliefert werden<\/li>\n<li>&bdquo;Flak&ldquo; als Mittel zur Disziplinierung<\/li>\n<li>&bdquo;Antikommunismus&ldquo; als nationale Religion und als Kontrollmechanismus<\/li>\n<\/ol><p><em>Zu Filter 1:<\/em><\/p><p>Bei den Leitmedien handelt es sich um Gro&szlig;unternehmen, die &bdquo;fest in die politische &Ouml;konomie des herrschenden wirtschaftlichen Systems integriert sind&ldquo; (S. 60).<\/p><p>Seit Jahrzehnten findet eine permanente Medienkonzentration statt, bei der immer mehr familiengef&uuml;hrte Medienunternehmen durch Gro&szlig;unternehmen abgel&ouml;st wurden, die durch professionelle Manager gef&uuml;hrt werden und welche einer Vielzahl von Eigent&uuml;mern zu dienen haben, wobei die Gewinnerzielung eine immer zentralere Rolle einnimmt. Hierbei kam es schon in den Achtzigerjahren zu einem enormen Konzentrationsprozess, durch den die Zahl der gro&szlig;en Medienunternehmen von etwa 50 (1983) auf nur noch 23 (1990) schrumpfte, die demzufolge eine noch gr&ouml;&szlig;ere marktbeherrschende Stellung als einzelne Unternehmen erlangten. Bis 2002 nahm diese Konzentration noch weiter zu, sodass zu diesem Zeitpunkt weltweit nur noch neun riesige Medienunternehmen &bdquo;alle bedeutenden Filmstudios, Fernsehnetze und Musikunternehmen der Welt sowie einen betr&auml;chtlichen Anteil der Kabelkan&auml;le, Kabelsysteme, Zeitschriften und Buchverlage&ldquo; beherrschten (S. 61).<\/p><p>Wenngleich der erste Filter in Bezug auf die finanziellen Voraussetzungen der Gr&uuml;ndung und des Betriebs eines Zeitungsverlags zunehmend an Bedeutung verliert, da der Anteil klassischer Offline-Medien kontinuierlich geringer wird, so gibt es andererseits gesteigerte Eingriffe in freie Berichterstattung der sie langsam verdr&auml;ngenden Online-Medien (direkte Zensur, Einschr&auml;nkung der Finanzierungswege, Einschr&auml;nkung der Reichweite &uuml;ber Einflussnahme auf Drittanbieter). Der finanzielle Druck auf die klassischen Medien mit ihren Druckerzeugnissen hat hingegen noch weiter zugenommen, wodurch eine noch st&auml;rkere Medienkonzentration bef&ouml;rdert wird.<\/p><p>Parallel hierzu &auml;ndern sich die Eigent&uuml;merstrukturen der gro&szlig;en Medienunternehmen noch st&auml;rker weg von den urspr&uuml;nglichen Einzelbesitzern und Besitzerfamilien in Richtung institutionelle Anleger wie Banken oder Investmentgesellschaften. Die von diesen vertretene Unternehmensausrichtung auf eine Gewinnmaximierung zwingt das Leitungspersonal &ndash; und damit auch die Belegschaft der Journalisten &ndash;, ihr gesamtes Handeln ebenfalls unter diese Maxime zu stellen. Die durch Firmenaufk&auml;ufe und -beteiligungen mit medienfremden Branchen verbundenen Medien geraten durch diese intersektoralen Verquickungen zunehmend in die Gefahr, nicht mehr neutral oder gar kritisch &uuml;ber bestimmte gesellschaftliche Bereiche berichten zu k&ouml;nnen, da dies die wirtschaftlichen Belange der verbundenen Unternehmen negativ beeinflussen w&uuml;rde.<\/p><p>In den ersten Filter des Propagandamodells spielt auch noch die immer h&auml;ufiger zu verzeichnende Dreht&uuml;rpolitik zwischen Politik und Medien eine wichtige Rolle. F&uuml;hrende Journalisten und bekannte Gesichter wechseln in wichtige &Auml;mter in der Politik, vornehmlich der Regierung, und andererseits wechseln wichtige &Ouml;ffentlichkeitsarbeiter der Politik in Leitungsfunktionen von gro&szlig;en Medien.