{"id":110278,"date":"2024-01-30T08:50:14","date_gmt":"2024-01-30T07:50:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110278"},"modified":"2024-01-30T10:06:28","modified_gmt":"2024-01-30T09:06:28","slug":"ramon-schack-im-gespraech-welche-werte-sind-es-denn-auf-denen-unsere-politik-angeblich-basiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110278","title":{"rendered":"Ramon Schack im Gespr\u00e4ch: \u201eWelche Werte sind es denn, auf denen unsere Politik angeblich basiert?\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Ein Interview mit <strong>Ramon Schack<\/strong>, freier Journalist, Beitr&auml;ge f&uuml;r die <em>Neue Z&uuml;rcher Zeitung<\/em>, die<em> S&uuml;ddeutsche<\/em>, die<em> Welt<\/em>, die <em>Berliner Zeitung<\/em>, ehemaliger Redakteur beim <em>Neuen Deutschland<\/em>, Moderator des Videopodcasts <em>Impulsiv TV<\/em>. In diesem Interview spricht er &uuml;ber die aktuelle Weltlage, Rechtspopulismus, Wokeness, die Ampel-Regierung und sein neues Buch <a href=\"https:\/\/www.eulenspiegel.com\/verlage\/edition-ost\/titel\/das-zeitalter-der-idiotie.html\">&bdquo;Das Zeitalter der Idiotie &ndash; Wie Europa seine Zukunft verspielt&ldquo;<\/a>, das fesselnde Reiseberichte aus allen Weltregionen enth&auml;lt. Schack zeichnet nuancenreiche Portraits von L&auml;ndern wie &Auml;thiopien, Irak, Kasachstan, Ecuador und Malaysia. Auch seine Reisen durch Deutschland zeigen sein feines Gesp&uuml;r f&uuml;r erhellende Details. Das Gespr&auml;ch f&uuml;hrte <strong>Michael Holmes<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/AMwRMTuS3u4\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p><strong>Michael Holmes: Ramon, Dein Buch hat mir Spa&szlig; gemacht. Es ist mit Leichtigkeit geschrieben. Du schreibst viel &uuml;ber den Alltag. Du sprichst sehr offen mit Menschen aus allen Schichten, den Armen, den Reichen, der Mittelklasse. Um Dir ein gutes Bild zu verschaffen, versuchst Du, die Kultur und wirtschaftliche Lage der Menschen zu erfassen und das dann mit der Politik im Land und der gr&ouml;&szlig;eren Geopolitik zu verbinden. Du hast starke Meinungen, h&auml;ltst Dich aber zur&uuml;ck, weil Du die Menschen selbst sprechen lassen willst. Es ist schwer, einen gemeinsamen Nenner in diesen Reiseberichten zu finden, weil Du Dich von gro&szlig;en Ideologien fernh&auml;ltst. Aber &uuml;berall, wo Du hingereist bist, hat sich der Westen in j&uuml;ngster Zeit und in der modernen Geschichte eingemischt &ndash; die USA oder Europa &ndash; und meist nicht zum Besten der Menschen. Du zeigst ein Land USA und ein Europa, deren Au&szlig;enpolitik gepr&auml;gt ist von Arroganz, Heuchelei ohne Grenzen und einer &ndash; trotz des ideologischen Eifers &ndash; gnadenlosen, brutalen, egoistischen Machtpolitik. Gaza hast Du zwar nicht bereist, aber ich halte die westliche Unterst&uuml;tzung f&uuml;r Israel f&uuml;r den Kulminationspunkt des Zeitalters der Ideologie. Du warst im Iran, Irak und in &Auml;gypten f&uuml;r Dein Buch. Bef&uuml;rchtest Du, dass sich dieser Krieg auf die Region ausbreitet, auf den Libanon, den Iran oder Syrien?<\/strong><\/p><p><strong>Ramon Schack:<\/strong> Michael, die Gefahr der Ausbreitung dieses Krieges besteht auf jeden Fall, das ist ja schon im Gange. Die Israelis bombardieren regelm&auml;&szlig;ig Syrien und Libanon, schon seit Jahren. Der Versuch, den iranischen Einfluss in diesen L&auml;ndern mit Luftschl&auml;gen zur&uuml;ckzudr&auml;ngen &ndash; wie es die Israelis erkl&auml;ren &ndash;, geht schon seit Jahren voran. Durch diesen schrecklichen Ausbruch des Krieges in Gaza, den wir seit dem 7. Oktober erleben &ndash; nach dem schrecklichen Anschlag &ndash; scheint sich die israelische Milit&auml;rstrategie auf einen Mehrfronten-Krieg einzurichten. Wenn man sich einmal kurz milit&auml;rstrategisch die Geografie in Erinnerung ruft: Israels Schw&auml;che ist die Knappheit des Raumes, gerade im Zeitalter der Raketenangriffe. Israel ist an seiner sogenannten Wespentaille nur etwa 25 Kilometer breit. Wir haben auch die Bedrohung durch Raketen aus dem Norden, vor allem aus dem Libanon durch die Hisbollah. <\/p><p>Die Hisbollah ist ein anderer Gegner als die Hamas, das hat sich schon im Krieg 2016 gezeigt. Das ist auch der israelischen Armeef&uuml;hrung bekannt. Deshalb scheint man auch zu z&ouml;gern. Netanjahu warnte schon 1999 in einer Rede vor der UN vor der atomaren Bewaffnung des Iran, es sei f&uuml;nf vor zw&ouml;lf. Seitdem wird dieses Schreckgespenst von Israel, den USA und Europa instrumentalisiert. Der Iran &ndash; so die Theorie &ndash; w&uuml;rde sofort einen nuklearen Angriff auf Israel starten. Bis heute hat diese atomare Bewaffnung nicht stattgefunden, wobei man es nicht ausschlie&szlig;en sollte: Allein als R&uuml;ckversicherung, um nicht angegriffen zu werden, k&ouml;nnte