{"id":11106,"date":"2011-10-27T09:18:12","date_gmt":"2011-10-27T07:18:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11106"},"modified":"2011-10-27T09:18:12","modified_gmt":"2011-10-27T07:18:12","slug":"sind-die-neuen-sozialen-bewegungen-politisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11106","title":{"rendered":"Sind die neuen \u201esozialen Bewegungen\u201c politisch?"},"content":{"rendered":"<p>Die Antwort ist nicht einfach. Das Bild ist noch zu diffus. Die neuen &bdquo;sozialen Bewegungen&ldquo; k&ouml;nnten zu einer politischen Bewegung werden, wenn es gelingt, dass sie ihre (politischen) Ziele klar definieren und nachvollziehbar begr&uuml;nden k&ouml;nnen, sodass man wei&szlig; wohin die Bewegung gehen soll.<br>\nOffene Diskussionen sind gut, Aktivismus ist gut und soziale Bewegung ist gut, aber irgendwann m&uuml;ssten die Diskussionen zu einer Meinungsfindung kommen, irgendwann m&uuml;sste man wissen, was die Aktivisten konkret wollen und irgend m&uuml;sste man vor allem auch wissen, wohin oder in welche Richtung die Bewegung geht.<br>\nEine Nachbetrachtung &uuml;ber das <a href=\"http:\/\/camp.sozialebewegungen.org\/\">&bdquo;#sbsm Camp &ndash; Soziale Bewegungen und Social Media&ldquo;<\/a> in der letzten Woche im Haus des &Ouml;sterreichischen Gewerkschaftsbundes (&Ouml;GB) in Wien. Von Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nMeine Beobachtung ist subjektiv und eine einzelne Veranstaltung l&auml;sst sicherlich keine allgemeinen R&uuml;ckschl&uuml;sse auf die Vielzahl der Aktionen der &bdquo;Aktivisten&ldquo; der neuen sozialen Bewegungen zu. Aber da die Form dieses Camps und Art der Diskussion, die von den insgesamt wohl 300 Teilnehmern offensichtlich akzeptiert und angenommen wurde, lassen meine Beobachtungen ein St&uuml;ck weit verallgemeinern.<\/p><p>Ich schreibe diese Nachbetrachtung und bin mir dabei der Gefahr bewusst, dass ich von den &bdquo;Aktivisten&ldquo; dieses Camps oder von vielen Engagierten in den neuen sozialen Bewegungen auf anderen Gefilden, wohl als Ewiggestriger, jedenfalls als einer der noch nach den &bdquo;alten&ldquo; politischen Ritualen sozialisiert ist, abgestempelt werde. Ich bin mir auch dar&uuml;ber im Klaren, dass ich vielen &bdquo;AktivistInnen&ldquo; und dem Innenleben in vielen konkreten sozialen Bewegungen nicht gerecht werde. Dennoch dr&auml;ngt es mich, auf Gefahren hinzuweisen:<\/p><p>Die Einladung zu diesem &bdquo;#sbsm Camp&ldquo; erhielt ich, weil ich f&uuml;r ein vom Verlag des &Ouml;sterreichischen Gewerkschaftsbundes verlegtes und von Hans Christian Voigt und Thomas Kreiml herausgegebenen Handbuch <a href=\"http:\/\/www.sozialebewegungen.org\/klappentext\/\">&bdquo;Soziale Bewegungen und Social Media &ndash; Handbuch f&uuml;r den Einsatz von Web 2.0&ldquo;<\/a> ein Interview &uuml;ber den Sinn und Zweck der NachDenkSeiten gegeben hatte.<\/p><p>Dieses Handbuch ist geradezu eine Fibel oder, besser gesagt, ein Handwerkskasten f&uuml;r alle &bdquo;Aktivisten&ldquo;, die sich der &bdquo;Social Medias&ldquo; f&uuml;r ihr soziales Engagement bedienen m&ouml;chten. Dieses Buchprojekt war Ansto&szlig; zu diesem Camp im Gewerkschaftshaus des &Ouml;GB in Wien vom 19. bis zum 21. September.