{"id":110869,"date":"2024-02-10T15:00:41","date_gmt":"2024-02-10T14:00:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110869"},"modified":"2024-02-14T19:57:57","modified_gmt":"2024-02-14T18:57:57","slug":"deutsch-indonesische-kontakte-im-zeichen-stetiger-spurensuche-und-beharrlichen-brueckenbaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110869","title":{"rendered":"Deutsch-indonesische Kontakte im Zeichen stetiger Spurensuche und beharrlichen Br\u00fcckenbaus"},"content":{"rendered":"<p>Mit ann&auml;hernd 280 Millionen Einwohnern ist der weltgr&ouml;&szlig;te Inselstaat Indonesien zugleich das Land mit dem h&ouml;chsten Anteil von Muslimen &ndash; fast 90 Prozent &ndash; an der Bev&ouml;lkerung. Am 14. Februar sind auf diesem s&uuml;dostasiatischen Archipel 205 Millionen Menschen aufgerufen, an die Urnen zu gehen, um u.a. einen neuen Pr&auml;sidenten und Vizepr&auml;sidenten zu w&auml;hlen. Der noch amtierende Pr&auml;sident Joko Widodo, besser bekannt unter seinem Spitznamen Jokowi, darf sich nach zweimaligem Sieg nicht ein drittes Mal zur Wahl stellen. Gute Erfolgsaussichten auf das h&ouml;chste Staatsamt hat mit Ex-General Prabowo Subianto ausgerechnet eine Galionsfigur der Suharto-Diktatur (1966 bis 1998). So bedeutsam die politischen Geschehnisse in diesem viertbev&ouml;lkerungsreichsten Staat der Erde sind, so vergleichsweise wenig erf&auml;hrt man in hiesigen Medien &uuml;ber Land und Leute &ndash; und dann meist nur im Falle neuerlicher Vulkanausbr&uuml;che oder anderer Naturkatastrophen. <strong>Karl Mertes<\/strong> (75) z&auml;hlt im deutschsprachigen Raum zu den bestinformierten und herausragenden Landeskennern. Zusammen mit seiner Frau Lena Simanjuntak, einer indonesischen K&uuml;nstlerin, versteht er sich als interkultureller Br&uuml;ckenbauer. Um ihn ausf&uuml;hrlich zu Wort kommen zu lassen, f&uuml;hrte unser S&uuml;dost- und Ostasienexperte <strong>Rainer Werning<\/strong> f&uuml;r die <em>NachDenkSeiten<\/em> nachfolgendes Interview mit <strong>Karl Mertes<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Rainer Werning: <em>Was bewog einen Rheinl&auml;nder wie Sie, sich &uuml;ber f&uuml;nf Jahrzehnte lang ausgerechnet und intensiv mit Indonesien zu befassen?<\/em><\/strong><\/p><p><strong>Karl Mertes:<\/strong> Als Sch&uuml;ler habe ich schon versucht, mit meinen &uuml;berschaubaren Interessen die Welt zu erkunden. <em>Gullivers Reisen<\/em> geh&ouml;rten ebenso dazu wie die legend&auml;ren <em>Karl-May-Romane <\/em>und die Comic-Heftchen von <em>Sigurd<\/em>.<em> <\/em>Von Indonesien hatte ich blo&szlig; im Ohr &bdquo;<em>Der Elefant von Celebes hat hinten etwas Gelebes, der Elefant von Borneo der hat dasselbe vorneo&ldquo;<\/em>. Und dank Vaters Rauchgewohnheiten hatte ich etwas von <em>Sumatra-Zigarren<\/em> aufgeschnappt.<\/p><p>Das trug allerdings nicht zu einem konkreten Bild &uuml;ber Indonesien bei, anders als mein sp&auml;teres Engagement in Studienzeiten. Ende der 1960er-Jahre hatte ich mich in entwicklungspolitischen Gruppen umgetan und so auch oberfl&auml;chlich etwas von der <em>Bandung Konferenz<\/em> 1955 und den Massakern 1965\/66 geh&ouml;rt. Ein spezielles Interesse an Indonesien entstand dadurch jedoch noch nicht. Das war ja so weit weg und eigentlich unerreichbar.<\/p><p>1972 begann ich als Diplom-P&auml;dagoge beim <em>Westdeutschen Rundfunk (WDR)<\/em> als Redakteur im Schulfernsehen und bei anderen Bildungsprogrammen. Auf der Suche nach weiteren beruflichen oder auch alternativen Aktivit&auml;ten und Herausforderungen nahm ich nach gut zwei Jahren Kontakt zu Kollegen in unterschiedlichen Medienprojekten in der &bdquo;Dritten Welt&ldquo; auf. Zuf&auml;llig kam eine Reaktion aus Jakarta, wo ein Team von WDR-Mitarbeitern bereits in einer Fernsehausbildungsst&auml;tte t&auml;tig war. Dort sollte &ndash; als entwicklungspolitische Initiative &ndash; ein Bildungsfernsehen aufgebaut werden. &bdquo;Aha, das k&ouml;nnte ja interessant sein&ldquo;, dachte ich und lie&szlig; mich vom Sender beurlauben, um ab 1976 f&uuml;r knapp f&uuml;nf Jahre als Dozent und Berater &ndash; Consultant genannt &ndash; f&uuml;r das indonesische Informationsministerium im Auftrag des<em> Bundesministeriums f&uuml;r wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) <\/em>zu arbeiten. Dabei musste ich mich darauf einstellen, dass dort Rundfunk im staatlichen Auftrag und Interesse realisiert wurde, wenngleich mein Hintergrund das am Gemeinwohl orientierte &ouml;ffentlich-rechtliche System war.<\/p><p>Immerhin: Der Br&uuml;ckenschlag war getan. Zur Vorbereitung hatte ich in K&ouml;ln bei der <em>Deutsch-Indonesischen Gesellschaft (DIG)<\/em> einen kurzen Sprachkurs absolviert und mehr &uuml;ber Land und Leute erfahren.<\/p><p><strong>Nelkenzigaretten und andere speziellen D&uuml;fte<\/strong><\/p><p><em><strong>Wann reisten Sie das erste Mal nach Indonesien, und was beeindruckte Sie dort am meisten?<\/strong><\/em><\/p><p>Im Herbst 1976 flog ich nach Indonesien, meine erste Reise nach Asien. Der bekannte Effekt nach der Landung in Jakarta, beim Verlassen des Flugzeugs: Du denkst, ein nasses Handtuch fliegt dir ins Gesicht. Die Umstellung auf die feuchte tropische Atmosph&auml;re war sehr gew&ouml;hnungsbed&uuml;rftig, auch weil Klimaanlagen in vielen Geb&auml;uden oder Autos noch nicht verbreitet waren. Als &bdquo;Expatriate&ldquo; stand mir ein eigenes Haus zu, das ich mit Unterst&uuml;tzung des BMZ f&uuml;r zun&auml;chst zwei Jahre im Voraus &ndash; bar bezahlt &ndash; anmieten konnte.