{"id":1107,"date":"2005-01-25T12:35:12","date_gmt":"2005-01-25T10:35:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1107"},"modified":"2016-03-20T10:47:36","modified_gmt":"2016-03-20T09:47:36","slug":"jeder-kampfe-fur-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1107","title":{"rendered":"Jeder k\u00e4mpfe f\u00fcr sich"},"content":{"rendered":"<p>DIE ZEIT vom 13.1.2005<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Welches Menschenbild hat die &raquo;Reformpolitik&laquo;? Auf welche Werte bauen wir? Was hei&szlig;t es, B&uuml;rger zu sein, wie teuer ist uns die Demokratie? Drei B&uuml;cher analysieren den Umbau des Sozialstaates.<\/strong><\/p><p><strong>Mathias Greffrath. <\/strong><\/p><p>Deutschland ist ein Standort. Und eine Republik. Und ein Sozialstaat. Wir arbeiten auf M&auml;rkten, wir leben in solidarischen Zusammenh&auml;ngen, wir sind Mitglieder einer Republik, deren Verfassung ihren B&uuml;rgern &raquo;gleichwertige&laquo; und &raquo;einheitliche Lebensverh&auml;ltnisse&laquo; garantiert. Es ist keine Neuigkeit, dass diese historische Errungenschaft bedroht ist. Unter den Bedingungen transnationaler Produktion und unregulierter Weltm&auml;rkte spaltet sich die &raquo;Volkswirtschaft&laquo;: in einen hoch konzentrierten internationalen Sektor mit reichen Eliten; eine Neue Mitte, die dieser globalen Wirtschaft zuarbeitet, staatliche und lokale Dienstleistungen erbringt und zunehmend unter Druck ger&auml;t; schlie&szlig;lich: die Unterwelt der &raquo;&Uuml;berfl&uuml;ssigen&laquo;. In Deutschland konturiert ein Reformpaket aus Steuersenkungen und Hartz-Gesetzen diese Dreiteilung der Gesellschaft: Es beg&uuml;nstigt die kapitalintensiven Exportindustrien, und es stabilisiert &ndash; vorerst &ndash; die Belastungen der Neuen Mitte, indem es die Kosten f&uuml;r die &raquo;&Uuml;bersch&uuml;ssigen&laquo; senkt.<\/p><p>Das Fazit von M&uuml;llers &ouml;konomischen Alphabetisierungsbem&uuml;hungen: Der &raquo;Umbau&laquo; des Sozialstaates wird dessen Abbau beschleunigen. Wenn die beschworene Superkonjunktur ausbleibe, bestehe die Gefahr, dass Haushaltsk&uuml;rzungen die Binnenwirtschaft weiter ausbremsen k&ouml;nnten und die Zahl der Sozialstaatsklienten weiterwachse, mit der Folge, dass weniger Besch&auml;ftigte Beitr&auml;ge zahlen, die sozialstaatlichen Programme noch teurer werden, mit der Folge weiterer K&uuml;rzungen und dem Ausschluss von immer mehr B&uuml;rgern aus dem Solidarsystem der Arbeitsgesellschaft &ndash; kurz: eine Spirale nach unten. Aber was w&auml;re die Alternative? M&uuml;ller und andere Dissidenten fordern kr&auml;ftige staatliche Investitionen zur Ankurbelung der Konjunktur, weiter den Ausbau der Bildung, eine st&auml;rkere Besteuerung der kapitalintensiven Exportindustrie, h&ouml;here L&ouml;hne zur Belebung des Binnenmarktes. Schlie&szlig;lich: eine R&uuml;ckkehr zur Politik der Arbeitszeitverk&uuml;rzung, mit der bis in die siebziger Jahre hinein die technologisch bedingte Arbeitslosigkeit erfolgreich aufgefangen wurde. Das klingt vern&uuml;nftig und vertraut. Aber genau dies sei nicht praktikabel, sagen Politiker wie Wolfgang Clement: &raquo;Die r&auml;uberische Weltwirtschaft kann nicht in die nationale Kiste zur&uuml;ckgelegt werden.&laquo; Sozial&ouml;konomische Vernunft und Globalisierungsdynamik stehen im Widerspruch, und sie drohen die Sozialdemokratie zu zerrei&szlig;en.<\/p><p>Die Sozialdemokratie steht &ndash; wie lange wohl noch? &ndash; an einem historischen Scheideweg: zwischen der Anpassung an die Logik reiner M&auml;rkte, gemildert durch das Phantasma einer kommenden Gro&szlig;konjunktur (f&uuml;r die es keine Indizien gibt) &ndash; und der M&uuml;he, jene Rahmenbedingungen anzugreifen, welche die nationalen Arbeits- und Sozialpolitiken zu zerreiben drohen. Soziale Marktwirtschaft ist heute nur international m&ouml;glich: wenn die Finanzm&auml;rkte wieder reguliert, die Privatisierungspolitik der Welthandelsorganisation revidiert, die Zentralbanken st&auml;rker auf eine aktive Besch&auml;ftigungspolitik verpflichtet werden (was der Maastricht-Vertrag m&ouml;glich macht) und zumindest ein europ&auml;isches Steuersystem durchgesetzt wird.