<\/p><p>Weil mich sowohl das Thema als auch die Veranstaltungsform interessiert hat, hatte ich schon im Fr&uuml;hsommer meine Teilnahme zugesagt. Zwischenzeitlich hatte ich zwar viele Mails &uuml;ber die Planungen des Camps erhalten, aber bis wenige Tage vor der Veranstaltung habe ich nicht gewusst, was von mir erwartet wird, worauf ich mich vorbereiten oder wie ich mich einbringen sollte. Erst wenige Tage vor dem Camp, als ich bei der Pr&auml;sentation des Handbuches auf der Frankfurter Buchmesse, den Direktor des &Ouml;GB Verlags Gerhard Br&ouml;thaler und die Organisatoren des Camps Christian Voigt und Thomas Kreiml getroffen habe, wurde mir in Umrissen klar, was mich da in Wien erwarten sollte. <\/p><p>Es seien vor allem &bdquo;AktivistInnen&ldquo; geladen und es solle bewusst vermieden werden, dass jemand f&uuml;r eine Bewegung oder Organisation spricht. Es soll ohne vorbereitete Inputs (Referate) gearbeitet werden, die Diskussion soll von den jeweiligen konkreten Arbeitsfeldern der TeilnehmerInnen ausgehen und bestimmt werden. Die Gespr&auml;che sollen zwar moderiert sein, aber sich m&ouml;glichst frei entwickeln. Die zentrale These k&ouml;nnte man so umrei&szlig;en: das politische System hat heute das &bdquo;Primat der Politik&ldquo; verloren und die sozialen Bewegungen werden zunehmend zu den Akteuren, die &bdquo;Politik&ldquo; bewegen, politische Gestaltungskraft und politisches Handeln einfordern.<\/p><p>Mit ziemlich gemischten Gef&uuml;hlen bin ich nach Wien gefahren. Ich bin nun seit meinem 18. Lebensjahr, angefangen von der Sch&uuml;lervertretung, &uuml;ber die Studentenbewegung, als Gewerkschafter und als Mitglied einer Partei politisch aktiv, aber eine (politische) Veranstaltung ohne &bdquo;Inputs&ldquo;, ja ohne ein konkretes Ziel oder ohne Erwartung einer Meinungsbildung zu einem bestimmten Thema, das hatte ich noch nie erlebt &ndash; nicht einmal in der sog. antiautorit&auml;ren Bewegung Anfang der 70er Jahre. Als ich dann das ein DIN-A3-Blatt f&uuml;llende Programm am Tagungsort vorfand, konnte ich mir schon gar nicht mehr vorstellen, was da in den zweieinhalb Tagen ablaufen sollte.<\/p><p>An die 50 ganz unterschiedliche Themen sollten jeweils eineinhalb Stunden in jeweils parallel tagenden <a href=\"http:\/\/www.sozialebewegungen.org\/\">Arbeitskreisen diskutiert werden<\/a>. Das Themenspektrum reichte von sog. Flashmobs (also &uuml;ber Mobiltelefone und Internet organisierte kollektive direkte Aktionen), &uuml;ber die Frage &bdquo;Wie bringen wir Anliegen und Themen in die Gesellschaft&ldquo;, &bdquo;Digitale B&uuml;rgerrechte&ldquo;, &bdquo;Krise und Angst&ldquo;, &bdquo;Grassroots vs Apparat&ldquo;, <a href=\"?p=11060\">&bdquo;Kampagnen der Arbeitgeber die auf Sprache zielen&ldquo;<\/a>, &bdquo;Feminismus 2.0&ldquo;, prek&auml;re WissenschaftsarbeiterInnen bis hin zur Frage &bdquo;Wie Social Media die Medienlandschaft ver&auml;ndert&ldquo;. Diskutiert werden sollten auch neue Formen demokratischer Beteiligung, etwa &uuml;ber die von der &bdquo;Piraten-Partei&ldquo; in Ans&auml;tzen propagierten <a href=\"http:\/\/wiki.piratenpartei.de\/Liquid_Democracy\">&bdquo;Liquid Democracy&ldquo;<\/a> usw. usf.