<\/p><p>Ungewohnt war f&uuml;r mich die auff&auml;llige Freundlichkeit der Menschen, die Neugierde an Begegnungen. Auf der einen Seite erfuhr ich das gewiss allein aufgrund meiner K&ouml;rpergr&ouml;&szlig;e, meines fremden Aussehens &ndash; auf der anderen Seite best&auml;tigte sich jedoch fortlaufend, wie unkompliziert Indonesier um Kontakte bem&uuml;ht sind. &Uuml;berraschend waren manchmal die Gespr&auml;chsanl&auml;sse. Nicht nur nach dem Woher und Wohin wurde gefragt, sondern auch nach dem Familienstatus, &bdquo;wie viele Kinder hast du?&ldquo; beispielsweise.<\/p><p>Meine Aufgabe bestand darin, den Studierenden am <em>TV-Trainingcentre<\/em> in Jakarta Grundlagen des Erziehungsfernsehens, Fragen der Konzeption, Zielsetzung und Umsetzung zu vermitteln. Der Unterricht sollte auf Englisch erfolgen, wobei rasch klar wurde, dass die jungen Leute damit nicht recht klarkamen. Was blieb mir &uuml;brig? Ich begann also, zun&auml;chst mit einem W&ouml;rterbuch in der Hand und dann zunehmend sicherer, die Lehrg&auml;nge auf Indonesisch zu halten. Dabei waren verschiedentlich merkw&uuml;rdige und lustige Versprecher nicht zu vermeiden. Das legte sich aber mit der Zeit.<\/p><p>Eindrucksvoll waren nat&uuml;rlich auch die Erfahrungen in der schon damals dicht bev&ouml;lkerten Millionen-Metropole Jakarta, der gr&ouml;&szlig;ten Stadt im weltgr&ouml;&szlig;ten Archipel. Die Infrastruktur, der Verkehr, das Menschengewimmel auf den Stra&szlig;en, die vielf&auml;ltigen Einkaufsm&ouml;glichkeiten auf den M&auml;rkten und dem seinerzeit einzigen gro&szlig;en Kaufhaus <em>Sarina<\/em>. Und die Ger&uuml;che, der Duft der Nelkenzigaretten &ndash; Gew&uuml;rze, Abfall, Blumen und Pflanzen verstr&ouml;mten allerorten spezielle D&uuml;fte. Monumente und Dokumente der Kolonialzeiten sowie der feudalen regionalen Herrschaften weckten zudem oft genug meine Aufmerksamkeit.<\/p><p>Auch kulturell gab&rsquo;s viel zu erkunden. Bauten eben aus der Kolonialzeit, Museen, Moscheen, Kirchen &ndash; und insbesondere die unterschiedlichen Vorstellungen von <em>Wayang<\/em>. Dieses jahrhundertealte Puppenspiel in unterschiedlichen Formen und Stilen pr&auml;gt insbesondere die javanische und balinesische darstellende Kunst. Vornehmlich sind es &uuml;berlieferte Legenden und Volksepen aus den fr&uuml;hen indischen Verbindungen, wie <em>Mahabharata<\/em> oder <em>Ramayana<\/em>, jeweils regional oder lokal adaptiert und angepasst. Faszinierend erlebte ich, dass an Samstagabenden Scharen von Zuh&ouml;rern sich um ein Radio versammelten, um die stundenlangen &Uuml;bertragungen der Schattenspiele der <em>Wayang Kulit<\/em>-Auff&uuml;hrungen aus dem Nationalmuseum zu verfolgen. Die Leute konnten sozusagen am Radio die Spiele sehen, weil ihnen die Geschichten von Kind an vertraut waren. Und das damals noch nicht so weit verbreitete Fernsehen wurde umgangssprachlich auch <em>Wayang-Hidup<\/em> genannt &ndash; &bdquo;lebendiges Wayang&ldquo;.<\/p><p>Klassische T&auml;nze, ausgefeilte Handwerksprodukte, Ges&auml;nge &uuml;bten einen besonderen Reiz aus, weil f&uuml;r unseren kulturellen westlichen Hintergrund so anders, so fremd, so herausfordernd.<\/p><p>Dienstliche und vor allem auch private Reisen machten mir im Laufe der Jahre viele Regionen bekannt. Aus beruflichen Gr&uuml;nden musste ich zu Fernseh- und Radiostationen Kontakt aufnehmen und lernte dabei nat&uuml;rlich Neues &uuml;ber Land und Leute. Das erg&auml;nzte ich durch viele private Touren &ndash; von Sumatra bis Papua.<\/p><p><strong>Langj&auml;hriger Austausch<\/strong><\/p><p><em><strong>Seit wann l&auml;sst sich f&uuml;glich von deutsch-indonesischen beziehungsweise indonesisch-deutschen Beziehungen reden? Was pr&auml;gte sie oder kennzeichnete diese in besonderer Weise?<\/strong><\/em><\/p><p>Eine R&uuml;ckschau auf die bilateralen Beziehungen: Indonesien und Deutschland gab es noch nicht als eigenst&auml;ndige L&auml;nder oder Nationen, als sich Menschen aus beiden Regionen begegneten. Da waren zun&auml;chst ab dem 15.\/16. Jahrhundert Seeleute, Abenteurer, S&ouml;ldner aus deutschen Landen, die zur Zeit der Erkundung bzw. Eroberung S&uuml;dostasiens mit den Portugiesen, Spaniern, Engl&auml;ndern, Holl&auml;ndern auf den Meeren unterwegs waren. Auf der Suche nach den legend&auml;ren Gew&uuml;rzinseln waren Mitglieder der vom Portugiesen Magellan geleiteten Expedition um 1520 in spanischen Diensten auch auf den Molukken. Zur Bordmannschaft der Segelschiffe z&auml;hlte den &Uuml;berlieferungen zufolge auch ein deutschst&auml;mmiger Kanonier mit Namen <em>Hannes aus Aachen<\/em>. Den machtpolitischen Interessen der Kolonialm&auml;chte folgten seinerzeit neben Kaufleuten und Milit&auml;rs auch Missionare und Wissenschaftler.<\/p><p>Im Verlauf der holl&auml;ndischen Kolonialzeit waren zigtausend Deutsche in der Verwaltung von Niederl&auml;ndisch-Indien t&auml;tig, u.a. auf Plantagen, beim Milit&auml;r oder in der Verwaltung. Als Ingenieure, Techniker, in medizinischen Diensten oder der Administration des Archipels taten sie ihren Dienst.