{"id":110219,"date":"2024-01-29T10:00:16","date_gmt":"2024-01-29T09:00:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110219"},"modified":"2024-01-29T16:42:44","modified_gmt":"2024-01-29T15:42:44","slug":"ich-halte-diese-bahn-fuer-nicht-mehr-reparabel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110219","title":{"rendered":"\u201eIch halte diese Bahn f\u00fcr nicht mehr reparabel.\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Mit einem fast sechs Tage dauernden Arbeitskampf haben die Lokf&uuml;hrer den Zugverkehr in Deutschland weitestgehend lahmgelegt. Politik und Medien sehen in der Gewerkschaft GDL den Hauptschuldigen in der Auseinandersetzung, beklagen Ma&szlig;losigkeit und mangelnde R&uuml;cksichtnahme auf die Kunden. &bdquo;Vollstes Verst&auml;ndnis&ldquo; f&uuml;r die Streikenden hat dagegen <strong>Arno Luik<\/strong>. Im Interview mit den NachDenkDeiten l&auml;sst der Journalist und Bestsellerautor kein gutes Haar am Staatskonzern mit einer F&uuml;hrungsriege aus &bdquo;Azubis&ldquo;, die sich &bdquo;durchgeknallte&ldquo; Boni daf&uuml;r genehmigten, einen einst &bdquo;perfekt funktionierenden&ldquo; Betrieb vor die Wand gefahren zu haben. Sein Verdikt: &bdquo;Diese Bahn ist eine Zumutung.&ldquo; Mit ihm sprach <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7096\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-110219-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240129_Ich_halte_diese_Bahn_fuer_nicht_mehr_reparabel_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240129_Ich_halte_diese_Bahn_fuer_nicht_mehr_reparabel_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240129_Ich_halte_diese_Bahn_fuer_nicht_mehr_reparabel_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240129_Ich_halte_diese_Bahn_fuer_nicht_mehr_reparabel_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=110219-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240129_Ich_halte_diese_Bahn_fuer_nicht_mehr_reparabel_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240129_Ich_halte_diese_Bahn_fuer_nicht_mehr_reparabel_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Ralf Wurzbacher: Seit Dienstag vorangegangener Woche wurde die Deutsche Bahn (DB) in einem Arbeitskampf historischer Dimension bestreikt und alle motzten &ndash; bevorzugt gegen die &bdquo;starrk&ouml;pfigen&ldquo; Lokf&uuml;hrer. Gegen wen motzen Sie?<\/strong><\/p><p><strong>Arno Luik:<\/strong> Ich motze nicht, ich staune. Ich staune &uuml;ber das, was in diesem Land alles m&ouml;glich ist in Sachen Bahn. Da klebt diese Bahn als Zeichen ihrer angeblichen Umweltliebe gr&uuml;ne Streifen auf ihre ICE-Z&uuml;ge und verk&uuml;ndet: &bdquo;Wir sind eine &Ouml;ko-Bahn. Wir tun was f&uuml;rs Klima.&ldquo; Doch gleichzeitig beteiligt sich dieser Staatskonzern &uuml;ber eine Bahn-Tochter in Mexiko an dem so gigantischen wie verwerflichen Bahnprojekt <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/465165.maya-zug-im-tropenwald-paradies-abgeholzt.html?sstr=tren|maya\">&bdquo;Tren Maya&ldquo;<\/a>, ein Touristenzug, der auf &uuml;ber 1.500 Kilometern L&auml;nge durch malerische Landschaften f&uuml;hrt &ndash; auch quer durch Regenw&auml;lder. Massenweise m&uuml;ssen f&uuml;r diesen Zug, von dem die Einheimischen nichts haben, diese f&uuml;r das &Ouml;kosystem so wichtigen Regenw&auml;lder abgeholzt werden. Dort lebende Nachfahren der Maya k&auml;mpfen gegen diesen Bau, indigene V&ouml;lker f&uuml;rchten, dass der Zug das sensible &Ouml;kosystem gef&auml;hrdet, ihre Lebensgrundlagen zerst&ouml;rt und sie dazu zwingt, ihre Heimat zu verlassen. Geht&rsquo;s noch?