der Iran &ndash; wie auch Nordkorea &ndash; eine Bombe bauen. Israel und auch die Amerikaner haben sich ja in den letzten 20 Jahren nie gescheut, verfeindete Staaten anzugreifen. Beim Iran ist das aus guten Gr&uuml;nden bislang nicht passiert. Der Iran ist aufgrund seiner Geografie, seiner Sozialstruktur, seiner Geschichte und seiner milit&auml;rischen Kompetenz ein anderer Gegner als etwa der Irak oder Afghanistan &ndash; und selbst da hat das ja nicht geklappt, langfristige milit&auml;rische Erfolge zu erzielen. <\/p><p>George Bush fantasierte damals von den Leuchtt&uuml;rmen der Demokratie, die angeblich im Irak entstehen sollten. Der iranische Einfluss konnte sich ausbreiten, dadurch, dass die schlimmsten ideologischen Gegner des Irans, n&auml;mlich das national-arabische Baath-Regime von Saddam Hussein, gest&uuml;rzt wurden, sodass die schiitische Mehrheitsbev&ouml;lkerung politisch zum Durchbruch kam. Seitdem ist der Irak ein enger Verb&uuml;ndeter des Iran. So konnte der Iran seinen Einfluss erstmal richtig ausbreiten bis hin zum Libanon. Dadurch ist f&uuml;r Israel ein Alptraumszenario entstanden. Der Versuch, das Regime von Assad in Syrien zu beseitigen, ist ja kl&auml;glich gescheitert, endete in einem Blutbad. So ist der &bdquo;schiitische G&uuml;rtel&ldquo; intakt. Wobei Assad kein Schiit, sondern Alawit ist. Aber das Regime kooperiert mit den Schiiten, weil der gemeinsame Gegner der sunnitische Fundamentalismus wie der des IS ist. Der Iran als Epizentrum des politischen Shia-Islams hat etwa 90 Millionen Einwohner und ist der gr&ouml;&szlig;te Staat der Region. Den Iran zu erobern &ndash; wie man es mit dem Irak tun konnte &ndash;, ist aus geografischen, demografischen und milit&auml;rischen Gr&uuml;nden nicht so leicht m&ouml;glich.<\/p><p><strong>Du hast Russland und Kasachstan bereist. Was m&uuml;ssen die Menschen im Westen verstehen daran, wie Russland die Weltlage sieht, wie Russland die Ukraine sieht? Was verstehen wir nicht an Russland in Deinen Augen?<\/strong><\/p><p>Wir m&uuml;ssen darauf hinweisen, dass die Reisen nicht alle zur gleichen Zeit stattfanden, sodass das Buch nicht immer eine aktuelle geopolitische Reflexion bietet. Aber es geht dar&uuml;ber hinaus, in den Alltag und die Geschichte. Zu Russland: Als Annalena Baerbock noch letztes Jahr verk&uuml;ndete, die Sanktionen w&uuml;rden Russland ruinieren, hat sie anscheinend nur an den europ&auml;ischen Teil Russlands gedacht &ndash; ein Fehler, den auch Napoleon machte. Sie hat vergessen, dass Russland auch ein riesiges asiatisches Land mit ganz eigenen Wurzeln ist. Was im westlichen Denken nicht vorkommt, sind etwa die kulturellen und religi&ouml;sen Wurzeln in Russland und in der Ukraine. Unter Selenskyj versucht die Ukraine, sich von der russischen orthodoxen Kirche zu l&ouml;sen. Aber das zeigt ja, dass das eine gro&szlig;e Rolle spielt. <\/p><p>F&uuml;r Putin war seine Amtszeit wohl auch ein Transformationsprozess. Er war ja ein Kind der Sowjetunion. Aber in seiner Rede zum Einmarsch in die Ukraine hat er auch mit den Ikonen der Sowjetunion abgerechnet. Als ich 2014 Russland bereiste, fiel mir auf, wie der Wiederaufbau orthodoxer Kirchen mit einer Sowjet-Nostalgie einherging. Inzwischen scheint man etwas Neues entstehen zu lassen, aber mit slawischen Wurzeln. Putin gilt vielen orthodoxen Menschen als Schutzherr der Orthodoxie. Bei uns im Westen wird von feministischer oder einer werteorientierten Au&szlig;enpolitik schwadroniert. Das sind Worth&uuml;lsen, die nicht weiter definiert werden. Denn man k&ouml;nnte ja die Frage stellen: Welche Werte sind das denn, auf denen unsere Politik angeblich basiert? Das Problem der Ampel-Regierung war, dass sie keine eigenen geopolitischen Konzepte hatte, sondern willf&auml;hrig den Vorgaben Washingtons folgte. Die Gef&auml;hrdung Europas zieht sich wie ein roter Faden durch mein Buch. Ich versuche, von Asien, von Afrika, von Lateinamerika und Ozeanien aus meinen Blick auf Europa zu werfen und den Niedergang Europas in der weltweiten politischen Bedeutung zu reflektieren.<\/p><p><strong>Was Du jetzt gesagt hast, klingt fast so, als lie&szlig;en sich diese L&auml;nder nicht ver&auml;ndern, sie waren seit Jahrhunderten so. Das ist nicht Deine These. Ich verstehe Dich so, dass sich viele gro&szlig;e, alte Zivilisationen &ndash; wie auch der Iran und China &ndash; vom Westen respektlos and aggressiv behandelt f&uuml;hlen, gedem&uuml;tigt und beleidigt. Wir sind immer mehr in einer Weltlage, in der sie sich das nicht mehr gefallen lassen m&uuml;ssen. Jetzt stehen wir vor der Entscheidungsfrage: K&ouml;nnen wir uns arrangieren und Kompromisse machen? K&ouml;nnen wir zuh&ouml;ren oder nur Lektionen erteilen? Die Alternative ist Krieg, Wirtschaftssanktionen, mehr Krieg, mehr Sanktionen &ndash; im Nahen Osten, mit Russland, mit China. Am Ende k&ouml;nnten in verschiedenen Weltregionen Konflikte zu einem Weltkrieg eskalieren.