<\/p><p>(Ein ORF-Radio-Beitrag versucht das Geschehen <a href=\"http:\/\/soup.sozialebewegungen.org\/post\/184309718\/matrix-zum-sbsmCamp-mp3\">zusammenzufassen<\/a>, hier auch noch eine <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=i3Wpm_hvsPM\">Zusammenfassung des Camp-Video-Teams<\/a>)<\/p><p>Obwohl ich tapfer und diszipliniert von morgens bis abends Arbeitsgruppen besuchte und mich an den Diskussionen beteiligte, konnte ich nat&uuml;rlich nur einen kleinen Teil des Angebots verfolgen. Ich ma&szlig;e mir deshalb kein Gesamturteil an. Zumal es keine Plenumsberichte oder Zusammenfassungen aus den Arbeitsgruppen im Plenum gab.<br>\nWas ich &ndash; zun&auml;chst einmal ganz oberfl&auml;chlich betrachtet &ndash; bemerkenswert fand, war allein schon die Tatsache, dass sich eine gro&szlig;e Zahl j&uuml;ngerer Menschen, die schon aufgrund ihres &auml;u&szlig;eren Erscheinungsbilds und mit ihren zahllosen Laptops gar nicht so Recht dahin passten, in einer Gewerkschaftszentrale aufhielten. Es war ein buntes Treiben im &Ouml;GB-Haus. (Vgl. die Fotostrecken <a href=\"http:\/\/foto.oegbverlag.at\/web\/V01\/sbsmcamp1\/content\/_2121797495_large.html\">hier<\/a> und <a href=\"http:\/\/foto.oegbverlag.at\/web\/V01\/2sbsmTaalk\/\">hier<\/a>.)<br>\nIch vermute, dass der &uuml;berwiegende Teil der Camp-Teilnehmer noch nie die Schwelle zu einem Gewerkschaftshaus &uuml;berschritten haben d&uuml;rfte und schon gar nicht mit einer Gewerkschaftsorganisation Kontakt hatte. Insofern war dies angesichts der eigenen Alters- und Sozialstruktur von Gewerkschaften ein wagemutiger Schritt des &Ouml;GB hin zu einer g&auml;nzlich anderen &bdquo;Subkultur&ldquo;. Leider haben sich &ndash; bis auf die das Camp organisierenden Mitarbeiter des &Ouml;GB und bis auf die beauftragten Projektorganisatoren &ndash; die &bdquo;Hierarchen&ldquo; des Gewerkschaftsbundes nicht gezeigt. Allein der Direktor des &Ouml;GB-Verlags Gerhard Br&ouml;thaler stellte sich tapfer der Herausforderung.<br>\nDennoch halte ich diese &bdquo;&Ouml;ffnung&ldquo; der Gewerkschaft f&uuml;r einen mutigen und richtigen Schritt, um &uuml;berhaupt Br&uuml;cken zu den unterschiedlichsten sozialen Bewegungen schlagen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Die Herkunft der Teilnehmer\/innen war recht vielf&auml;ltig, so waren die Internetbetreiber\/innen der deutschen Gewerkschaften ver.di und der IG Metall genauso vertreten, wie Vertreter\/innen der katholischen Laienbewegung, AktivistInnen von &bdquo;Stuttgart 21&ldquo; oder der studentischen Protestbewegung &bdquo;uni brennt&ldquo;. Ich traf Internet- oder &bdquo;Web 2.0&ldquo;-AktivistInnen ganz unterschiedlicher Felder &ndash; von Bloggern &uuml;ber Twitter- und Facebook-Kampagnenmachern bis zu Video-Stream-Reportern. &Uuml;berwiegend m&auml;nnlich, aber auch viele Frauen.