{"id":1103,"date":"2005-01-18T12:26:13","date_gmt":"2005-01-18T10:26:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1103"},"modified":"2016-03-21T09:44:11","modified_gmt":"2016-03-21T08:44:11","slug":"eine-replik-auf-die-kritik-von-erhard-eppler-am-buch-die-reformluge-von-albrecht-muller","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1103","title":{"rendered":"Eine Replik auf die Kritik von Erhard Eppler am Buch \u201eDie Reforml\u00fcge\u201c von Albrecht M\u00fcller"},"content":{"rendered":"<p>Prof. Dr. rer. pol. Heinz-J. Bontrup, Dipl.-&Ouml;konom, FH Gelsenkirchen, Vertrauensdozent der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung<br>\n<!--more--><br>\n&Ouml;konomisches Nichtwissen <\/p><p>Erhard Eppler hat Recht, wenn er &uuml;ber sich schreibt: &bdquo;Ich bin kein Volkswirt&ldquo;. Entsprechend f&auml;llt seine &bdquo;&ouml;konomische&ldquo; Rezension &uuml;ber das von Albrecht M&uuml;ller vorgelegte Sachbuch &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; aus. Allein der folgende Vergleich von Eppler spricht B&auml;nde: &bdquo;Wer dieses Buch aus der Hand legt und zur Tageszeitung greift, fragt sich verbl&uuml;fft, ob er im falschen Film sei.&ldquo; Presseartikel, und in ihren Kommentierungen zu meist neoliberal ausgerichtete Medien, sind f&uuml;r Eppler wissenschaftliche Referenzgr&ouml;&szlig;e f&uuml;r eine Sachbuchbesprechung, die methodisch nicht einmal eine ist, weil man nach dem Lesen der Buchbesprechung &uuml;ber die von Albrecht M&uuml;ller beschriebenen &bdquo;40 Denkfehler, Mythen und Legenden, mit denen Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren&ldquo;, nicht im geringsten wei&szlig;, was denn &uuml;berhaupt Inhalt des Buches ist. Die fl&uuml;chtigen und polemischen Anmerkungen des ehemals politisch links eingestuften Epplers erwecken den Eindruck des Mottos: Was nicht sein soll, das nicht sein darf. Nach dem vehementen Eintreten Epplers f&uuml;r die Agenda 2010 auf dem SPD-Parteitag 2003 kommt diese Einstellung allerdings nicht &uuml;berraschend. Albrecht M&uuml;ller, ebenfalls ein SPD-Urgestein, enttarnt die neoliberale Politik der SPD mit seinem Buch auf Basis einer wirtschaftswissenschaftlich fundierten Kritik, die f&uuml;r eine breite Leserschaft verst&auml;ndlich geschrieben und verdienstvoll aufbereitet wurde. Eppler hat dem inhaltlich und fachlich nichts entgegenzusetzen. Was im Grunde bleibt, ist die mittlerweile sattsam bekannte Diffamierung gegen alle, die sich gegen den unheilvollen neoliberalen Politikkurs stemmen. So ist dann auch M&uuml;ller ein Ewiggestriger, der immer noch dem Keynesianismus der 1970er Jahre verfallen sei. Neoliberalismus als politische und ideologische Strategie, die darauf abzielt, den Vorrang des Privateigentums, die Herrschaft der M&auml;rkte und die Profitinteressen der Unternehmen &uuml;ber alles zu stellen und den demokratischen Sozialstaat zu opfern, sei eben das Ergebnis einer unver&auml;nderbaren Globalisierung, der sich die Politik nun einmal beugen m&uuml;sse. Dazu Eppler: &bdquo;Das globalisierte Kapital sitzt am l&auml;ngeren Hebel, wo immer es die Kr&auml;fte misst mit nationalen Regierungen oder Gewerkschaften. Die Kapitalbesitzer kennen ihre Macht und n&uuml;tzen sie.