<\/strong><\/p><p>In den fr&uuml;hen 1990er-Jahren fiel das Narrativ von Fukuyamas Buch vom Ende der Geschichte auf fruchtbaren Boden, also der Glaube, dass der Weg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion frei ist f&uuml;r eine Welt, die nur noch westlichen, meistens amerikanischen Demokratievorstellungen und vor allem wirtschaftlichen Vorstellungen entspricht, die fr&uuml;her oder sp&auml;ter autokratische Systeme wie Dominosteine kippen wird. Interessanterweise haben diese Theoretiker die Vision des Marxismus &uuml;bernommen, der ja auch glaubte, ans Ende der Geschichte zu gelangen und der ja gerade gescheitert war. Diese Erwartung des Westens wurde bitter entt&auml;uscht, da das Drehbuch nicht funktionierte. Nicht nur, dass diese Entwicklung zum Stillstand kam, sie entwickelte sich sogar zur&uuml;ck. <\/p><p>Der ph&auml;nomenale Aufstieg der Volksrepublik China von einem Land der Dritten Welt, das es noch in den ersten Jahren nach dem Tod von Mao war, legt unter Deng Xiaoping die sch&ouml;pferische und gesch&auml;ftst&uuml;chtige Ader der Chinesen explosionsartig frei &ndash; sukzessive, nicht in einer Schocktherapie. Lange dachte man im Westen: Na ja, die &ouml;ffnen sich ein bisschen, mal gucken. Die &sbquo;Amerikanisierung&lsquo; der Welt &ndash; wie die Globalisierung f&auml;lschlicherweise genannt wurde &ndash; f&uuml;hrte auch zur Sinisierung &ndash; zur &Uuml;bernahme von chinesischen Sitten und Begrifflichkeiten, nicht unbedingt im Westen, aber nat&uuml;rlich in vielen Teilen der Welt. <\/p><p>Von dieser Entwicklung wurde ich Zeuge. Auf meinen Reisen habe ich den Einfluss der Volksrepublik &uuml;berall vernommen. Dicht gefolgt von dem Prozess, der jetzt im Gange ist, der indische Aufstieg, der meiner Meinung nach noch einen stockenden Motor darstellt, aber auch langsam auf die Fahrbahn kommt. Indien hat ein paar strukturelle Probleme zu l&ouml;sen, von der Infrastruktur angefangen. Aber ich glaube, Indien ist dann auch ziemlich auf der &Uuml;berholspur. Ich habe im Hotel in Sri Lanka viele neureiche Inder getroffen.<\/p><p>Ich war doch sehr erstaunt, da das Indien, das ich aus den 90er-Jahren kannte, eine h&ouml;chstens sehr schmale Schicht von privilegierten Eliten hatte. Jetzt merkst Du schon, dass doch dieser Aufstieg von einigen Hundert Millionen Menschen aus der Armut in den Mittelstand von einigen Millionen Menschen im gr&ouml;&szlig;ten Land der Welt gewaltige Auswirkungen hat.<\/p><p>Wenn wir jetzt so stark die Ukraine unterst&uuml;tzen, muss man das auch zu Ende denken. Bis vor Kurzem war es die Forderung nach Leopard-Panzern. Das haute nicht hin. Ukrainische Soldaten verbrennen in Leopard-Panzern. Jetzt kommen die n&auml;chsten, immer st&auml;rkeren Waffen. Wenn jetzt immer mehr &Ouml;l ins Feuer gegossen wird, muss ja Russland irgendwann anders reagieren, als wir uns das vorstellen. Wenn jetzt Langstreckenwaffen gefordert werden, die bis weit ins russische Land schie&szlig;en. Was erwarten die Leute, wie Russland reagiert in diesem Wahn? <\/p><p>Was mich wirklich wundert, ist, dass der Wahlbetrug der Gr&uuml;nen &ndash; vom Wahlkampfslogan: &sbquo;Keine Waffen in Kriegsgebiete!&lsquo; zur gef&uuml;hlten Waffenlobby Nummer eins &ndash; so wenig Widerspruch an der Basis hervorruft, zumindest wird der nicht deutlich. Die Gr&uuml;nen waren mal bekannt f&uuml;r lebendige Debatten. Man muss doch die Frage stellen: Wie weit wollen wir gehen? Wenn die Ukraine Atomwaffen will, schicken wir dann Atomwaffen?<\/p><p><strong>Inzwischen hat sogar auch ein ukrainischer Verhandlungsf&uuml;hrer darauf hingewiesen, dass man sehr nah war an einem Friedensabkommen zu Beginn des Krieges. Alle Informationen, die wir haben, von allen Zeugen &ndash; und das sind viele, sehr ernst zu nehmende Zeugen &ndash;, deuten darauf hin, dass wir ein Friedensabkommen mit Russland h&auml;tten haben k&ouml;nnen, in dem die Ukraine neutral gewesen w&auml;re &ndash; wogegen nichts spricht, solange sich auch alle daran gehalten h&auml;tten. Man h&auml;tte das Minsk-Abkommen grob durchsetzen m&uuml;ssen &ndash; das hei&szlig;t: Die russischsprachigen Minderheiten, die sich unterdr&uuml;ckt f&uuml;hlen, h&auml;tten gleiche Rechte bekommen. Wie schlimm diese Unterdr&uuml;ckung ist, ist schwer einzusch&auml;tzen. Es wird ja auch wenig dar&uuml;ber berichtet. Aber was sollte dagegensprechen? Dann h&auml;tte Russland die territoriale Integrit&auml;t der Ukraine respektiert &ndash; mit einer sehr wichtigen Ausnahme: Die Krim w&auml;re bei Russland geblieben. Dar&uuml;ber kann man sich emp&ouml;ren! Aber wenn man das vergleicht mit dem, was wir heute haben, n&auml;mlich Zehntausende von toten Ukrainern, ein viel gr&ouml;&szlig;eres Staatsgebiet abgetreten, keine Neutralit&auml;t, keine Sicherheit, nichts. Wof&uuml;r das alles? Der Gro&szlig;teil der Friedensbewegung hat nie was anderes gesagt.