<\/p><p>&Uuml;berrascht hat mich weiter die Diskussionskultur in den von mir besuchten Arbeitsgruppen. Es gab &ndash; wie gesagt &ndash; keine Einf&uuml;hrungsreferate (Inputs) und auch keine klassischen Podien. Die Diskussionen wurden &uuml;berwiegend nur von Moderatoren mit Fragen angesto&szlig;en, um dann in eine offene Diskussion zu kommen &ndash; was zumeist auch klappte. Die Diskutanten traten nicht als Repr&auml;sentanten von bestimmten Gruppen auf und es gab nicht die &uuml;bliche Hierarchie von &bdquo;Experten&ldquo; und &bdquo;Betroffenen&ldquo; bzw. &bdquo;Laien&ldquo;. Obwohl sehr offen, hielten sich die Diskussionen an die aufgeworfenen Fragen und verhedderten sich nicht an oft &bdquo;steilen Thesen&ldquo; einzelner Gespr&auml;chspartner. Jede und Jeder konnte seine Meinung oder seine Position vortragen, alle waren gleichberechtigt. Jedes Argument wurde fair respektiert. Auch wenn Thesen hartn&auml;ckig vertreten wurden, gab es keine &bdquo;Fl&uuml;gelk&auml;mpfe&ldquo; oder gar hitzige Debatten dar&uuml;ber, wer nun Recht hat. Es gab allerdings auch keine Zusammenfassungen oder keine &bdquo;Ergebnisse&ldquo; aus den Arbeitsgruppen, so dass kontroverse Positionen einfach im Raum stehen blieben.  <\/p><p>Die Veranstaltungsform und die Diskussionskultur k&ouml;nnte man vielleicht als eine Mischung aus &bdquo;Kirchentag&ldquo;, Hochschulseminar und Selbsthilfegruppe beschreiben, nur eben erg&auml;nzt durch Twitter-Zurufe von au&szlig;en und &uuml;bertragen als Live-Stream im Internet. <\/p><p>Das weitgehend &uuml;bereinstimmende Grundmotiv der Diskutanten k&ouml;nnte man vielleicht grob so zusammenfassen: Es gibt ein massives Unbehagen an der herrschenden Politik, die politische Elite (also Parteien, Verb&auml;nde oder sonstige gesellschaftliche Gro&szlig;organisationen) genie&szlig;t kein Vertrauen mehr, sie gilt als von der gesellschaftlichen Basis abgekoppelt und getrieben von m&auml;chtigen Finanz- und Kapitalinteressen (z.B. den Banken und der Finanzwirtschaft, dem reichen einen Prozent in der Gesellschaft eben). Die Rituale in den etablierten Organisationen sind erstarrt, demokratische Teilhabe oder Mitbestimmung funktionieren nicht mehr, das Mitmachen in Organisationen (also Parteien, Gewerkschaften, Kirchen) bewirkt nichts.<\/p><p>Kurz: Es sind &bdquo;Emp&ouml;rte&ldquo;, die gegen die bestehenden Zust&auml;nde &bdquo;aktiv&ldquo; sind oder werden wollen und die Ver&auml;nderung nur noch durch Bewegungen von unten, &bdquo;basisdemokratisch&ldquo; von &bdquo;sozialen Bewegungen&ldquo; erhoffen. Und man sucht nach (radikal-)alternativen Formen &ndash; vor allem &uuml;ber das Internet verbreitete Kommunikationsformen &ndash; zur &Uuml;berwindung der Herrschafts- bzw. (allgemeiner) Systemstrukturen.<\/p><p>Was sich mir im Wiener Gewerkschaftshaus auf dem &bdquo;#sbsm Camp&ldquo; darbot, scheint mir als Ausschnitt auch die Struktur der &bdquo;Occupy Bewegung&ldquo; widerzuspiegeln. N&auml;mlich eine offene Bewegung, die m&ouml;glichst alle, die aus unterschiedlichsten Gr&uuml;nden ein Unbehagen an den herrschenden Machtverh&auml;ltnissen und an der etablierten Politik sowie den vorhandenen Institutionen haben, kurz, alle die sich emp&ouml;ren, aufnehmen will. Aus Sorge vor einer Instrumentalisierung durch m&auml;chtige herrschende Interessen, setzt man auf eine Art <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Barcamp\">&bdquo;Barcamp&ldquo;- oder Open Space-Dynamik<\/a> &ndash; will sagen, auf offene Diskussionen &uuml;ber Themen gemeinsamer Betroffenheit oder Emp&ouml;rung deren Inhalte und Ablauf von Gleichberechtigten als Anwesende oder &uuml;ber Internetkan&auml;le &ndash; bzw. Social Medias (Twitter, Facebook) selbst entwickelt und bestimmt wird, an deren Ende dann m&ouml;glicherweise eher eine (Protest-)Aktion als eine gemeinsame inhaltliche (politische) Forderung steht.<\/p><p>Dieser offene Dialog und die Akzeptanz ganz unterschiedlicher Meinungen unter den &bdquo;AktivistInnen&ldquo; machen solche Formen eines gemeinsamen Lernprozesses f&uuml;r viele Menschen ganz unterschiedlicher Weltanschauung oder politischer Einstellung sympathisch und einbindend. Andererseits bleibt der Meinungsbildungsprozess diffus, ja sogar widerspr&uuml;chlich, er m&uuml;ndet eben eher in einer gemeinsamen &ouml;ffentlichen Aktion oder in einer Internet-Kampagne, bei der aber gleichfalls jeder f&uuml;r seine Auffassung eintreten kann, also seine Plakate hochhalten oder seine Internet-Community &bdquo;viral&ldquo; aktivieren kann. <\/p><p>Diese gewinnende Offenheit f&uuml;r ganz unterschiedliche Meinungen und politische Positionen &ndash; vereint nur im Widerstand gegen einen gesellschaftlichen Misstand oder gegen eine Entscheidung der Regierenden &ndash; d&uuml;rfte aus meiner Sicht gleichzeitig zum Kernproblem solcher Art neuer sozialer Bewegungen werden. Sie m&ouml;gen breite Schichten ansprechen und sie m&ouml;gen &ndash; wie etwa die Occupy Bewegung &ndash; ein allgemein anerkanntes, berechtigtes Anliegen vortragen und &uuml;berf&auml;lligen Protest zum Ausdruck bringen, f&uuml;r den bis zu Angela Merkel und sogar Helmut Schmidt alle Verst&auml;ndnis aufbringen. Aber solche Aktionen bleiben (jedenfalls zun&auml;chst) nur kritische Appelle an diejenigen, die Herrschaft aus&uuml;ben. Solche sozialen Bewegungen m&ouml;gen eine bestimmte Politik oder die herrschenden Verh&auml;ltnisse ablehnen, aber sie stellen ihnen keine konkrete Alternative gegen&uuml;ber. Oder sie entwickeln Gegenentw&uuml;rfe &ndash; wie z.B. bei Stuttgart 21 &ndash; erst in einem langwierigen Prozess mit Hilfe von Fachleuten oder von sich im Laufe der Diskussion zu Experten entwickelnden AktivistInnen. Damit d&uuml;rften solche Bewegungen aber oftmals der &bdquo;Macht des Faktischen&ldquo; hinterherlaufen und an ihr scheitern. Was dann bei den Beteiligten eher zu Frustration und Resignation als zu weiterem Engagement f&uuml;hren d&uuml;rfte.<\/p><p>Der ausschlie&szlig;lich moderierte und sich nicht an inhaltliche Inputs orientierende Diskussionsprozess, bei dem sozusagen jeder oder jede vertreten kann, was er oder sie will, ist gleichzeitig eine Gefahr f&uuml;r solche offenen Bewegungen. Die Offenheit ist n&auml;mlich eine offene Flanke. Solche Bewegungen sind dadurch in ihren Positionen beeinflussbar und z.B. &uuml;ber das Internet durch anonyme Teilnehmer an diesem Meinungsbildungsprozess von au&szlig;en durchdringbar &ndash; gerade auch durch verschw&ouml;rungstheoretische oder mit suggestiver Kraft vorgetragenen sektiererischen Positionen unterschiedlichster Herkunft bis hin zu besonders aktiven Gruppen aus dem (rechts-) populistischen Lager. Man will gar nicht erst daran denken, dass sich m&auml;chtige Institutionen der &ouml;ffentlichen Meinungsmache mit ihren Apparaten und vor allem mit ihren Parolen einmischen. (Die haben inzwischen die Methoden der viralen Propaganda professionalisiert.)