<\/p><p>Diese Bahn, die hierzulande nicht in der Lage ist, ihre Strecken zeitgem&auml;&szlig; zu elektrifizieren, vermeldet voller Stolz, dass sie &bdquo;das gr&ouml;&szlig;te Bahnprojekt in der Geschichte &Auml;gyptens und mit 2.000 Streckenkilometern sechstgr&ouml;&szlig;te Hochgeschwindigkeitsnetz der Welt &uuml;bernehmen&ldquo; wird. Was soll dieser Auslandseinsatz? Angesichts des erb&auml;rmlichen Zustands der Bahn hierzulande? Hier sind gerade mal 61 Prozent der Strecken elektrifiziert &ndash; eine Schande f&uuml;r dieses Industrieland. Diese Bahn ist eine Zumutung. Und ich staune, mit welch buddhistischer Geduld die B&uuml;rger das alles hinnehmen: diese Versp&auml;tungen, diese Zugausf&auml;lle, diese strukturelle Unzuverl&auml;ssigkeit, den offensichtlichen Zerfall eines so wichtigen Verkehrsmittels, diese Unfreundlichkeit gegen&uuml;ber den Kunden. Und so unfreundlich benimmt sich die Bahnspitze auch nach innen, man sieht es nun beim aktuellen Lokf&uuml;hrerstreik. Ziemlich ungehobelt agiert da die Staatsbahn.<\/p><p><strong>Ungehobelt?<\/strong><\/p><p>Es ist ein Unding, einen Tarifvertrag mit einer Laufzeit von 32 Monaten durchsetzen zu wollen. Die Bahn ist zu 100 Prozent im Staatsbesitz. Ich finde, ein Staatsbetrieb sollte ein Vorbild sein, was sein Verhalten gegen&uuml;ber seinen Mitarbeitern betrifft. Doch das Bahn-Management agiert frech: Die Zeiten sind &uuml;beraus unsicher, &ouml;konomische Verwerfungen jederzeit m&ouml;glich, ein Anhalten der Rekordinflation nicht unwahrscheinlich. Und in einer solchen Situation den Besch&auml;ftigten einen Tarifvertrag &uuml;ber zweieinhalb Jahre anzubieten &ndash; das ist eine Provokation.<\/p><p><strong>Lange Laufzeiten liegen im Trend &hellip;<\/strong><\/p><p>Das mag sein. Aber ist dieser Trend gut f&uuml;r die abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten? Nochmals: Die Bahn ist ein hundertprozentiges Staatsunternehmen, daraus erw&auml;chst eine besondere Verantwortung. Nun m&ouml;chte die GDL den Einstieg in die 35-Stunden-Woche. Die gibt es bei der IG-Metall schon seit drei Jahrzehnten, f&uuml;r viele Betriebe ist dieses Modell l&auml;ngst das Normalste der Welt. Und genauso m&uuml;sste es f&uuml;r einen Staatskonzern sein, der von uns B&uuml;rgern jedes Jahr viele Milliarden Euro an Steuergeldern bekommt. Wer zufrieden ist, streikt nicht. Streik ist Notwehr.<\/p><p><strong>Dabei geht es bei dem Konflikt gar nicht um eine fl&auml;chendeckende, sondern um eine Arbeitszeitverk&uuml;rzung f&uuml;r Schichtarbeiter. Trotzdem wollte die Bahn-F&uuml;hrung &ndash; bis zur am Wochenende signalisierten Verhandlungsbereitschaft &ndash; &uuml;ber zwei Monate lang gar nicht &uuml;ber die GDL-Forderung reden.<\/strong><\/p><p>So haben damals auch die Metallarbeitgeber geblockt, um dann nach sieben Wochen Streik einzulenken. Diese Bahn k&ouml;nnte nat&uuml;rlich die GDL-Forderung erf&uuml;llen. Wenn man ins Ausland schaut, nach &Ouml;sterreich, Luxemburg, in die Schweiz, zeigt sich, dass das Verh&auml;ltnis zwischen der jeweiligen Bahnf&uuml;hrung und den Angestellten gut funktioniert. Die dortigen Bahnmitarbeiter werden auch besser entlohnt, sie haben ordentliche Arbeitszeiten, nach Schichtdiensten geregelte Ruhezeiten. Warum geht das nicht in Deutschland?