{"id":1109,"date":"2005-01-21T12:37:56","date_gmt":"2005-01-21T10:37:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1109"},"modified":"2016-03-21T09:35:40","modified_gmt":"2016-03-21T08:35:40","slug":"ganz-grose-koalition","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1109","title":{"rendered":"Ganz gro\u00dfe Koalition"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Freitag&ldquo; vom 21.1.2005<br>\n<!--more--><br>\n<strong>ALTERNATIVEN   In seinem Buch &ldquo;Die Reforml&uuml;ge&rdquo; entzaubert der Publizist Albrecht M&uuml;ller die Denkfehler des rot-gr&uuml;nen Sozialumbaus.<\/strong><\/p><p><strong>Ulrich Kurzer <\/strong><\/p><p>Die aktuelle &ldquo;Reformdebatte&rdquo; taugt nicht zur L&ouml;sung der gesellschaftspolitischen Probleme von wirtschaftlicher Stagnation, Nachfrageschw&auml;che oder Arbeitslosigkeit, findet Albrecht M&uuml;ller: &ldquo;Statt dessen jagen unsere Spitzenpolitiker und die ihnen zuarbeitenden Wissenschaftler fast jeden Tag eine andere Reformsau durchs Dorf. &hellip; Dass die Sau orientierungslos ist, k&uuml;mmert zumindest die deutsche Elite wenig, denn die Meinungsf&uuml;hrer unseres Landes bilden einen geschlossenen Kreis.&rdquo; <\/p><p>Arbeitszeiten hoch und L&ouml;hne runter! Elite, Meinungsf&uuml;hrer, geschlossener Kreis? Das klingt nach Verschw&ouml;rung. Gibt es also doch ein ZK der Bourgeoisie, das sich all die Schweinereien ausdenkt, die gegenw&auml;rtig als notwendige Reformen gepriesen werden? &ldquo;Nein&rdquo;, sagt der ehemalige Kanzlerberater und Publizist M&uuml;ller, aber &ldquo;die Hinweise auf dezentral agierende Personen und Einrichtungen&rdquo; sind &ldquo;nicht von der Hand zu weisen&rdquo;. <\/p><p>Da ist zum Beispiel die im Oktober 2000 gegr&uuml;ndete &ldquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&rdquo; (INSM), die regelm&auml;&szlig;ig in der &uuml;berregionalen Tagespresse f&uuml;r ihr Anliegen wirbt und finanzielle Entlastungen f&uuml;r die Unternehmen verlangt. Der ehemalige Bundesbankpr&auml;sident Hans Tietmeyer vertritt die INSM, die eng mit anderen Organisationen in der so genannten &ldquo;Aktionsgemeinschaft Deutschland&rdquo; zusammenarbeitet. Unter Reformpolitik verstehen diese Kreise den grundlegenden Umbau des Sozialstaats, in dem K&uuml;ndigungsschutz nur st&ouml;rt, die L&ouml;hne zu hoch und die Arbeitszeiten zu kurz sind, und in dem die Unternehmen bei der anteiligen Finanzierung der Sozialleistungen, beim &ldquo;Arbeitgeberanteil&rdquo;, entlastet werden m&uuml;ssen. Ronald Berger, Hans-Olaf Henkel, Arnulf Baring, Meinhard Miegel und Roman Herzog, auch diese Namen finden sich in dem effektiv arbeitenden Netzwerk. <\/p><p>Einflussreiche Unterst&uuml;tzung kommt au&szlig;erdem von der, wie M&uuml;ller sie nennt, &ldquo;Koalition der Willigen&rdquo;. Das sind f&uuml;r ihn Personen und Unternehmen, die &uuml;ber den engeren Kreis der &ldquo;Agitatoren der Refoml&uuml;ge&rdquo; hinaus bereit sind, sich an der Demontage des Sozialstaats zu beteiligen. Gabor Steingart vom Spiegel etwa z&auml;hlt M&uuml;ller hierzu, den FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, die Bertelsmann-Stiftung, die Deutsche Bank, die Commerzbank oder die Wochenzeitung Rheinischer Merkur. Und auch prominente Vertreter von SPD und B&uuml;ndnis 90\/Die Gr&uuml;nen haben