{"id":1106,"date":"2004-09-03T12:33:23","date_gmt":"2004-09-03T10:33:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1106"},"modified":"2016-03-26T15:41:54","modified_gmt":"2016-03-26T14:41:54","slug":"gegen-den-mainstream-deutscher-reformitis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1106","title":{"rendered":"Gegen den Mainstream deutscher Reformitis"},"content":{"rendered":"<p>Handelsblatt, 03.09.2004, S.9, von Peter Thelen, Berlin.<br>\n<!--more--><br>\nF&uuml;r Albrecht M&uuml;ller, einst Planungschef unter Willy Brandt, ist Globalisierung ein altbekanntes Ph&auml;nomen.<br>\nSp&auml;testens seit der Wiedervereinigung geh&ouml;rt zum Common Sense, dass die deutsche Wirtschaft vor ganz neuen Herausforderungen steht. Die Globalisierung der M&auml;rkte und die &Uuml;beralterung der Gesellschaft erzw&auml;ngen einen radikalen Umbau des Sozialstaats, wenn Deutschland weiter in der ersten Liga der Weltwirtschaft mitspielen wolle, postulierte erst diese Woche erneut Bundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der im ARD-Interview. <\/p><p>In seinem Buch &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&rdquo; wagt Albrecht M&uuml;ller (66), heute Unternehmensberater, aber immer noch in der Wolle gef&auml;rbter Sozialdemokrat, die Gegenthese. Die Globalisierung ist nach Ansicht des Diplom-Volkswirts alles andere als neu. M&uuml;ller war Leiter der Planungsabteilung des Kanzleramtes unter Willy Brandt und Helmut Schmidt. In seinem Buch steigt er tief ein in das Geflecht internationaler Wirtschaftsbeziehungen. Dieses Geflecht sei immer engmaschiger geworden, doch ohne dass daraus eine neue Qualit&auml;t der Globalisierung oder gar eine generelle Bedrohung erwachsen w&auml;re. <\/p><p>N&uuml;chtern und im Gro&szlig;en und Ganzen auch f&uuml;r den &ouml;konomischen Laien nachvollziehbar, versucht er, die Drohkulisse einer vergreisenden Gesellschaft und einer schwindenden Wettbewerbsf&auml;higkeit zu entzaubern. Vierzig solcher &bdquo;Denkfehler, Mythen und Legenden&rdquo; hat er ausgemacht und beschert vor allem dem mit den g&auml;ngigen neoliberalen Theorien vertrauten Leser so manches Aha-Erlebnis. <\/p><p>Genauso spannend ist Albrechts Buch in den Passagen, in denen er die typisch deutsche Reformhysterie anprangert. Reformen funktionieren hier zu Lande nach dem Schema: Ein Problem wird ausgemacht, und ihm folgt dann umgehend ein Gesetz, das es vorgeblich l&ouml;st. Ob es auch wirkt, spielt dann im &ouml;ffentlichen Meinungspoker meist keine Rolle mehr. <\/p><p><strong>Fragezeichen hinter der Angebotstheorie <\/strong><\/p><p>So hat die Abschaffung des Rabattgesetzes genauso wenig wie die Liberalisierung des Ladenschlusses die erhoffte Belebung der Inlandsnachfrage gebracht. Als unwirksames Bet&auml;ubungsmittel entpuppte sich die Green Card, mit der der deutsche Arbeitsmarkt f&uuml;r internationale Spitzenkr&auml;fte vor allem im IT-Bereich ge&ouml;ffnet werden sollte. <\/p><p>Welche Probleme wir haben, dar&uuml;ber entscheidet, folgt man M&uuml;llers Analyse, eine Riege neoliberaler Meinungsmacher. Sie habe im Zusammenspiel mit der Wirtschaft und von ihr finanzierten Einrichtungen wie der Bertelsmann-Stiftung und der Stiftung soziale Marktwirtschaft das Zerrbild der &bdquo;German Disease&rdquo; entworfen und halte die Reformkaskade in Gang. Wenn er es nicht ausdr&uuml;cklich dementieren w&uuml;rde, m&uuml;sste man glauben: Hier ist eine Verschw&ouml;rung der Wissenschafts- und Wirtschaftseliten am Werk, die vor allem ein Ziel hat: Die Armen &auml;rmer und die Reichen reicher zu machen. <\/p><p>Den geschlossenen Gegenentwurf zur heutigen Politik des Sozialab- und -umbaus und der Konsolidierung der &ouml;ffentlichen Haushalte um fast jeden Preis wagt M&uuml;ller nicht. Dass er sich hier nur mit Anmerkungen begn&uuml;gt, ist eine Schw&auml;che. Doch sie schm&auml;lert nicht M&uuml;llers Verdienst, die g&auml;ngigen Lehren der Angebotstheorie mit etlichen zum Nachdenken anregenden Fragezeichen versehen zu haben. <\/p><p><em>&copy; Handelsblatt<\/em>\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Handelsblatt, 03.09.2004, S.9, von Peter Thelen, Berlin. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[37,208,157],"tags":[300,1110,312],"class_list":["post-1106","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-globalisierung","category-rezensionen","category-wettbewerbsfaehigkeit","tag-mueller-albrecht","tag-reformluege","tag-reformpolitik"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1106","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1106"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1106\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32524,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1106\/revisions\/32524"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1106"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1106"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1106"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}