<\/p><p>Es gibt einige herausragende Forscher und Akademiker. Caspar Georg Karl Reinwardt beispielsweise gr&uuml;ndete 1817 den Botanischen Garten in Bogor und initiierte damit fortw&auml;hrende internationale Kontakte in der Botanik. Franz Wilhelm Junghuhn war im 19. Jahrhundert als vielseitiger Wissenschaftler t&auml;tig, vornehmlich auf Java und Sumatra. U.a. erkannte und f&ouml;rderte er den Chinarinden-Baum zur Entwicklung von Chinin. Junghuhn ist als der &bdquo;Humboldt von Java&ldquo; benannt worden, weil er auf Expeditionen als Naturforscher bedeutende Entdeckungen und Dokumentationen &uuml;berlieferte. Etwa zeitgleich war auf dem umgekehrten Wege Raden Saleh Syarif Bustaman in Deutschland aktiv &ndash; er hatte in Europa u.a. Malerei studiert und lebte lange Jahre in Dresden und Coburg. Er trug zur Einf&uuml;hrung neuerer Sehweisen und Malstile bei und wird oft als der Begr&uuml;nder &bdquo;moderner indonesischer Malerei&ldquo; bezeichnet. Ernst Heinrich Haeckel, Zoologe aus Jena, der den Darwinismus popul&auml;r machte, berichtete 1901 &uuml;ber seine wissenschaftlichen Java-Reisen in <em>&bdquo;Aus Insulinde&ldquo;.<\/em> Im 20. Jahrhundert siedelte und wirkte zwischen den Weltkriegen der Musiker, Maler, Ethnologe, Historiker Walter Spies zun&auml;chst auf Java und dann lange Jahre auf Bali, wo er die kulturelle Begegnung, den Austausch zwischen Europa und Asien auf eine besondere Manier f&ouml;rderte.<\/p><p>Im Verlaufe der Jahrhunderte trugen auch Missionare zu einer bemerkenswerten Bereicherung der Kontakte bei. Neben ihrer Christianisierung verfassten viele ethnologische Beitr&auml;ge und vor allem sprachwissenschaftliche Werke. Dar&uuml;ber hinaus unterst&uuml;tzten sie auch das Gesundheitswesen und Bildungseinrichtungen. Aus unserer Zeit sei noch verwiesen auf den deutschst&auml;mmigen &ndash; mittlerweile indonesischen &ndash; Philosophen und Theologen Franz Magnis Suseno. Er tr&auml;gt auf eine spezifische Art und Weise zum interkulturellen gesellschaftskritischen Dialog bei.<\/p><p>Zahlen und Namen g&auml;be es noch viele zu benennen. Wer mehr &uuml;ber die Einfl&uuml;sse &bdquo;Indonesiens in der deutschen Geisteswelt&ldquo; wissen m&ouml;chte, dem sei als Lekt&uuml;re die Publikation von Heinrich Seemann (Botschafter in Jakarta von 1994 bis 2000) <em>&bdquo;Von Goethe bis Emil Nolde&ldquo; <\/em>empfohlen. Journalistischen Input erfuhr ich &uuml;brigens vom Leiter des indonesischen Programms der <em>Deutschen Welle<\/em>, R&uuml;diger Siebert. Er war einer der flei&szlig;igsten und originellsten Publizisten zu Indonesien und den bilateralen Beziehungen.<\/p><p>W&auml;hrend der Nazi-Zeit und im Zweiten Weltkrieg gab es ausgesprochen intensive Verbindungen, namentlich der deutschen Marine, nach Indonesien. U-Boot-Stationen in Sumatra und Java sorgten f&uuml;r einen regen Austausch. Horst Geerken warf mit seinen Publikationen <em>&bdquo;Hitlers Griff nach Asien&ldquo;<\/em> einen hochinteressanten Blick auf diese milit&auml;rischen Kontakte. &Uuml;brigens h&ouml;rt man auch heute oft noch den vorgeblich freundlich gemeinten Gru&szlig; <em>&bdquo;Heil Hitler&ldquo;<\/em> von Indonesiern gegen&uuml;ber Deutschen, wodurch die Anerkennung der Besetzung und Besiegung der Niederlande durch die Wehrmacht ausgedr&uuml;ckt werden soll &ndash; denn die verhasste Kolonialmacht war damit in ihre Grenzen verwiesen worden.<\/p><p>Diplomatische Beziehungen zwischen der 1945 neu ausgerufenen Republik Indonesien und der Bundesrepublik Deutschland wurden 1952 beschlossen, sp&auml;ter auch &ndash; trotz der <em>Hallstein-Doktrin<\/em> &ndash; mit der DDR. 2022 hat die Deutsch-Indonesische Gesellschaft \/ DIG aus Anlass dieser 70-j&auml;hrigen zwischenstaatlichen Verbindungen in Bali eine Konferenz<em> &bdquo;Kultur im Dialog&ldquo; <\/em>durchgef&uuml;hrt.<\/p><p><strong>Blinde Flecken im Geschichtsbild<\/strong><\/p><p><em><strong>Wie erfuhren Sie &uuml;ber die turbulenten innenpolitischen Entwicklungen, die schlie&szlig;lich zur Jahreswende 1965\/66 zum Machtantritt von General Suharto f&uuml;hrten? War das eigentlich ein Thema, das in der alten Bundesrepublik gr&ouml;&szlig;ere mediale Beachtung fand?<\/strong><\/em><\/p><p>Nein, der Staatsstreich im September 1965 war seinerzeit hier kein bestimmendes Thema. Der Vietnamkrieg beherrschte Meldungen &uuml;ber S&uuml;dostasien. Gewiss gab es vereinzelt Nachrichten &uuml;ber die Massaker und den Sturz von dem in Westdeutschland bekannten ersten indonesischen Pr&auml;sidenten Sukarno. Der hatte 1956 einen Besuch in der Bundesrepublik absolviert, mit damals wohlwollender und anerkennender Berichterstattung. Immerhin war er 1955 Gastgeber der <em>Bandung-Konferenz<\/em>, auf der die <em>Bewegung der &bdquo;Blockfreien&ldquo;<\/em> ins Leben gerufen wurde, eine antiwestliche und antikapitalistische Initiative w&auml;hrend des Kalten Krieges.<\/p><p>Indonesien war seinerzeit ein weitgehend wei&szlig;er Fleck. Die wirtschaftlichen Beziehungen waren zwar ausgebaut, touristisch war der Archipel jedoch noch kein Ziel.<\/p><p>Anfang der 1970er-Jahre habe ich dann jedoch mehr &uuml;ber den Staatsstreich erfahren, weil sich &ndash; beispielsweise in Aachen und K&ouml;ln &ndash; Protestgruppen etabliert hatten, die auf die Gewaltexzesse und die willk&uuml;rliche Machtaus&uuml;bung unter Suharto aufmerksam machten. <em>IMBAS<\/em> war beispielsweise eine Solidarit&auml;tsgruppe, die mit Hintergrundinformationen Fakten lieferte.<\/p><p>In Indonesien selbst war das Thema des Machtwechsels 1965\/66 hin zur sogenannten <em>Neuen Ordnung<\/em> unter Suharto (in Abgrenzung zur Alten Ordnung unter Sukarno) absolutes Tabu.<\/p><p><em><strong>Von Haus aus waren Sie Journalist und langj&auml;hrig beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) in K&ouml;ln t&auml;tig. Konnten Sie dort M&ouml;glichkeiten nutzen, sich auch publizistisch &uuml;ber politische Geschehnisse in Indonesien zu &auml;u&szlig;ern?