{"id":11028,"date":"2011-10-19T08:59:15","date_gmt":"2011-10-19T06:59:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11028"},"modified":"2014-11-27T17:22:11","modified_gmt":"2014-11-27T16:22:11","slug":"die-occupy-bewegung-und-die-scheuklappenmentalitat-der-leitartikler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11028","title":{"rendered":"Die Occupy-Bewegung und die Scheuklappenmentalit\u00e4t der Leitartikler"},"content":{"rendered":"<p>Die Zeiten, in denen die klassischen Medien noch &bdquo;Leitmedien&ldquo; waren und  gesellschaftliche Prozesse angesto&szlig;en haben, sind offenbar vorbei. Egal ob es sich um die Proteste gegen Stuttgart 21 oder die der Occupy-Bewegung handelt &ndash; die Berichterstattung der klassischen Medien war und ist lediglich eine Reaktion auf die ehrliche Frustration der B&uuml;rger. Anstatt gesellschaftliche Entwicklung progressiv zu gestalten oder gar auszul&ouml;sen, hinken die Medien der Entwicklung auf verlorenem Posten hinterher und beschr&auml;nken meist sich entweder auf die blo&szlig;e neutrale Berichterstattung oder verlieren sich in verbalen R&uuml;ckzugsgefechten der Leitartikler. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><br>\nUm in die Gedankenwelt einiger Leitartikler einzutauchen, lohnt sich ein Blick auf drei Meinungsartikel, die in den letzten Tagen von drei einflussreichen Bl&auml;ttern publiziert wurden:<\/p><ul>\n<li>Dirk Benninghoff (Stern) &ndash; <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/wirtschaft\/news\/ackermann-und-banken-am-pranger-alle-auf-den-falschen-1739584.html\">Alle auf den Falschen<\/a><\/li>\n<li>Marc Beise (S&uuml;ddeutsche Zeitung) &ndash; <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/geld\/politiker-zeigen-verstaendnis-fuer-occupy-bewegung-billig-angriff-auf-die-banker-1.1166788\">Billig-Angriff auf die Banker<\/a><\/li>\n<li>Miriam Schr&ouml;der (Tagesspiegel) &ndash; <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/wirtschaft\/regierungen-und-banken-sind-komplizen\/5148864.html\">Regierungen und Banken sind Komplizen<\/a><\/li>\n<\/ul><p>W&auml;hrend nicht nur in Deutschland zehntausende Menschen auf die Stra&szlig;en gehen, um gegen die Macht des Finanzsystems und die daraus resultierende Ohnmacht der Politik ein Zeichen zu setzten, haben die genannten Leitartikler nichts besseres zu tun, als die Demonstrationen als &bdquo;jugendlich-naives-Banken-B&ouml;rsen-Bashing&ldquo; (Benninghoff) und &bdquo;Billig-Angriff&ldquo; (Beise) abzukanzeln. Obgleich keiner der Autoren es wagt, die Finanzbranche kollektiv von jeglicher Mitschuld an der Misere freizusprechen, relativieren sie die Verantwortung der Branche als Aussetzer einiger &bdquo;schwarzer Schafe&ldquo; (Beise). Dirk Benninghoff sieht die Banken sogar als &bdquo;Leidtragende der Krise&ldquo; und nicht als &bdquo;deren Ausl&ouml;ser&ldquo;. <\/p><p><strong>Der Staat als Schuldiger<\/strong><\/p><p>Urs&auml;chliche Schuld an der Krise &ndash; darin sind sich Beise und Schr&ouml;der einig &ndash; sei vielmehr der Wunsch der amerikanischen Regierung, ihren B&uuml;rgern den Erwerb von Wohneigentum zu erm&ouml;glichen. Selbstverst&auml;ndlich verlieren Beise und Schr&ouml;der kein Wort dar&uuml;ber, dass es die Banken waren, die durch die Kreation komplett intransparent geb&uuml;ndelter, forderungsbesicherter Papiere (ABS) die Subprime-Krise erst erm&ouml;glicht haben. Kein Wort auch dar&uuml;ber, dass es die Rating-Agenturen waren, die diese Papieren mit einem AAA-Rating von jedem Ausfallrisiko freisprachen, und dass es Banken und Fonds waren, die diese Papiere in betr&uuml;gerischer Absicht so strukturierten, dass sie ausfallen mussten, w&auml;hrend man selbst bereits auf eben diesen Ausfall gewettet hat.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/111019_occnds_01.jpg\" alt=\"NDS - Occupy\"><br>\n&copy; Claus H&uuml;bner<\/p><p>F&uuml;r alle drei Autoren sind nicht die Banken, sondern der Staat der Hauptverantwortliche f&uuml;r die heutige Krise. Dies nicht etwa wegen der mangelhaften Regulierung des Finanzsystems, was durchaus diskussionsw&uuml;rdig w&auml;re, sondern &ndash; man ahnt es &ndash; weil sich der Staat bei den Banken verschuldet hat und nun pl&ouml;tzlich als unsolider Schuldner gelten soll. Selbstverst&auml;ndlich kommt keiner der Autoren auch nur auf die Idee, dass der steile Anstieg der weltweiten Staatsschulden etwas mit den Exzessen an den Finanzm&auml;rkten zu tun haben k&ouml;nnte und dass es die billionenschweren Rettungspakete waren, die urs&auml;chlich f&uuml;r die Steigerung der Staatsverschuldung verantwortlich waren. Anstatt &uuml;ber die Fehler des Finanzsystems zu reflektieren und die Emp&ouml;rung der Menschen ernst zu nehmen, plappern die drei genannten Leitartikler lieber die Argumentationsbausteine der Bankenlobby nach. Dies ist nicht weniger als ein Offenbarungseid f&uuml;r den kritischen Journalismus.