{"id":1111,"date":"2004-11-11T12:41:27","date_gmt":"2004-11-11T10:41:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1111"},"modified":"2016-03-23T11:32:09","modified_gmt":"2016-03-23T10:32:09","slug":"angriff-auf-die-abstiegsprediger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1111","title":{"rendered":"Angriff auf die Abstiegsprediger"},"content":{"rendered":"<p>DIE ZEIT, Nr.47, 11.11.2004, S. 32, Marc Brost<br>\n<!--more--><br>\nUm die Wut im aktuellen Bestseller von Albrecht M&uuml;ller richtig zu verstehen, muss man zuvor ein anderes Buch gelesen haben &mdash; zumindest die entscheidende Passage. Als der Gr&uuml;nen-Politiker Oswald Metzger 2002 den Bundestag verlie&szlig;, ver&ouml;ffentlichte er eine w&uuml;tende Abrechnung mit Deutschlands Finanzpolitik: Einspruch! Wider den organisierten Staatsbankrott. Metzger, damals Haushaltsexperte seiner Partei, beschrieb, wie schnell ein Berufspolitiker als &raquo;Experte&laquo; gilt. Er m&uuml;sse blo&szlig; &raquo;mehr als zweimal&laquo; etwas zum gleichen Thema sagen. &raquo;Entsprechend oberfl&auml;chlich sind die Debatten im Parlament&laquo;, so Metzger. &raquo;Gesch&auml;ftigkeit, blinder Aktionismus, opportunistisches Schielen nach den Trends der Woche ersetzen viel zu h&auml;ufig solides Arbeiten.&laquo; <\/p><p>Es ist ein Verhalten, das zu einem grotesken Mainstream in der deutschen Wirtschaftspolitik gef&uuml;hrt hat (auch wenn Metzger selbst diesen Schluss in seinem Buch nicht zieht). Einige wenige Akteure bestimmen die Debatte &uuml;ber den Umbau des deutschen Sozialstaats und die Qualit&auml;t des Standorts &mdash; sie setzen den Trend. Viele andere h&auml;ngen sich an ihn dran und befeuern diese Debatte mit noch drastischeren Zitaten &uuml;ber den Reformstau, noch dramatischeren Szenarien der deutschen Krise, noch vehementeren Forderungen nach Abbau hier und Verzicht dort. Es ist ein Trend, der sich auch in den Medien wiederfindet &ndash; und damit bei den wirtschaftspolitischen B&uuml;chern. Entsprechend viel Gedrucktes &uuml;ber Deutschlands &ouml;konomischen Abstieg liegt derzeit in den Buchregalen. <\/p><p>Der fr&uuml;here SPD-Bundestagsabgeordnete und studierte Volkswirt Albrecht M&uuml;ller, der jetzt als Autor sowie als Politik- und Unternehmensberater arbeitet, ist der Erste, der dagegen anschreibt. Ist das nun &raquo;links&laquo;? Ist das &raquo;vulg&auml;rkeynesianisch&laquo;? Es ist jedenfalls nicht falsch. <\/p><p>&raquo;Konstruktiv und optimistisch&laquo; nennt M&uuml;ller &ndash; einst Redenschreiber von Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller, dann Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt unter Willy Brandt und Helmut Schmidt &ndash; sein Buch. Optimistisch gibt sich M&uuml;ller vor allem, wenn er mit der irrigen Ansicht aufr&auml;umt, dass Reformen nur m&ouml;glich seien, wenn man dem Volk dauernd suggeriere, alles werde noch viel schlechter. &raquo;In der &ouml;ffentlichen Debatte &uuml;ber Deutschland ist das Glas immer halb leer. W&auml;ren die Meinungsf&uuml;hrer jedoch ernsthaft daran interessiert, dass sich die Stimmung hierzulande verbessert, damit sich anschlie&szlig;end auch das Spar- undAusgabeverhalten der Konsumenten und das Kauf- und Investitionsverhalten der Unternehmen an einer optimistischen Zukunftserwartung orientiert, m&uuml;ssten sie betonen, dass das Glas halb voll ist&laquo;, schreibt er. Woher soll der Antrieb f&uuml;r Reformen denn sonst auch kommen? Die Leidenschaft ist das Grundprinzip allen Wirtschaftens. Nur wenn die Menschen glauben, dass sich ihre Anstrengungen lohnen, sind sie bereit, noch mehr zu wagen. <\/p><p>Trotzdem ist dieses Buch erst auf den zweiten Blick konstruktiv. Denn zun&auml;chst einmal geht es M&uuml;ller darum, alles zu widerlegen, was im wirtschaftspolitischen Mainstream dieser Tage als Allgemeingut gilt: Die demografische Entwicklung sei gar nicht dramatisch, die gesetzliche Rente nicht bedroht, die Arbeitskosten nicht zu hoch. <\/p><p>Diese Wut zu begr&uuml;nden gelingt ihm mal besser &ndash; etwa, wenn er darauf hinweist, dass L&ouml;hne gesamtwirtschaftlich eine wichtige Doppelfunktion haben und eben nicht nur Kosten sind, sondern auch Nachfrage. Und dann wiederum verrennt er sich in einer fast schon absurden Beweisf&uuml;hrung &ndash; etwa wenn er vehement verneint, dass die Globalisierung ein neues Ph&auml;nomen sei, immerhin habe die Lederwarenindustrie schon in den siebziger Jahren Entw&uuml;rfe von Handtaschen per Telefax zu den Produzenten in Ostasien gesandt. <\/p><p>Konstruktiv ist DieReforml&uuml;ge dennoch, weil das Buch die wirtschaftspolitische Debatte weitet. Und die war zuletzt doch arg verengt.<\/p><p>MARC BROST <\/p><p>Albrecht M&uuml;ller: Die Reforml&uuml;ge <\/p><p>40 Denkfehler, Mythen und Legenden,<br>\nmit denen Politik und Wirtschaft<br>\nDeutschland ruinieren; Droemer,<br>\nM&uuml;nchen 2004; 416 S., 19,90 Euro <\/p><p><em>&copy; DIE ZEIT<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DIE ZEIT, Nr.47, 11.11.2004, S. 32, Marc Brost <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[208,30],"tags":[300,1110,312],"class_list":["post-1111","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-mueller-albrecht","tag-reformluege","tag-reformpolitik"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1111","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1111"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1111\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32433,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1111\/revisions\/32433"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1111"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1111"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1111"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}