{"id":11093,"date":"2011-10-26T08:54:10","date_gmt":"2011-10-26T06:54:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11093"},"modified":"2014-12-02T15:48:50","modified_gmt":"2014-12-02T14:48:50","slug":"efsf-hebelung-einladung-an-spekulanten-mit-eingebauter-sollbruchstelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11093","title":{"rendered":"EFSF-Hebelung &#8211; Einladung an Spekulanten mit eingebauter Sollbruchstelle"},"content":{"rendered":"<p>Anstatt der Spekulation beherzt einen Riegel vorzuschieben, wird die EU mit ihrer Hebelung der EFSF die Spekulation erst richtig anheizen. Vor allem die deutsche Regierung erweist sich einmal mehr als komplett lernresistent und ideologisch verbohrt. Dies ist gleich doppelt tragisch, da durch weitere Fehlentscheidungen noch mehr Volkswirtschaften in die Rezession getrieben werden und die Eurokrise sich abermals versch&auml;rfen wird. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><br>\nUm die Problematik der EFSF-Hebelung zu verstehen, muss man sich zun&auml;chst einmal die Ursachen der aktuellen Eurokrise vergegenw&auml;rtigen. Wie die Beispiele USA und Japan zeigen, sind weder die Neuverschuldung (USA 2010: +9%, gemessen am BIP), noch die Staatsschuldenquote (Japan 2011: 199%, gemessen am BIP) eine ausreichende alleinige Erkl&auml;rung f&uuml;r die pl&ouml;tzlich verlangten &bdquo;Risikoaufschl&auml;ge&ldquo;, mit denen die Spekulanten seit einiger Zeit die Eurozone vor sich hertreiben. Solche &bdquo;Risikoaufschl&auml;ge&ldquo; k&ouml;nnen nur dann geltend gemacht werden, wenn ein Land keine Kontrolle &uuml;ber die Notenbankpolitik der eigenen W&auml;hrungszone hat, wie es bei allen Eurostaaten der Fall ist. Wie das Beispiel Griechenland zeigt, k&ouml;nnen die &bdquo;Risikoaufschl&auml;ge&ldquo; zu einer selbsterf&uuml;llenden Prophezeiung werden. Um angeschlagenen L&auml;ndern zu helfen, w&auml;re es also zwingend notwendig, die Staatsfinanzierung entweder ganz von den Finanzm&auml;rkten zu entkoppeln oder die R&uuml;ckzahlung der Staatsschulden der angegriffenen L&auml;nder glaubhaft und in voller H&ouml;he zu garantieren. <\/p><p><em>Zum Thema siehe &bdquo;<a href=\"\/?p=10585\">Die Eurokrise in Zahlen (I) &ndash; Wie Mustersch&uuml;ler zu Problemkindern wurden<\/a>&ldquo;.<\/em> <\/p><p><strong>Die EZB als einzig glaubw&uuml;rdige Retter<\/strong><\/p><p>Obgleich es eigentlich keine &uuml;berzeugenden Gr&uuml;nde gibt, die Staatsfinanzierung nicht von den Finanzm&auml;rkten <a href=\"\/?p=9857\">zu entkoppeln<\/a>, zieht die Eurozone eine solche L&ouml;sung &ndash; vor allem wegen des vehementen Widerstands Deutschlands &ndash; noch nicht einmal in Betracht. Somit bleibt nur eine L&ouml;sung &uuml;brig, bei der das Risiko eines Zahlungsausfalls auf die eine oder andere Art auf einen B&uuml;rgen &uuml;bertragen wird, der zu solide und zu gro&szlig; ist, um von den Spekulanten an den Finanzm&auml;rkten in die Enge getrieben zu werden. In Europa gibt es streng genommen nur einen einzigen Akteur, auf den diese Beschreibung zutrifft: die EZB. <\/p><p>Eine Notenbank kann bei Bedarf Geld erschaffen und somit jedes nur denkbare Risiko glaubhaft zu 100% absichern. Wenn sich die Regierungschefs der Eurozone dazu durchringen k&ouml;nnten, der EZB die Absicherung potentiell und real ausfallgef&auml;hrdeter Staatsanleihen zu &uuml;berlassen, h&auml;tten diese von einem Tag auf den anderen die h&ouml;chste nur denkbare Sicherheit und es g&auml;be nicht den geringsten Grund f&uuml;r Spekulanten, &bdquo;Risikoaufschl&auml;ge&ldquo; zu verlangen. Die konkrete Staatsfinanzierungskrise w&auml;re beendet &ndash; freilich ohne die zugrundeliegenden realwirtschaftlichen Probleme zu l&ouml;sen &ndash; siehe dazu &bdquo;<a href=\"\/?p=7775\">Heiner Flassbeck zur aktuellen Eurokrise und zur Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts<\/a>&ldquo;.