{"id":1110,"date":"2005-01-25T12:40:12","date_gmt":"2005-01-25T10:40:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1110"},"modified":"2016-03-20T10:44:14","modified_gmt":"2016-03-20T09:44:14","slug":"buchbesprechung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1110","title":{"rendered":"Buchbesprechung"},"content":{"rendered":"<p>WSI Mitteilungen 10\/2004, von Achim Truger. (WSI steht f&uuml;r das &ldquo;Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung&rdquo;)<br>\n<!--more--><br>\nSeit einigen Jahren schon ist die deutsche wirtschaftspolitische Debatte von einer bemerkenswerten Einseitigkeit und einer gef&auml;hrlichen Radikalit&auml;t gepr&auml;gt. Die wirtschaftliche Stagnation in Deutschland und sein Zur&uuml;ckfallen im internationalen Vergleich, was Wachstum, Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung angeht, werden fast ausschlie&szlig;lich auf einen angeblich &uuml;berregulierten Arbeitsmarkt und einen zu &uuml;berdimensionierten Sozialstaat zur&uuml;ckgef&uuml;hrt. Daher werden fast &uuml;berall in Wirtschaftswissenschaft, Medien und Politik lautstark radikale Reformen, d.h. die radikale Deregulierung des Arbeitsmarktes, die Abschaffung des K&uuml;ndigungsschutzes und der &ndash; zumeist als &bdquo;Umbau&ldquo; getarnte &ndash; Abbau des Sozialstaats gefordert. In j&uuml;ngster Zeit wurde eine ganze Reihe von &auml;u&szlig;erst erfolgreichen Reformb&uuml;chern publiziert, die solche &ndash; angeblich objektiven, wissenschaftlichen &ndash; Erkenntnisse auch einem breiteren Publikum zu vermitteln suchten. Demnach gibt es kein Erkenntnisproblem, sondern es gelte vor allem, endlich den &bdquo;Reformstau&ldquo; aufzubrechen und &bdquo;Sozialmafia&ldquo; und &bdquo;Reformverweigerern&ldquo; das Handwerk zu legen. <\/p><p>Zwar widersprach die Entwicklung der internationalen makro&ouml;konomischen Forschung in Richtung des Neu-Keynesianismus in vielerlei Hinsicht den Protagonisten der deutschen Debatte. Auch gab es innerhalb der Debatte immer wieder abweichende Meinungen von makro&ouml;konomisch orientierten Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, die auf eine zu restriktive und mangelhaft abgestimmte Geld-, Finanz- und Lohnpolitik als wesentliche Ursache f&uuml;r die deutsche Krise hinwiesen. Was bisher jedoch eindeutig fehlte, war ein allgemein verst&auml;ndliches Reformbuch, das es mit den Bestsellern der Mainstream-&Ouml;konomen und -Journalisten aufnehmen und wirksam in die &ouml;ffentliche Debatte eingreifen konnte. Ein diesbez&uuml;glich sehr chancenreiches Buch hat nun Albrecht M&uuml;ller vorgelegt. <\/p><p>Der Autor ist promovierter &Ouml;konom, war seit 1968 Redenschreiber von Wirtschaftsminister Karl Schiller und leitete von 1973 bis 1982 die Planungsabteilung der Bundeskanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt. Heute arbeitet er als Publizist sowie Unternehmens- und Politikberater. Seinem &Auml;rger &uuml;ber die deutsche Reformdebatte und die davon infizierte Politik der rot-gr&uuml;nen Bundesregierung hat er bereits in vielen Aufs&auml;tzen sowie auf einer kritischen Internet-Seite (www.nachdenkseiten.de) Luft gemacht. <\/p><p>M&uuml;ller geht sowohl auf die &ouml;konomischen M&auml;ngel der gegenw&auml;rtigen Debatte als auch auf die eigenartige Debatte selbst und ihre Hintergr&uuml;nde ein. Zun&auml;chst verdeutlicht er noch einmal sehr plastisch, wie ungew&ouml;hnlich einseitig die Debatte ausgerichtet ist. Er erinnert daran, dass die unisono propagierten neoliberalen Rezepte &ndash; Sparpolitik, steuerliche Entlastungen f&uuml;r Unternehmen und Wohlhabende, Privatisierung und Deregulierung &ndash; bereits seit den 80er Jahren ohne den erhofften