<\/p><p>Zu (un)guter Letzt f&uuml;hrte und f&uuml;hrt die immer st&auml;rkere &Ouml;konomisierung und Gewinnorientierung der Medien zu best&auml;ndigen Einsparungen an Personal, also der Basis f&uuml;r einen soliden, auch investigativen, Journalismus, sodass zunehmend gern auf vorgefertigte PR-Meldungen von Politik, Wirtschaft sowie Lobbyistenvereinigungen zur&uuml;ckgegriffen wurde und wird. So wird immer mehr auf die f&uuml;r einen unabh&auml;ngigen Journalismus notwendige Distanz zu den Objekten der Berichterstattung verzichtet.<\/p><p><em>Zu Filter 2:<\/em><\/p><p>Werbung in Medien erh&ouml;ht deren Einnahmen, wodurch diese nun bessere Voraussetzungen f&uuml;r niedrigere Preise ihrer Produkte, verst&auml;rkte Werbung f&uuml;r ihre Produkte oder sonstige Ma&szlig;nahmen zur Steigerung der Attraktivit&auml;t ihres Produktes haben. Dadurch steigt jedoch die Abh&auml;ngigkeit dieser Medien von den Werbepartnern, was sich sowohl durch direkte Einflussnahme dieser auf die Medieninhalte oder &ndash; der weitaus h&auml;ufigeren Form &ndash; eine freiwillige &bdquo;Schere im Kopf&ldquo; der Medienschaffenden, angefangen bei den Redakteuren bis hin zur Leitungsebene, niederschl&auml;gt. Die Berichterstattung der Medien bekommt so eine erhebliche Schlagseite, die sich nicht nur in Richtung Wirtschaftsunternehmen neigt. Sie kann und wird auch in Richtung Staat\/staatliche Institutionen beeinflusst, wie anhand der massiven Werbekampagnen der Bundesregierung im Rahmen der Coronama&szlig;nahmen sowie -impfung in Erinnerung sein d&uuml;rfte. Denn auch diese so erzielten Einnahmen waren wesentlich f&uuml;r den wirtschaftlichen Erfolg vieler Medienunternehmen und beeinflussten so deren Berichterstattung zu den staatlichen Ma&szlig;nahmen.<\/p><p><em>Zu Filter 3:<\/em><\/p><p>Da Amtspersonen sowie Vertretern von Unternehmen und Branchenverb&auml;nden seitens der Medienschaffenden ein gro&szlig;es Vertrauen entgegengebracht wird, geben diese deren Verlautbarungen allzu h&auml;ufig ungepr&uuml;ft als vermeintlich sachliche Information an ihre Leser weiter. Der Kostendruck in den Medien verst&auml;rkt diese Tendenz noch, denn aufgrund dieser Tatsache werden die Redaktionen immer mehr ausged&uuml;nnt und diese sind immer weniger in der Lage, journalistische Standards einzuhalten. Dem stehen stetig wachsende PR-Abteilungen in Regierung sowie Wirtschaft gegen&uuml;ber.<\/p><p>Einen besonders markanten Fall einer Verbindung zwischen staatlichen Institutionen und berichtenden Journalisten stellt der sogenannte &bdquo;eingebettete Journalismus&ldquo; (embedded journalism) dar. Urspr&uuml;nglich als privilegierter und gesch&uuml;tzter Zugang von Journalisten in der N&auml;he der Frontlinie von Kriegen praktiziert, hat sich dar&uuml;ber hinaus die Praxis eingeb&uuml;rgert, einzelnen, ausgew&auml;hlten Journalisten exklusiven Zugang zu sonst nicht &ouml;ffentlichen Situationen bestimmter Mandatstr&auml;ger oder Institutionen zu gew&auml;hren. Aufgrund dieses gegenseitigen Gebens und Nehmens ist es nat&uuml;rlich kaum m&ouml;glich, dass daraus seitens des Journalisten eine objektive, gegebenenfalls sogar kritische Berichterstattung entstehen kann. Ein aktuelles Beispiel ist der ARD-Journalist Stephan Lamby, der in fast schon Riefenstahl&rsquo;scher Manier ein <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103746\">Heroen-Epos der Ampelkoalition&auml;re<\/a> zeichnete, welches den auch nur geringsten Abstand zwischen Journalist und Politikern vermissen lie&szlig;.