<\/p><p>F&uuml;r solche Vorst&ouml;&szlig;e aber steht derzeit keine politische Kraft zur Verf&uuml;gung. Auf dem Markt der Ideen dominiert, hoch subventioniert, ein Menschenbild, das nur den Marktteilnehmer kennt und keine B&uuml;rger mehr. Der katholische Wirtschaftsethiker Friedhelm Hengsbach zeichnet in seinem Buch Das Reformspektakel diesen intellektuellen Schrumpfprozess: als Bestandteil des &raquo;30-j&auml;hrigen Feldzugs&laquo; einer &raquo;informellen Koalition&laquo; von wirtschaftlichen, publizistischen und politischen Eliten gegen den Sozialstaat. Wenn die Politik alternativlos daherkommt, muss sie also von au&szlig;en belagert werden: mit Kr&auml;ften, die sich aus den Arsenalen immer noch tief sitzender historischer und moralischer &Uuml;berzeugungen best&uuml;cken. Der Jesuit Hengsbach f&uuml;hrt die Gerechtigkeitsvorstellungen der b&uuml;rgerlichen Tradition, der katholischen Soziallehre und der Sozialdemokratie ins Feld. In einer globalisierten Wirtschaft mit ihren Verwerfungen m&uuml;sse der Staat umso &raquo;mehr Gerechtigkeit schaffen&laquo;, es sei seine Aufgabe, &raquo;die Prim&auml;rverteilung zu korrigieren&laquo; und alle B&uuml;rger mit allem auszustatten, &raquo;das zu einem menschenw&uuml;rdigen Leben erforderlich ist, einem soziokulturellen Minimum, einem gesunden Leben, einer angemessenen Wohnung, Arbeit und Bildung&laquo;. Ohne diese Grundsicherheiten seien Menschen nicht in der Lage, ihre Freiheitsrechte auszu&uuml;ben. Es stehe mehr als nur Wohlstand auf dem Spiel.<\/p><p>&raquo;Die Verteidigung des Sozialstaats ist die Verteidigung der Demokratie&laquo;, mit diesem Kampfruf endet auch Gabriele Gillens Streitschrift Hartz IV &ndash; eine Abrechnung. Die K&ouml;lner Journalistin pr&uuml;ft die doppelten Buchf&uuml;hrungen der Reformpolitiker. So kontrastiert sie die hoch gefeierte Zahl von 176000 Minijobs (aus denen den Arbeitnehmern keine Rentenanspr&uuml;che erwachsen) mit den 227000 sozialversicherten Arbeitspl&auml;tzen, die gleichzeitig allein im Einzelhandel verschwanden. Sie bilanziert die Jubelmeldungen &uuml;ber die angeblich besch&auml;ftigungssichernde Abschaffung der 35-StundenWoche im Handy-Werk von Siemens: 800 Leiharbeiter verloren so ihren Job. Sie sitzt am K&uuml;chentisch des alleinerziehenden Sozialhilfeempf&auml;ngers und geht das Budget durch, das in diesem Jahr um 980 Euro schrumpft, und springt dann in die Gesamtbilanz: Sechs Milliarden Euro j&auml;hrlich sparen Bund und Kommunen bei den Arbeitslosen ein &ndash; und sechs Milliarden gewinnen die Reichen gleichzeitig durch die Senkung des Spitzensteuersatzes. Die Armutsgrenze liegt gem&auml;&szlig; der EU-Norm bei 730 Euro &ndash; im Westen Deutschlands aber liegt die Regelleistung von Arbeitslosengeld II plus Miete bei 662 Euro. &raquo;Armut per Gesetz&laquo;, die Parole der Harz IV Demonstranten, hat eine reale Grundlage. <\/p><p><strong>Der entfesselte Neoliberalismus wird einen Rumpfstaat zur&uuml;cklassen <\/strong><\/p><p>Gillens Buch ist gut recherchiert bis zur Schmerzgrenze, polemisch &ndash; und moralisch: Wenn beispielsweise Kurt Biedenkopf die Armen in Amerika preist, die drei Jobs zum erb&auml;rmlichen Leben brauchen, weil sie so doch wenigstens &raquo;motiviert&laquo; werden, dann erinnert die Journalistin an die fette &raquo;Sozialmiete&laquo; des kleinen s&auml;chsischen K&ouml;nigs; sie macht die Kollegin bei der Financial Times Deutschland nieder, die Hartz IV als &raquo;notwendigen Tritt in den