<\/strong><\/em><\/p><p>Ja. Nach meiner Ankunft in Indonesien hatte ich auch Kontakte zu Opfern der Massaker und erfuhr mehr &uuml;ber die Vorf&auml;lle, vor allem &uuml;ber die als <em>&bdquo;Ex-Tapol&ldquo;<\/em> gekennzeichneten entlassenen H&auml;ftlinge, deren b&uuml;rgerliche Rechte weiterhin eingeschr&auml;nkt waren. Nat&uuml;rlich gab es eine illegale Opposition, Widerst&auml;nde und Auseinandersetzungen im Umgang mit der Regierung der sogenannten Neuen Ordnung. Gewerkschaften, Kirchen, internationale Organisationen f&ouml;rderten entsprechende Kontakte.<\/p><p>Auf der einen Seite verfasste ich gelegentlich Beitr&auml;ge &uuml;ber die bilateralen Beziehungen f&uuml;r den damals neu gegr&uuml;ndeten deutschsprachigen Kanal des indonesischen Radio-Auslandsprogramms von<em> Radio Republik Indonesien\/RRI<\/em>. Die waren allerdings ausgesprochen unpolitisch und schilderten Allt&auml;glichkeiten. Andererseits konnte ich eine Reihe von H&ouml;rfunkbeitr&auml;gen und auch Artikel unter Pseudonym verfassen. Aufgrund meines Status als Mitarbeiter in staatlichen Diensten musste ich achtsam sein, um mich, aber vor allem meine Informanten und Gespr&auml;chspartner keinem Risiko auszusetzen. Immerhin konnte ich auch klandestine Kontakte zu dem mit Auftritts- und Publikationsverboten isolierten Schriftsteller <em>Pramoedya Ananta Toer<\/em> aufnehmen. Dadurch gelang es, die erste &Uuml;bersetzung seines Romans <em>&bdquo;Garten der Menschheit \/ Bumi Manusia&ldquo;<\/em> in Deutschland mit in die Wege zu leiten &ndash; und sp&auml;ter auch weiterer Folgen der sogenannten <em>Buru-Tetralogie.<\/em> &Uuml;brigens konnte die DIG ihn 1999 auch zu einem Besuch nach K&ouml;ln einladen.<\/p><p>Im <em>WDR<\/em> gab es in den 1970er-\/80er-Jahren eine Vielzahl an H&ouml;rfunk- und Fernsehsendungen, die sich ausgesprochen intensiv mit Auslandsberichterstattung befassten. Dies erm&ouml;glichte es mir, selbst weitere Berichte zu publizieren &ndash; von Reisereportagen bis hin zu wirtschafts- und entwicklungspolitischen Themen.<\/p><p>Im Rahmen der Programme der <em>Deutsch-Indonesischen Gesellschaft<\/em> haben wir in den zur&uuml;ckliegenden Jahren ein differenziertes und breites Spektrum an kritischen Veranstaltungen organisieren k&ouml;nnen &ndash; bis zum Abtritt von Suharto im Mai 1998 &uuml;brigens oft genug zum Missfallen der indonesischen Botschaft. Inzwischen ist eine offene und unbedenkliche Auseinandersetzung auch um die Aufarbeitung der Ereignisse um 1965\/66 m&ouml;glich.<\/p><p><em><strong>Warum wird in Deutschland versucht, die Geschehnisse, die zum Machtantritt von Suharto f&uuml;hrten, bis heute wie ein Staatsgeheimnis der alten Bundesrepublik zu h&uuml;ten und mit allen Mitteln eine diesbez&uuml;gliche Aufkl&auml;rung zu verhindern?<\/strong><\/em><\/p><p>Das kann ich nicht erkl&auml;ren. Als &bdquo;Staatsgeheimnis&ldquo; wird zwar geh&uuml;tet, dass offensichtlich noch nicht s&auml;mtliche Akten zug&auml;nglich sind und Handlungsmotive der seinerzeitigen Regierungen nicht offengelegt werden. Dennoch haben wir ein ziemlich realistisches und transparentes Bild der Vorg&auml;nge Mitte der 1960er-Jahre. Zahlreiche Augenzeugenberichte, offizielle sowie private Dokumente, journalistische Recherchen und Filmdokumentationen legen die Situation vor rund sechs Jahrzehnten dar. Die damals anfangs gegen&uuml;ber den Putschisten zur&uuml;ckhaltende, aber dann fraglos wohlwollende und positive Position der Bundesrepublik spiegelt nat&uuml;rlich die Gro&szlig;wetterlage: Der Kalte Krieg hatte eine klare Grenzziehung Ost-West geschaffen. Und dieser Logik schloss sich auch Bonn an.<\/p><p>Interessant ist dabei, dass neun Jahre zuvor mit Sukarno der erste Pr&auml;sident Indonesiens im Juni 1956 einen Staatsbesuch in der Bundesrepublik absolvierte. Die Reise rief viel Aufmerksamkeit und Neugierde hervor. Der Mann galt als Repr&auml;sentant f&uuml;r die ein Jahr zuvor ins Leben gerufene Gruppe der unabh&auml;ngigen Staaten im konkurrierenden Ost-West System. In Bandung hatten sich 1955 fr&uuml;here Kolonien als die Blockfreien identifiziert, die den Dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus suchten. In Heidelberg hielt Sukarno eine weit beachtete Rede gem&auml;&szlig; dem Motto <em>&bdquo;<\/em>die geistigen Str&ouml;mungen in Asien k&ouml;nnten die moralische Kraft der Welt sein&ldquo; &hellip; und nun das, zehn Jahre sp&auml;ter!<\/p><p>Die Bundesrepublik richtete sich rasch auf die neuen Verh&auml;ltnisse ein, vorrangig mit Blick auf wirtschaftliche Kooperationen. Dabei konnte Deutschland auf Tradition setzen: Hatte <em>Siemens<\/em> doch schon im 19. Jahrhundert den Sultanspalast in Yogyakarta elektrifiziert &ndash; viele Plantagen waren erfolgreich von Deutschen geleitet worden &ndash; <em>Telefunken<\/em>-Sendeanlagen und Radios sorgten f&uuml;r reibungslose H&ouml;rfunkversorgung &ndash; das Gesundheitswesen war in den 1950er-Jahren durch entsandte deutsche &Auml;rzte geregelt worden &ndash; der <em>VW<\/em>-K&auml;fer gew&auml;hrleistete Mobilit&auml;t &ndash; und so fort. Au&szlig;erdem hatte Nazi-Deutschland &ndash; wie bereits erw&auml;hnt &ndash; die verhassten Holl&auml;nder im Zweiten Weltkrieg in ihre Grenzen verwiesen.<\/p><p><strong>Im Reformsog?