&ldquo; Was f&uuml;r eine politische Bankrotterkl&auml;rung aus der Feder eines Politikers! Das Kapital hat also mehr Macht, als die einzig demokratisch legitimierte Politik. Wof&uuml;r brauchen wir dann aber &uuml;berhaupt noch die Politik? Offensichtlich nur noch, um den Kapitalinteressen gen&uuml;ge zu tun. Eppler sollte einmal einen Blick in unsere Verfassung werfen. Da steht etwas anderes. Er sollte sich auch die Frage stellen, wer eigentlich f&uuml;r die versch&auml;rfte Globalisierung und Liberalisierung der M&auml;rkte, die Deutschland &uuml;brigens insgesamt als Volkswirtschaft &ouml;konomisch nicht f&uuml;rchten muss, verantwortlich ist. Globalisierung und Liberalisierung sind nicht vom Himmel gefallen, sondern sie sind ein von Menschen (Politikern und neoliberalen &Ouml;konomen) &bdquo;geschaffenes Produkt&ldquo;, das heute fast nur einseitig zur Befriedigung von Kapitalinteressen ausgelegt und ausgestaltet wird. Ausgangspunkt war Anfang der 1970er Jahre ein eingeleiteter neoliberaler Paradigmenwechsel und die damit einhergehende unredliche Diskreditierung des Keynesianismus, der dem Kapital und rechtsliberalen Politikern wegen seiner Marktinterventionen und Sozialstaatlichkeit schon immer ein Dorn im Auge war. Der amerikanische &Ouml;konom und Nobelpreistr&auml;ger Milton Friedman hat mit seinem 1969 ver&ouml;ffentlichten Buch &bdquo;Kapitalismus und Freiheit&ldquo; die intellektuelle Basis f&uuml;r diesen Paradigmenwechsel geschaffen. Hier ist die neoliberale Botschaft, als monetaristische Heilslehre verpackt, mehr als deutlich, d.h. radikal, beschrieben: Unternehmen sind demnach immer dann sozial, wenn sie ihre Gewinne maximieren und der Sozialstaat auf einen Nachw&auml;chterstaat zurechtgestutzt wird. Dieser Doktrin verfiel in den 1980er Jahren nicht nur Ronald Reagan und Margret Thatcher, sondern, wie wir heute wissen, weltweit die gesamte politische Schicht. Die &bdquo;Freiheit der M&auml;rkte&ldquo; wurde glorifiziert und der Wettbewerb in den Mittelpunkt ger&uuml;ckt, als habe nicht schon der geistige Vater der kapitalistischen Ordnung, Adam Smith, hinl&auml;nglich auf ein kapitalistisch immanentes Marktversagen hingewiesen. Neoliberale &Ouml;konomen haben es dann aber ideologisch verstanden, dieses Marktversagen in ein ambivalentes Staatsversagen umzuwandeln. Entweder wird hier der Staat als ein &uuml;berm&auml;chtiger, b&uuml;rokratischer Moloch dargestellt, der seine B&uuml;rger unterdr&uuml;cke und insbesondere die private Wirtschaft behindere, oder in der anderen Variante als schwach, unbeweglich, willk&uuml;rlich und korrupt diffamiert, der so zum Spielball m&auml;chtiger Einzelinteressen w&uuml;rde. Daher sei, so oder so, ein radikaler Abbau des Sozialstaates und ein R&uuml;ckzug des Staates aus der Wirtschaft notwendig. Wie sagte doch der ehemalige Bundeswirtschaftsminister G&uuml;nther Rexroth (FDP): &bdquo;Wirtschaft findet in der Wirtschaft statt&ldquo;. In einer freien Gesellschaft sei Wirtschaft eine absolute Privatangelegenheit, in der es deshalb auch nichts zu demokratisieren g&auml;be. <\/p><p>Wirtschaftspolitik und eine aktive Konjunktursteuerung durch Finanz- und Geldpolitik, Sozialstaatlichkeit und eine demokratisierte Wirtschaft sind aber gerade in einer globalisierten Welt n&ouml;tiger als je zuvor.