{"id":111183,"date":"2024-02-17T14:00:31","date_gmt":"2024-02-17T13:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=111183"},"modified":"2026-01-27T11:44:18","modified_gmt":"2026-01-27T10:44:18","slug":"michael-andrick-der-pluralismus-ist-tot-in-deutschland-es-ist-eine-demokratie-farce-die-hier-aufgefuehrt-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=111183","title":{"rendered":"Michael Andrick: \u201eDer Pluralismus ist tot in Deutschland, es ist eine Demokratie-Farce, die hier aufgef\u00fchrt wird\u201c"},"content":{"rendered":"<p>In Deutschland werden die &bdquo;Interaktionen der Menschen mit Skepsis, Misstrauen und Angst verseucht&ldquo;. Das sagt der Philosoph <strong>Michael Andrick<\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. In seinem neuen Buch &bdquo;Im Moralgef&auml;ngnis: Spaltung verstehen und &uuml;berwinden&ldquo; analysiert er Spaltung als &bdquo;eine Infektion der Kommunikationswege mit dem Virus der Moralisierung&ldquo;. Was genau er damit meint, erkl&auml;rt er im Interview. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Marcus Kl&ouml;ckner: Herr Andrick, wie sieht es mit der Meinungsvielfalt in unserer Gesellschaft aus? Was ist los mit dem Pluralismus?<\/strong><\/p><p><strong>Michael Andrick:<\/strong> Der Pluralismus ist tot in Deutschland und kann nur durch freim&uuml;tige Diskussion wiederbelebt werden. Es gibt Meinungsvielfalt wie immer unter Menschen, aber sie wird von einer allgegenw&auml;rtigen &Auml;u&szlig;erungsangst unter dem Deckel gehalten. Die Transatlantische Einheitspartei Deutschlands aus SPD, Union, Gr&uuml;nen und FDP nutzt eine staatliche und halbstaatliche Propagandamaschinerie, um die Menschen hinters Licht zu f&uuml;hren: Sie sollen massenweise f&uuml;r die Regierung demonstrieren und Opposition gegen die neue Einheitspartei pauschal als rechtsradikal betrachten lernen. Es ist eine Demokratie-Farce, die hier gerade aufgef&uuml;hrt wird, w&auml;hrend der deutsche Wirtschaftsstandort unter dem Regiment inkompetenter Ideologen immer tiefer in die Strukturkrise gedr&uuml;ckt wird.<\/p><p><strong>Sie haben gerade ein Buch ver&ouml;ffentlicht, dass sich mit der Spaltung in unserer Gesellschaft auseinandersetzt. Das Buch tr&auml;gt den Titel &bdquo;Im Moralgef&auml;ngnis&ldquo;. Was haben Moral und Gef&auml;ngnis in diesem Zusammenhang miteinander zu tun?<\/strong><\/p><p>Ich erkl&auml;re in dem Buch, wie Moralisierung und Demagogie dazu f&uuml;hren, dass die Interaktionen der Menschen mit Skepsis, Misstrauen und Angst verseucht werden. Das endet in dem Zustand, den wir jetzt beobachten: Sachpolitische Diskussion findet fast nicht mehr statt, es werden meist nur noch primitive Karikaturen politischer Standpunkte in den Raum gestellt, und die Gegenseite wird als moralisch minderwertig abqualifiziert. Diesen Zustand schmerzlicher Sprachlosigkeit und gegenseitiger Entfremdung bezeichne ich als &bdquo;Moralgef&auml;ngnis&ldquo;. Wir m&uuml;ssen uns daraus befreien.<\/p><p><strong>&bdquo;Spaltung ist eine Infektion der Kommunikationswege mit dem Virus der Moralisierung&ldquo; &ndash; so lautet Ihre Kernthese. Was genau meinen Sie damit?<\/strong><\/p><p>Moralisiere ich die Diskussion einer politischen Frage, also einer Gemeinwohlfrage, dann &bdquo;infiziert&ldquo; diese Moralisierung sehr leicht meine Gespr&auml;chspartner &ndash; in dem Sinne, dass sie jetzt dazu verf&uuml;hrt werden, sich zu verteidigen und klarzustellen, dass sie gar keine schlechten Menschen sind. Dabei kommt es dann leicht ebenfalls zu moralischen Verurteilungen des anderen. Die politische Diskussion wird durch peinliche Zankereien ersetzt, und es bilden sich Gesinnungsfraktionen. Diese Dynamik kann bis zum Untergang einer Gesellschaft f&uuml;hren. Viele merken gar nicht mehr, wie sie laufend moralisieren, anstatt respektvoll die Sachfragen zu bereden. Sie sind an Moralitis erkrankt und wissen nichts davon.