<\/p><p>Diese Abh&auml;ngigkeit der Medien von Regierungs- und Wirtschaftsvertretern f&uuml;hrt in der Folge dazu, dass alternativen Informationen, beispielsweise aus der Zivilgesellschaft, von den Medien noch weniger Raum einger&auml;umt wird, da sie um ihren privilegierten Zugang zu den Vertretern der M&auml;chtigen f&uuml;rchten. Durch die Hinzuziehung von strategisch aufgebauten &bdquo;Experten&ldquo; werden dar&uuml;ber hinaus die gew&uuml;nschten Positionen gest&auml;rkt und unliebsame Standpunkte marginalisiert bzw. diffamiert.<\/p><p><em>Zu Filter 4:<\/em><\/p><p>Das von Herman\/Chomsky als &bdquo;Flak&ldquo; bezeichnete &bdquo;St&ouml;rfeuer&ldquo;, das gegen eine unliebsame Berichterstattung in Medien gerichtet ist, kann aus unterschiedlichen Quellen stammen. Dies k&ouml;nnen direkte Anrufe von einflussreichen Politikern, aber auch Wirtschaftsvertretern bei Medien sein, um eine bestimmte Berichterstattung zu unterbinden, es reicht aber auch bis hin zur Finanzierung und Organisierung vermeintlich unabh&auml;ngiger Institutionen, die eine bestimmte Berichterstattung oder gleich ganze Medien unter Beschuss nehmen. Wem hierbei, auf die aktuellen deutschen Verh&auml;ltnisse &uuml;bertragen, nun sogleich die gr&uuml;nennahe Denkfabrik &bdquo;Zentrum Liberale Moderne&ldquo;, aber auch die diversen Faktenchecker von Correctiv bis hin zu Volksverpetzer in den Sinn kommen, der d&uuml;rfte nicht so falsch liegen.<\/p><p><em>Zu Filter 5:<\/em><\/p><p>Der Antikommunismus ist im Kapitalismus die h&ouml;chste &bdquo;Religion&ldquo;, da die Infragestellung der Besitzverh&auml;ltnisse die gr&ouml;&szlig;te Bedrohung der Kapitalfraktion darstellt. Ist diese Ideologie erst einmal tief in den K&ouml;pfen der Menschen &ndash; der Bev&ouml;lkerung im Allgemeinen und der Journalisten im Besonderen &ndash; verankert, ist es nicht mehr schwer, unliebsame Personen, Organisationen, aber auch Denkrichtungen mit einem Bann zu belegen, der &uuml;beraus wirksam ist. Aus diesem Grund achten auch Medienschaffende von sich aus penibel darauf, nicht in die Kommunismus-Falle zu tappen, und richten ihre journalistische Arbeit darauf aus.<\/p><p>Auch wenn Herman und Chomsky in der Neuauflage des Buches von 2002 &ndash; also gegen&uuml;ber der Erstausgabe von 1988 nach dem Zusammenbruch des realsozialistischen Staatenblocks &ndash; den Antikommunismus durch den Neoliberalismus als herrschende Ideologie ersetzt haben, so ist dies meiner Meinung zwar richtig, aber nicht umfassend genug. Denn der Antikommunismus ist nach wie vor existent, in den USA sogar noch fundamentaler als in Deutschland. Gilt es, jemanden mit einem kaum mehr ausl&ouml;schbaren Stigma zu &uuml;berziehen, ist nach wie vor die &bdquo;Kommunismus-Keule&ldquo; am wirksamsten und am nachhaltigsten. Und sie wird auch immer wieder gez&uuml;ckt, diesseits und jenseits des Gro&szlig;en Teichs, um unliebsamen Personen oder Gedanken mit nur wenig Aufwand einen vernichtenden Schlag zuzuf&uuml;gen.<\/p><p><strong>Auswirkungen des Propagandamodells<\/strong><\/p><p>Aus den f&uuml;nf Filtern des Propagandamodells folgt, dass &bdquo;Nachrichten, die aus wichtigen Establishment-Quellen stammen, [&hellip;] von den Massenmedien bereitwillig in Umlauf gebracht&ldquo; werden (S. 171). Dieses Zusammenspiel von inhaltlich &auml;hnlichen oder gleichen Nachrichten in den bedeutenden Massenmedien, verbunden mit unterst&uuml;tzendenden Statements von Autorit&auml;tsfiguren, l&auml;sst diese Nachrichten in der breiten &Ouml;ffentlichkeit bald als wahr erscheinen. Nachrichten von Dissidenten oder schwachen Interessengruppen hingegen gelingt es kaum bis gar nicht, die Medienbarriere zu &uuml;berwinden. &bdquo;Aufgrund dieses Systems lassen die Massenmedien alle Geschichten, die wichtige Interessen verletzen k&ouml;nnten, rasch im Sand verlaufen, vorausgesetzt, dass sie sie &uuml;berhaupt je bringen.