<\/strong><\/p><p>Die Strategie von Baerbock geht ja auf Kosten der Ukraine. Die Ukraine wird den Krieg nicht gewinnen &ndash; was immer man sich unter Gewinnen vorstellt &ndash;, sondern im besten Fall konsolidieren, was sie noch hat. Eigentlich m&uuml;sste man jeden Tag versuchen, das zu beenden. Das wird vielleicht auch in der Ukraine teilweise anders gesehen. Man bekommt ja wenig mit &uuml;ber die Stimmung in der Ukraine. Ganz so einhellig wie das Bild im Westen: &sbquo;Das ukrainische Volk wehrt sich gegen die Tyrannen!&lsquo; &ndash; in unserem Auftrag &ndash;, ganz so einfach scheint es nicht zu sein, wenn man merkt, wie schwer es doch ist, Soldaten zu bekommen. Es befinden sich doch sehr viele M&auml;nner im wehrf&auml;higen Alter im westlichen Ausland.<\/p><p><strong>Du hast Deutschland bereist &ndash; besonders Ostdeutschland, aufs Land, in kleine D&ouml;rfer. Du hast Menschen zugeh&ouml;rt. Unsere Eliten sagen immer, dass sie das mehr tun m&uuml;ssen, aber sie tun es viel zu selten. Du warst auch in Trumpland in den USA und hast Trump-Supportern zugeh&ouml;rt. Was sind Deiner Einsch&auml;tzung nach die wichtigsten Gr&uuml;nde f&uuml;r die Erfolge der AfD in Deutschland und von Trump in den USA?<\/strong><\/p><p>Man muss aufpassen, dass man nicht alles in einen Topf schmei&szlig;t. Die Wahl von Donald Trump zum US-Pr&auml;sidenten, die damals in Diskussionen und &ouml;ffentlichen Foren f&uuml;r einige Monate f&uuml;r v&ouml;llig undenkbar gehalten wurde, zeigte nat&uuml;rlich, dass es im Westen Gesellschaften gibt, die man gar nicht kennt. Die politischen Eliten, die medialen Eliten, akademische Zirkel, Menschen, die in Lebensstilenklaven leben, die lange den Takt vorgegeben haben in TV-Shows und so weiter, deren kulturelle Hegemonie wurde von der modernen technologischen Entwicklung zunehmend hinterfragt &ndash; durch Informationen, die sich via Smartphones blitzschnell verbreiten. Wer konnte schon vor 25 Jahren eigene Podcasts machen? So verlieren die Leitmedien an Einfluss, und sie reagieren so, dass sie sich der politischen Klasse n&auml;hern, was ja urspr&uuml;nglich nicht ihre Aufgabe war, sondern diese kritisch zu hinterfragen. <\/p><p>Bei der Pressekonferenz zur neuen Partei von Sahra Wagenknecht sah man, wie die Journalisten versuchten, das irgendwie einzuordnen. Aber man merkte schon, dass sie das eigentlich kritisch fanden, dass jemand kommt und das alte Parteienkartell neu herausfordert. Das ist das alte Missverst&auml;ndnis, Demokratie bestehe aus den Parteien, die es schon gibt, plus der Medien, und das ist jetzt der Raum, in dem man sich bewegen darf. Aber dadurch werden die Begriffe entwertet. Wenn alles rechts ist &ndash; vom Bauernprotest, Israel-Kritik bis zur Kritik an Scholz oder Baerbock &ndash;, dann sagen die Leute irgendwann: Dann ist das halt rechts. <\/p><p>Die etablierten Parteien &uuml;berlegen sich aber nur Strategien, wie sie trotzdem an der Macht bleiben k&ouml;nnen und den Aufstieg von anderen Parteien verhindern &ndash; durch eine Brandmauer und gro&szlig;e Koalitionen von CDU bis Gr&uuml;n. Aber das wird so nicht funktionieren. Der sogenannte Rechtspopulismus setzt sich aus vielen Faktoren zusammen. Zum einen aus der gro&szlig;en Wut, die auch in den USA viele Menschen erfasst hat, auch da au&szlig;erhalb der Regionen, die viele Amerikaner kennen, n&auml;mlich die Ost- und Westk&uuml;sten. Die Massen im sogenannten &bdquo;Rust Belt&ldquo; &ndash; Rostg&uuml;rtel &ndash;, der in den &bdquo;Bible Belt&ldquo; &ndash; den Bibelg&uuml;rtel &ndash; &uuml;bergeht, sind auch vielen Amerikanern nicht bekannt. Man merkt das Unverst&auml;ndnis heraus, auch teilweise soziale Diskriminierung. So spricht man vom &bdquo;White Trash&ldquo; &ndash; wei&szlig;en Abfall. Ich habe deshalb die Staaten Iowa und Michigan besucht, wo noch in den 50ern das Herz der Weltwirtschaft schlug, der Autoindustrie, wo die gro&szlig;en Industrieanlagen einfach aufgegeben wurden und verfallen, die demografisch geschrumpft sind, wo man aber auch eine gro&szlig;e Trauer und einen Niedergang in den Menschen sieht. Ich hatte dort bei der Begegnung mit den Menschen aus allen sozialen Schichten doch den Eindruck, dass die Gef&uuml;hlslage zwischen Nostalgie und Wut schwankte.<\/p><p>Auch bei uns im Osten erlebt man oft eine Grundverletzung. Ich h&auml;tte nicht erwartet, dass das Thema Ost-West auch im Jahr 2024 immer noch so eine Rolle spielt. Ich denke, die Erfolge der AfD im Osten sind sowas wie ein Stachel im politischen System wie die Erfolge der PDS in den 90ern. Die PDS ist eine hippe gesamtdeutsche Partei geworden.