{"id":11063,"date":"2011-10-24T09:46:43","date_gmt":"2011-10-24T07:46:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11063"},"modified":"2016-06-01T12:04:15","modified_gmt":"2016-06-01T10:04:15","slug":"die-gunther-jauch-show-durchschaut-gar-nichts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11063","title":{"rendered":"Die G\u00fcnther-Jauch-Show durchschaut gar nichts"},"content":{"rendered":"<p>Zugegeben, es f&auml;llt schwer einen Fernsehauftritt von Helmut Schmidt zu kritisieren, dazu ist der Respekt vor dem 92-J&auml;hrigen und der Bewunderung seiner Formulierungskraft in hohem Alter zu gro&szlig;. Dieser Hochachtung ist offenbar auch der ohnehin auf Harmonie bedachte G&uuml;nther Jauch unterlegen. Und deswegen hatte seine Talkshow auch wenig mit Journalismus zu tun, sondern Jauch lieferte &ndash; vor Ehrfurcht erstarrt &ndash; nur Stichworte, mit denen sich Helmut Schmidt selbst und vor allem sein politischer Adoptivsohn Peer Steinbr&uuml;ck zur Selbstdarstellung und Eigenwerbung auch f&uuml;r ihr gemeinsames Buch pr&auml;sentieren konnten. So konnte sich Peer Steinbr&uuml;ck einmal mehr seiner Verantwortung f&uuml;r das Finanzdesaster entziehen und sich k&uuml;nftiger als Heilsbringer aus der Krise aufspielen. Von Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nEs war der Abend, an dem in Br&uuml;ssel &uuml;ber das Schicksal des Euro, ja &uuml;ber die Zukunft der Europ&auml;ischen Union und &uuml;ber eine erneute Bankenrettung gerungen wurde. Man h&auml;tte erwarten m&uuml;ssen, dass Jauch danach gefragt h&auml;tte, wie sich die beiden &bdquo;politischen Schwergewichte&ldquo; L&ouml;sungen vorstellten. Jauch fragte nur pseudokritisch: Man habe den Eindruck, die Regierungen w&uuml;ssten nicht, wo es lang gehe. Dabei entlie&szlig; er Helmut Schmidt mit einer launigen Bemerkung: &bdquo;Diesen Eindruck teile ich.&ldquo; Auch der Politiker, der nach Schmidts Adelung zum Kanzlerkandidaten &bdquo;einer von denen (ist), die wirklich wissen, wor&uuml;ber sie reden&ldquo;, konnte sich einer Antwort mit der banalen Aussage entwinden, dass die &bdquo;Krisenstrategie erfolglos&ldquo; sei und dass es keine L&ouml;sung sei, f&uuml;r die Opfer der Krise den Kapitaldienst zu finanzieren und ein &bdquo;Di&auml;tprogramm&ldquo; zu verordnen, das sie &bdquo;ins Grab bringe&ldquo;. Es fehle ein &bdquo;umfassender Ansatz&ldquo; kritisierte Steinbr&uuml;ck, ohne Gefahr laufen zu m&uuml;ssen, gefragt zu werden, wie ein solcher Ansatz denn aussehen k&ouml;nnte. Er konnte es bei der banalen Aussage belassen, dass die europ&auml;ische W&auml;hrung eine wichtige S&auml;ule der Europ&auml;ischen Union sei, ohne die Deutschland nicht in der &bdquo;Champions League&ldquo; spielen k&ouml;nne.<\/p><p>Und Helmut Schmidt konnte sich mit der Kritik begn&uuml;gen, dass bisher kaum Entscheidungen getroffen seien und sehr viel Zeit vertan worden sei. Und dann schob er noch einen Kassandraruf nach: Griechenland werde in eine Depression gest&uuml;rzt, &bdquo;von der niemand wei&szlig;, ob die Demokratie das aush&auml;lt.