<\/p><p><strong>Ja, warum eigentlich nicht?<\/strong><\/p><p>Ich kenne Lokomotivf&uuml;hrer, die im Jahr 400 bis 600 &Uuml;berstunden anh&auml;ufen. Unfassbar. Ein normales Familienleben ist da kaum mehr m&ouml;glich. Der Krankenstand bei der Bahn ist sehr hoch, der Schichtdienst sehr anstrengend. Mein vollstes Verst&auml;ndnis daf&uuml;r, dass die Lokf&uuml;hrer um bessere Bedingungen k&auml;mpfen. Es gibt ja auch noch einen Grund, weshalb die Streikbereitschaft so gro&szlig; ist. Das speist sich aus einem tief sitzenden Gef&uuml;hl der Ungerechtigkeit. Die Bahn-Mitarbeiter sehen die absurd hohen Geh&auml;lter ihrer Vorst&auml;nde, die v&ouml;llig durchgeknallten und nicht zu rechtfertigenden Boni &ndash; allein neun Millionen Euro f&uuml;r die neun DB-Vorstandsmitglieder. Boni f&uuml;r was? Und warum?<\/p><p>Diese Bahn-Chefs haben aus einer mal hervorragend funktionierenden Bahn ein marodes Unternehmen geschaffen. Ein Unternehmen, das &ndash; kein Witz, die Wahrheit &ndash; die Finanzen des Staatshaushalts gef&auml;hrdet. Diese Bahn ist mit 35 Milliarden Euro in den Miesen! Faktisch pleite. Und in einer solchen Situation Bahnchef Richard Lutz zu seinem &uuml;beraus &uuml;ppigen Grundgehalt, dreimal so hoch wie das des Bundeskanzlers, einen Bonus von zwei Millionen Euro zu spendieren &ndash; das l&auml;sst sich niemandem vermitteln.<\/p><p>Dieses Absahnen schafft Staatsverdrossenheit, eine gef&auml;hrliche Stimmung gegen &bdquo;die da oben&ldquo;. Es schafft Frust und Emp&ouml;rung bei den Bahn-Mitarbeitern, die diesen zerfallenden Laden am Laufen halten. Gestresste Mitarbeiter, die wegen Versp&auml;tungen, Zugausf&auml;llen die Aggressionen der Kunden ertragen m&uuml;ssen &ndash; und das zu L&ouml;hnen, f&uuml;r die ihre Chefs sich nicht aus ihren Sesseln erheben w&uuml;rden.<\/p><p><strong>Dabei geht es auch anders. Die Bahntarifrunde betrifft neben der DB rund 60 weitere &ouml;ffentliche und private Eisenbahnunternehmen und in <a href=\"https:\/\/www.gdl.de\/aktuelles\/news\/zehn-auf-einen-streich-zahl-der-tarif-abschluesse-steigt-kontinuierlich\/\">knapp 20 F&auml;llen wurde bereits ein Abschluss erzielt<\/a>.<\/strong><\/p><p>Und jedes Mal hat die Gegenseite einem schrittweisen Einstieg in die 35-Stunden-Woche zugestimmt. GDL-Chef Claus Weselsky wird ja jetzt h&auml;ufig als der b&ouml;se Bube dargestellt. Er ist aber &ndash; zumal CDU-Mitglied &ndash; kein Klassenk&auml;mpfer. Das sieht man auch daran, dass er diese Vertr&auml;ge mit vielen privaten Bahnunternehmern ratzfatz abgeschlossen hat. Da gab es faire Angebote, ordentliche Lohnerh&ouml;hungen und Erholungszeiten wurden vereinbart. Aber die Deutsche Bahn sperrt sich gegen&uuml;ber diesen Selbstverst&auml;ndlichkeiten. Warum? Will sie einer etwas aufm&uuml;pfigen Gewerkschaft eine Lektion zu erteilen? Will die Bahn-Spitze blo&szlig; noch mit der kuschelzahmen Gewerkschaft EVG verhandeln?<\/p><p><strong>Allm&auml;hlich schleift sich so ein Tenor in die Debatte ein: Streikrecht und Tarifautonomie sind ja sch&ouml;n und gut. Aber irgendwo muss auch mal Schluss sein. Wie klingt das in Ihren Ohren?<\/strong><\/p><p>Das ist bei jedem gr&ouml;&szlig;eren Streik so. Friedrich Merz, Chef der BlackRock-CDU, spricht von einem &bdquo;Streik-Exzess&ldquo; und will Gesetzes&auml;nderungen. Seine MdB-Kollegin Gitta Connemann fordert Versch&auml;rfungen, um solche Tarifk&auml;mpfe prinzipiell zu verhindern &ndash; alles Anschl&auml;ge auf das Streikrecht, die Tarifautonomie. Ich habe die Sorge, dass gerade in den Zeiten der sogenannten &bdquo;Zeitenwende&ldquo; bis vor Kurzem Undenkbares nun m&ouml;glich wird: eben die Einschr&auml;nkung des Streikrechts. Wobei, das muss gesagt werden, das deutsche Streikrecht ohnehin ein ziemlich schw&auml;chliches ist im internationalen Vergleich.