<\/p><p>Wenn die AfD eine Landesregierung bilden sollte, wird sie viele Ideologien &uuml;ber Bord werfen m&uuml;ssen. Bis jetzt hat die AfD noch keine Verantwortung &uuml;bernehmen m&uuml;ssen. Aber nat&uuml;rlich verschiebt sie den Diskurs nach rechts.<\/p><p><strong>Ich bin ein Wessi aus Heidelberg. Ich bin auch US-Amerikaner. Ich wohne jetzt hier in Potsdam, also im Osten. Wenn ich mit meinen Nachbarn spreche und mit Kollegen, sage ich auch ganz offen, ich komme aus dem Westen, und meine Erfahrung ist: Wenn ich zuh&ouml;re, wird mir auch zugeh&ouml;rt. Ich bin ein Linker und mag die AfD &uuml;berhaupt nicht &ndash; und ich sage das auch ganz offen so &ndash; und ich habe schon oft erlebt, dass Menschen im Osten ganz interessiert zuh&ouml;ren, offenherzig und tolerant sind. Es geht um wechselseitigen Respekt und ein gewisses Verst&auml;ndnis. Ich versuche immer zu verstehen, warum Menschen bestimmte Meinungen haben, darunter auch solche, die mir gar nicht gefallen und die ich manchmal sogar f&uuml;r rassistisch halte.<\/strong><\/p><p>Du hast v&ouml;llig recht. Ich habe auch Sachen geh&ouml;rt, da kriegst du &lsquo;ne G&auml;nsehaut. Ich frage dann nochmal nach: Wie meinst du das jetzt? Zum Thema Zuwanderung oder zum Thema soziale Sicherheit haben ja Menschen &Auml;ngste, und wenn man &Auml;ngste nicht artikulieren darf, wachsen sie sich ja auch in Aggressionen aus. Nicht jeder Mensch ist ein Wortakrobat, der Sozialwissenschaften studiert hat. Diese Entwicklung, das jetzt st&auml;ndig neue Begrifflichkeiten erfunden werden, meist in akademischen Milieus, die weder Migrationshintergrund noch abweichendes Sexualverhalten haben, die dauernd Begrifflichkeiten kleben, wer zu welcher Gruppe geh&ouml;rt, was ja eigentlich im Gegensatz zur Individualisierung steht. So ist auch das Fremdeln breiter Bev&ouml;lkerungsschichten zu verstehen, die nicht studiert haben und die im Alltag ihre Familien durchbringen m&uuml;ssen als LKW-Fahrer oder Kassiererin und die nicht dar&uuml;ber nachdenken, ob sie jetzt Gender-Sternchen benutzen. Man versucht, die immer diverser werdende Gesellschaft mit Oberbegriffen zu erfassen. Ich merke, dass diese Kluft immer gr&ouml;&szlig;er wird. Wir entwickeln uns hin zu einem autorit&auml;ren Liberalismus. Es ist f&uuml;r die herrschenden Kreise bequem, dass jeder einer anderen Gruppe angeh&ouml;rt &ndash; LGBT hier, Migranten da &ndash;, dass es keine gemeinsamen Interessen, sondern nur noch Partikularinteressen gibt, dass die soziale Absicherung auseinanderf&auml;llt, dass sich jeder um die eigene Achse dreht.<\/p><p><strong>Du sprichst vom autorit&auml;ren Liberalismus. Wir haben auch einen Extremismus der Mitte. Unsere Eliten bauen st&auml;ndig ein manich&auml;isches Weltbild nach dem anderen auf. Manich&auml;ismus &ndash; das absolut Gute gegen das absolut B&ouml;se &ndash;, das machen wir in der Au&szlig;enpolitik so. Russland und China sind absolut b&ouml;se. Es gibt keine Nuancen. Wir m&uuml;ssen nicht verstehen, was sie sagen, wie sie die Welt sehen. Wir k&ouml;nnen nichts von anderen lernen. Wir k&ouml;nnen keine Kompromisse schlie&szlig;en. Putin ist Hitler. Dabei haben Experten mit Zahlen darauf hingewiesen, dass der Krieg in Gaza deutlich brutaler ist als der Krieg gegen die Ukraine.<\/strong><\/p><p>Die Tragik ist, dass das Blutvergie&szlig;en in Gaza auch ein Ausdruck der Verzweiflung ist. Man hat keine milit&auml;rische Strategie. Dieses Vorgehen ist auch sehr gef&auml;hrlich f&uuml;r Israel. Man versucht jetzt mit einem Auge um Auge, Zahn um Zahn &ndash; plus zehn! &ndash;, den Blutrausch der Hamas in Gaza genauso zu machen. Dadurch s&auml;t man nat&uuml;rlich neuen Hass.<\/p><p><strong>Ich habe das Gef&uuml;hl, dass Deutschland ein sehr gutes Beispiel ist &ndash; vor allem die gr&uuml;ne Partei &ndash; f&uuml;r alles, was falsch ist mit einer Linken weltweit, die keine Linke mehr ist. Ich bin in einer linken Aktivisten-Familie aufgewachsen, wo man Nicaragua unterst&uuml;tzte, die Sandinista und den Anti-Apartheid-Kampf und so weiter. F&uuml;r uns war links in erster Linie, f&uuml;r schwache Nationen gegen Imperialismus einzutreten, und nat&uuml;rlich gegen Ungleichheit, f&uuml;r eine gerechte Wirtschaftsordnung, weltweit und zu Hause, f&uuml;r die Arbeiterklasse und f&uuml;r die Armen der Welt. Wir haben oft den Fehler gemacht, dass wir die Demokratie und Meinungsfreiheit nicht ernst genug genommen haben, und auch LGBT-Rechte waren f&uuml;r uns ein Nebenthema &ndash; wir waren f&uuml;r Schwulenrechte und den Feminismus, aber haben das etwas abgetan. <\/strong><\/p><p>Die neue Linke macht fast den gegenteiligen Fehler. Sie sagt immer, dass sie f&uuml;r Demokratie und Meinungsfreiheit eintritt, tut es aber immer weniger, verstrickt sich also in Widerspr&uuml;che. Sie ist sehr f&uuml;r LGBT-Rechte und