Erfolg praktiziert werden. Die Wachstums- und Besch&auml;ftigungsperformance der deutschen &Ouml;konomie hat sich im Gegenteil gegen&uuml;ber den h&auml;ufig als Krisenperiode bezeichneten 70er Jahren klar verschlechtert. Dass die nochmalige Radikalisierung dieser Rezepte heute trotz ihres offensichtlichen Versagens von Wirtschaft, Medien und Politik als einziger Ausweg aus der deutschen Stagnation dargestellt wird, f&uuml;hrt er auf die brillante &Ouml;ffentlichkeitsarbeit interessierter Kreise zur&uuml;ck. Zwar gebe es keine zentral gesteuerte Verschw&ouml;rung, daf&uuml;r aber deutliche Hinweise auf dezentral agierende Personen und Institutionen &ndash; etwa die Initiative &bdquo;Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; &ndash;, auf von der Wirtschaft gesponserte Professoren und Netzwerke. Zur Durchsetzung des &bdquo;kollektiven Reformwahns&ldquo; habe aber auch das Versagen der kritischen Intelligenz und der Parteien beigetragen. <\/p><p>Im Hauptteil seines Werkes setzt sich M&uuml;ller dann &auml;u&szlig;erst kritisch mit den &bdquo;40 Denkfehlern, Mythen und Legenden&ldquo; auseinander, die die gegenw&auml;rtige Debatte dominieren. Das beginnt bei den angeblich ganz neuen Herausforderungen durch Globalisierung und Demographie. Es geht weiter mit Behauptungen &uuml;ber Wachstum, Wettbewerbsf&auml;higkeit und Besch&auml;ftigung, z.B. hohes Wachstum sei nicht mehr m&ouml;glich und die nationale Wirtschaftspolitik nicht mehr handlungsf&auml;hig. Danach geht es Aussagen &uuml;ber den deutschen Arbeitsmarkt, etwa dieser sei zu unflexibel und die L&ouml;hne seien zu hoch, an den Kragen. Schlie&szlig;lich behandelt M&uuml;ller ausf&uuml;hrlich den Komplex Schulden, Staatsquote und Sozialstaat. Dort tritt er z.B. der Behauptung, der Staat sei zu fett geworden und stecke in der Schuldenfalle, entgegen. Jeder solcher &bdquo;Denkfehler&ldquo; wird kurz auf maximal zehn Seiten besprochen. Dass es sich nicht um Argumentations- Pappkameraden handelt, belegt M&uuml;ller eindrucksvoll, indem er f&uuml;r fast jeden &bdquo;Denkfehler&ldquo; Zitate f&uuml;hrender Politiker von SPD, Gr&uuml;nen, CDU\/CSU und FDP anf&uuml;hrt. Unterst&uuml;tzt durch einfache Beispiele und Zahlen aus leicht zug&auml;nglichen offiziellen Quellen entwickelt er dann jeweils plausible Gegenargumente. Die Darstellung ist einfach, in weiten Teilen spannend und d&uuml;rfte gerade auch f&uuml;r &ouml;konomische Laien gut verst&auml;ndlich sein. Der &Uuml;bersichtlichkeit dient zus&auml;tzlich ein Lesezeichen, auf dem alle 40 &bdquo;Denkfehler&ldquo; mit Seitenangaben verzeichnet sind. So kann das Buch sogar leicht als Nachschlagewerk dienen. <\/p><p>Stellenweise k&ouml;nnte man zwar einige Details der &ouml;konomischen Argumentation kritisch hinterfragen. Zudem w&auml;re aus eher akademischer Sicht eine genauere Darstellung der theoretischen Hintergr&uuml;nde oder des wirtschaftspolitischen Gesamtkonzeptes w&uuml;nschenswert gewesen. Allerdings sollten solche akademischen Erw&auml;gungen bei der Beurteilung dieses Buches in den Hintergrund treten. Das Wichtigste ist, dass Albrecht M&uuml;ller mit seinem Bestseller-verd&auml;chtigen Werk endlich einen kompetenten und allgemein verst&auml;ndlichen Generalangriff auf die uns&auml;gliche deutsche Reformdebatte gestartet hat. Wenn diese Debatte der &bdquo;Reforml&uuml;ge&ldquo; noch nicht vollkommen erlegen ist, dann d&uuml;rfte sie von diesem Buch nicht unbeeinflusst bleiben: Das wichtigste Reformbuch seit langem. <\/p><p>Achim Truger <\/p><p><em>&copy; WSI<\/em>\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>WSI Mitteilungen 10\/2004, von Achim Truger. 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