<\/p><p>Eine solche L&ouml;sung lehnen die deutsche Regierung und &ndash; bis auf die LINKE &ndash; auch alle im Bundestag vertretenen Fraktionen jedoch kategorisch ab. Stattdessen setzt man lieber auf die bereits vorhandenen EFSF. Bei diesem Mechanismus gibt die Gemeinschaft Anleihen f&uuml;r ein angeschlagenes Land an private Investoren aus, reicht diese mit einem merklichen Zinsaufschlag an das betreffende Land weiter und garantiert daf&uuml;r die vollst&auml;ndige R&uuml;ckzahlung. <\/p><p><strong>Probleme der aktuellen EFSF<\/strong><\/p><p>Die Garantie der EFSF durch die Staaten der Eurozone ist jedoch nicht kollektiv, sondern jeder Staat garantiert nur f&uuml;r die Summe, die seinem Anteil der Wirtschaftskraft innerhalb der Eurozone entspricht. Deutschland b&uuml;rgt beispielweise f&uuml;r maximal 119 Mrd. Euro der maximalen Garantiesumme von 440 Mrd. Euro. Da etwas mehr als die H&auml;lfte der Garantien von Staaten mit einem AAA-Rating vergeben werden, haben auch die Anleihen der EFSF ein AAA-Rating, wodurch sie zu vergleichsweise niedrigen Zinsen platziert werden k&ouml;nnen. F&uuml;r die aktuellen Probleme der Eurozone ist die EFSF jedoch zu klein. Die maximale Garantiesumme von 440 Mrd. Euro reicht gerade einmal f&uuml;r Griechenland, Portugal und Irland. Bereits die Kapitalerh&ouml;hung der Banken, die bei einem Schuldenschnitt Griechenlands notwendig w&auml;re, ist mit der jetzigen EFSF nicht mehr zu finanzieren.<\/p><p>Eine Ausweitung der EFSF auf gr&ouml;&szlig;ere Volkswirtschaften wie Spanien und Italien ist gleich aus mehreren Gr&uuml;nden problematisch. Das Volumen der EFSF m&uuml;sste massiv erweitert werden, um diese L&auml;nder wirkungsvoll sch&uuml;tzen zu k&ouml;nnen. Eine Verf&uuml;nffachung der Garantiesumme, von der die Rede ist, w&uuml;rde jedoch auch die Garantien der einzelnen L&auml;nder verf&uuml;nffachen. F&uuml;r Deutschland w&auml;re dies ein handhabbares Problem. Frankreich, das momentan mit fast 90 Mrd. Euro b&uuml;rgt, w&uuml;rde durch eine solche Aufstockung jedoch selbst Gefahr laufen, sein AAA-Rating zu verlieren und damit zum Spielball der Spekulanten zu werden. Griechenland haftet momentan f&uuml;r 12,4 Mrd. Euro, Portugal f&uuml;r 11 Mrd. Euro, Irland f&uuml;r 7 Mrd. Euro, Spanien f&uuml;r 52,3 Mrd. Euro und Italien sogar f&uuml;r 78,7 Mrd. Euro. Jeder Spekulant wei&szlig;, dass diese Garantien im Ernstfall gar nicht eingel&ouml;st werden k&ouml;nnen &ndash; bei einer Verf&uuml;nffachung dieser Garantien bek&auml;me die EFSF somit selbst ernsthafte Bonit&auml;tsprobleme, denn was n&uuml;tzt es, wenn Staaten, die durch die EFSF gerettet werden sollen, die Garantien f&uuml;r diese Rettung ma&szlig;geblich selbst vergeben? Ohne die EZB als B&uuml;rgen ins Boot zu holen, droht das Rettungsboot im Falle eines Unwetters selbst leckzuschlagen und die Retter zu gef&auml;hrden.<\/p><p><strong>Die Hebelung hebelt auch die Probleme<\/strong><\/p><p>Daran &auml;ndert die angedachte Hebelung der EFSF-Anteile nicht das Geringste &ndash; im Gegenteil, sie vergr&ouml;&szlig;ert sogar die Gefahr, ins Fadenkreuz der Spekulanten zu gelangen. Die angedachte Hebelung funktioniert nach dem Prinzip einer Kreditausfallversicherung. Private Investoren erwerben weiterhin die Anleihen der EFSF, die Staaten der Eurozone garantieren jedoch nicht mehr die volle R&uuml;ckzahlung, sondern nur die R&uuml;ckzahlung der ersten 20% bis 30% der Kreditsumme. Bei einem m&ouml;glichen Schuldenschnitt von 20% w&uuml;rden die Staaten also die volle Ausfallsumme erstatten. Dies ist bez&uuml;glich der Haftungssumme prinzipiell kein Unterschied zum jetzigen Modell. Momentan garantieren die Staaten zwar 100%, bei einem Schuldenschnitt von 20% m&uuml;ssten sie jedoch ebenfalls nur 20% der Summe erstatten &ndash; die restlichen 80% m&uuml;ssten von dem betreffenden Staat zur&uuml;ckgezahlt werden. <\/p><p>Einen Unterschied gibt es erst dann, wenn der Schuldenschnitt merklich h&ouml;her