{"id":1104,"date":"2004-12-30T12:29:37","date_gmt":"2004-12-30T10:29:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1104"},"modified":"2016-03-22T10:03:11","modified_gmt":"2016-03-22T09:03:11","slug":"nachdenken-uber-denkfehler-zuruck-in-die-siebziger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1104","title":{"rendered":"Nachdenken \u00fcber \u201eDenkfehler\u201c. Zur\u00fcck in die Siebziger?"},"content":{"rendered":"<p>Von Erhard Eppler. Der Autor lebt in Schw&auml;bisch Hall. Er war von 1968 bis 1974 Bundesminister f&uuml;r wirtschaftliche Zusammenarbeit und langj&auml;hriger Vorsitzender von Grundwerte- und Programmkommissionen der SPD. Unvergessen sein Auftritt auf dem SPD-Parteitag 2003.<br>\n<!--more--><br>\nDer Sozialdemokrat Erhard Eppler bespricht f&uuml;r uns das neue Buch &bdquo;Reforml&uuml;ge&ldquo; von Albrecht M&uuml;ller, SPD. Sein Fazit: &bdquo;Ich f&uuml;rchte, die &Uuml;berwindung der neoliberalen Dominanz ist viel schwieriger, sie wird l&auml;nger dauern und anders verlaufen, als Albrecht M&uuml;ller uns glauben machen will&ldquo;. <\/p><p>Wer hat sich nicht schon ge&auml;rgert, wenn die f&uuml;nf mehr oder minder Weisen unserer Regierung mit gewichtiger Miene und als Ausfluss unanfechtbarer Wissenschaft immer dieselben Rezepte verschreiben? <\/p><p>Wer hat nicht schon den Wirtschaftsteil einer Zeitung resigniert beiseite gelegt, weil er nach Lekt&uuml;re der &Uuml;berschrift schon genau wissen konnte, was im Meinungsartikel steht? Wer hat nicht schon gefragt, warum die Neoliberalen &ndash; &uuml;brigens wie die Marxisten-Leninisten &ndash; ihre Ideologie als reine Wissenschaft verkaufen d&uuml;rfen? Wem geht es nicht auf die Nerven, wenn das Thema soziale Gerechtigkeit auf den Satz verk&uuml;rzt wird: &bdquo;Sozial gerecht ist, was Arbeitspl&auml;tze schafft&ldquo;, zumal durchaus im Streit bleibt, was dies denn w&auml;re. Wer wittert nicht eine perfide Strategie, wenn keine Steuersenkung und kein Vergleich mit anderen L&auml;ndern unsere Unternehmerverb&auml;nde von der These abbringen kann, die deutsche Wirtschaft st&ouml;hne unter viel zu hohen Steuern? Wem kommt nicht die Galle hoch, wenn ein &bdquo;Bund der Steuerzahler&ldquo; den &ndash; durch Beispiele gar nicht belegten &ndash; Eindruck erweckt, als sei unser demokratischer Rechts- und Sozialstaat nur ein fettes Ungeheuer, das die sauer verdienten Cents der B&uuml;rger verschlingt? Oder wenn Peter Glotz Universit&auml;ten privatisieren und an die B&ouml;rse bringen will? <\/p><p>Wer solche Gef&uuml;hle kennt, ist mit Albrecht M&uuml;llers &bdquo;Reforml&uuml;ge&ldquo; erst einmal gl&auml;nzend bedient. Da wird vieles aufs Korn genommen, was nicht nur dem Autor missf&auml;llt. M&uuml;ller redet dann von &bdquo;Denkfehlern&ldquo;, &bdquo;Mythen&ldquo; und &bdquo;Legenden&ldquo;, und er listet ganze vierzig auf. Vieles ist plausibel, aber keineswegs alles. Wenn wir t&auml;glich h&ouml;ren und lesen m&uuml;ssen, wir seien ein Gewerkschaftsstaat (Denkfehler Nr. 26) oder wir seien eben nicht wettbewerbsf&auml;hig (Denkfehler Nr. 13), so hat dies doch wohl nicht denselben Gehalt an Wahrheit und Unwahrheit wie die Aussage: &bdquo;Wir sind &uuml;berschuldet.&ldquo; (Denkfehler Nr. 30) oder &bdquo;Wir werden immer &auml;lter.&ldquo; (Denkfehler Nr. 6). Aber da M&uuml;ller immer seine Gr&uuml;nde angibt, lie&szlig;e sich &uuml;ber all dies reden. <\/p><p>Schwierig wird es, wenn wir nach der Grund&uuml;berzeugung suchen, die hinter der herben, eing&auml;ngig formulierten Kritik steht. Und da beginnt das Staunen, auch bei einem Sozialdemokraten, der zur selben Zeit wie M&uuml;ller Verantwortung trug. Albrecht M&uuml;ller, Redenschreiber f&uuml;r Karl Schiller und Leiter der Planungsabteilung im Kanzleramt von 1973 &ndash; 82, also vor allem bei Helmut Schmidt, findet, eigentlich habe sich seit den Siebzigern nichts grundlegend ver&auml;ndert &ndash; au&szlig;er der herrschenden Ideologie und wohl auch der Kompetenz und dem Mut der (sozialdemokratischen) Regierenden. Deshalb gehe alles schief. <\/p><p>Globalisierung? Ein