&ldquo; (S. 175) Wenn diese nur schwach oder gar nicht rezipierten Nachrichten mit den etablierten Nachrichten in Konflikt stehen, k&ouml;nnen Letztere schnell die Oberhand gewinnen. Und sobald diese Nachrichten den medialen Raum ausreichend beherrschen, schafft dies weiteren Freiraum f&uuml;r eine noch weiter &uuml;bertriebenere Berichterstattung, also ein sich selbst weiter verst&auml;rkendes System.<\/p><p><strong>Das Propagandamodell in der Praxis<\/strong><\/p><p>Ab dem zweiten Buchkapitel greifen Herman und Chomsky eine gro&szlig;e Anzahl von Praxisbeispielen auf, mit denen sie ihre Thesen aus dem Propagandamodell nachweisen. Diese Beispiele entnehmen sie vier gro&szlig;en Themenkomplexen: der US-amerikanischen Medienberichterstattung &uuml;ber die Situation in den mittelamerikanischen L&auml;ndern El Salvador, Guatemala und Nicaragua im Zeitraum Ende der 1970er-Jahre\/Mitte der 1980er-Jahre, der Berichterstattung &uuml;ber Wahlen in den L&auml;ndern El Salvador und Guatemala auf der einen und Nicaragua auf der anderen Seite, der medialen Rezeption auf das Attentat auf Papst Johannes Paul II. 1981 sowie der Berichterstattung &uuml;ber die US-amerikanischen Kriege in Vietnam sowie Laos und Kambodscha.<\/p><p>Eine zentrale Kategorie ihrer Analyse bildet dabei die von Herman\/Chomsky festgestellte Aufteilung in &bdquo;werte Opfer&ldquo; und &bdquo;unwerte Opfer&ldquo;. &Uuml;ber die einen wird in den Medien berichtet, &uuml;ber die anderen nicht. Mit einer Vielzahl an Fallbeispielen wird verdeutlicht, wie doppelte Standards zu einer von den Fakten losgel&ouml;sten, v&ouml;llig willk&uuml;rlichen Einteilung in &bdquo;werte Opfer&ldquo;, &uuml;ber die in gr&ouml;&szlig;ter Ausf&uuml;hrlichkeit und mit drastischen, teils martialischen Worten berichtet wird, und &bdquo;unwerte Opfer&ldquo;, deren Schicksal in der &ouml;ffentlichen Berichterstattung nur wenig Widerhall findet und zumeist nur mit relativierenden, besch&ouml;nigenden Begriffen beschrieben wird, f&uuml;hren.<\/p><p>Um die Verbindung zur Gegenwart herzustellen: W&auml;hrend man jahrelang die Bombardierung der Gebiete im Donbass nahezu vollst&auml;ndig ignorierte und somit die auch von der UNO benannten rund 14.000 Todesopfer unsichtbar machte, erfolgten seit 2022 &uuml;ber Monate hinweg t&auml;gliche Filmberichte in den Nachrichten &uuml;ber Todesopfer oder &uuml;ber Verletzte, die mit dem russischen Bombardement der Ukraine in Zusammenhang stehen. Die &bdquo;unwerten Opfer&ldquo; in der Ostukraine wurden fast zehn Jahre lang ignoriert, w&auml;hrend man den &bdquo;werten Opfern&ldquo; ab 2022 breite Aufmerksamkeit widmete.<\/p><p>Die unterschiedliche Einordnung ein und desselben Vorfalls verdeutlicht sich auch in der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104151\">Aussage des Sprechers des deutschen Au&szlig;enministeriums<\/a>, Christian Wagner, auf eine Frage Florian Warwegs auf der Bundespressekonferenz am 20. September 2023 zum Raketenangriff auf den Marktplatz von Kostjantyniwka: &bdquo;Dabei wird sich dann herausstellen, ob es sich in diesem konkreten Fall um einen Angriff Russlands oder um einen tragischen Unfall gehandelt hat&ldquo;. Dieses Wording Wagners entspricht eins zu eins dem Punkt f&uuml;nf des <a href=\"https:\/\/swprs.org\/die-nzz-studie\/#kapitel1\">Ponsonby-Morelli-Modells<\/a> zu den zehn Prinzipien der Kriegspropaganda: &bdquo;Der Feind begeht mit Absicht Grausamkeiten; bei uns ist es Versehen&ldquo;.