<\/strong><\/p><p><em><strong>Im just vergangenen Jahr j&auml;hrte sich zum 25. Mal jener Prozess, der in Indonesien als &bdquo;reformasi&rdquo; bezeichnet wird &ndash; eine Epoche also, die seit dem Ende der &Auml;ra Suharto im Mai 1998 einen umfassenden gesellschaftspolitischen Reformprozess auf den Inseln einleiten sollte. Was sind die Ihrer Meinung nach hervorstechenden Merkmale ebendieser &bdquo;reformasi&rdquo;? Sind da m&ouml;glicherweise auch Tendenzen konstatierbar, die ihr entgegenwirken und sie gef&auml;hrden?<\/strong><\/em><\/p><p>Nach dem erzwungenen R&uuml;cktritt Suhartos durch die Proteste im Inland und den internationalen Druck &uuml;bernahm sein Vizepr&auml;sident Bacharuddin Jusuf Habibie das Amt des Staatsoberhauptes, Regierungschefs und Oberbefehlshabers. Er war 1955 als Stipendiat nach Deutschland gekommen, hatte in Aachen Luft- und Raumfahrttechnik studiert, sich promoviert, war in einem deutschen Luftfahrtunternehmen als f&uuml;hrender Manager t&auml;tig und wurde 1974 von Suharto als Technologieberater berufen, um 1978 Forschungs- und Technologieminister zu werden. Er begr&uuml;ndete eine (erfolglose) Luftfahrtindustrie, f&ouml;rderte die Nukleartechnologie und legte Grundsteine f&uuml;r eine stabilere Wirtschaftsentwicklung. Im M&auml;rz 1998 war Habibie zum Vizepr&auml;sidenten ernannt worden und l&ouml;ste bereits drei Monate sp&auml;ter seinen politischen Ziehvater Suharto als dritter Pr&auml;sident Indonesiens ab. 517 Tage war er im Amt und hatte bemerkenswerte Initiativen losgetreten. Zwar war er auf der einen Seite Vertreter des nach mehr als 30 Jahren abgehalfterten Systems, auf der anderen Seite aber klug und mutig genug, wesentliche Neuerungen und gesellschaftliche Fortschritte einzuleiten: Presse- und Meinungsfreiheit, Entlassung politischer Gefangener, freie Gewerkschaften und Parteien und sogar ein Unabh&auml;ngigkeitsreferendum in Osttimor, der 1976 von Indonesien gewaltsam besetzten ehemaligen portugiesischen Kolonie, das dort dann 2002 in die Unabh&auml;ngigkeit m&uuml;ndete.<\/p><p>Die angesprochene <em>Reformasi <\/em>kennzeichnet also den Schritt in eine Demokratie, wie sie von Habibie und fortschrittlichen Unterst&uuml;tzern eingeleitet worden war. Da er sich aber einer fortw&auml;hrenden Anerkennung nicht sicher war, kandidierte er nicht f&uuml;r das Amt in freier Wahl, sodass 1999 mit Abdurrahman Wahid der vierte Pr&auml;sident Indonesiens die begonnene Liberalisierung und Reformpolitik fortsetzen konnte. Und tats&auml;chlich setzte vor einem Vierteljahrhundert eine ungeahnte gesellschaftliche Dynamik und Vielf&auml;ltigkeit ein! Die Repr&auml;sentanz der Bev&ouml;lkerung ist durch ein mehrfach ge&auml;ndertes Wahlverfahren gesichert: So steht nun am 14. Februar 2024 die direkte Wahl des Pr&auml;sidenten und seines Vize an, au&szlig;erdem werden s&auml;mtliche &ouml;ffentlichen K&ouml;rperschaften neu gew&auml;hlt &ndash; 18 Parteien f&uuml;r das Landesparlament mit zwei Kammern sowie alle Gouverneure und Regionalparlamente in 38 Provinzen, Landr&auml;te und B&uuml;rgermeister mit mehr als 20.000 Posten. 240 Millionen Wahlberechtigte richten diese bislang gr&ouml;&szlig;te demokratische Entscheidung aus.<\/p><p>Die zur&uuml;ckliegenden 25 Jahre sind allerdings nicht nur von positiven Bewegungen gepr&auml;gt. Abgesehen von schwankenden wirtschaftlichen Zust&auml;nden und Entwicklungen haben auch Kr&auml;fte an Einfluss gewonnen, die Demokratisierungsprozessen kritisch bis ablehnend gegen&uuml;berstehen. Die weltweite Renaissance des Islam &ndash; in seiner gewaltbereiten Form des Islamismus &ndash; hat nat&uuml;rlich auch in Indonesien, dem Land mit den weltweit meisten Moslems, ihre Spuren gezeigt. Die herausragende Katastrophe war 2002 die &bdquo;Bali-Bombe&ldquo;, ein Attentat auf Bali mit mehr als 200 Toten. Es folgten weitere Anschl&auml;ge und vor allem eine stillere Verbreitung des Wahhabismus, einer puristisch-traditionalistischen Richtung eines aggressiven Islam. Dar&uuml;ber hinaus machen selbstverst&auml;ndlich die weltweit zu verzeichnenden Kampagnen mit populistischen Methoden um autorit&auml;rere Herrschaftsformen auch vor Indonesien nicht halt. Die aktuelle Situation ist fragil, die <em>Reformasi <\/em>steht auf dem Pr&uuml;fstand, und die anstehende Wahl wird zeigen, wie gefestigt die demokratische Einstellung der Bev&ouml;lkerung tats&auml;chlich ist, um individuelle wie auch staatliche Freiheit und Unabh&auml;ngigkeit bewahren zu k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Besch&auml;mende Ignoranz und vertane Chancen in Kassel<\/strong><\/p><p><em><strong>Im Sommer 2022 bot sich im Rahmen der internationalen Kunstausstellung <\/strong><\/em>documenta15<em> in Kassel die einzigartige Chance, Indonesien dem hiesigen Publikum n&auml;herzubringen, zumal ja von Anfang an das indonesische K&uuml;nstlerkollektiv <\/em>Taring Padi <em>in deren Ausrichtung und Gestaltung eingebunden war &ndash; neben der federf&uuml;hrenden Kuratoriumsarbeit des Kollektivs <\/em>Ruang Rupa<em>. Stattdessen lief die <\/em>documenta15<em> Gefahr, aufgrund immer wieder ge&auml;u&szlig;erter Antisemitismus-Vorw&uuml;rfe vorzeitig abgebrochen zu werden. Was ist in jenem Kasseler Sommer nur so uns&auml;glich schiefgelaufen?