alter Hut! Konjunkturprogramme? Nach wie vor empfehlenswert. &Uuml;beralterung der Gesellschaft? Schon damals erkennbar, nur eben &ndash; weil man kl&uuml;ger war &ndash; nicht dramatisiert. Lohnnebenkosten? Quantit&eacute; beinahe negligeable. Betriebsverlagerungen ins Ausland? Auch nicht neu, neu sind allenfalls die reuigen R&uuml;ckkehrer. Und so fort. M&uuml;ller legt zwar kein eigenes Kontrastprogramm vor. Aber man kann es aus dem Text ohne M&uuml;he erschlie&szlig;en: Macht es so, wie wir es in den siebziger Jahren gemacht haben! <\/p><p>Wer dieses Buch aus der Hand legt und zur Tageszeitung greift, fragt sich verbl&uuml;fft, ob er im falschen Film sei. Was passiert da bei Opel, VW, Siemens, Daimler? Sind die Betriebsr&auml;te, die Verantwortlichen der IG Metall, die da an schmerzhaften Konzessionen nicht vorbeikommen, auch entweder dumm oder opportunistisch oder gar korrupt? War &Auml;hnliches in den siebziger Jahren auch nur von ferne denkbar? Oder hat die Beweglichkeit und Erpressungsmacht des Kapitals eben doch eine neue Qualit&auml;t erreicht, der weder Gewerkschaften noch Regierung Gleichwertiges entgegenzusetzen haben? Wissen die Herren von VW alle nicht, was Albrecht M&uuml;ller &ndash; und nicht nur er &ndash; so plausibel darlegt: Dass L&ouml;hne nicht nur Kosten, sondern auch Kaufkraft sind? Oder interessiert sie das nicht, weil sie Angst haben, im globalen Wettbewerb eines entfesselten Kapitalismus unterzugehen? <\/p><p>Es stimmt ja: Wo der Shareholder-Value zum obersten Wert wird, beginnt das Jammern der Bosse nicht erst, wenn rote Zahlen geschrieben werden. Oft geht es nur um die Steigerung der Umsatzrendite und damit um den Aktienkurs. Auch die Manager haben Angst, und zwar vor einem niedrigen Aktienkurs, der zur feindlichen &Uuml;bernahme einladen k&ouml;nnte. Nur: Das globalisierte Kapital sitzt am l&auml;ngeren Hebel, wo immer es die Kr&auml;fte misst mit nationalen Regierungen oder Gewerkschaften. Die Kapitalbesitzer kennen ihre Macht und n&uuml;tzen sie. Jeder Systemkonkurrenz ledig, sticht manche der Hafer. Das wird ihnen l&auml;ngerfristig nicht gut tun, aber jetzt, im Jahr 2004, f&auml;llt das kaum auf. Es gibt sogar Applaus. <\/p><p>Und die Regierungen? Solange der weltweite Wettbewerb um die niedrigsten Unternehmenssteuern andauert, kann kein Finanzminister sich dem ganz entziehen. Der Staat wird arm und die Konzerne reich. Beim Spitzensatz der Einkommensteuer wird nicht gefragt, ob er gerecht sei im Blick auf Millionen Sozialhilfeempf&auml;nger, sondern ob er international konkurrenzf&auml;hig ist, also ob er Kapitalflucht f&ouml;rdert oder nicht. F&uuml;r die Haushalte europ&auml;ischer Staaten sind die Maastricht-Kriterien wichtiger als John Maynard Keynes, ganz gleich, was ein Finanzminister vom einen oder anderen h&auml;lt. Und was die &Uuml;beralterung angeht: Wenn eine Regierung immer wieder vor der Entscheidung steht, entweder die Rentenbeitr&auml;ge zu erh&ouml;hen oder die Renten zu k&uuml;rzen, dann hilft ihr wenig, wenn Albrecht M&uuml;ller sie ermahnt, die demographischen Verwerfungen nicht zu dramatisieren. Dass M&uuml;ller die Staatsverschuldung leichter nimmt als andere, hilft einem Finanzminister nichts, dem der seit 1974 rapide expandierende Titel &bdquo;Bundesschuld&ldquo; jeden Spielraum f&uuml;r politisches Handeln nimmt. Sicher, man muss die Zinspolitik der europ&auml;ischen Zentralbank nicht zum Tabu erkl&auml;ren. Aber kein Minister wird vergessen, wie der Zwist zwischen dem Finanzminister Oskar Lafontaine und dem Zentralbankpr&auml;sidenten Wim Duisenberg ablief und ausging. Nachdem Duisenberg damals auf die Frage, ob er Lafontaines neuestes Buch gelesen habe, die Antwort gab: &bdquo;Ich habe dieses Buch nicht gelesen und werde es auch nicht lesen&ldquo;, konnte man das Ende ahnen. <\/p><p>Was mich an Albrecht M&uuml;llers Argumentation wundert, ist auch sein unersch&uuml;tterlicher Glaube an die Machbarkeit von Konjunktur. Auch der stammt noch aus der Zeit Karl Schillers. Denn die Konjunkturprogramme der Regierung Schmidt, mit denen der