den Feminismus, aber oft auf eine seltsame, fanatische Art und Weise, die viele Menschen abst&ouml;&szlig;t und mehr Gegner schafft, gerade auch f&uuml;r diese Bewegungen. Was wir mehr br&auml;uchten, w&auml;re eine gesunde Synthese aus beiden Linken. Ich bin zutiefst &uuml;berzeugt, in vielen L&auml;ndern w&auml;re das ein totaler Winner &ndash; Parteien, die vor allem die Grunds&auml;tze der alten Linken zur&uuml;ckholen &ndash; nicht die Sowjetunion, aber den Anti-Imperialismus &ndash; und das sollte kein Schimpfwort sein, denn es geht um die Souver&auml;nit&auml;t von L&auml;ndern, es geht darum, schwache L&auml;nder gegen eine zynische, brutale Gro&szlig;machtpolitik zu verteidigen. Es geht darum, Menschen in aller Welt, die als Menschen zweiter Klasse behandelt werden &ndash; zum Beispiel die Pal&auml;stinenser &ndash;, zu verteidigen und im eigenen Land die Arbeiterklasse und ganz normale Menschen. LGBT-Rechte und der Feminismus sollten wichtig bleiben, Demokratie und Meinungsfreiheit sowieso. Aber mit so einer Verbindung k&ouml;nnte man meiner Ansicht nach in den USA Erfolge erzielen, in Deutschland und auch in &auml;rmeren L&auml;ndern wie Mexiko oder Indien. <\/p><p>Es gibt eine Sehnsucht nach einer Politik, die gegen Ungleichheit und Imperialismus ernst macht und f&uuml;r Frieden einsteht. Stattdessen sto&szlig;en die Linken Menschen ab mit bescheuerten Diskussionen darum, ob es Unterschiede zwischen M&auml;nnern und Frauen gibt. Und wer irgendwie anderer Meinung ist, der ist ein schlechter Mensch, mit dem kann man nicht mehr sprechen, da muss man Freundschaften aufk&uuml;ndigen. Es ist eine Trag&ouml;die!<\/p><p>Es ist quasi religi&ouml;s geworden &ndash; ein bisschen wie im Mittelalter &ndash;, die theologischen Debatten: Wer ist ein Ketzer? Der hat die Texte falsch interpretiert. Was heute als links gilt! Man ist ein Abweichler, ein Ketzer. Die Linke im Westen ist nat&uuml;rlich auch vom Zeitgeist gekapert worden. Wichtig war auch der Reimport der Frankfurter Schule von den USA in die westlichen H&ouml;rs&auml;le. Die Identity-Politics und so weiter, kommt ja von dort und ist eine Metamorphose der Frankfurter Schule, obwohl Adorno und Co. das sicher so nicht meinten. Es ist auch so eine Gesellschaft des Skandals, des Spektakels, mit gro&szlig;er Emp&ouml;rung, der hat nicht gegendert oder so. Das erinnert an moralisierende Spie&szlig;ertanten: &bdquo;Oh! Das ziemt sich aber nicht!&ldquo; Fr&uuml;her war die Linke f&uuml;r Fortschritt. Sie war frech. Heute leidet sie unter einer Art Alte-Tanten-Syndrom. Das f&uuml;hrt zu einer extremen Lustfeindlichkeit und Sterilit&auml;t.<\/p><p><strong>Und Humorfeindlichkeit. Comedy lebt davon, dass man jede Ideologie in den Schlamm zieht und dar&uuml;ber lacht. Woke Ideen eignen sich sehr gut daf&uuml;r, weil sie eben oft so hochideologisch sind.<\/strong><\/p><p>Wenn man diese Identit&auml;tspolitik von links mit kultureller Aneignung und so weiter zu Ende denkt, dann sind wir am Ende alle in Gruppen getrennt &ndash; wie das auch rechte Identit&auml;re wollen. Ich gehe davon aus, dass der gesunde Menschenverstand irgendwann doch wieder siegen wird oder zumindest eine Balance herstellen wird. Die jetzige extreme Reaktion auf das alles ist nat&uuml;rlich auch ein &Uuml;berdruss, also dass die AfD jetzt so stark wird, dass die jetzt das Gef&uuml;hl geben: &sbquo;Kann ich noch lachen? Kann ich noch was sagen?&lsquo; Wir m&uuml;ssen diesen Impuls verstehen. Es ist ja nicht pl&ouml;tzlich jeder Dritte ein Nazi. Aber Leute werden einfach bewusst vergrault und in eine Ecke gedr&auml;ngt, dass sie da im Endeffekt nur noch am Wahltag ihr Kreuz setzen k&ouml;nnen. Wenn man sich als Linker immer weiter humorbefreit und lustfeindlich in sektiererischen Theorien verlieren m&ouml;chte, wird das auf Dauer nicht funktionieren.<\/p><p><strong>Es ist ganz h&auml;ufig nichts weiter als eine Verteidigung von Normalit&auml;t. Gerade hier im Osten sagen Menschen oft: &sbquo;Ich m&ouml;chte doch einfach nur ein normales Leben haben und meine Wohnung bezahlen k&ouml;nnen. Ich habe ja gar nichts gegen Schwule oder irgendwen. Aber wenn ich irgendwie irgendwas Falsches sage, bin ich &sbquo;b&ouml;se&lsquo;. Lasst doch einfach die Menschen Menschen sein. Wenn man mit Respekt und Sympathie miteinander redet, kann man vielleicht erkl&auml;ren, warum man etwas f&uuml;r homophob h&auml;lt.<\/strong><\/p><p>Irgendwie wurde es &uuml;berdehnt. Der &Uuml;berdruss vieler Menschen wird flankiert von den handfesten &ouml;konomischen Problemen und dem Gef&uuml;hl der Unsicherheit auf weltpolitischer B&uuml;hne, dass da neue Brandherde entfacht werden mit unsicherem Ausgang. Auch die Schm&auml;hung der Friedensbewegung finde ich ganz &uuml;bel. Das jetzige gesellschaftliche Klima hat es geschafft, viele Menschen zu verprellen.