<\/p><p><strong>Sie sagen es: Politische Streiks, das vielleicht sch&auml;rfste Schwert gegen die Obrigkeit, sind verboten. Anderswo, etwa in Frankreich, gibt es Generalstreiks in Serie, auch und gerade seit der &bdquo;Zeitenwende&ldquo;.<\/strong><\/p><p>Ich will jetzt nicht zu d&uuml;ster werden und vielleicht gehe ich etwas zu weit, aber ich setze meine Gedanken mal in einen gr&ouml;&szlig;eren Kontext: Bisher lautete die Pr&auml;misse unseres Staates nach der Erfahrung zweier Weltkriege: &bdquo;Nie wieder Krieg!&ldquo; Dieses Glaubensbekenntnis ist entsorgt. Pl&ouml;tzlich spricht der deutsche Verteidigungsminister davon, kriegst&uuml;chtig zu werden. Pl&ouml;tzlich sagt der EU-Industriekommissar Thierry Breton, ein wichtiger Stratege: &bdquo;Wir m&uuml;ssen in den Modus der Kriegswirtschaft wechseln.&ldquo; Kriegsert&uuml;chtigung. Kriegswirtschaft. Gedanken und S&auml;tze, die es vor Kurzem nicht gab. Man m&uuml;sse sich gegen einen Angriff Russlands gegen die EU wappnen, hei&szlig;t es. Wer solche Gedankenspiele anstellt, der denkt sicherlich auch dar&uuml;ber nach, ob Streiks bei der kritischen Infrastruktur noch sein d&uuml;rfen.<\/p><p><strong>Weil das die Kriegsert&uuml;chtigung hemmen k&ouml;nnte?<\/strong><\/p><p>Ja. Vielleicht werden die Bahn-Mitarbeiter pl&ouml;tzlich wieder zu Beamten, die d&uuml;rfen ja nicht streiken. Bei dem Tempo, wie diese sogenannte Zeitenwende ehedem eherne Grunds&auml;tze &uuml;ber den Haufen wirft, kann einem schummerig werden.<\/p><p><strong>Zur&uuml;ck zum Bahntarifkonflikt &hellip;<\/strong><\/p><p>Es hei&szlig;t ja, der Streik dauert zu lang und richtet gro&szlig;en volkswirtschaftlichen Schaden an. Da muss ich ein wenig lachen. Wenn es heute mal, was im Winter passieren kann, ein wenig schneit, dann stellt die Bahn h&auml;ufig den Verkehr ein, h&auml;ngt ganze Bundesl&auml;nder vom Verkehr ab. Neulich gab es Schnee in Bayern, in M&uuml;nchen, fast ganz Bayern fuhren zwei Tage lang keine Z&uuml;ge mehr &ndash; ein teurer Witz f&uuml;r die Volkswirtschaft.<\/p><p>In der Schweiz, in &Ouml;sterreich, in Norwegen, Finnland und Schweden schneit es viel mehr und da brausen die Z&uuml;ge ohne Probleme durch den Schnee. So war das auch mal in Deutschland. &bdquo;Alle reden vom Wetter. Wir nicht&ldquo;, hie&szlig; es bei der Bahn. Aber inzwischen ist die Bahn so runtergekommen, so runtergerockt, dass sie nicht in der Lage ist, ein bisschen Schnee wegzur&auml;umen. Fr&uuml;her wurde geschippt, wurden die Weichen freigeschaufelt. Die Z&uuml;ge fuhren. Auf jedem Bahnhof, und es gab sehr viele, war man auf den Winter vorbereitet. Bahn-interner Spott heute: &bdquo;Die einzigen Schneebesen, die es bei der Bahn noch gibt, sind die Schneebesen in den ICE-Bistros.&ldquo;<\/p><p><strong>Die Bistros sind auch nicht selten &bdquo;out of order&ldquo;, wie die Toiletten, die Anschlussanzeigen und und und &hellip;<\/strong><\/p><p>Noch ein Wort zu diesem ideologischen Kampfsatz: &bdquo;Die GDL verursacht volkswirtschaftlichen Schaden in Milliardenh&ouml;he.