&ldquo;<\/p><p>Sodann war in Jauchs Fragezettel die Kritik aus dem Konrad-Adenauer-Haus an den Sozialdemokraten notiert, wonach es der damalige SPD-Finanzminister Hans Eichel gewesen sei, der den Griechen ein Aufnahmezeugnis in die Europ&auml;ische W&auml;hrungsunion ausstellte und es doch die Regierung Schr&ouml;der war, die den Euro-Stabilit&auml;tspakt verletzt habe. Hans Eichel sei vom &bdquo;Sparminister&ldquo; zum &bdquo;Schuldenhans&ldquo; geworden. <\/p><p>Aus heutiger Betrachtung sei die Aufnahme Griechenlands in die gemeinsame W&auml;hrung falsch gewesen meinten Schmidt und Steinbr&uuml;ck unisono, die Aufnahme in die Europ&auml;ische Union h&auml;tte gereicht. Und Steinbr&uuml;ck kritisierte nicht etwa den Maastricht-Vertrag, sondern nahm die damalige Verletzung des 3-Prozent-Kriteriums als Rechtfertigung f&uuml;r das &bdquo;fulminante Reformprogramm&ldquo;, das aufgelegt worden sei. Mit dieser &bdquo;Agenda 2010&ldquo; &ndash; so stimmten beide G&auml;ste mit dem Merkel-Spruch &uuml;berein &ndash; sei Deutschland &bdquo;schneller und erfolgreicher aus der Krise&ldquo; gekommen als andere L&auml;nder. Die naheliegende Frage, warum wir denn schon wieder mitten in einer Krise steckten, fiel Jauch nicht ein, vielmehr nahm er die g&auml;ngige Umdeutung auf, wonach die derzeitige Krise den staatlichen &bdquo;Schuldenbergen&ldquo; und nicht den Banken anzulasten sei. <\/p><p>Steinbr&uuml;ck meinte dazu, dass beide &ndash; Politik und Banken &ndash; schuld seien. Die Verschuldung sei zu hoch und die Banken seien in Gefahr geraten, dass &uuml;ber &bdquo;Infektionskan&auml;le&ldquo; zu anderen Banken und zu anderen Staaten L&auml;nder wie &bdquo;Dominosteine&ldquo; umgefallen w&auml;ren, wenn sie nicht gerettet worden w&auml;ren. Und dann brachte Helmut Schmidt den eigentlichen S&uuml;ndenbock ins Spiel. Steinbr&uuml;ck sei doch nahe daran gewesen die Schuldengrenze einzuhalten und dann sei eben die &bdquo;amerikanische Bankenkrise&ldquo; gekommen: &bdquo;Die Bankenkrise stammt aus New York.&ldquo; Alles &Uuml;bel habe in Amerika begonnen, mit der Preisgabe der Trennung von Kredit- und Investmentbanking, mit der Zulassung von Hedge-Fonds, mit dem aufkommenden Drohpotential &bdquo;too big,  to fail&ldquo;. <\/p><p>Dass vor allem auch Peer Steinbr&uuml;ck mit daf&uuml;r gesorgt hat, dass dem von ihm in der Sendung kritisierten Derivathandel, den Kreditversicherungen, dem <a href=\"?page_id=7035\">Finanzkapitalismus insgesamt<\/a> in Deutschland T&uuml;r und Tor ge&ouml;ffnet wurde, das war dem ansonsten beeindruckenden Erinnerungsverm&ouml;gen von Helmut Schmidt (und nat&uuml;rlich auch von G&uuml;nther Jauch) v&ouml;llig entschwunden. <\/p><p>Es ist geradezu ein Paradebeispiel f&uuml;r Geschichtsklitterung, wenn einerseits Helmut Schmidt sagen kann, dass man &bdquo;in einer Art freudiger Stimmung alle m&ouml;glichen gesetzlichen Regelungen aufgegeben&ldquo; und den &bdquo;M&auml;rkten&ldquo; einen &bdquo;Heiligenschein&ldquo; verpasst habe, und dass andererseits Peer Steinbr&uuml;ck alle Schuld mit der rhetorischen Gegenfrage &bdquo;Sie wollen doch nicht darauf hinaus, dass die SPD an der Schuldenkrise schuld ist&ldquo; seine Verantwortung auf andere abschieben kann. Es hat shakespearsche Qualit&auml;t der abwiegelnden Rhetorik, wenn Steinbr&uuml;ck einerseits kleine Schuldeingest&auml;ndnisse macht und sich dabei zum tragischen Helden stilisiert und auf der anderen Seite sich zum Opfer der damaligen Zeit stilisiert, das gel&auml;utert aus diesem Opfergang emporsteigt und sich als Retter aus der deutschen Finanzkrise aufschwingen kann:<\/p><p>Ja, man habe sich zu sehr dem damaligen Zeitgeist &bdquo;gebeugt&ldquo;, man sei &uuml;berzeugt gewesen, dass Deutschland &bdquo;einen gro&szlig;en Finanzsektor&ldquo; brauche, aber Hans Eichel habe sich damals immer noch den Vorwurf eingehandelt, dass er zu viel reguliere. Er, Steinbr&uuml;ck, habe schon 2007, also ein Jahr vor dem Ausbruch der Finanzkrise in Deutschland, &bdquo;Leitplanken&ldquo; einbauen wollen, aber die Anderen h&auml;tten ihm vorgehalten, &bdquo;die Deutschen wollen immer alles regulieren&ldquo;.