ausf&auml;llt. Bei einem Schuldenschnitt von 50% w&uuml;rden die Staaten beim jetzigen Modell 50% der garantierten Summe erstatten &ndash; mit der angedachten Hebelung w&auml;ren es (s.o.) nur 20%. Die Differenz zwischen der Garantiesumme und der H&ouml;he des Schuldenschnitts tr&auml;gt der Inhaber der Anleihe. <\/p><p>Was auf den ersten Blick nach einer verlockenden Risikobeteiligung des Finanzsektors klingt, ist jedoch genau die Achillesferse dieses Modells, da mit ihm die reale Wahrscheinlichkeit von teilweisen Kreditausf&auml;llen geschaffen wird. Eben diese Kreditausfallm&ouml;glichkeit ist jedoch genau der Grund, warum die Spekulanten bei diesem Modell wieder ihre &bdquo;Risikoaufschl&auml;ge&ldquo; verlangen werden. Eine EFSF, die angeschlagene Staaten nur mit Krediten, die einen &bdquo;Risikoaufschlag&ldquo; enthalten, versorgen kann, ist jedoch keine L&ouml;sung des Finanzierungsproblems. Im Ernstfall w&auml;re eine solche EFSF impotent &ndash; und das wissen auch die Spekulanten.<\/p><p>Die Differenz zwischen Garantiesumme und m&ouml;glichem Schuldenschnitt stellt somit eine Sollbruchstelle im EFSF-Mechanismus dar &ndash; vor allem dann, wenn Deutschland an Griechenland ein Exempel statuiert und auf einen Schuldenschnitt in H&ouml;he von 50 bis 60 Prozent dr&auml;ngt. Die Kombination zwischen einer gehebelten EFSF und der Forderung nach einem derart hohen Schuldenschnitt f&uuml;r Griechenland ist in ihrer ganzen Konsequenz einfach nur noch grotesk. Man erschafft einen &bdquo;Rettungsschirm&ldquo;, der nur einen Teil des Risikos abdeckt und sorgt gleichzeitig daf&uuml;r, dass der abgesicherte Teil noch nicht einmal die H&auml;lfte des Risikos ausmacht. Dies ist exakt die Steilvorlage, auf die die Spekulanten gewartet haben, um sich auch noch die EFSF als neues Spekulationsobjekt vorzunehmen. <\/p><p><em>Zum Thema &bdquo;Schuldenschnitt f&uuml;r Griechenland&ldquo; siehe auch: &bdquo;<a href=\"\/?p=11078\">Schuldenerlass f&uuml;r Griechenland &ndash; und was dann?<\/a>&ldquo; und &bdquo;<a href=\"\/?p=11057\">Schulden streichen &ndash; gut gemeint, aber nicht ausreichend und Konsequenzen nicht durchdacht<\/a>&ldquo;<\/em> <\/p><p><strong>Steilvorlage f&uuml;r die Spekulanten<\/strong><\/p><p>Ein Schuldenschnitt f&uuml;r Griechenland w&uuml;rde als sogenanntes Kreditereignis gelten. Genau die Spekulanten w&uuml;rden belohnt, die mit den ber&uuml;chtigten Credit Default Swaps (CDS) auf einen Zahlungsausfall gewettet und damit ma&szlig;geblich die Kurse f&uuml;r griechische Staatsanleihen in H&ouml;hen getrieben haben, die das Land an den Rande des Kollaps gef&uuml;hrt haben. Dies w&auml;re nichts anderes als eine Einladung an die Spekulanten, ihr Treiben nicht nur auf andere Eurostaaten, sondern auch auf die EFSF auszuweiten. <\/p><p>Um die Staatsfinanzierungskrise zu entsch&auml;rfen, ist es unerl&auml;sslich, die Spekulanten in die Schranken zu weisen und die Zinsen f&uuml;r die Staatsanleihen in der Eurozone auf ein stabiles und niedriges Niveau zu bringen. Es g&auml;be viele M&ouml;glichkeiten, dieses Ziel zu erreichen, die geplante Hebelung der EFSF ohne R&uuml;ckendeckung durch die EZB ist das genaue Gegenteil. Es ist absolut unerkl&auml;rlich, warum sich die Politik auf ein solches, zum Scheitern verurteiltes Modell einl&auml;sst. Die Folgen eines Scheiterns w&uuml;rden Europa und den Euro in seinem Kern treffen und h&auml;tten das Zeug, es\/ihn in seinen Grundfesten zu ersch&uuml;ttern.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/211257448f7c4e829eccc6468f175a5e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anstatt der Spekulation beherzt einen Riegel vorzuschieben, wird die EU mit ihrer Hebelung der EFSF die Spekulation erst richtig anheizen. Vor allem die deutsche Regierung erweist sich einmal mehr als komplett lernresistent und ideologisch verbohrt. 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