&ldquo; Was macht die Bahn-Spitze? Sie sperrt monatelang die wichtigsten Bahnstrecken im Land. Vollsperrung. Etwa die Hauptverkehrsachse in Europa zwischen Frankfurt und Mannheim, f&uuml;nf Monate lang, um die nicht instandgehaltene Strecke zu sanieren. Die Strecke zwischen Berlin und Hamburg wird ebenfalls monatelang gesperrt. &Uuml;berdies fallen bei der Bahn j&auml;hrlich Zehntausende von Z&uuml;gen komplett aus, 2018 waren es 140.000 &ndash; ein immenser &ouml;konomischer Schaden. Bahnalltag in Deutschland. Dagegen ist ein Sechs-Tage-Streik fast ein Witz.<\/p><p><strong>Das Sperren von Strecken &ndash; ist das in anderen L&auml;ndern nicht undenkbar?<\/strong><\/p><p>Was die Deutsche Bahn da anstellt, ist weltweit einmalig. Seit Z&uuml;ge fahren, repariert man &bdquo;unterm laufenden Rad&ldquo;. Der Kunde merkt meist nichts davon. Aber heute agiert die Bahn v&ouml;llig unf&auml;hig und r&uuml;cksichtslos. Was die Bahn mit ihrer sogenannten Generalsanierung treibt, ist der gr&ouml;&szlig;te anzunehmende Unfug, schlimmer noch: Dieser GAU ist ein Umerziehungsprogramm. Er macht frustrierte Bahnkunden zu Autofahrern.<\/p><p><strong>Warum eigentlich freut sich die Bahn-F&uuml;hrung nicht &uuml;ber den GDL-Streik? Schlie&szlig;lich kann sie den &uuml;blichen Stillstand eine ganze Woche lang anderen in die Schuhe schieben &hellip;<\/strong><\/p><p>Der Notfahrplan, der f&uuml;r die Streiktage gilt, funktioniert wahrscheinlich besser als der Regelfahrplan. Warum? Jetzt ist das kaputtgesparte Bahnnetz mal f&uuml;r ein paar Tage nicht &uuml;berlastet. Man muss sich vorstellen: 1994 betrug die Netzl&auml;nge &uuml;ber 40.000 Kilometer, heute sind es noch 33.000 Kilometer &ndash; ein R&uuml;ckbau von rund 20 Prozent. W&auml;ren die Autobahnen um 20 Prozent zur&uuml;ckgebaut worden, es w&uuml;rde das totale Chaos herrschen. Und dieses Chaos haben wir nun bei der Bahn.<\/p><p><strong>Im Titel Ihres Bestsellers &bdquo;Schaden in der Oberleitung&ldquo; schreiben Sie vom &bdquo;geplanten Desaster der Deutschen Bahn&ldquo;. Das klingt nach Verschw&ouml;rungstheorie. Wer sind die Planer und wozu der Plan?<\/strong><\/p><p>Wir leben in einem absolut verr&uuml;ckten Autoland. In &Ouml;sterreich, der Schweiz, Italien funktionieren die Bahnen. Warum nicht in Deutschland? Ist eine schlechte Bahn ein Zufall, ein Betriebsunfall? Ich glaube nicht. Seit den fr&uuml;hen 1990er-Jahren kamen an die DB-Spitze Manager, die bei Amtsantritt keine Ahnung vom hochkomplexen System Bahn hatten: Heinz D&uuml;rr &ndash; Autoindustrie; Hartmut Mehdorn &ndash; Auto- und Luftfahrtindustrie; R&uuml;diger Grube &ndash; Autoindustrie. Das waren Bahn-Azubis, alles &uuml;berbezahlte Azubis.<\/p><p>Sie haben Volksverm&ouml;gen verschleudert, sie haben das fast Nichtmachbare geschafft: Aus einer perfekt funktionierenden Bahn einen maroden Laden zu schaffen, der Milliarden verschlingt, aber seinen Kunden immer weniger bietet. Die Deutsche Bahn war mal ein weltweites Vorbild in Sachen Zugfahren, selbst die Schweizer staunten, was f&uuml;r eine tolle Bahn die Deutschen hatten. Zu Recht hie&szlig; es: &bdquo;P&uuml;nktlich wie die Eisenbahn.&ldquo; Heute hei&szlig;t es: &bdquo;Schaden in der Oberleitung&ldquo;, &bdquo;St&ouml;rung im Betriebsablauf&ldquo; &ndash; Worte, die fr&uuml;her kein Bundesb&uuml;rger kannte.