<\/p><p>Doch zur&uuml;ck zum Buch. Die Analysen zu El Salvador, Guatemala und Nicaragua stellen die grundverschiedene Berichterstattung der gro&szlig;en, einflussreichen US-Medien (<em>New York Times<\/em>, <em>Time<\/em>, <em>Newsweek<\/em>, <em>CBS News<\/em>) &uuml;ber die &bdquo;werten Opfer&ldquo; und die &bdquo;unwerten Opfer&ldquo; bez&uuml;glich Quantit&auml;t und Qualit&auml;t direkt gegen&uuml;ber. Da ist zum einen der Mord am polnischen Priester Jerzy Popieluszko 1984, der ihn aufgrund der Systemkonkurrenz von Kapitalismus\/Sozialismus automatisch zu einem werten Opfer macht. Dem wird eine Vielzahl an Morden in mit den USA verb&uuml;ndeten Staaten gegen&uuml;bergestellt, so beispielsweise der Mord am Erzbischof von San Salvador, Oscar Romero, 1980, die Morde an 23 Priestern in Guatemala zwischen 1980 und 1985 sowie die Ermordung von vier US-amerikanischen Nonnen in El Salvador 1980. Allen gemein ist, dass sie allesamt aufgrund der staatlichen Verbindungen zwischen den USA und dem jeweiligen Land zu unwerten Opfern wurden, &uuml;ber welche in der US-Presse zur&uuml;ckhaltend und in ungleich geringerem Ausma&szlig; berichtet wurde. Anschlie&szlig;end wird von den beiden Autoren ausf&uuml;hrlich dokumentiert, mit welcher Schlagseite die US-amerikanische Berichterstattung erfolgte, indem, wie im Propagandamodell dargestellt, den Verlautbarungen von Regierungsvertretern nicht nur breiter Raum einger&auml;umt wurde, sondern diese auch vorbehaltslos als einzige Wahrheit &uuml;bernommen wurden, wohingegen abweichende Berichte keinerlei Erw&auml;hnung fanden.<\/p><p>Das dritte Kapitel besch&auml;ftigt sich mit der m&ouml;glichen Umsetzung des Propagandamodells, die anhand der Berichterstattung &uuml;ber die Wahlen in den L&auml;ndern El Salvador und Guatemala auf der einen und Nicaragua auf der anderen Seite betrachtet werden. Die einen werden von der US-Regierung massiv protegiert, obwohl sie &auml;u&szlig;erst repressiv und undemokratisch gegen ihre eigenen Bev&ouml;lkerungen vorgehen, da die USA damit ihre eigenen au&szlig;enpolitischen Interessen verfolgt. Nicaragua hingegen, dessen Befreiungsbewegung den USA ein gro&szlig;er Dorn im Auge war, da sie die Interessen der dort aktiven US-Industrie bedrohten, wurde von den US-Regierungen als Feind identifiziert. Anhand der Analyse der Berichterstattung der US-Hauptmedien &uuml;ber die jeweiligen Wahlen in diesen L&auml;ndern weisen Herman und Chomsky nach, dass auch hier die von ihnen erwarteten Ma&szlig;nahmen der Meinungsmache von diesen Medien gezielt umgesetzt wurden, indem die einen Wahlen als demokratisch und legitimierend und die anderen als Farce und nicht legitimierend dargestellt werden. Immer wieder wird an Beispielen beschrieben, wie die US-amerikanischen Medien den jeweiligen Standpunkten der US-Regierungen folgten, selbst in den F&auml;llen, wenn diese ihren eigenen, zuvor verk&uuml;ndeten Standpunkten diametral widersprachen. Dabei wendeten die Medien nicht nur doppelte Standards an, indem sie Gleiches ungleich darstellten, sondern sie beschrieben h&auml;ufig tendenziell Positives negativ, w&auml;hrend sie f&uuml;r negative Umst&auml;nde eine positive oder zumindest l&uuml;ckenhafte Berichterstattung nutzten.