Marsch in die Verschuldung begann, konnten den Abschwung etwas mildern, aber weder verhindern noch verk&uuml;rzen. Bald darauf machten die franz&ouml;sischen Sozialisten noch schlimmere Erfahrungen. Und heute? Eichels Steuersenkungen sollten die Konjunktur anheizen. Und doch ging es genau dann bergab, als die Steuersenkungen h&auml;tten wirken sollen. <\/p><p>Ich bin kein Volkswirt, und ich kann auch die Wahrheit, die einzige und unanfechtbare Wahrheit nicht aus der Tasche ziehen und alles andere zur L&uuml;ge oder bestenfalls zum Denkfehler erkl&auml;ren. Aber ich f&uuml;rchte, die &Uuml;berwindung der neoliberalen Dominanz ist viel schwieriger, sie wird l&auml;nger dauern und anders verlaufen, als Albrecht M&uuml;ller uns glauben machen will. <\/p><p>Wahrscheinlich wird erst die Privatisierung der Gewalt, die auf dem ganzen Globus im Gang ist, nur mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, sogar den Bossen klarmachen, dass der Staat mehr ist als ein Markthindernis. <\/p><p>Die Finanznot der Staaten wird nicht die R&uuml;ckkehr zu Keynes bewirken, wohl aber den Ruf: &bdquo;Finanzminister aller L&auml;nder vereinigt euch! Und wenn ihr dies nicht k&ouml;nnt, so einigt euch wenigstens, zuerst in der EU.&ldquo; Wenn die national gesetzten Rahmen, die sozialen und &ouml;kologischen, gegen&uuml;ber der globalisierten &Ouml;konomie wie l&auml;cherliche Attrappen erscheinen, dann wird irgendwann &ndash; und dar&uuml;ber kann man heute mit den wichtigsten lateinamerikanischen Pr&auml;sidenten bereits reden &ndash; der Ruf nach internationaler Rahmensetzung un&uuml;berh&ouml;rbar. <\/p><p>Wenn das herrschende Menschenbild des homo oeconomicus sich als ebenso flach und schief erweist wie das der Marxisten-Leninisten, k&ouml;nnte sich international eine breite neue Linke bilden, die bis weit in die Kirchen, gerade auch die katholische, hineinreicht. Beginnen m&uuml;sste dies wohl in der Europ&auml;ischen Union. <\/p><p>Und heute? Heute k&auml;me es darauf an, zum einen die Gef&auml;&szlig;e zu retten, in die neue Kr&auml;fte einflie&szlig;en k&ouml;nnten. Das sind vor allem die Gewerkschaften und die demokratischen Linksparteien. Wenn sie sich gegenseitig zerreiben, schwindet die Hoffnung. Sie m&uuml;ssten sich auch darauf verst&auml;ndigen, was am Sozialstaat unter allen Umst&auml;nden zu verteidigen ist. <\/p><p>Die Hegemonie des Neoliberalismus l&auml;sst sich nicht brechen ohne eine Staatsdebatte: Wozu haben wir den demokratischen Rechtsstaat geschaffen? Was kann man ihm abnehmen, was nicht? Was k&ouml;nnen wir tun, damit die Citoyens und Citoyennes ihren Staat nicht als seelenlosen Apparat oder gar als Instrument der Repression, sondern als Kleid der Gesellschaft erfahren und annehmen, ein Kleid, das Bewegung nicht hemmen, nicht einengen darf, aber gegen Wind und Wetter sch&uuml;tzt und im Winter auch w&auml;rmt? Ein Kleid, das sogar so h&uuml;bsch sein kann, dass andere nach dem Schneider fragen. <\/p><p>Der Blick zur&uuml;ck, auch der verkl&auml;rende, kostet weniger Kraft als der nach vorn, bei dem sich das Risiko des Irrtums nie ausschalten l&auml;sst. Aber der hat mehr Verhei&szlig;ung. <\/p><p>Albrecht M&uuml;ller: <\/p><p>Die Reforml&uuml;ge <\/p><p>40 Denkfehler, Mythen und Legenden, mit denen Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren <\/p><p>Droemer Verlag, 416 Seiten, &euro; 19.90<br>\nISBN 3-426-27344-6 <\/p><blockquote><p>Wer dieses Buch aus der Hand legt und zur Tageszeitung greift, fragt sich verbl&uuml;fft, ob er im falschen Film sei.<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Die Finanznot der Staaten wird nicht die R&uuml;ckkehr zu Keynes bewirken, wohl aber den Ruf: &bdquo;Finanzminister aller L&auml;nder vereinigt Euch!&ldquo;<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Wenn sich die Gewerkschaften und die demokratischen Linksparteien gegenseitig zerreiben, schwindet die Hoffnung.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Erhard Eppler. Der Autor lebt in Schw&auml;bisch Hall. 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