{"id":11099,"date":"2011-10-26T16:55:16","date_gmt":"2011-10-26T14:55:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11099"},"modified":"2019-02-15T12:32:59","modified_gmt":"2019-02-15T11:32:59","slug":"kein-sozialer-fortschritt-nirgends-eine-kritische-halbzeitbilanz-der-cducsufdp-koalition","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11099","title":{"rendered":"Kein sozialer Fortschritt \u2013 nirgends! &#8211; Eine kritische \u201eHalbzeitbilanz\u201c der CDU\/CSU\/FDP-Koalition"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;F&uuml;r Sozialk&uuml;rzungen sehe ich &uuml;berhaupt keinen Anlass. Das w&uuml;rden die Menschen zu Recht nicht verstehen. F&uuml;r die Banken werden Milliarden ausgegeben, f&uuml;r die normalen Leute hat man nichts? So wird es nicht laufen. Gerade in der Krise m&uuml;ssen sich die sozialen Sicherungssysteme bew&auml;hren.&ldquo; Das sagte Volker Kauder, Vorsitzender der CDU\/CSU-Bundestagsfraktion, in einem Interview, welches die taz am 6. April 2009 ver&ouml;ffentlichte. Nach ihrem Erfolg bei der Bundestagswahl vom 27. September 2009 versprachen CDU, CSU und FDP im Koalitionsvertrag, &bdquo;durch Zusammenhalt und Solidarit&auml;t&ldquo; sozialen Fortschritt erreichen zu wollen. Was von dieser Ank&uuml;ndigung nach zwei Jahren Schwarz-Gelb &uuml;brig geblieben ist, dar&uuml;ber zieht <strong>Christoph Butterwegge<\/strong> eine Bilanz.<br>\n<!--more--><\/p><p>&bdquo;Die Euro-Krise spitzt sich weiter zu&ldquo;, &bdquo;Griechenland droht die Insolvenz&ldquo;, &bdquo;EU-Rettungsschirm f&uuml;r Schuldenstaaten auf den Weg gebracht&ldquo;, &bdquo;Rekapitalisierung angeschlagener Banken&ldquo; &ndash; so und &auml;hnlich lauten die Schlagzeilen, hinter denen soziale Probleme hierzulande seit geraumer Zeit ebenso verblassen wie die Verantwortung der Regierungsparteien daf&uuml;r. Umso notwendiger ist eine n&uuml;chterne Gesamtbilanz der Bundesregierung. CDU, CSU und FDP suggerieren n&auml;mlich in einer dieser Tage massenhaft verbreiteten Brosch&uuml;re &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.bundesregierung.de\/Content\/DE\/Magazine\/02MagazinWirtschaftArbeit\/10\/t-6-jahresbericht-der-bundesregierung.html\">Fortschritte f&uuml;r Deutschland<\/a>&ldquo;, sie h&auml;tten ihre &bdquo;Hausaufgaben&ldquo; gemacht, beispielsweise auf sozialpolitischem Gebiet gute Arbeit geleistet und die Lage hierzulande voll im Griff.<\/p><p>Nach zwei Jahren l&auml;sst sich nirgends sozialer Fortschritt erkennen. Vielmehr haben CDU, CSU und FDP die gesellschaftliche Koh&auml;sion geschw&auml;cht, mit ihrer neoliberalen Reformpolitik soziale Eisesk&auml;lte verbreitet und die Bereitschaft zur Solidarit&auml;t zerst&ouml;rt, wobei sich Guido Westerwelle besonders hervortat. Der damalige Vizekanzler hetzte die (ihrer Meinung nach zu hohe) Einkommensteuern zahlende &bdquo;Leistungstr&auml;ger&ldquo; aus der Mittelschicht gegen die Sozialleistungsbezieher auf. In einem Gastkommentar f&uuml;r die Welt am 11. Februar 2010 sprach er von &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/debatte\/article6347490\/An-die-deutsche-Mittelschicht-denkt-niemand.html\">anstrengungslosem Wohlstand<\/a>&ldquo;, womit allen Ernstes die Hartz-IV-Betroffenen, nicht etwa die Nachkommen von Familienunternehmern gemeint waren, die seit der Erbschaftssteuerreform seiner Regierungskoalition ganze Konzerne erben k&ouml;nnen, ohne einen einzigen Cent betriebliche Erbschaftsteuer zahlen zu m&uuml;ssen. Dabei ist es nun wirklich keine Leistung, der Sohn oder die Tochter einen Milliard&auml;rs zu sein, und sogar Guido Westerwelle hat Schwierigkeiten, diese Klientelpolitik zu rechtfertigen.