<\/p><p><strong>Viel Spreu, sehr wenig Weizen<\/strong><\/p><p>Es sind jedoch keinesfalls nur die drei genannten Autoren, die sich nicht eben mit Ruhm bekleckern. Die Liste der belanglosen bis d&uuml;mmlichen Kommentare ist zu lang, um sie hier einzeln abzuarbeiten. Da gibt es einen Henyrk M. Broder, der die Occupy-Demonstranten in grotesker Weise in die N&auml;he von Nationalsozialisten und Antisemiten <a href=\"http:\/\/www.achgut.com\/dadgdx\/index.php\/dadgd\/article\/was_sie_ueber_kapitalismus_kritiker_schon_immer_wissen_wollten\/\">r&uuml;ckt<\/a>, einen J&uuml;rgen Falter, der die Demokratie durch die Demonstrationen gef&auml;hrdet <a href=\"http:\/\/www.focus.de\/politik\/deutschland\/occupy-bewegung-gegen-banken-warnung-vor-den-rattenfaengern_aid_675453.html\">sieht<\/a> und einen Frank Schmiechen, der den Demonstranten allen Ernstes empfiehlt, anstatt Wut und Emp&ouml;rung doch lieber Demut <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/debatte\/kommentare\/article13662501\/Wie-waers-mit-etwas-Demut-statt-Wut-und-Empoerung.html\">zu zeigen<\/a> &ndash; diese Chuzpe muss man erst einmal haben. <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/111019_occnds_02.jpg\" alt=\"NDS - Occupy 02\"><br>\n&copy; Guido Skipka<\/p><p>Der Vollst&auml;ndigkeit halber sei jedoch erw&auml;hnt, dass nicht alle Leitartikel zu diesem Thema so katastrophal ausfielen, wie die hier genannten &ndash; als positives Beispiel sei hier der Kommentar vom FR-Autoren <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/meinung\/leitartikel-zu-den-occupy-demonstrationen-gebildet--arm--protestierend,1472602,11016334.html\">Stephan Hebel<\/a> genannt. Ein Hebel, eine Herrmann und ein Fricke machen jedoch noch keinen Sommer. Die wenigen guten Artikel, die unsere Leser auch aus unseren Hinweisen des Tages kennen d&uuml;rften, sind eher die Ausnahme, die die Regel best&auml;tigt. Seien es die Anti-Atom-Bewegung, die Stuttgart-21-Gegner oder nun die Occupy-Bewegung &ndash; die au&szlig;erparlamentarische Opposition findet nicht wegen, sondern trotz der medialen Berichterstattung statt. Die Aufgabe der kritischen Berichterstattung und des Vordenkens haben &ndash; vor allem im Internet &ndash; l&auml;ngst Andere &uuml;bernommen, die klassischen Medien hecheln diesen Trends bestenfalls hinterher oder bet&auml;tigen sich schlimmstenfalls sogar als letzte Bastion gegen dringend notwendige Reformen des Finanzsystems.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/13bb7ed0df324df1a225031c1b7ffd4c\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zeiten, in denen die klassischen Medien noch &bdquo;Leitmedien&ldquo; waren und gesellschaftliche Prozesse angesto&szlig;en haben, sind offenbar vorbei. Egal ob es sich um die Proteste gegen Stuttgart 21 oder die der Occupy-Bewegung handelt &ndash; die Berichterstattung der klassischen Medien war und ist lediglich eine Reaktion auf die ehrliche Frustration der B&uuml;rger. Anstatt gesellschaftliche Entwicklung progressiv<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11028\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[41,11,210],"tags":[293,1246,1244,473,325],"class_list":["post-11028","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medienanalyse","category-strategien-der-meinungsmache","category-werbung-fuer-die-nachdenkseiten","tag-finanzwirtschaft","tag-immobilienblase","tag-occupyblockupy","tag-ratingagenturen","tag-staatsschulden"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11028","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11028"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11028\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11032,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11028\/revisions\/11032"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11028"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11028"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11028"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}