<\/p><p><strong>Und jetzt haben die Eidgenossen <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/reise\/deutsche-bahn-verspaetungen-schweiz-zuege-aussperren-1.5978407\">Z&uuml;ge aus Deutschland quasi ausgesperrt<\/a>, weil sie die eng getakteten Fahrpl&auml;ne durcheinanderbringen &hellip;<\/strong><\/p><p>Die Schweizer haben keine Lust, sich ihre perfekten Fahrpl&auml;ne durch die notorisch unf&auml;hige Deutsche Bahn kaputtmachen zu lassen. Es ist wirklich tragisch: Die Bahn wurde in rund 30 Jahren, seit der Bahn-Reform, als das Unternehmen sexy f&uuml;r die B&ouml;rse gemacht werden sollte und zur Aktiengesellschaft wurde, nachhaltig ruiniert. Ich halte diese Bahn f&uuml;r nicht mehr reparabel. Es ist sehr einfach, etwas zu zerst&ouml;ren, aber viel schwerer ist es, das Zerst&ouml;rte zu reparieren.<\/p><p>Es fehlt heute an allem: an Gleisen, an Land f&uuml;r Gleise, an Loks, an Personal, aber vor allem fehlt es an Know-how. Beispielhaft daf&uuml;r der Vorstand der Deutschen Bahn. Keiner der Damen und Herren dort hat das Bahnhandwerk von der Pike auf gelernt. Es hei&szlig;t ja nun oft: Lutz sei ein Bahner, er sei lange bei der Bahn. Das stimmt. Aber er war Finanzkontrolleur. Und er hat all die zerst&ouml;rerischen Sparprogramme seiner Chefs mitgetragen und exekutiert.<\/p><p><strong>Aber wird jetzt nicht endlich alles besser? Seit Jahresanfang wirkt unter dem DB-Dach die neue<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=109681\"> Netzgesellschaft InfraGO<\/a>, die per Kraftakt und mit viel &ouml;ffentlichem Geld unter dem Label Gemeinwohlorientierung das marode Schienennetz in Schuss bringen will. Wie weit reicht Ihre Zuversicht, dass das hinhaut?<\/strong><\/p><p>Augenwischerei. Es geht weiter wie bisher. &bdquo;Gemeinwohlorientiert&ldquo; besagt gar nichts, der juristisch belastbare Begriff w&auml;re &bdquo;gemeinn&uuml;tzig&ldquo;. Ich f&uuml;rchte, diese InfraGO wird ein Einstieg in die Zerschlagung und Privatisierung der Bahn sein. Vor einiger Zeit, nach dem gescheiterten B&ouml;rsengang, sagte Bahn-Chef Lutz, der B&ouml;rsengang sei nur verschoben, nicht aufgehoben. Das l&auml;sst nichts Gutes ahnen.<\/p><p>Nun wurden der Bahn von der Politik ja viele Milliarden Euro versprochen. Nur: Es gibt eine uns&auml;gliche Geschichte der Versprechungen in Sachen Bahn. Aber nichts davon wurde je eingel&ouml;st, im Gegenteil. Und noch etwas: Im Koalitionsvertrag umfasst das Thema Bahn gerade mal eine Seite &ndash; angef&uuml;llt mit den &uuml;blichen Versprechungen, den l&auml;stigen Plattit&uuml;den. So richtig wichtig scheint den Regierenden die Bahn, diese angeblich so wichtige Waffe f&uuml;r die &ouml;kologische Verkehrswende, nicht zu sein.<\/p><p><strong>Das neueste Versprechen, auf kurze Sicht 43 Milliarden Euro zu investieren, ist auch schon wieder hin, weil in Teilen vom Haushaltsloch der Ampel geschluckt. Ihr Urteil?<\/strong><\/p><p>Selbst wenn es das Geld g&auml;be, w&uuml;rde es doch nur in wahnwitzigen Betonprojekten wie Stuttgart 21, Untertunnelung von Frankfurt oder ICE-Rennstrecken verbaut. Alles, was &uuml;ber 230 Kilometer schnell f&auml;hrt, ist un&ouml;kologisch. Viele der Neubaustrecken f&uuml;hren durch unglaublich lange Tunnel mit einer desastr&ouml;sen &Ouml;kobilanz. Ein gebauter Tunnelkilometer setzt so viel CO2 frei wie 26.000 Pkw mit einer Jahresleistung von 13.000 Kilometern.<\/p><p><strong>Gibt es &uuml;berhaupt etwas, was Ihnen in puncto Bahn noch Hoffnung macht?