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Wir m&uuml;ssen dazu auch nicht, wie Erhard Eppler es uns glauben machen will, erst abwarten bis sich die neoliberalen Geister ausgetobt haben, bis es zu einer &bdquo;Privatisierung der Gewalt&ldquo; gekommen und auch den Bossen der privaten Wirtschaft klargeworden ist, &bdquo;dass der Staat mehr ist als ein Markthindernis.&ldquo; Bis es so weit ist, muss nach Ansicht von Eppler aber zun&auml;chst das Tal der Tr&auml;nen mit der falschen neoliberalen Medizin weiter durchschritten werden. Es muss der Mehrheit des Volkes erst noch viel schlechter gehen, bevor es dann allen besser geht!? Was f&uuml;r eine &ouml;konomische Logik. Wir sind schon alle gespannt, wie die n&auml;chste neoliberale Dosis, die uns dann endlich als Medizin ins gelobte Land der Vollbesch&auml;ftigung f&uuml;hrt, nach &bdquo;Daniel D&uuml;sentrieb Hartz&ldquo; (Peter Bofinger) und Agenda 2010 ausfallen wird. <\/p><p>Heute ist nat&uuml;rlich zur Bek&auml;mpfung des gr&ouml;&szlig;ten Problems, der alles l&auml;hmenden und strangulierenden &bdquo;Gei&szlig;el&ldquo; Massenarbeitslosigkeit, ein rein &bdquo;national&ldquo; ausgerichteter Keynesianismus nicht mehr ausreichend. Es bedarf sicher eines politisch koordinierten europ&auml;ischen Makrodialoges und zus&auml;tzlich eines differenzierten zweigeteilten (dichotomen) konjunkturellen und strukturellen post-keynesianischen Ansatzes. Der dabei in der kurzen Sicht konjunkturelle Ansatz muss auf den Dreiklang eines antizyklischen deficit spendings und einer darauf abgestimmten Geldpolitik sowie einer produktivit&auml;tsorientierten Lohnpolitik setzen. Hinzu kommen muss aber auch eine Bek&auml;mpfung immer gr&ouml;&szlig;er werdender privatwirtschaftlicher Macht von Unternehmen, die zu einer Unterminierung und Pervertierung keynesianischer Konjunkturpolitik gef&uuml;hrt hat. Dem steht die neoliberal postulierte staatliche Abmagerungskur und Beschneidung des Sozialstaats, die K&uuml;rzung von L&ouml;hnen und Lohnnebenkosten bei l&auml;ngerer Arbeitzeit und immer mehr prek&auml;ren Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnissen gegen&uuml;ber. Oben drauf kommt noch eine selbst auferlegte &ndash; &ouml;konomisch v&ouml;llig unsinnige &ndash; Zwangsjacke in Form des so genannten &bdquo;Stabilit&auml;ts- und Wachstumspaktes&ldquo;. Die Ergebnisse sind seit Jahren zu beobachten. Prozyklisches Sparverhalten mit negativen deflatorischen Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum. Fehlende Binnennachfrage bei hohen aber fraglichen Wachstumsraten in der Au&szlig;enwirtschaft, insbesondere auch durch eine massive Lohnpolitik der Umverteilung zur Gewinnquote verursacht, und auf Grund des Sparparadoxon immer mehr &ndash; und nicht wie behauptet &ndash; weniger Staatsverschuldung. Mit einer solchen Politik fallen wir weit hinter den wissenschaftlichen Erkenntnissen des Keynesianismus zur&uuml;ck und leben letztlich nicht &uuml;ber, sondern unter unseren Verh&auml;ltnissen. [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Womit auch die Frage beantwortet ist, wer hier eigentlich der Ewiggestrige ist. <\/p><p>Wer Keynes gelesen hat, wird aber auch wissen, dass er selbst nicht nur eine kurzfristige Sicht der Dinge hatte. In seiner Langfristanalyse kapitalistischer Ordnungssysteme, darauf hat in einem Aufsatz noch einmal Norbert Reuter ausf&uuml;hrlich aufmerksam