{"id":110380,"date":"2024-02-02T15:00:42","date_gmt":"2024-02-02T14:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110380"},"modified":"2024-02-21T17:30:41","modified_gmt":"2024-02-21T16:30:41","slug":"die-wurzeln-des-krieges","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110380","title":{"rendered":"Die Wurzeln des Krieges"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Ein Konfliktforscher untersucht die Urspr&uuml;nge von Kriegen und erfolgreichen Friedensprozessen in aller Welt.<\/strong><\/em> &bdquo;Kriege sind die Ausnahme, nicht die Regel&ldquo;, schreibt Christopher Blattman in seinem fesselnden und faktenreichen Meisterst&uuml;ck &bdquo;Warum wir Kriege f&uuml;hren&ldquo;. Der Konfliktforscher von der Universit&auml;t Chicago hat bei gef&auml;hrlichen Forschungsarbeiten in Liberia, Uganda, Kolumbien und Chicago erlebt, wie schockierende Gewalt die ganze Aufmerksamkeit fesselt. Doch seiner Ansicht nach enden die meisten Konflikte nicht im Krieg, weil alle Beteiligten die hohen menschlichen und finanziellen Kosten f&uuml;rchten. Von <strong>Michael Holmes<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIn Afrika kommt es etwa Studien zufolge in nur einem von 2.000 potenziellen F&auml;llen zu ethnischer Gewalt. &bdquo;Wir &uuml;bersehen den unscheinbaren Frieden &uuml;berall.&ldquo;<\/p><p>Blattman unterscheidet f&uuml;nf Kriegsursachen, die meist &bdquo;ein toxisches Gebr&auml;u bilden, das den Frieden nach und nach vergiftet&ldquo;. Oft profitieren oligarchische F&uuml;hrungsriegen eines Landes von Kriegen, deren Kosten sie auf die Bev&ouml;lkerung abw&auml;lzen. Der Autor schildert, wie liberianische Warlords am grausamen Krieg verdienten, dem fast jeder zehnte Liberianer zum Opfer fiel. Ein wirksames Friedensprogramm bot vielen Kriegern Arbeitspl&auml;tze und Bildung. Zudem k&ouml;nnen immaterielle Anreize wie Ruhmsucht, ideologischer Eifer und gerechter Zorn die Friedensbereitschaft untergraben. Blattman zitiert linke Guerillas in El Salvador, die trotz niedrigem Sold und Lebensgefahr f&uuml;r W&uuml;rde und Stolz k&auml;mpften.<\/p><p>Auch die Unsicherheit &uuml;ber die milit&auml;rische St&auml;rke und Motive des Gegners ist Studien zufolge eine h&auml;ufige Kriegsursache. Blattman schildert, wie unklare Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse die Gewalt zwischen Chicagoer Gangs befeuerte. Zudem lassen sich Kriege schwer vermeiden, wenn die Konfliktparteien keine Wege finden, sich &uuml;berzeugend an Friedensvertr&auml;ge und Versprechen zu binden. Dieses Selbstbindungsproblem untergr&auml;bt das Vertrauen. Blattman erl&auml;utert, warum es den Gro&szlig;m&auml;chten vor dem Ersten Weltkrieg sowie Athen und Sparta vor dem Peloponnesischen Krieg nicht gelang, glaubhafte Friedensbereitschaft zu signalisieren.<\/p><p>Schlie&szlig;lich spielen Wahrnehmungsfehler in vielen Kriegen eine entscheidende Rolle. Blattman analysiert, wie die Konflikte in Nordirland und Israel-Pal&auml;stina zu dramatischen Fehleinsch&auml;tzungen der Motive und Ziele der anderen Seite f&uuml;hren. Im Kalten Krieg erh&ouml;hten Missverst&auml;ndnisse die Gefahr eines atomaren Holocausts.<\/p><p>Blattman zeigt viele Wege zum Frieden auf. Wirtschaftliche und soziale Verflechtungen sowie geteilte Werte wirken nachweislich friedensf&ouml;rderlich. So kommt es etwa in indischen St&auml;dten, in denen Hindus und Muslime t&auml;glich interagieren, sehr viel seltener zu religi&ouml;ser Gewalt. Auch internationale Organisationen, B&uuml;ndnisse, Mediatoren und Blauhelmeins&auml;tze f&ouml;rdern Studien zufolge den Frieden.<\/p><p>&Uuml;berzeugend legt Blattman dar, dass staatliche Ordnungen mit Gewaltkontrollen kriminelle Gewalt und B&uuml;rgerkriege verhindern. Er unterstreicht, dass viele Arme unter staatlicher Repression und mangelnder Staatlichkeit zugleich leiden. F&uuml;r seine These, dass Demokratien &bdquo;selten einen Krieg vom Zaun brechen&ldquo;, bietet er jedoch keine Belege. Er selbst schreibt, dass die Stellvertreterkriege der Superm&auml;chte &bdquo;einen Gro&szlig;teil der B&uuml;rgerkriege des 20. Jahrhunderts&ldquo; erkl&auml;ren: &bdquo;Die Betroffenen besa&szlig;en keine M&ouml;glichkeit, die USA und die UDSSR zur Rechenschaft zu ziehen&ldquo;. Auch in der Kolonial&auml;ra, dem Zeitalter der Weltkriege sowie im 21. Jahrhundert haben Demokratien wie Gro&szlig;britannien, die USA, Frankreich, Holland, Belgien und Israel zahlreiche imperiale Kriege in aller Welt gef&uuml;hrt und Gr&auml;ueltaten gegen Zivilisten ver&uuml;bt. Meine eigene Studie zu den 74 gr&ouml;&szlig;ten Massenverbrechen seit 1796 belegt sogar, dass die demokratischen Pioniere eine h&ouml;here staatliche Mordrate als diktatorische Regime aufweisen, obwohl sie nur selten eigene B&uuml;rger t&ouml;ten.<\/p><p>Dieses bahnbrechende Buch l&auml;&szlig;t hoffen, dass wir in vielen tastenden Schritten eine Welt ohne Krieg erreichen k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Christopher Blattman: &bdquo;Warum wir Kriege f&uuml;hren &ndash; Und wie wir sie beenden k&ouml;nnen&ldquo;<\/strong>, Ch. Links, Berlin 2023, 544 Seiten, 26 Euro<\/p><p><small>Titelbild: Combatcamerauk\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><em><strong>Ein Konfliktforscher untersucht die Urspr&uuml;nge von Kriegen und erfolgreichen Friedensprozessen in aller Welt.<\/strong><\/em> &bdquo;Kriege sind die Ausnahme, nicht die Regel&ldquo;, schreibt Christopher Blattman in seinem fesselnden und faktenreichen Meisterst&uuml;ck &bdquo;Warum wir Kriege f&uuml;hren&ldquo;. 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