Arsch der Arbeitslosen&laquo; gepriesen hat; sie erz&auml;hlt von dem Leiter des Instituts der Arbeitsgemeinschaft selbst&auml;ndiger Unternehmer, der da meinte, bei gleichen Startchancen w&uuml;rden &raquo;die geistigen oder charakterlichen Schw&auml;chen der &uuml;berwiegenden Mehrzahl der Durchschnittlichen und Unterdurchschnittlichen mit brutaler Nacktheit als Ursache des verlorenen Rennens enth&uuml;llt&laquo;. Und sie bringt die B&uuml;rokratenlogik der &raquo;Bedarfsgemeinschafts&laquo;-Kriterien f&uuml;r Alg-II-Bezieher auf den Punkt: &raquo;Hartz IV favorisiert einen Menschentyp, der als Einzelk&auml;mpfer durchs Leben l&auml;uft &hellip; Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: Binden Sie sich an niemanden, vor allem teilen Sie nie eine Wohnung mit einem anderen Menschen. Irgendwann entpuppt sich Ihr Partner als Versagermodell, und Sie sollen dann f&uuml;r diesen Menschen nicht nur Achtung, sondern auch noch Ihr Erspartes aufbringen? Machen Sie f&uuml;r den Rest Ihres Lebens den One-Night-Stand zum Lebensprinzip. Trennung vor dem Fr&uuml;hst&uuml;ck, damit Ihr Fall-Manager blo&szlig; nicht auf den Gedanken kommt, dass Sie beim anschlie&szlig;enden Aids-Test f&uuml;r die Praxisgeb&uuml;hr Ihres Sexualpartners aufkommen m&uuml;ssen.&laquo; <\/p><p>Gillen pr&auml;sentiert eine Collage, die informativ ist und temperamentvoll &ndash; Aufkl&auml;rung &uuml;ber den Zusammenhang von Globalisierung und Sozialstaatsschwund, Pressekritik, Kurzreportagen, satirische Briefe an Unternehmer, wahlweise an Gr&uuml;ne, die ihr &raquo;Klopapier von Manufactum&laquo; beziehen und nur noch eine Angst haben: als &raquo;strukturkonservativ&laquo; zu gelten. Es gibt pr&auml;zise Detailaufnahmen der Ungleichheit und Kritik an der Weltwirtschaftsordnung: &raquo;Die Nation wird geschw&auml;cht, weil die Internationalisierung das Kapital st&auml;rkt. &hellip; Zur&uuml;cklassen wird der entfesselte Neoliberalismus einen Rumpfstaat, in dem es vielleicht noch eine Art &ouml;ffentlicher Armenpflege auf Suppenk&uuml;chenniveau, &ouml;ffentliche Schulen f&uuml;r die Alphabetisierung des gemeinen Volkes und massenhaft Ordnungskr&auml;fte gibt. Wie in den USA.&laquo;<\/p><p>Kassandrarufe? Sicherlich. Aber die Symptome sind unbestreitbar: Die politischen Zivilisationen rutschen ab. Die Verwerfungen der globalisierten Wirtschaft und das Ende der nationalen Volkswirtschaft bedrohen die Balance zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, zwischen dem Homo oeconomicus, dem zur Moral begabten Menschen und dem Republikaner in uns. &raquo;Wer ist noch &rsaquo;wir&lsaquo;?&laquo;, fragte der amerikanische Arbeitsminister Robert Reich schon vor f&uuml;nfzehn Jahren, &raquo;was schulden wir einander als B&uuml;rger derselben Gesellschaft, die nicht l&auml;nger eine und dieselbe Wirtschaft bewohnen?&laquo; Die Frage ist nicht weniger dringlich als damals. <\/p><p>&copy; DIE ZEIT\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DIE ZEIT vom 13.1.2005 <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[208,145,30],"tags":[300,1110,457],"class_list":["post-1107","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen","category-sozialstaat","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-mueller-albrecht","tag-reformluege","tag-zeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1107","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1107"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1107\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32315,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1107\/revisions\/32315"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1107"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1107"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1107"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}