<\/em><\/p><p>Da muss man genau hinsehen: Die Documenta in Kassel sollte mitnichten eine Schau indonesischer K&uuml;nste sein, es waren ja auch nur ein paar als Teilnehmer aus dem weltgr&ouml;&szlig;ten Archipel und Vielv&ouml;lkerstaat eingeladen. Die spezifisch indonesische Komponente lag in der Berufung der Kuratoren. Das Documenta-Auswahlkomitee hatte entschieden, erstmals nicht wie &uuml;blich einen einzelnen Kurator mit der Ausrichtung der Weltkunstausstellung zu beauftragen, sondern ein Kollektiv. Es sollte also bewusst eine andere, eine alternative Auffassung von Kunstwerken und den damit im Zusammenhang stehenden Initiativen gezeigt werden &ndash; mehr Prozess als Produkt. Das Stichwort f&uuml;r die aus Indonesien stammende Gruppe <em>Ruang Rupa<\/em> lautete denn auch <em>Lumbung<\/em>: Zun&auml;chst ist der Begriff dem indonesischen Wort f&uuml;r (Reis-)Speicher entlehnt, meint aber nach Definition von Ruang Rupa eine Philosophie, die Folgendes im Blick hat und anstrebt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Das Praktizieren von lumbung erm&ouml;glicht eine alternative &Ouml;konomie der Kollektivit&auml;t, des gemeinsamen Ressourcenaufbaus und der gerechten Verteilung. Lumbung basiert auf den Werten wie lokaler Verankerung, Humor, Gro&szlig;z&uuml;gigkeit Unabh&auml;ngigkeit, Transparenz, Gen&uuml;gsamkeit und Regeneration.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Ungeh&ouml;rte, neue T&ouml;ne einer neuen Welt?! Irritationen machten sich breit &ndash; vor allem im Rahmen des Kunsthandels. Lie&szlig; sich da etwas einkaufen oder verkaufen? Konnten einzelne K&uuml;nstler als Alleinschaffende und vielleicht Stars vermarktet werden? Denn die Einladung zur Ausstellung in Kassel ging mehrheitlich an Kollektive, die nicht unbedingt mit fertigen Produkten anreisen wollten, sondern Kommunikation suchten, Prozesse im Rahmen der 100 Tage dauernden Ausstellung und dar&uuml;ber hinaus in Gang setzen wollten. Sobald erste Teilnehmer bekannt wurden, tauchten Vermutungen und Verd&auml;chtigungen auf, dass hier oder da israelkritischen Motiven oder anderen anti-kolonialistischen Themen Raum gegeben werden k&ouml;nnte. Und so setzte schon lange vor der Er&ouml;ffnung eine Kampagne ein, in Kassel werde einem Antisemitismus Tor und T&uuml;r ge&ouml;ffnet. Diese Sorge und die Ungewissheit sowie Unerfahrenheit mit einem derart offenen Konzept befl&uuml;gelten sodann eine kritische bzw. eher ablehnende Haltung gegen&uuml;ber der Documenta.<\/p><p>Am 19. Juni 2022 platzte dann nach der offiziellen Er&ouml;ffnung der Knoten: Auf einem riesigen Banner vor dem Hauptgeb&auml;ude Fridericianum am Friedrichsplatz hatte das indonesische Kollektiv <em>Taring Padi<\/em> das Unrechtssystem unter Suharto thematisiert &ndash; <em>&bdquo;People&rsquo;s Justice&ldquo;.<\/em> Auf diesem Wimmelbild waren Motive und Figuren abgebildet, die die Machtverh&auml;ltnisse und das Unterdr&uuml;ckungssystem der Suharto-&Auml;ra verk&ouml;rpern sollten. Darunter waren einige Figuren zu erkennen, die Symbole, Kost&uuml;me trugen, die sich als antisemitische Kennzeichen interpretieren lassen konnten. Vermeintlich sachkundige Beobachter identifizierten dieses Protest-Poster als Beleg f&uuml;r eine zweifelsfrei antisemitische Konnotation und Darstellung &ndash; und das in Deutschland, dem Land der T&auml;ter! Zun&auml;chst ist dann das Bild f&uuml;r einen Tag zu- und schlie&szlig;lich abgeh&auml;ngt worden. Der Skandal war da, und zwar auf mehreren Ebenen!<\/p><p>Eine Auseinandersetzung mit den K&uuml;nstlern, ein Bem&uuml;hen um eine Interpretation der Motive fand zun&auml;chst gar nicht statt. Warum auch? Hier konnten doch alle sehen &ndash; wenn auch nur durch die selektive Teildokumentation von drei oder vier ausgew&auml;hlten Figuren &ndash;, dass eine antisemitische Provokation platziert werden sollte. Der Bannstrahl traf alle, n&auml;mlich diejenigen, die sich durch diese Motive verwirrt, irritiert, emp&ouml;rt f&uuml;hlten &ndash; diejenigen, die das differenzierter hatten sehen und interpretieren wollen &ndash; diejenigen, die das Gesamtbild als kreativen und gelungenen Protest gegen das System ansahen &ndash; und schlie&szlig;lich auch das K&uuml;nstlerkollektiv, das sich zun&auml;chst nicht hatte erkl&auml;ren k&ouml;nnen &ndash; und nat&uuml;rlich die Kuratoren, die Derartiges hatten aufh&auml;ngen lassen.<\/p><p>Diese &ndash; in meinen Augen merkw&uuml;rdige &ndash; Reaktion pr&auml;gte in den folgenden Monaten die oft unsachliche und voreingenommene Diskussion um die Documenta. Eine Schlie&szlig;ung wurde sogar in Erw&auml;gung gezogen. Es hagelte Proteste, K&ouml;pfe rollten, Strukturen wurden infrage gestellt. Unterschiedliche Bem&uuml;hungen um eine n&uuml;chterne, sachgerechte, kritische Analyse waren wenig erfolgreich. Immerhin war das allgemeine, das &bdquo;normale&ldquo; Publikum nicht wirklich verschreckt, denn die Besucherzahlen spiegelten keine breite Emp&ouml;rung oder Ablehnung wider. Eine konstruktive Konfliktl&ouml;sung kam nur oberfl&auml;chlich zustande, weil auch nach der Ausstellung weitere berufliche Engagements der Kuratoren beeintr&auml;chtigt bzw. beschr&auml;nkt wurden.<\/p><p>Ich habe die ganze Geschichte als peinlich und h&ouml;chst unangemessen empfunden. Selbst wenn einzelne Motive des Banners eine vermeintlich antisemitische Interpretation zulassen sollten, habe ich die aufgeheizte und kampagnenhaft angestachelte Emp&ouml;rung als v&ouml;llig &uuml;berzogen erlebt. Kunst- und Meinungsfreiheit sind hier sondergleichen verletzt und verhunzt worden &ndash; eine erschreckende Erfahrung!<\/p><p>Die Deutsch-Indonesische Gesellschaft hatte einen Appell zur sachbezogenen und historisch-einordnenden Besch&auml;ftigung ver&ouml;ffentlicht. Henry Urmann und Hans-J&uuml;rgen Wei&szlig;bach publizierten eine Analyse mit dem Titel <em>&bdquo;Poetic Justice des Globalen S&uuml;dens&ldquo;<\/em>, in der sie die Ikonografie des Skandalbildes aufschl&uuml;sseln.