<\/p><p>Die &bdquo;b&uuml;rgerliche Wunschkoalition&ldquo; war nicht blo&szlig; selbst h&auml;ufiger zerstritten und st&auml;rker innerlich zerrissen als ihre Amtsvorg&auml;ngerinnen, sondern auch eine Koalition der sozialen Spaltung: W&auml;hrend der Reichtum einer kleinen Minderheit trotz der Finanzmarkt-, Wirtschafts- und W&auml;hrungskrise zugenommen hat, sind die Armen seither noch zahlreicher geworden. &Uuml;ber die Verteilung sozialer Trostpflaster kamen CDU, CSU und FDP nie hinaus. Ein wenig Entlastung bekamen gerade die Transferleistungsempf&auml;nger, denen es im Unterschied zu anderen Langzeitarbeitslosen noch relativ gut geht; im angloamerikanischen Raum w&uuml;rde man von den &bdquo;Creaming the poor&ldquo; sprechen. Beispielsweise wurde das Altersvorsorge-Schonverm&ouml;gen f&uuml;r Hartz-IV-Bezieher auf 750 Euro pro Lebensjahr verdreifacht und die Klausel gestrichen, wonach eine selbstgenutzte Immobilie blo&szlig; dann zum Schonverm&ouml;gen geh&ouml;rte, wenn sie eine &bdquo;angemessene Gr&ouml;&szlig;e&ldquo; hatte. In Ostdeutschland hat aber nur etwa die H&auml;lfte der Betroffenen &uuml;berhaupt Verm&ouml;gen, das geschont werden kann, und noch weniger nennen eine Immobilie ihr Eigen. Neben den unmittelbar Beg&uuml;nstigten, die in erster Linie aus der Mittelschicht stammen d&uuml;rften, weil sie vor einer l&auml;ngeren Arbeitslosigkeit private Altersvorsorge betreiben konnten, profitieren haupts&auml;chlich Versicherungskonzerne und Banken von den beschlossenen Ma&szlig;nahmen, denn es handelt sich um ein schlagendes Verkaufsargument, wenn ein Finanzprodukt vor der Anrechnung bei Hartz IV gesch&uuml;tzt ist.<\/p><p>CDU, CSU und FDP haben eine zutiefst unsoziale Regierungspolitik nach dem Matth&auml;us-Prinzip (&bdquo;Wer hat, dem wird gegeben, und wer wenig hat, dem wird auch das noch genommen&ldquo;) gemacht. Schwarz-Gelb leidet allerdings unter Realit&auml;tsverlust, was die Selbstwahrnehmung betrifft. So schreibt Angela Merkel im Vorwort der genannten Brosch&uuml;re, die Halbzeitbilanz ihrer Koalitionsregierung k&ouml;nne &bdquo;sich sehen lassen&ldquo;. Sie begr&uuml;ndet das mit einem angeblich &uuml;berdurchschnittlichen Wirtschaftswachstum. Die Bundeskanzlerin t&ouml;nt, der Aufschwung komme bei &bdquo;den Menschen&ldquo; an. Zwar ist die offiziell registrierte Arbeitslosigkeit zur&uuml;ckgegangen, sogar w&auml;hrend der sich bereits wieder dem Ende zuneigenden konjunkturellen Erholungsphase gibt es aber mehr  Grundsicherungsbezieher. Kaum von dieser &bdquo;Erholung&ldquo; profitiert haben Langzeitarbeitslose, &Auml;ltere und Behinderte ohne sozialversicherungspflichtige Besch&auml;ftigung, deren Zahl heute h&ouml;her ist als vor der globalen Finanz- und Weltwirtschaftskrise.<\/p><p>Perfide argumentiert die Bundesregierung, wenn sie Erh&ouml;hungen bei Hartz IV, die das <a href=\"\/?p=4514\">Bundesverfassungsgericht durch sein Urteil vom 9. Februar 2010<\/a> erzwungen hat, in ihrer &bdquo;Halbzeitbilanz&ldquo;-Brosch&uuml;re als Erfolg f&uuml;r sich reklamiert: &bdquo;Der Regelsatz in der Grundsicherung (ALG II) ist um f&uuml;nf Euro gestiegen. 2012 wird er noch einmal erh&ouml;ht. Die Regels&auml;tze f&uuml;r Kinder sind jetzt &ndash; nach Altersstufen &ndash; gesondert berechnet.