<\/p><p><strong>Versuchen wir doch mal, was zu Konflikten zu sagen, die viel zu wenig vorkommen. Was ist denn in Nagorno-Karabakh passiert? Warum sollte uns das interessieren?<\/strong><\/p><p>Das war eine ethnische Flurbereinigung, eine Vertreibung. Sie stellt das Versagen unserer hohen Moral dar. Olaf Scholz fragte rhetorisch: &bdquo;Wo k&auml;men wir da hin, wenn in Europa Grenzen verschoben werden?&ldquo; Nat&uuml;rlich meinte er Putin und die Ukraine. Nat&uuml;rlich h&auml;tte man da fragen k&ouml;nnen: Was ist denn mit dem S&uuml;dkaukasus, mit Aserbaidschan, ein Land, das von Scholz und von der Leyen als stabiler Energielieferant gelobhudelt wird, obwohl es von einer sehr reaktion&auml;ren und korrupten Machtelite regiert wird und in keinster Weise westlichen Werten entspricht? In Aserbaidschan habe ich wirklich Angst gesp&uuml;rt. Ich habe das ehemalige armenische Viertel in Baku besucht. Die Armenier sind vertrieben worden. Und Aserbaidschaner sind umgekehrt aus Armenien vertrieben worden. Wenn ich Fragen zur Regierung stellte, kam sofort die Geste, dass ich den Mund halten m&uuml;sse.<\/p><p>Ich muss dazu ehrlicherweise sagen, dass man inzwischen leider auch in den westlichen Gesellschaften mit Sanktionen rechnen muss, wenn man sehr kritisch ist. Ich m&ouml;chte jetzt keine unzul&auml;ssigen Vergleiche anstellen. Ich muss nicht damit rechnen, dass auf dem Weg zum Supermarkt ein Auto anh&auml;lt und mich verschleppt.<\/p><p><strong>Ja, aber um das mal klar zu sagen: Journalisten wie Du und ich werden marginalisiert, h&auml;ufig, nicht immer. Zu bestimmten Themen l&auml;sst man uns nicht schreiben, oder nicht viel. Wir m&uuml;ssen damit rechnen, schlecht gemacht zu werden oder falsch dargestellt zu werden, und dann haben wir wenig M&ouml;glichkeiten, unsere Ansichten korrekt darzustellen.<\/strong><\/p><p>Jetzt sollen arabische Migranten unser Verh&auml;ltnis zu Israel &uuml;bernehmen. Wir vergessen, dass die europ&auml;ische Geschichte nicht das Ma&szlig; aller Dinge ist. Ich wei&szlig;, dass Chinesen immer noch von der Hunnenrede von Kaiser Wilhelm sprechen, also &bdquo;dass es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen&ldquo;. Wir m&uuml;ssen begreifen, dass Geschichtsbilder auf der Welt unterschiedlich sind. Unser Geschichtsbild l&auml;sst ja auch gerne viele Sachen weg, wie die Ausrottung ganzer Volksschaften im 19. Jahrhundert, vom Kongo &ndash; zehn Millionen Tote &ndash; &uuml;ber die v&ouml;llige Ausrottung der Tasmanier. Da haben wir auch noch viele wei&szlig;e Flecken auf unserem historischen Bewusstsein. Ich h&ouml;re immer wieder von Leuten: Wieso? Der Kolonialismus? Die haben doch Stra&szlig;en gebaut. Die wissen gar nichts dar&uuml;ber. Der Westen versucht immer, mit schneewei&szlig;er Weste dazustehen, und er schafft es mit Waschmitteln, die Weste wei&szlig; zu waschen und die Weste so zu drehen, dass man die Blutflecken nicht sieht. Auf meiner Reise nach El Salvador habe ich das erste Mal von La Matanza geh&ouml;rt, also dem Aufstand 1933, der kommunistisch inspiriert war und so niedergeschlagen wurde, dass man bis heute kaum indigene Gesichter in El Salvador sieht und von einem V&ouml;lkermord spricht. Die USA schickten Kanonenboote an die K&uuml;sten und &uuml;berwachten die H&auml;fen. Diese Politik setzte sich dann in Guatemala unter der United Fruit Company fort.<\/p><p><strong>Die Aufst&auml;ndischen in El Salvador waren Sklaven unter der Oligarchie. In Guatemala wurden 200.000 Menschen get&ouml;tet &ndash; mit voller Unterst&uuml;tzung der USA &ndash;, auch ein V&ouml;lkermord.<\/strong><\/p><p>Ich denke auch an die Philippinen &ndash; Mindanao &ndash; um 1900, als &ndash; glaube ich &ndash; auch etwa ein Drittel der Bev&ouml;lkerung ausgel&ouml;scht wurde durch die amerikanischen Truppen. Die Welt hat noch ein anderes Bewusstsein als das, was uns st&auml;ndig vorgegeben wird. Als die Niederl&auml;nder 1945 vom Nazijoch befreit wurden, versuchten sich auch die Indonesier zu befreien, wurden aber brutal von den gleichen Niederl&auml;ndern niedergeschlagen. Indonesien wird in seiner Bedeutung v&ouml;llig untersch&auml;tzt. Es ist das bev&ouml;lkerungsreichste muslimische Land der Welt mit weit &uuml;ber 200 Millionen Menschen. Dort fand 1965 ein milit&auml;rischer Umsturz statt, wo der Staatschef Sukarno, der gro&szlig;e Gr&uuml;nder der indonesischen Unabh&auml;ngigkeit, gegen Suharto ausgetauscht wurde, ein dem Westen gef&uuml;giger, korrupter Machthaber. Durch diesen Putsch gab es antikommunistische S&auml;uberungen, und Suharto sagte stolz, Indonesien sei das einzige Land der Welt, wo sich niemand traut, Kommunist zu sein. Es wurden Millionen Menschen abgeschlachtet, darunter die chinesische Minderheit, auch mit Hilfe radikalislamischer Kr&auml;fte. Der CIA war ganz aktiv. Schreckliche Massaker, teilweise unterst&uuml;tzt von der Armee. Das hatte eine gewisse &Auml;hnlichkeit mit dem, was wir sp&auml;ter in Afghanistan erlebten, mit den Mudschahedin gegen die gottlosen Kommunisten und mit der jahrzehntelangen, engen Kooperation zwischen dem Westen und Saudi-Arabien.