<\/p><p><strong>Bedeutsame politische Weichenstellung<\/strong><\/p><p><em><strong>Bei den Pr&auml;sidentschafts- und Parlamentswahlen am 14. Februar darf der amtierende Pr&auml;sident Joko Widodo &ndash; kurz &bdquo;Jokowi&ldquo; genannt &ndash; nach zwei Amtszeiten laut Verfassung nicht erneut kandidieren. Wie ist dieser Wahlkampf bis dato verlaufen, und wie viele Parteien nehmen daran teil?<\/strong><\/em><\/p><p>Jokowi hat 2014 und 2019 zweimal gegen den damaligen Mitbewerber Prabowo die Wahlen zum Pr&auml;sidentenamt gewonnen. Der Forstwirt und M&ouml;belh&auml;ndler Joko Widodo war zun&auml;chst B&uuml;rgermeister seiner Heimatstadt Solo und anschlie&szlig;end Gouverneur der Hauptstadt Jakarta. Er hat sich einen guten Namen im Kampf gegen die Korruption, als Initiator weitreichender Infrastrukturentwicklungen gemacht, hat die Rolle des Milit&auml;rs zur&uuml;ckgefahren und fand landesweit viel Zustimmung und Sympathie &ndash; unter anderem, weil er frei von einer Gefolgschaft der Suharto-&Auml;ra war.<\/p><p>Kritisch betrachtet und umstritten sind eine Reihe von Gesetzen zum Arbeitsrecht und zur Sexualmoral, die den Ruf Jokowis infrage gestellt haben. Au&szlig;erdem wird dem amtierenden Pr&auml;sidenten nachgesagt, er habe sich zu weit zugunsten seiner S&ouml;hne im Wahlkampf positioniert. Zudem berief er Prabowo, den unterlegenen Gegner der fr&uuml;heren Wahlk&auml;mpfe, als Verteidigungsminister in sein Kabinett. Dessen Biografie belegt nicht nur eine Ausbildung bei der Eliteeinheit <em>GSG-9<\/em> in Deutschland, sondern auch fragw&uuml;rdige und umstrittene milit&auml;rische Operationen und Menschenrechtsverletzungen im Verlauf innenpolitischer Auseinandersetzungen bis Ende der 1990er&ndash;Jahre. Er war zudem mit einer Tochter von Suharto verheiratet.<\/p><p>F&uuml;r die nun anstehenden Wahlen, bei denen der Kandidat f&uuml;r das Pr&auml;sidentenamt zugleich jeweils seinen Vize mit angeben muss, haben sich drei Konstellationen gebildet: <em>[1]<\/em> Das Gespann Anies Baswedan (ehemaliger Kulturminister und Gouverneur von Jakarta) mit Muhaimin Iskandar (fr&uuml;herer Arbeitsminister und stellvertretender Sprecher des Volksvertretungsrates &ndash; <em>RW)<\/em> <em>[2] <\/em>Prabowo Subianto (Verteidigungsminister, Ex-General und zweimal Gegenkandidat von Jokowi) mit Gibran Rakabuming (B&uuml;rgermeister von Solo und Sohn von Jokowi) <em>[3]<\/em> Ganjar Pranowo (Ex-Gouverneur Zentral-Javas) mit Mahfud MD (bis zu seinem R&uuml;cktritt am 31. Januar 2024 fungierte er als Koordinierender Minister f&uuml;r politische, rechtliche und sicherheitspolitische Angelegenheiten &ndash; <em>RW<\/em>).<\/p><p>Die aktuell ver&ouml;ffentlichten Befragungen und Wahlprognosen zeigen das Team Prabowo als die m&ouml;glichen Gewinner. Falls keine absolute Mehrheit erreicht wird, folgt eine Stichwahl. Der Wahlkampf wird &uuml;ber weite Strecken hybrid gef&uuml;hrt, die sogenannten sozialen Medien spielen eine gro&szlig;e Rolle, wie auch Fernsehdebatten. Die Kandidaten betonen weitgehend, die derzeit erfolgreiche Politik fortsetzen zu wollen. Im internationalen Kontext kommen Fragen zu der Rolle des &bdquo;Globalen S&uuml;dens&ldquo; auf &ndash; gegenw&auml;rtig fokussiert auf die Entwicklung der BRICS-Staaten &ndash; und der Position Indonesiens. Die Entscheidung zur Verlegung der Hauptstadt von Jakarta nach <em>Nusantara<\/em>, einer g&auml;nzlich neu zu errichtenden Stadt auf Kalimantan, ist ein wichtiges Thema. Bemerkenswert ist, dass religi&ouml;se Themen bislang keine besondere Bedeutung hatten. Au&szlig;erdem verlaufen die politischen Kontroversen wenig spektakul&auml;r und friedlich. Die ma&szlig;geblichen Stimmungs- und Meinungsmacher sind wohl den Eliten zuzurechnen, die sich in den zur&uuml;ckliegenden Jahrzehnten gehalten bzw. gebildet haben. Image und Charisma der Kandidaten d&uuml;rften den Ausschlag geben, weniger politische Szenarien oder Parteiprogramme. Die tats&auml;chlichen Herausforderungen f&uuml;r die kommende Pr&auml;sidentschaft liegen nicht nur im wirtschaftlichen Wachstum, sondern auch im Umweltschutz, in der Gesundheits- und Bildungspolitik und eben auch in der Stabilisierung der zivilgesellschaftlichen demokratischen Prozesse.<\/p><p><em><strong>Es scheint, als habe der Ex-General und Ex-Schwiegersohn Suhartos, Prabowo Subianto, die besten Chancen, nach zwei vergeblichen Anl&auml;ufen nunmehr das h&ouml;chste Staatsamt zu ergattern. Zeichnet sich da so etwas wie die indonesische Variante eines Polit-Schauspiels wie im n&ouml;rdlichen Nachbarland Philippinen ab, wo der Sohn des im Fr&uuml;hjahr 1986 mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagten Despoten Ferdinand E. Marcos im Mai 2022 als strahlender Sieger aus der Pr&auml;sidentenwahl hervorging?<\/strong><\/em><\/p><p>Wenn schon ein Vergleich, dann noch andere: &Auml;hnlich der Entwicklung in den Philippinen bilden famili&auml;re Verbindungen in Indien, Thailand, Kambodscha ein Sprungbrett f&uuml;r politische &Auml;mter. In Indonesien zieht nach wie vor die fr&uuml;here Pr&auml;sidentin und Sukarno-Tochter Megawati als Vorsitzende der gr&ouml;&szlig;ten Partei die F&auml;den; deren Tochter ist Parlamentspr&auml;sidentin, und es gibt Ideen f&uuml;r h&ouml;here &Auml;mter. Jokowi selbst hat mit dazu beigetragen, dass seine S&ouml;hne in aussichtsreiche Positionen gekommen sind. Diese Schritte kosten ihn allerdings Sympathien, denn es ist offensichtlich, wie vorteilhaft sich doch ein famili&auml;rer Hintergrund auswirkt. Uns mag das wie die Etablierung von Adelsgeschlechtern erscheinen, eine andere Sichtweise kann allerdings Vertrauen in bekannte Pers&ouml;nlichkeiten sein. Entsprechende Berichterstattung sieht die Demokratie gef&auml;hrdet. Spekulationen und Interpretationen ist ansonsten im Moment viel Raum gegeben.