<\/p><p>Auch wenn die im Buch beschriebenen Mechanismen nicht eins zu eins &uuml;bertragbar sind, so lassen sich doch gewisse Parallelen zum Fall des venezolanischen Oppositionspolitikers Juan Guaid&oacute; ziehen, um nur ein aktuelles Beispiel herauszugreifen. Im Januar 2019 organisierte Guaido einen Putsch gegen den damals gerade wiedergew&auml;hlten Pr&auml;sidenten Venezuelas, Nicolas Maduro. <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49146\">Den US-Interessen entsprechend<\/a> wurde Guaid&oacute; umgehend vom damaligen US-Pr&auml;sidenten <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=48658\">als offizieller Pr&auml;sident Venezuelas<\/a> anerkannt. Ihm folgten die rechtsgerichteten Staaten Lateinamerikas. Selbst die Europ&auml;ische Union sowie die deutsche Bundesregierung und f&uuml;hrende deutsche Politiker stellten sich mit ihrer <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=49805\">Anerkennung als Pr&auml;sident<\/a> mehr oder minder offen auf die Seite des Putschisten Guaid&oacute;. Anstatt dieses undemokratische Verhalten anzuprangern, unterst&uuml;tzten es die deutschen Hauptmedien und forderten sogar noch ein sch&auml;rferes Vorgehen gegen den gew&auml;hlten Pr&auml;sidenten Maduro. Auch in diesem Fall, absolut vergleichbar mit den Beispielen im Buch Hermans und Chomskys, bestimmen also die au&szlig;en- und wirtschaftspolitischen Interessen der USA den Umgang mit Wahlen in Drittl&auml;ndern. Und die einflussreichen gro&szlig;en Medien unterst&uuml;tzen sie aus Leibeskr&auml;ften mit einer <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=51394\">gezielt selektiven, interessensgeleiteten Berichterstattung<\/a>.<\/p><p>Im vierten Kapitel, das sich mit dem Attentat auf Papst Johannes Paul II. 1981 besch&auml;ftigt, wird die Medienberichterstattung der US-amerikanischen Hauptmedien von Herman\/Chomsky nicht nur als den Kurs der US-Regierung unterst&uuml;tzend beschrieben wie in den beiden Kapiteln zu Mittelamerika zuvor, sondern als viel st&auml;rker aktivistisch, da sie sogar eine eigene Verschw&ouml;rungstheorie zur Urheberschaft des Attentats aufstellte, die sie best&auml;ndig am K&ouml;cheln hielt. Hier kamen dennoch wieder dieselben Muster der Meinungsmache zum Tragen, die schon zuvor von den beiden Autoren festgestellt wurden: der Aufbau eines Narrativs, welches durch best&auml;ndige Wiederholung sowie gezielte Nichtberichterstattung abweichender Fakten und Quellen als einzig g&uuml;ltige Version behauptet wurde. Selbst nach dem Zusammenbruch ihrer Geschichte, die u.a. Bulgarien als einen Urheber des Attentats darstellte, wurde diese grundlegende Wendung einfach nur totgeschwiegen. Dass diese Medien mit ihrer Story das Grundmotiv der Systemkonkurrenz zwischen Kapitalismus und Sozialismus bedienten, sollte man hierbei unbedingt ber&uuml;cksichtigen. Denn die behauptete T&auml;terschaft des sowjetischen Geheimdienstes und Bulgariens war der vermeintliche Beweis daf&uuml;r, dass die Sowjetunion und die sozialistischen L&auml;nder f&uuml;r das Schlechte stehen, was die kapitalistischen L&auml;nder inklusive der USA in umso hellerem Licht erstrahlen l&auml;sst. Dies best&auml;tigte der damalige US-Pr&auml;sident Reagan nur zwei Jahre sp&auml;ter, als er die Sowjetunion als &bdquo;Reich des B&ouml;sen&ldquo; titulierte. So besteht also auch hier die Verbindung zum Propagandamodell, das als f&uuml;nften Punkt &bdquo;Antikommunismus&ldquo; als nationale Religion anf&uuml;hrt. Wer mit der behaupteten Lenkung des Papst-Attent&auml;ters Ali Agca durch die Sowjetunion und Bulgarien ein D&eacute;j&agrave;-vu zu angeblichen Verbindungen des Attent&auml;ters von John F. Kennedy, Lee Harvey Oswald, zu Kuba und der Sowjetunion zu erleben glaubt, dem d&uuml;rfte nur schwer zu widersprechen sein. Denn beiden ist gemein, dass umgehend und ohne weitere Beweise dem Systemgegner die Schuld zugesprochen wurde, als Drahtzieher hinter dem jeweiligen Attentat zu stecken.