{"id":11057,"date":"2011-10-24T08:59:36","date_gmt":"2011-10-24T06:59:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11057"},"modified":"2014-12-02T11:19:18","modified_gmt":"2014-12-02T10:19:18","slug":"schulden-streichen-gut-gemeint-aber-nicht-ausreichend-und-konsequenzen-nicht-durchdacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11057","title":{"rendered":"Schulden streichen \u2013 gut gemeint, aber nicht ausreichend und Konsequenzen nicht durchdacht"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten Wochen sind wir oft auf Texte von Dritten mit dem Vorschlag zum Schuldenschnitt im Falle Griechenlands aufmerksam gemacht und aufgefordert worden, uns den Vorschl&auml;gen anzuschlie&szlig;en. Heiner Flassbeck, dem ich mich auch bei diesem Thema verbunden f&uuml;hle, hat am 21.10. einen aufschlussreichen Text dazu geschrieben: &bdquo;Schuldenstreichen &ndash; und was dann?&ldquo; Siehe unten. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nFlassbeck zeigt, dass mit dem Schuldenschnitt die Probleme nicht gel&ouml;st sind, dass L&auml;nder wie Griechenland auch ein Wachstumsproblem haben. (Ich w&uuml;rde sagen: ein &bdquo;Besch&auml;ftigungsproblem&ldquo;.) &bdquo;Um einer Rezession zu entkommen, brauchen alle Volkswirtschaften der Welt positive Impulse&ldquo;, schreibt Heiner Flassbeck in der Badischen Zeitung und er begr&uuml;ndet, warum Argentinien nicht als Vorbild taugt.<\/p><p>Die vielen Vorschl&auml;ge zum Schuldenschnitt haben vermutlich &ndash; soweit sie ernst genommen wurden &ndash; immer wieder dazu beigetragen, die Spekulation auf dieses Ergebnis anzuheizen. Das ist ein bedauerlicher Nebeneffekt dieser Art von &ouml;ffentlicher Debatte. Vermeiden kann man diese wohl nicht. Aber man k&ouml;nnte es sich w&uuml;nschen, dass die Vorschlagenden etwas zur&uuml;ckhaltender w&auml;ren. <\/p><p>Dass Vorschl&auml;ge wie jene zu einem Schuldenschnitt so inflation&auml;r gemacht werden, hat wohl ein St&uuml;ck weit damit zu tun, dass manche der Debattierenden einen h&auml;ufig auftretenden Denkfehler machen: Sie machen ihre Vorschl&auml;ge unter der Annahme, alles drum herum bliebe unber&uuml;hrt. Man nennt das die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ceteris_paribus\">Ceteris-paribus-Annahme<\/a>.<\/p><p>Nun zu FlassbecksText:<\/p><p><strong>Schulden streichen &ndash; und was dann?<\/strong><\/p><p><strong>von Heiner Flassbeck<\/strong><\/p><p>Badische Zeitung, 21. Oktober 2011<\/p><p>Die Art und Weise, wie in Deutschland in immer heftigeren Wellen ein Schuldenschnitt f&uuml;r Griechenland gefordert wird, hat etwas geradezu Manisches an sich. Einige scheinen zu hoffen, mit dem endg&uuml;ltigen Eingest&auml;ndnis der Schuld des &bdquo;schlimmsten Schuldners&ldquo; werde der Alptraum der Eurokrise quasi &uuml;ber Nacht enden. Aber auch weniger emotional geleitete Beobachter sind der Meinung, es sei der absolut hohe Wert ihrer Schulden, der den L&auml;ndern auf den Schultern liegt und sie daran hindert, wie Phoenix aus der Asche aufzusteigen. Das ist ein schwerwiegender Irrtum.<\/p><p>Alle in Bedr&auml;ngnis geratenen L&auml;nder der Eurozone haben nicht nur ein Schuldenproblem, sondern auch ein Wachstumsproblem. Sie haben kein Mittel, sich aus der Rezession zu l&ouml;sen, sondern geraten wegen der Sparauflagen der Gl&auml;ubiger immer tiefer hinein. Die R&uuml;ckkehr zu Wachstum ist aber die entscheidende Voraussetzung f&uuml;r eine dauerhafte Milderung des Schuldenproblems. Wenn ein Gl&auml;ubiger nun &bdquo;gro&szlig;z&uuml;gigerweise&ldquo; auf einen Teil seiner Forderungen verzichtet, ist das Wachstumsproblem in keiner Weise gel&ouml;st, ja, seine L&ouml;sung wird sogar erheblich erschwert. <\/p><p>Um einer Rezession zu entkommen, brauchen alle Volkswirtschaften der Welt positive Impulse. Die k&ouml;nnen von der Geldpolitik, von der Finanzpolitik, von positiven Zukunftserwartungen und guten Einkommenssteigerungen der Konsumenten oder von einer florierenden Weltwirtschaft kommen. Wird einer dieser Faktoren von einem Schuldenschnitt positiv beeinflusst? Selbst wenn man f&uuml;r den Moment einmal unterstellt, alle negativen Ansteckungseffekte im In- und Ausland k&ouml;nnten beherrscht werden, ist die Antwort klar: nein.