<\/p><p><strong>Br&uuml;ckenbauer und Grenzg&auml;nger<\/strong><\/p><p><em><strong>Sie sind langj&auml;hriger Pr&auml;sident der Deutsch-Indonesischen Gesellschaft (DIG) in K&ouml;ln. Da muss denn wohl viel Herzblut im Spiel sein: Was zeichnet diese Gesellschaft im Besonderen aus, und welcher Stellenwert kommt ihr in der interkulturellen Kommunikation in der Bundesrepublik zu?<\/strong><\/em><\/p><p>Tja, seit mehr als 30 Jahren stehe ich dieser altehrw&uuml;rdigen Gesellschaft vor. 1950 wurde sie im Umfeld der Universit&auml;ten Bonn und K&ouml;ln und des Rautenstrauch-Joest-Museums gegr&uuml;ndet &ndash; ein damals weitsichtiger und mutiger Schritt. Es war die erste bilaterale Verbindung zu der jungen Republik Indonesien, zu der es noch keine diplomatischen Beziehungen gab. Das erste indonesisch-deutsche W&ouml;rterbuch wurde von der DIG mitherausgegeben, Exkursionen wurden organsiert, die Schulbuchentwicklung unterst&uuml;tzt, und nat&uuml;rlich gab es Vortr&auml;ge, Diskussionen und gesellschaftliche Veranstaltungen. Die 1952 in Bonn eingerichtete Botschaft stand in enger Verbindung zur DIG.<\/p><p>Lange Jahre waren die Programme der DIG von akademischen Interessen und Themen gepr&auml;gt. K&ouml;ln ist &uuml;ber Jahrzehnte ein Zentrum der S&uuml;dostasien-Wissenschaften gewesen mit der Malaiologie, der Ethnologie, Musikologie, Geografie und den Tropen-Technologien an der Fachhochschule. Dieses Umfeld hat sich zwischenzeitlich stark ver&auml;ndert. Die Hochschulkontakte sind nicht mehr vergleichbar. Die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ver&auml;nderten sich ebenso. Tourismus ist &ndash; neben den wirtschaftlichen Verbindungen &ndash; das Bindeglied zwischen den L&auml;ndern.<\/p><p>Schwerpunkt der DIG ist der kulturelle Br&uuml;ckenschlag. Wir geben das einzige deutschsprachige Periodikum zu speziell indonesischen Themen heraus: &bdquo;<em>kita<\/em>&ldquo; im Titel, was mitnichten etwas mit Kindertagesst&auml;tten zu tun hat, sondern der indonesische Begriff f&uuml;r <em>&bdquo;wir&ldquo; <\/em>im inklusiven Sinne ist. Zu jeweils einem Schwerpunkt werden Originalbeitr&auml;ge, &uuml;bersetzte Artikel, viel Lyrik, Rezensionen und Sachthemen ver&ouml;ffentlicht. In Zusammenarbeit mit der <em>Stiftung Asienhaus<\/em> in K&ouml;ln bieten wir Sprachkurse an. Jeweils im Herbst wird dort ein gro&szlig;er und popul&auml;rer Indonesientag organisiert, auf dem neben einem Sachthema vor allem kulinarische Angebote viele Besucher anlocken. Ausstellungen, Filmabende, Vortr&auml;ge, Diskussionen und auch informelle Unterst&uuml;tzung und Kontakte werden seitens des Vereins gegeben. Wir versammeln eine Reihe von Fachleuten und verf&uuml;gen &uuml;ber Expertise im kulturellen Verbund zwischen Deutschland und Indonesien. Unsere Homepage <a href=\"http:\/\/www.dig-koeln.de\">www.dig-koeln.de<\/a> und <em>Facebook<\/em> geben Auskunft &uuml;ber unsere Aktivit&auml;ten. Wir verstehen uns als Br&uuml;ckenbauer und Grenzg&auml;nger, um den Kontakt zwischen den Menschen, den Kulturen zu bef&ouml;rdern, indem wir Begegnungen organisieren.<\/p><p>Diese <em>&bdquo;Kultur im Dialog&ldquo;<\/em> wird von Ehrenamtlichen getragen. Lena Simanjuntak ist eine verl&auml;ssliche St&uuml;tze f&uuml;r den Verein und mir eine Weggef&auml;hrtin und Ehepartnerin, was wir durch eine traditionelle Hochzeit nach den Riten und Traditionen der <em>Batak <\/em>besiegelt haben.<\/p><p>Einige Vorhaben der DIG sind in Zusammenarbeit mit indonesischen Organisationen entstanden und zum Teil auch dort realisiert worden. Ansonsten suchen wir auch hier immer Partner f&uuml;r die gemeinsame Durchf&uuml;hrung bestimmter Programme. Die Vernetzung ist der Schl&uuml;ssel, um wirksame Kontakte in Gang setzen und auch umsetzen zu k&ouml;nnen. Neben unserer DIG, der ersten und somit &auml;ltesten, gibt es gegenw&auml;rtig noch f&uuml;nf andere, nachdem vor etwa 30 Jahren mehr als zehn solcher Verb&auml;nde existierten.<\/p><p>Ob sich eine derartige Organisation wie ein eingetragener Verein noch lange zu halten vermag, ist sowohl eine Generationenfrage &ndash; uns fehlt j&uuml;ngerer Nachwuchs &ndash; als auch eine systemische Herausforderung: Jahresbeitr&auml;ge, Rundbriefe, Mitgliederversammlungen, Amts&uuml;bernahme, etc. stellen sich als zunehmend schwierig dar. Es gibt derzeit andere, alternative Formen der Kommunikation und Verfahren, um Interessen und Interessenten zu b&uuml;ndeln. Damit m&uuml;ssen wir uns auseinandersetzen &ndash; auch eine Art von Kulturarbeit.<\/p><p><small>Titelbild: hyotographics\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit ann&auml;hernd 280 Millionen Einwohnern ist der weltgr&ouml;&szlig;te Inselstaat Indonesien zugleich das Land mit dem h&ouml;chsten Anteil von Muslimen &ndash; fast 90 Prozent &ndash; an der Bev&ouml;lkerung. Am 14. Februar sind auf diesem s&uuml;dostasiatischen Archipel 205 Millionen Menschen aufgerufen, an die Urnen zu gehen, um u.a. einen neuen Pr&auml;sidenten und Vizepr&auml;sidenten zu w&auml;hlen. 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