<\/p><p><strong>Dem Amt des Bundespr&auml;sidenten wird von je her eine Art vereinende Wirkung zugeschrieben. Der Bundespr&auml;sident soll &uuml;berparteilich sein und daf&uuml;r sorgen, dass Gr&auml;ben &uuml;berbr&uuml;ckt und Br&uuml;cken zwischen den B&uuml;rgern gebaut werden. Nun denken wir an Frank-Walter Steinmeier. Es ist noch nicht lange her, da sagte der Bundespr&auml;sident im Hinblick auf die Proteste der B&uuml;rger, die sich f&uuml;r die Werte des Grundgesetzes w&auml;hrend der Coronazeit auf der Stra&szlig;e eingesetzt haben: &bdquo;Der Spaziergang hat seine Unschuld verloren.&ldquo; Verweist das Agieren von Steinmeier auf eines der zentralen Grundprobleme, n&auml;mlich, dass die Spaltung in der Gesellschaft nicht von unten, sondern von oben kommt? <\/strong><\/p><p>Herr Steinmeier sollte dringend mein Buch lesen. Es ist eindeutig f&uuml;r mich, dass er das Problem von Moralisierung und Demagogie entweder gar nicht sieht oder aber die Begriffe nicht versteht. Ansonsten k&ouml;nnte er nicht allen Ernstes alle Deutschen, die sich nicht mit experimentellen Gentherapeutika &bdquo;impfen&ldquo; lassen wollten, pauschal als &bdquo;unvern&uuml;nftig&ldquo; bezeichnen. Das hat er aber getan, als er von der &bdquo;vern&uuml;nftigen Mehrheit&ldquo; sprach, die den teils menschenrechtswidrigen Corona-Ma&szlig;nahmen folgte. Er scheint tats&auml;chlich nicht zu sehen, dass er selbst als Spalter agiert. &Uuml;ber seine hochnotpeinlichen Ausf&uuml;hrungen zu &bdquo;Rattenf&auml;ngern&rdquo; schweige ich freundlich. Sie wiederholen dasselbe spalterische Muster und k&ouml;nnen von keinem noch so gro&szlig;z&uuml;gig milliard&auml;rs- und regierungsfinanzierten &bdquo;Faktenchecker&rdquo; mehr &bdquo;geradegeschwurbelt&rdquo; werden.<\/p><p><strong>Wie bewerten Sie das Verhalten der politischen und gesellschaftlichen Eliten in dieser Zeit? Was f&auml;llt Ihnen im Zusammenhang mit Ihrem Thema auf?<\/strong><\/p><p>Ich finde das Verhalten von Parteifunktion&auml;ren, die sich in einem eng gestrickten Kartell den Staat zur Beute und seine Institutionen zu Karrierespielpl&auml;tzen gemacht haben, nicht &uuml;berraschend und auch nicht aufregend zu beobachten. Sie verteidigen ihre Macht, indem sie die von ihren Loyalisten besetzten Geheimdienste und andere Beh&ouml;rden dazu kommandieren, die Opposition zu diskreditieren, es neuen Parteien schwer zu machen und ihre Gegner einzusch&uuml;chtern. Das ist nicht neu in der Geschichte und kann nicht &uuml;berraschen. Die zugrunde liegenden Mechanismen kann man in vielen B&uuml;chern, z.B. von Hans-Herbert von Arnim, Noam Chomsky oder Michael Meyen, schon lange detailliert nachlesen.<\/p><p>Mein neues Buch &bdquo;Im Moralgef&auml;ngnis&rdquo; richtet sich an die breite Bev&ouml;lkerung. Ich m&ouml;chte dar&uuml;ber aufkl&auml;ren, wie moralisierende Einsch&uuml;chterung uns die Freiheit kosten muss, wenn wir nicht aufh&ouml;ren, vor ihr zu kuschen und endlich wieder mutig und frei unsere Meinung &auml;u&szlig;ern.<\/p><p><strong>Was schlagen Sie vor? Was ist der Ausweg aus dem &bdquo;Moralgef&auml;ngnis&ldquo;? <\/strong><\/p><p>Mit dem Buch m&ouml;chte ich erstmal Aufkl&auml;rungsarbeit &uuml;ber das recht komplexe Regime des Moralismus leisten, das wir heute in Deutschland und anderswo schon haben. Dieses Regime des Moralismus besteht aus Kulturtechniken, die wir alle kennen: Abkanzeln, Umstrittenmachen, Vorabmarkieren von Gespr&auml;chspartnern als verd&auml;chtig durch ver&auml;chtliche Wortwahl, usw. usf.