<\/strong><\/p><p>Wenig. Besserung w&auml;re nur m&ouml;glich, w&uuml;rde man die komplette DB-F&uuml;hrung entlassen und durch Bahnfachleute ersetzen, die das Handwerk gelernt haben und es beherrschen. Wird Bahn-Chef Lutz entlassen? Man kann nicht davon ausgehen, dass jene, die das Desaster angerichtet haben, die Retter sein k&ouml;nnen. Man macht ja einen Brandstifter nicht zum Feuerwehrkommandanten. Nochmals: Von den neun Bahn-Vorst&auml;nden ist kein Einziger ein gelernter Eisenbahner. Wenn der FC Bayern M&uuml;nchen einen Mittelst&uuml;rmer sucht, w&uuml;rde er einen Basketballspieler holen? Ich glaube nicht. Aber so agiert die Politik bei der Bahn &ndash; seit viel zu vielen Jahren.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/e5a5dccd070c41dfa94f72a873b4eb2b\" alt=\"\" width=\"\" height=\"\"><\/p><p><em><strong>Zur Person<\/strong>: Der Journalist und Autor <strong>Arno Luik<\/strong>, Jahrgang 1955, gilt als einer der profiliertesten Kritiker der Deutschen Bahn (DB) und der bahnpolitisch Verantwortlichen. Sein 2019 erschienenes und 2021 aktualisiertes Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/gesellschaft\/schaden-in-der-oberleitung.html\">&bdquo;Schaden in der Oberleitung. Das geplante Desaster der Deutschen Bahn&ldquo;<\/a> stand wochenlang auf den Bestsellerlisten. F&uuml;r seine Enth&uuml;llungen zum Bahnprojekt Stuttgart 21 hatte er 2010 den &bdquo;Leuchtturm f&uuml;r besondere publizistische Leistungen&ldquo; des Netzwerks Recherche erhalten. Gesch&auml;tzt ist Luik f&uuml;r seine geistreichen Interviews mit Prominenten aus Politik und Gesellschaft. Eine Sammlung der besten Gespr&auml;che mit dem Titel <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/als-die-mauer-fiel-war-ich-in-der-sauna\/\">&bdquo;Als die Mauer fiel, war ich in der Sauna.&ldquo;<\/a> war 2022 im Westend Verlag erschienen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit einem fast sechs Tage dauernden Arbeitskampf haben die Lokf&uuml;hrer den Zugverkehr in Deutschland weitestgehend lahmgelegt. Politik und Medien sehen in der Gewerkschaft GDL den Hauptschuldigen in der Auseinandersetzung, beklagen Ma&szlig;losigkeit und mangelnde R&uuml;cksichtnahme auf die Kunden. &bdquo;Vollstes Verst&auml;ndnis&ldquo; f&uuml;r die Streikenden hat dagegen <strong>Arno Luik<\/strong>. Im Interview mit den NachDenkDeiten l&auml;sst der Journalist und<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110219\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":55029,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,107,209,73],"tags":[1740,3434,268,1071,2719,228,2445,1176,324,2764],"class_list":["post-110219","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-audio-podcast","category-interviews","category-verkehrspolitik","tag-arbeitsbedingungen","tag-arbeitszeitverkuerzung","tag-deutsche-bahn","tag-gdl","tag-luik-arno","tag-manager-boni","tag-schienenverkehr","tag-streik","tag-tarifvertraege","tag-verkehrswende"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/190923_titel.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/110219","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=110219"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/110219\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":110270,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/110219\/revisions\/110270"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/55029"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=110219"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=110219"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=110219"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}