<\/p><p>Umso wichtiger ist es, dass aufkl&auml;rerische, emanzipatorische oder fortschrittliche Positionen in den Meinungsbildungsprozess eingebracht werden. Das mag vielen politisch Aktiven, die in etablierten Organisationen wie Gewerkschaften, Kirchen oder gar Parteien engagiert sind, schwer fallen, weil sie eine v&ouml;llig andere Kultur der politischen Meinungsbildung gewohnt sind, die &uuml;blicherweise in einer kontroversen Debatte zu einem Beschluss f&uuml;hrt oder bestimmte Personen als Repr&auml;sentanten f&uuml;r ein mehrheitlich abgestimmtes Programm w&auml;hlt. Es w&auml;re jedoch ein schwerer Fehler, wenn die auf diese Art sozialisierten politisch Aktiven nicht auf die neuen &bdquo;sozialen Bewegungen&ldquo; zugehen w&uuml;rden. Nicht nur weil sie damit ein wichtiges Potential f&uuml;r gesellschaftliche (und damit auch politische) Ver&auml;nderung sprichw&ouml;rtlich links liegen lassen w&uuml;rden, sondern weil sie sich damit von einem beachtlichen Teil der j&uuml;ngeren Generation isolieren w&uuml;rden. Insofern war die Entscheidung des &Ouml;sterreichischen Gewerkschaftsbundes, f&uuml;r AktivistInnen in Social Media und in Sozialen Bewegungen die T&uuml;r zu &ouml;ffnen, eine richtige und eine kluge Entscheidung. <\/p><p>Um aber nicht in blo&szlig;em Aktivismus zu enden oder um nicht nur eine Bewegung um der Bewegung willen zu bleiben, die (jedenfalls in aller Regel) zwar berechtigten, aber ohnm&auml;chtigen Protest ausdr&uuml;ckt, der aufgrund seiner Wirkungslosigkeit eher zu Resignation und damit wiederum zu Passivit&auml;t f&uuml;hrt, m&uuml;sste es den sozialen Bewegungen gelingen, ihre (politischen) Ziele klarer zu definieren und nachvollziehbarer zu begr&uuml;nden. <\/p><p>Mein vorl&auml;ufiges, sicherlich noch sehr subjektiv gef&auml;rbtes Fazit zu den neuen Sozialen Bewegungen ist: <\/p><p>Offene Diskussionen sind gut, Aktivismus ist gut und soziale Bewegung ist gut, aber irgendwann m&uuml;ssten die Diskussionen zu einer Meinungsfindung kommen, irgendwann m&uuml;sste man wissen, was die Aktivisten konkret wollen und irgendwann m&uuml;sste man vor allem auch genauer wissen, wohin oder in welche Richtung die Bewegung geht.<\/p><p>Die Ans&auml;tze f&uuml;r eine demokratische Gegen&ouml;ffentlichkeit sind da und die technisch-kommunikativen M&ouml;glichkeiten auch. Vielleicht fehlt es nur noch an den &bdquo;z&uuml;ndenden&ldquo; Ideen, damit die neuen sozialen Bewegungen sich in ein fortschrittliches demokratisches Lauffeuer ausbreiten, das die herrschende Politik &ndash; wie in Nordafrika &ndash; ernsthaft bedroht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Antwort ist nicht einfach. Das Bild ist noch zu diffus. 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