<\/p><p><strong>Saudi-Arabien ist mit Abstand der gr&ouml;&szlig;te Sponsor radikaler islamistischer Gruppen wie Al-Kaida &ndash; in der gesamten islamischen Welt. Es ist Sponsor Nummer eins, die Vereinigten Arabischen Emirate sind ein anderer. Beide geh&ouml;ren zu den wichtigsten B&uuml;ndnispartnern des Westens seit vielen Jahrzehnten, ja seit der Staatsgr&uuml;ndung.<\/strong><\/p><p>Wir sollten uns zuk&uuml;nftig nicht nur eurozentrisch oder west-zentriert informieren, sondern auch mal &uuml;ber den Tellerrand gucken. Das ist ganz wichtig, weil die nicht-westliche Welt &ndash; ob es einem nun gef&auml;llt oder nicht &ndash; immer mehr an Bedeutung gewinnen wird. Die Tatsache, dass Israel durch S&uuml;dafrika zum internationalen Strafgerichtshof geladen wurde, w&auml;re vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen &ndash; auch, dass sich viele Staaten vom Dollar weg entwickeln, dass sich neue Machtzentren wie BRICS entwickeln. Ich sage nicht, dass die jetzt alle toll sind, aber es sind einfach historische Entwicklungen. Wenn man immer ein Bild der Welt malt, wie sie nicht mehr ist, ist es ein Zerrbild.<\/p><p><strong>Ramon, danke f&uuml;r das sch&ouml;ne Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><p>Ich danke auch.<\/p><p><em>Zum Interviewer: Michael Holmes ist freiberuflicher Journalist, Gr&uuml;nder von Global Apartheid, einem Projekt, das die gr&ouml;&szlig;ten Massenmorde der modernen Geschichte dokumentiert. <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=9p7yBFbYQe8&amp;t=34s\">Dieses YouTube-Einf&uuml;hrungsvideo<\/a> zu zentralen Ergebnissen des Projektes nutzt Infografiken f&uuml;r eine Zeitreise, welche die westliche Sicht der modernen Geschichte auf den Kopf stellt.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Screenshot Videogespr&auml;ch<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=109563\">Florian Warweg im Gespr&auml;ch mit Gabriele Gysi: &bdquo;Die Macht muss hinterfragt werden&ldquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108660\">&bdquo;Ich habe der israelischen Armee stolz und loyal gedient. Heute ist sie eine brutale Kolonialmacht&ldquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106879\">Interview mit Rashid Khalidi: &bdquo;Alles menschliche Leben ist wertvoll. Das humanit&auml;re Recht gilt f&uuml;r alle.&rdquo;<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/0220f5c193764e2b9e4aa94a2089b04f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Interview mit <strong>Ramon Schack<\/strong>, freier Journalist, Beitr&auml;ge f&uuml;r die <em>Neue Z&uuml;rcher Zeitung<\/em>, die<em> S&uuml;ddeutsche<\/em>, die<em> Welt<\/em>, die <em>Berliner Zeitung<\/em>, ehemaliger Redakteur beim <em>Neuen Deutschland<\/em>, Moderator des Videopodcasts <em>Impulsiv TV<\/em>. In diesem Interview spricht er &uuml;ber die aktuelle Weltlage, Rechtspopulismus, Wokeness, die Ampel-Regierung und sein neues Buch <a href=\"https:\/\/www.eulenspiegel.com\/verlage\/edition-ost\/titel\/das-zeitalter-der-idiotie.html\">&bdquo;Das Zeitalter der Idiotie &ndash; Wie Europa<\/a><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110278\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":110279,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,37,209,161],"tags":[379,2961,2102,822,2829,2686,2008,1620,951,1557,3276,259,260,1556,291,2377],"class_list":["post-110278","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-globalisierung","category-interviews","category-wertedebatte","tag-china","tag-extreme-mitte","tag-geostrategie","tag-hamas","tag-hisbollah","tag-identitaetspolitik","tag-indien","tag-indonesien","tag-iran","tag-israel","tag-multipolare-welt","tag-russland","tag-ukraine","tag-usa","tag-verteilungsgerechtigkeit","tag-waffenlieferungen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/240122-Interview-Ramon-Schack-Titelbild.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/110278","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=110278"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/110278\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":110298,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/110278\/revisions\/110298"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/110279"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=110278"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=110278"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=110278"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}