<br>\nSteinbr&uuml;ck, der die F&ouml;rderung der Finanzindustrie in den Koalitionsvertrag der Gro&szlig;en Koalition hineingezw&auml;ngt hat, der Private Equity und Real Estate Investment Trusts in Deutschland hoff&auml;hig gemacht hat, kann so tun, als habe die Finanzkrise Deutschland wie ein <a href=\"?p=3122\">&bdquo;Spring-ins-Feld-Teufel&ldquo;<\/a> &uuml;berfallen; er tut so als habe es nicht schon im Jahr 2003 &Uuml;berlegungen zur Gr&uuml;ndung einer Bad Bank gegeben, als seien nicht schon damals faule Kredite an Industriebank IKB oder an die Hypo Real Estate (HRE) <a href=\"?p=6777\">ausgelagert worden<\/a>. <\/p><p>Steinbr&uuml;ck leidet entweder selbst an Ged&auml;chtnisverlust oder er setzt bei den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern auf einen kollektiven Ged&auml;chtnisverlust voraus, wenn er sich jetzt als Retter aus der Bankenkrise darstellt, ja noch mehr, sich als Heilsbringer aus der daraus erwachsenen gesellschaftlichen Krise ausgibt: Hinter der &ouml;konomischen Krise stecke eine gesellschaftliche Krise, die Politik sei getrieben und nicht mehr handlungsf&auml;higer Teil, die Gewinne w&uuml;rden privatisiert und die Verluste sozialisiert, Haftung und Risiko liefen nicht mehr zusammen. Er schwingt sich geradezu zum Sprachrohr der zweifelnden und an der Politik verzweifelnden Menschen auf und warnt vor den Gefahren f&uuml;r die Demokratie. <\/p><p>Peer Steinbr&uuml;ck spielt die Rolle des Doppelg&auml;ngers: Als Mister Hyde hat er das Finanzkasino in Deutschland er&ouml;ffnet und unser Land in die Finanzkrise hineingezogen; als der gute Dr. Jekyll tritt er nun auf und verspricht die Spekulanten wieder unter Kontrolle zu bringen und die Politik aus der F&auml;ngen zu befreien, um so die Demokratie zu retten. <\/p><p>Dass der Altkanzler Helmut Schmidt Peer Steinbr&uuml;ck bei Jauch als k&uuml;nftigen Kanzler anpreisen kann, &bdquo;weil wir im Augenblick politische F&uuml;hrer brauche, die wissen, wor&uuml;ber sie reden&ldquo;, bekommt angesichts dieses Doppelspiels seines gelegentlichen Schachpartners einen zynischen Unterton. Will Helmut Schmidt uns in Abwandlung seines drastischen Zitats <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2011\/29\/01-Deutsche-Bank\/seite-2\">in der &bdquo;Zeit&ldquo;<\/a> etwa damit sagen, dass nur dieser Typus von politischem F&uuml;hrer, der uns mit &bdquo;in die Schei&szlig;e geritten hat&ldquo;, uns auch wieder daraus herausholen k&ouml;nnte? <\/p><p>Wie sagte Schmidt doch in der Sendung &uuml;ber sich selbst: Er sei nicht gemein, sondern ironisch. Vielleicht war ja auch das Lob f&uuml;r Steinbr&uuml;ck nur ironisch gemeint.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zugegeben, es f&auml;llt schwer einen Fernsehauftritt von Helmut Schmidt zu kritisieren, dazu ist der Respekt vor dem 92-J&auml;hrigen und der Bewunderung seiner Formulierungskraft in hohem Alter zu gro&szlig;. Dieser Hochachtung ist offenbar auch der ohnehin auf Harmonie bedachte G&uuml;nther Jauch unterlegen. 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