wenig Ber&uuml;hrungs&auml;ngste: Peter Glotz etwa, oder Christine Scheel und Oswald Metzger. <\/p><p>Die &ldquo;Agitatoren der Reforml&uuml;ge&rdquo; sind l&auml;ngst meinungsbildend geworden. In den Medien werden ihre Positionen meist freundlich bis begeistert aufgenommen und weiterverbreitet, wie sich Woche f&uuml;r Woche in den Fernsehtalkshows beobachten l&auml;sst. Regelm&auml;&szlig;ig finden hier auch die Apologeten aus der Politik ihre B&uuml;hne, k&ouml;nnen Westerwelle, Merz, Merkel, Gabriel und wie sie alle hei&szlig;en ungeniert Unsinn reden und das nachplappern, was sie in der Vorwoche den einschl&auml;gigen Journalen entnommen haben. <\/p><p>Was verbirgt sich hinter den angeblich so dringend erforderlichen &ldquo;Reformen&rdquo;, die Deutschland wieder fit machen sollen? Nichts anderes als &ldquo;Denkfehler, Mythen und Legenden&rdquo;, meint M&uuml;ller, die, ob gewollt oder unbeabsichtigt, darauf hinaus laufen, die sozialen Sicherungssysteme zu zerst&ouml;ren und sie privaten Kapitalinteressen auszuliefern! <\/p><p>Die gesetzliche Altervorsorge etwa ist nach M&uuml;ller so schlecht geredet worden: Aus Modellrechnungen des Statistischen Bundesamts zum wahrscheinlichen R&uuml;ckgang der Bev&ouml;lkerung bis 2050 wurde ein &ldquo;demographisches Problem&rdquo; destilliert und in der &Ouml;ffentlichkeit breit getreten.&rdquo;Wir werden immer weniger&rdquo;, so lautete die Hiobsbotschaft. Da die jungen Leute sich nicht mehr ordentlich vermehrten, w&uuml;rden in der Mitte des Jahrhunderts die Beitragszahlungen der (wenigen jungen) Arbeitenden nicht mehr f&uuml;r die Renten (der vielen Alten) ausreichen. Daher m&uuml;sse die Altervorsorge mit privaten Elementen erg&auml;nzt oder ersetzt werden &ndash; behaupteten die Lobbyisten von Banken und privater Versicherungswirtschaft erfolgreich. Die Riester-Rente war der erste Schritt in dieser Richtung. <\/p><p>Aber der Wechsel des Finanzierungsverfahrens &auml;ndert &uuml;berhaupt nichts daran, dass auch bei der privaten Altervorsorge die J&uuml;ngeren mit ihren Zahlungen die Renten der &Auml;lteren erbringen; und mit der versprochenen Sicherheit der privaten Vorsorge steht es l&auml;ngst nicht so, wie die Versicherungswirtschaft Glauben machen will. Die Versicherer versprechen ihren Kunden hohe Renditen. Daf&uuml;r spekulieren sie an der B&ouml;rse. Doch das kann auch ins Auge gehen. Zwischen 2000 und 2003 wurden so circa 100 Milliarden Euro in den Sand gesetzt! Die Zeche tragen die Versicherten mit Verlusten bei ihrer Altersvorsorge: Die garantierte Mindestverzinsung der Einlagen ist von vier Prozent in 2000 auf 2,75 Prozent ab 2004 zur&uuml;ckgefahren worden. <\/p><p>F&uuml;r M&uuml;ller gibt es daher &uuml;berhaupt keine &uuml;berzeugenden Argumente f&uuml;r die Abkehr von der gesetzlichen Rente. Auch ein Vergleich der Verwaltungskosten beider Systeme spricht B&auml;nde. Den etwa vier Prozent im gesetzlichen Umlageverfahren st&uuml;nden circa 10 Prozent im Fall der &ldquo;Riester-Rente&rdquo; gegen&uuml;ber, wenn bei den privaten Versicherern auch die Kosten f&uuml;r Werbung und Marketing ber&uuml;cksichtigt werden! <\/p><p>M&uuml;ller will stattdessen das bew&auml;hrte sozialstaatliche Modell der gesetzlichen Altersvorsorge st&auml;rken und erhalten. Ein Mehr an sozialversicherungspflichtiger