&ldquo; Dies geschah aber unter Anwendung statistischer Taschenspielertricks und ohne R&uuml;cksicht auf die spezifischen Bedarfe von jungen Menschen, was zur Folge hatte, dass die Hartz-IV-Regels&auml;tze f&uuml;r Kinder und Jugendliche seit Bildung der CDU\/CSU\/FDP-Koalition bis heute &uuml;berhaupt nicht mehr erh&ouml;ht wurden. Am 1. Januar 2012 steigen die Regelbedarfe der (alleinstehenden) Erwachsenen zwar um 10 Euro und der Kleinkinder um bescheidene 4 Euro, die H&ouml;he der Regelbedarfe von Schulkindern und Jugendlichen bleibt aber wegen des neuen Berechnungsmodus unver&auml;ndert. Wie hie&szlig; es noch gleich im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und FDP? &bdquo;Wir wollen Kinder von Anfang an unterst&uuml;tzen, ihre St&auml;rken erkennen, ihre Chancen f&ouml;rdern, Benachteiligungen verhindern sowie Kinderarmut bek&auml;mpfen.&ldquo;<\/p><p>Obwohl die Kanzlerin behauptet, die Bundesrepublik sei &bdquo;ein Land der Chancen&ldquo;, verfestigt sich die Armut, weil der Aufstieg immer seltener gelingt. &bdquo;Deutschland wird Bildungsrepublik&ldquo;, behauptet die Bundesregierung trotzdem. Hervorgehoben wird in diesem Zusammenhang das &bdquo;Bildungs- und Teilhabepaket&ldquo;, mit dem sie 2,5 Millionen Kindern zu helfen verspricht: &bdquo;Bed&uuml;rftige Kinder und Jugendliche haben jetzt einen Rechtsanspruch aufs Mitmachen.&ldquo; Von den 250 Euro, die das &bdquo;Bildungs- und Teilhabepaket&ldquo; wert ist, sind nur 120 Euro pro Jahr tats&auml;chlich neu, und was sind schon 10 Euro im Monat mehr f&uuml;r ein Kind? L&auml;sst sich damit sein &bdquo;Bedarf zur Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben in der Gemeinschaft&ldquo; (so der Gesetzestext) erf&uuml;llen? Bed&uuml;rftige Kinder k&ouml;nnen jetzt zwar z.B. Mitglied in einem Sportverein werden, haben aber kaum das Geld f&uuml;r die n&ouml;tigen Ausr&uuml;stungsgegenst&auml;nde wie einen Trainingsanzug, Fu&szlig;ballschuhe oder ein Trikot. Teilweise kommt es durch das &bdquo;Bildungs- und Teilhabepaket&ldquo; &ndash; dessen b&uuml;rokratische Struktur enorme Umsetzungsprobleme aufwirft &ndash; sogar zu Verschlechterungen bei der Mittagsverpflegung und der Vereinsmitgliedschaft von Kindern, weil gro&szlig;z&uuml;gigere Programme einzelner Kommunen und Sponsoren aufgrund der Bundesregelung eingestellt wurden.<\/p><p><em>Prof. Dr. Christoph Butterwegge lehrt Politikwissenschaft an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln. Soeben ist sein Buch &bdquo;<a href=\"\/upload\/pdf\/111026_butterwegge_sozialstaat.pdf\">Krise und Zukunft des Sozialstaates<\/a>&ldquo; in &uuml;berarbeiteter und erweiterter Neuauflage im VS &ndash; Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften (Wiesbaden) erschienen. Darin findet man auch eine ausf&uuml;hrliche Darstellung der Regierungspolitik von CDU, CSU und FDP.<\/em><\/p><p><strong>Tipp:<\/strong> Christoph Butterwegge ist heute Abend (26.10.2011) um 23.15 Uhr zu Gast in der <a href=\"http:\/\/daserste.ndr.de\/annewill\/archiv\/gaesteliste601.html\">Talk-Show von Anne Will<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;F&uuml;r Sozialk&uuml;rzungen sehe ich &uuml;berhaupt keinen Anlass. Das w&uuml;rden die Menschen zu Recht nicht verstehen. F&uuml;r die Banken werden Milliarden ausgegeben, f&uuml;r die normalen Leute hat man nichts? So wird es nicht laufen. 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