<\/p><p>Diese Verhaltensweisen schaffen eine feindselige, paranoische Atmosph&auml;re. Und auf diesem N&auml;hrboden sind eine ganze Reihe von Praktiken und sogar Institutionen aufgewachsen, die viele als fast normal empfinden mittlerweile, die aber alle eindeutig Teil einer repressiven politischen Architektur sind &ndash; zum Beispiel &bdquo;Faktenchecker&ldquo;-Agenturen, Demokratief&ouml;rderinitiativen, die schlicht Alimentierungsprogramme f&uuml;r regierungstreue B&uuml;rgerinitiativen sind, ein Hassredegesetz, usw. Ich m&ouml;chte diese undemokratischen und antiliberalen Ausw&uuml;chse auf klare Begriffe bringen und einige Mitb&uuml;rger aufr&uuml;tteln, gewisse Spielchen nicht mehr mitzuspielen. Das ist mein Beitrag als Philosoph zur Verteidigung der Freiheit.<\/p><p><strong>Spielen die Medien eine Rolle beim Bau des Moralgef&auml;ngnisses? Wenn ja: Welche? <\/strong><\/p><p>Ja, nat&uuml;rlich. In modernen Massengesellschaften wissen wir das, was wir &uuml;ber die Welt wissen, aus den Medien, wie Luhmann so treffend sagt. Wer die Medienoberfl&auml;che kontrolliert, der herrscht. Deswegen erleben wir jetzt ja auch, wie die Transatlantische Einheitspartei von ihr selbst mitfinanzierte Agenturen darauf ansetzt, um Horrorstories &uuml;ber massenweise Demokratiefeindlichkeit in die Welt zu setzen und medial aufzubauschen, um die Bev&ouml;lkerung vom offenkundigen Niedergang der Bundesrepublik abzulenken. Sie sieht ihre Herrschaft in Gefahr und will ihre B&uuml;rger durch moralisierende Verdammung aller Oppositionskr&auml;fte als &bdquo;rechts&ldquo;, &bdquo;Querfront&ldquo;, &bdquo;russlandfreundlich&ldquo; oder was-auch-immer einsch&uuml;chtern.<\/p><p><strong>Wagen Sie doch bitte mal einen Ausblick. Wie geht es weiter? Werden mehr B&uuml;rger die &bdquo;Moralitis-Epidemie&ldquo;, wie Sie es bezeichnen, durchschauen? <\/strong><\/p><p>Die beste Nachricht unserer Tage sind die massiv gesunkenen Vertrauenswerte in die etablierten Parteien und die offiziellen Stellen. Die Menschen bemerken zunehmend, dass man ihnen moralisch die Welt erkl&auml;ren will und dass ihre Lebensumst&auml;nde &ouml;konomisch real schlechter werden. Bald wird es f&uuml;r das regierende Parteienkartell notwendig werden, 30 bis 40 Prozent der W&auml;hler f&uuml;r irgendwie &bdquo;extremistisch&ldquo; zu erkl&auml;ren, um ihr Machtmonopol halten zu k&ouml;nnen. Ich hoffe, dass es hier zu einem Einlenken kommt und wir uns endlich wieder an ein ganz normales demokratisches Meinungsspektrum von links bis rechts im grundgesetzlichen Rahmen gew&ouml;hnen und wieder angstfrei diskutieren lernen. Dazu will ich mit dem Buch m&ouml;glichst viele ermutigen. Die Sanierung der offenen Gesellschaft beginnt mit offenen Diskussionen.<\/p><p>Demokratie ist friedliche Streitverwaltung in einem breiten Meinungsspektrum. Das m&uuml;ssen die B&uuml;rger wieder f&uuml;r sich beanspruchen und die volksp&auml;dagogischen Anma&szlig;ungen der Parteipolitiker schlicht und deutlich zur&uuml;ckweisen.<\/p><p><em>Lesetipp: Michael Andrick: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/im-moralgefaengnis.html\">Im Moralgef&auml;ngnis: Spaltung verstehen und &uuml;berwinden.<\/a> Westend. 12. Februar 2024. 160 Seiten, 18 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Deutschland werden die &bdquo;Interaktionen der Menschen mit Skepsis, Misstrauen und Angst verseucht&ldquo;. Das sagt der Philosoph <strong>Michael Andrick<\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. In seinem neuen Buch &bdquo;Im Moralgef&auml;ngnis: Spaltung verstehen und &uuml;berwinden&ldquo; analysiert er Spaltung als &bdquo;eine Infektion der Kommunikationswege mit dem Virus der Moralisierung&ldquo;. 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