Besch&auml;ftigung w&auml;re f&uuml;r ihn ein wichtiger Schritt in dieser Richtung. Doch Schr&ouml;der, Clement &amp; Co haben sich f&uuml;r den anderen Weg entschieden und favorisieren die 400-Euro-Minijobs. Warnende Stimmen, die davon eine weitere Erosion des Normalarbeitsverh&auml;ltnisses (den zunehmenden R&uuml;ckgang sozialversicherungspflichtig Besch&auml;ftigter) und steigende Arbeitslosenzahlen bef&uuml;rchten, werden beharrlich ignoriert. <\/p><p>1998, bei ihrem Antritt, wollte die rot-gr&uuml;ne Koalition die Minijobs noch begrenzen, eben weil man genau diese Gefahren erkannt hatte. Inzwischen segeln B&uuml;ndnis 90\/Gr&uuml;ne und SPD stramm auf neoliberalem Kurs. Sie tun so, als w&uuml;rden laufend neue Herausforderungen auftauchen, die einer v&ouml;llig neuen Politik bed&uuml;rfen, die sie nun endlich in der Agenda 2010 umsetzen. Dabei ist das Wenigste davon neu und originell, belegt M&uuml;ller. Meist wird das fortgesetzt, was die &Ouml;konomen &ldquo;angebotsorientierte&rdquo; Politik nennen und was sp&auml;testens 1982 mit Kohl als Kanzler begann. F&uuml;r wirtschaftliches Wachstum ist danach die Verbesserung der Angebotsbedingungen der Unternehmen entscheidend: Sind die L&ouml;hne geringer, die Arbeitszeiten l&auml;nger, dann haben die Unternehmen geringere Kosten, bessere Absatzbedingungen und h&ouml;here Gewinnerwartungen. Also werden sie mehr investieren und auch zus&auml;tzliche Arbeitspl&auml;tze schaffen. Soweit die neoliberalen Phrasen. <\/p><p>Tats&auml;chlich stiegen in den achtziger und neunziger Jahren die Unternehmens- und Verm&ouml;genseinkommen st&auml;rker als die aus unselbst&auml;ndiger Besch&auml;ftigung. Die damalige Koalition hat beispielsweise durch Entlastungen der Arbeitgeber bei der Rentenversicherung, dem Krankengeld und der Lohnfortzahlung, aber auch mit der Abschaffung der Verm&ouml;gens- und Gewerbekapitalsteuer nachhaltig die Kapitalseite gest&auml;rkt. Doch wo haben die Unternehmen neue Arbeitspl&auml;tze geschaffen? Auch diesen Zusammenhang r&uuml;ckt M&uuml;llers Buch ins richtige Licht. Insgesamt werden 40 g&auml;ngige Behauptungen aus Politik und Wirtschaft unter die Lupe genommen und gr&uuml;ndlich entzaubert. M&uuml;ller stellt Argumente gegen Phrasen und konfrontiert angebliche Gewissheiten mit &uuml;berzeugenden Alternativen. Darin liegt die St&auml;rke seines Buchs. <\/p><p><em>&copy; Freitag<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Freitag&ldquo; vom 21.1.2005 <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[129,208,11],"tags":[491,300,1110,312],"class_list":["post-1109","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","category-rezensionen","category-strategien-der-meinungsmache","tag-freitag","tag-mueller-albrecht","tag-reformluege","tag-reformpolitik"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1109","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1109"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1109\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32328,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1109\/revisions\/32328"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1109"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1109"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1109"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}