<\/p><p>Kann die Geldpolitik die Zinsen senken oder werden auf den M&auml;rkten die nationalen langfristigen Zinsen sinken? Sicher nicht, die langfristigen Zinsen werden eher noch steigen bzw. das Land wird nach dem Schuldenschnitt gar kein Geld erhalten und die Europ&auml;ische Zentralbank k&uuml;mmert sich in ihrer Zinspolitik sowieso nicht um einzelne L&auml;nder. Kann der nun teilweise entschuldete Staat die Konjunktur mit neuen Schulden anregen? Niemals, weil die Europ&auml;ische Union und die immer noch vorhandenen Gl&auml;ubiger es verbieten werden. Au&szlig;erdem w&uuml;rden die Zinsen noch mehr steigen und bald ein neues Schuldenproblem schaffen. Kann man auf die Konsumenten setzen? Noch weniger, weil die Einkommen sinken und sie von dem Schuldenschnitt noch mehr verunsichert werden. Ein positiver Beitrag der privaten Binnennachfrage ist in einer solchen Situation unm&ouml;glich. Das Gegenteil tritt ein, die B&uuml;rger werden aus Angst vor der Zukunft noch mehr sparen.<\/p><p>Bleibt das Ausland. Hier lag in der Tat die L&ouml;sung im Falle Argentiniens, der so oft als Positivbeispiel eines Schuldenschnitts zitiert wird. Dabei wird aber gerne vergessen zu sagen, dass Argentinien seine W&auml;hrung gleichzeitig gegen&uuml;ber dem Rest der Welt um 65 Prozent (!) abgewertet und dadurch enorm an internationaler Wettbewerbsf&auml;higkeit gewonnen hat. Zudem stiegen die Rohstoffpreise und beg&uuml;nstigten den Aufschwung. Nichts dergleichen kann man in Europa erwarten. Wer in der W&auml;hrungsunion bleibt, verharrt auch in seiner Wettbewerbsposition. Wer versucht, &uuml;ber Lohnssenkung seine Wettbewerbsposition zu verbessern, verliert bei der Binnennachfrage mindestens so viel, wie er im Export gewinnt. Hinzu kommt, dass mit der damit einhergehenden Deflation die Schulden wieder aufgewertet werden. <\/p><p>Auch wer jetzt auf Irland verweist, t&auml;uscht sich und andere. Irland ist in der Tat durch Lohnsenkung wieder in eine positive Wachstumsphase geraten, aber dort liegt der Anteil des Exports am gesamten Bruttoinlandsprodukt bei mehr als einhundert Prozent, in Griechenland, Italien oder Spanien nur bei gut 20 Prozent. Bei solch geringen Anteilen ist Lohnsenkung t&ouml;dlich.<\/p><p>Gesamtwirtschaftliche Prozesse sind immer um einiges komplizierter, als es sich der Laie oder ein von Verfahren an sich faszinierter Jurist vorstellen kann. Wer vorschnell, also ohne das Wachstumsproblem zu l&ouml;sen, L&auml;nder in einen Schuldenschnitt dr&auml;ngt, dr&auml;ngt sie aus der W&auml;hrungsunion hinaus. Wenn S&uuml;deuropa aber aus der W&auml;hrungsunion aussteigt, muss es massiv abwerten, um sein Wachstumsproblem schnell zu l&ouml;sen. Das bedeutet massive Aufwertung f&uuml;r Deutschland und massive Arbeitsplatzverluste f&uuml;r ein Land, dessen Export gerade die 50 Prozent Grenze &uuml;berschritten hat.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten Wochen sind wir oft auf Texte von Dritten mit dem Vorschlag zum Schuldenschnitt im Falle Griechenlands aufmerksam gemacht und aufgefordert worden, uns den Vorschl&auml;gen anzuschlie&szlig;en. Heiner Flassbeck, dem ich mich auch bei diesem Thema verbunden f&uuml;hle, hat am 21.10. einen aufschlussreichen Text dazu geschrieben: &bdquo;Schuldenstreichen &ndash; und was dann?&ldquo; Siehe unten. Albrecht<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11057\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[139,50,156,30],"tags":[423,364,477,851],"class_list":["post-11057","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-euro-und-eurokrise","category-finanzkrise","category-schulden-sparen","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-austeritaetspolitik","tag-flassbeck-heiner","tag-keynesianismus","tag-schuldenschnitt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11057","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11057"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11057\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11059,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11057\/revisions\/11059"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11057"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11057"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11057"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}