<\/p><p>In den Kapiteln f&uuml;nf und sechs des Buches setzen Herman und Chomsky sich mit der Berichterstattung &uuml;ber die US-amerikanischen Kriege in Vietnam sowie Laos und Kambodscha auseinander. Dabei konstatieren beide, dass es zwar Kritik an den US-Massenmedien gab. Diese seitens der &bdquo;Falken&ldquo; (Kriegsbef&uuml;rworter) ge&auml;u&szlig;erte Kritik prangerte jedoch vielmehr die &bdquo;unpatriotische&ldquo; Berichterstattung an, der sie die Hauptschuld an der Niederlage der US-Armee zuwiesen. Prinzipielle Kriegsgegner hingegen fanden in den gro&szlig;en Medien keinen Widerhall. Es fand also eine lebhafte Debatte &uuml;ber die Kriegsstrategie statt, ohne den Krieg selbst infrage zu stellen, die sich in einem eng begrenzten und zudem nach rechts verschobenen Meinungskorridor abspielte &ndash; eine Beschreibung, die auch Rainer Mausfeld immer wieder in seinen Vortr&auml;gen und B&uuml;chern darlegt.<\/p><p>Ganz en passant wird den Buchlesern dabei in Erinnerung gerufen, mit welcher Radikalit&auml;t und Brutalit&auml;t seitens der US-Armee diese Indochina-Kriege gef&uuml;hrt wurden, mit am Ende zigtausenden teils vollst&auml;ndig zerst&ouml;rten D&ouml;rfern und St&auml;dten, &uuml;ber vier Millionen toten Menschen, Millionen von get&ouml;teten Nutztieren und einer auf Generationen hin vernichteten und vergifteten Natur. Die Gr&uuml;nde f&uuml;r die US-Regierung, &uuml;berhaupt in Indochina zu intervenieren, n&auml;mlich einem schrittweisen &Uuml;bergang von Staaten in dieser Region zum kommunistischen System gem&auml;&szlig; ihrer Domino-Theorie milit&auml;risch entgegenzuwirken, wurden in den US-Medien nie infrage gestellt bzw. erst gar nicht erfragt. Gerade am Beispiel Vietnam f&uuml;hren Herman\/Chomsky vor, mit welcher Selbstverst&auml;ndlichkeit sich die USA in Vietnam als Interventionsmacht berechtigt f&uuml;hlten, w&auml;hrend die vietnamesischen K&auml;mpfer als &bdquo;Aggressoren&ldquo; dargestellt wurden. Anhand einer gro&szlig;en Anzahl von Einzelbeispielen, so auch dem sogenannten &bdquo;Tonkin-Zwischenfall&ldquo;, belegen Chomsky\/Herman, dass sich die gro&szlig;en US-Medien ausschlie&szlig;lich als Sprachrohr der US-Regierung bet&auml;tigten und divergierende Darstellungen entweder ganz weglie&szlig;en oder uminterpretierten. Diverse Volten der US-Regierung, so zum Beispiel im Verh&auml;ltnis zu den Roten Khmer und Pol Pot, trugen sie widerspruchslos mit und passten ihre jeweilige Berichterstattung an die jeweils aktuelle geostrategische Ausrichtung der US-Politik an.