gemacht, [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] ist Keynes nicht bei einer antizyklischen Fiskal- und Geldpolitik stehen geblieben, sondern hat auf Grund prognostizierter abnehmender Wachstumsraten in entwickelten und reifen Industriestaaten bei gleichzeitig steigender Produktivit&auml;t zur L&ouml;sung der dadurch entstehenden strukturellen Besch&auml;ftigungsfrage nur eine drastische Arbeitszeitverk&uuml;rzung gesehen. &bdquo;Es kommt ein Punkt&ldquo;, schreibt Keynes bereits in der &bdquo;Allgemeinen Theorie&ldquo;, &bdquo;an dem jeder Einzelne die Vorteile vermehrter Mu&szlig;e gegen vermehrtes Einkommen abw&auml;gt.&ldquo; Der unaufhaltsam voranschreitende Produktivit&auml;tsanstieg bietet dazu alle M&ouml;glichkeiten. Wir wirtschaften nicht um l&auml;nger zu arbeiten und den Reichtum einer kleinen gesellschaftlichen Schicht immer mehr zu steigern, sondern Sinn des Wirtschaftens ist weniger zu arbeiten um der durch Arbeitsteilung entfremdenden und vielfach eint&ouml;nigen Arbeit zu entfliehen. Arbeitszeitverk&uuml;rzung ist deshalb auch die Voraussetzung, ja die Grundbedingung, zur Realisierung wirklicher menschlicher Freiheit. [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Wie erb&auml;rmlich sind dagegen die heute vorgetragenen neoliberalen Diffamierungen der Arbeitnehmerschaft und der Arbeitslosen, sie seien &uuml;berbezahlt, arbeiteten im &bdquo;Freizeitpark Deutschland&ldquo; (Helmut Kohl) zu wenig, seien faul und arbeitsscheu. Einmal abgesehen von derartig menschenverachtenden neofeudalen Angriffen auf Arbeitnehmer und Arbeitslose, ist dies eine zutiefst un&ouml;konomische Bewertung. Wer glaubt die bestehende Massenarbeitslosigkeit mit einer Bek&auml;mpfung von Arbeitslosen und l&auml;ngerer Arbeitszeit ohne Bezahlung l&ouml;sen zu k&ouml;nnen, den kann man &ouml;konomisch nun wirklich nicht mehr ernst nehmen. Erhard Eppler sollte deshalb das Buch von Albrecht M&uuml;ller noch einmal lesen und sich klarmachen, dass es nicht darum geht einen Schulterschluss zwischen Gewerkschaften und SPD auf Basis einer neoliberalen Politik herbeizuf&uuml;hren und sich darauf zu verst&auml;ndigen, &bdquo;was am Sozialstaat unter allen Umst&auml;nden zu verteidigen ist,&ldquo; sondern dass es darum geht, den Neoliberalismus in dem oben beschriebenen Duktus in seine Schranken zu verweisen. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Vgl. Bontrup, Heinz-J., Arbeit, Kapital und Staat. Pl&auml;doyer f&uuml;r eine demokratisierte Wirtschaft, K&ouml;ln 2005<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Vgl. Bofinger, Peter, Wir sind besser, als wir glauben. Wohlstand f&uuml;r alle, M&uuml;nchen u.a. 2005<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Vgl. Reuter, Norbert, Antizyklische Fiskalpolitik und deficit spending als Kern des Keynesianismus? Eine &bdquo;schier unausrottbare Fehlinterpretation&ldquo;, in: Wirtschaft und Gesellschaft, Heft 3\/2004, S. 325ff.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Vgl. Fetscher, Iring, Arbeit und das &bdquo;gute Leben, in: Freytag, Tatjana\/Hawel Marcus (Hrsg.), Arbeit und Utopie. Oskar Negt zum 70. Geburtstag, Frankfurt am Main 2004, S. 55ff.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prof. Dr. rer. pol. Heinz-J. 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