<\/p><p>Die detailreichen Berichte Hermans und Chomskys &uuml;ber die Abl&auml;ufe der miteinander verwobenen Kriege in Vietnam, Kambodscha und Laos wecken bei den einen Lesern sicherlich l&auml;ngst vergessene Erinnerungen, w&auml;hrend sie bei einer Vielzahl der J&uuml;ngeren erstmaligen Kontakt mit den Fakten der damaligen US-Interventionen darstellen. Und mittendrin stets die verzerrende Berichterstattung der damaligen US-Presse, die &ndash; jederzeit auf US-Regierungskurs &ndash; &uuml;ber einzelne Fakten und Vorg&auml;nge wahlweise entweder gar nicht oder verf&auml;lschend oder so l&uuml;ckenhaft berichtete, dass dadurch ein v&ouml;llig anderes Bild in der US- und Welt&ouml;ffentlichkeit entstand. Res&uuml;mierend schreiben Herman\/Chomsky &uuml;ber die Rolle der Medien als Vierte Gewalt (S. 630):<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es geht keineswegs darum, der &Ouml;ffentlichkeit zu erm&ouml;glichen, &bdquo;eine wirksame Kontrolle &uuml;ber den politischen Prozess auszu&uuml;ben&ldquo;, sondern um die Abwendung der Gefahr, dass dieser Fall eintritt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Fazit<\/strong><\/p><p>&bdquo;Die Konsensfabrik&ldquo; kann mit Fug und Recht mit dem in ihm vorgestellten Propagandamodell als eines der Standardwerke der Medienanalyse bezeichnet werden. Herman und Chomsky legen bis in kleinste Details dar, dass und wie privatwirtschaftlich organisierte Medien strukturell dazu neigen, die Auffassungen und Interessen der Regierung sowie gro&szlig;er Unternehmen kritiklos zu &uuml;bernehmen und alternative Meinungen kontinuierlich zu negieren. Daf&uuml;r wird keine Verschw&ouml;rungstheorie ben&ouml;tigt, die pers&ouml;nliche Anrufe eines Regierungschefs in Redaktionen oder sonstige absurde Verhaltensweisen insinuiert, nur um die gezielte Einflussnahme damit ins L&auml;cherliche zu ziehen. Die Aufgabe, die sich den Medien als sogenannte Vierte Gewalt stellt, ist damit nicht nur nicht erf&uuml;llt, sondern wird von ihnen durch regierungskonforme Berichterstattung und gr&ouml;&szlig;tenteils eine Negierung alternativer Meldungen ins Gegenteil verkehrt.<\/p><p>Das Buch stellt f&uuml;r viele Leser sicherlich eine gewisse Herausforderung dar &ndash; nicht nur, was den Umfang des Buches betrifft. Auch die Themen, die es im Zuge der Nachweise des Propagandamodells behandelt, liegen zeitlich wie r&auml;umlich f&uuml;r die meisten von uns weit entfernt und sind daher f&uuml;r einen Teil der Leserinnen und Leser der erste detaillierte Kontakt damit. Doch gerade dies weitet den pers&ouml;nlichen Blick und zeigt, dass nicht erst im Zuge von Fl&uuml;chtlings-, Corona-, Ukraine- und Gazakrise die gro&szlig;en Medien das &ouml;ffentliche Meinungsbild beeinflussen, lenken und diesem Diskurs gezielt Grenzen setzen. All dies geschieht &ndash; und das ist ja der Ausgangspunkt des Buches und stets wiederkehrender Aspekt &ndash;, weil die Mainstreammedien strukturell so vermachtet sind, dass sie sich bei den f&uuml;r die jeweilige Regierung grundlegenden, entscheidenden Themen als Megaphon selbiger bet&auml;tigen und so gemeinsam einen gesamtgesellschaftlichen Konsens im Sinne der Herrschenden zu fabrizieren versuchen. Allzu h&auml;ufig mit Erfolg. Erst das Wissen darum schafft die M&ouml;glichkeit, sich dem bewusst entgegenzustellen. Und das ist das gro&szlig;e Verdienst der &bdquo;Konsensfabrik&ldquo; von Herman\/Chomsky.<\/p><p><em>Edward S. Herman, Noam Chomsky, <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/die-konsensfabrik.html\">Die Konsensfabrik &ndash; Die politische &Ouml;konomie der Massenmedien<\/a>, Westend Verlag, Frankfurt, 2023, 700 Seiten, 44 Euro<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F&uuml;r das Funktionieren der Demokratie haben investigative und kritische Medien eine elementare Bedeutung. Nicht ohne Grund werden sie als die &bdquo;Vierte Gewalt&ldquo; im Staat bezeichnet. 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