{"id":1112,"date":"2004-10-31T12:42:32","date_gmt":"2004-10-31T10:42:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1112"},"modified":"2019-03-10T14:35:13","modified_gmt":"2019-03-10T13:35:13","slug":"gelungene-aufklarung-oder-0815-keynesianismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1112","title":{"rendered":"Gelungene Aufkl\u00e4rung oder 08\/15-Keynesianismus?"},"content":{"rendered":"<p>Mit seinem Buch &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; kritisiert vorw&auml;rts-Kolumnist Albrecht M&uuml;ller die &bdquo;Agenda 2010&ldquo; der Bundesregierung. Die Reaktionen auf das Buch sind geteilt: Es gibt weitgehende Zustimmung, aber auch heftige Kritik. Wir dokumentieren beide Positionen. vorw&auml;rts &ndash; Oktober 2004<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Gelungene Aufkl&auml;rung<br>\nVon Friedhelm Hengsbach <\/strong><\/p><p>Albrecht M&uuml;ller hat ein Lexikon jener Denkfehler, Mythen und Legenden zusammengestellt, die von den politischen und wirtschaftlichen Eliten propagiert werden, um die Bev&ouml;lkerung reformbereit zu machen. Wer die 400 Seiten dieses Aufkl&auml;rungsbuches liest, schaut hinter die Kulissen jener B&uuml;hne, auf der die rot-gr&uuml;ne Regierung derzeit eine Scheinreform gegen das Volk inszeniert.<br>\nM&uuml;ller sortiert 40 &bdquo;Mythen&ldquo;, die sich in der &ouml;ffentlichen Debatte seit Jahrzehnten festgesetzt haben, nach f&uuml;nf Gesichtspunkten und pr&uuml;ft im Detail, wie sie die Realit&auml;t verfehlen. Ein erster Mythenkomplex kreist um die angeblich v&ouml;llig neue und einmalige Herausforderung der Globalisierung, die einen radikalen Aufbruch erzwinge. Ein zweiter Abschnitt durchleuchtet die Meinungen zum demographischen Wandel, dass die solidarische Alterssicherung &uuml;berholt sei, weil die Bev&ouml;lkerung &auml;lter und weniger werde und die Beitragszahler &uuml;berm&auml;&szlig;ig belastet w&uuml;rden. Ein dritter Komplex zerlegt die Aussagen &uuml;ber die S&auml;ttigungs- und Umweltgrenzen des Wachstums, &uuml;ber die bedrohliche Abwanderung ganzer Wirtschaftszweige, und dass wir &uuml;ber unsere Verh&auml;ltnisse leben. Ein vierter Abschnitt entkr&auml;ftet die bekannten Klagen dar&uuml;ber, dass die Arbeit zu teuer, die Lohnnebenkosten zu hoch, der Arbeitsmarkt verkrustet und die Gewerkschaften &uuml;berm&auml;chtig seien. Und schlie&szlig;lich werden die Vorw&uuml;rfe gegen den komfortablen Sozialstaat, die hohe Staatsquote, die ungebremste Staatsverschuldung und die als unertr&auml;glich bezeichnete Steuerbelastung relativiert. M&uuml;ller zeigt plausibel, wie der Reformdiskurs, vom b&uuml;rgerlichen Lager angesto&szlig;en, in einen kollektiven Wahn m&uuml;ndet. Pr&auml;zise weist er nach, wie widerspr&uuml;chlich die Kanzler-Agenda ist und an der Not der Betroffenen vorbei geht. Sie verdient nicht den Namen einer Reform, weil sie die Lebenslage zahlreicher Menschen nicht verbessert. Und weil sie die komplexen Wirkungsketten &uuml;bersieht und so erfolglos bleibt.<br>\nM&uuml;ller nimmt den g&auml;ngigen Legenden ihren zauberhaften Glanz. Er legt statistische Daten und empirische Beweise vor. Er liefert zeitlich und sachlich seri&ouml;se Vergleiche. Er sp&uuml;rt erweiterte Handlungsspielr&auml;ume auf, wo die Regierung keine Alternative sieht. Deren Sprechblasen vom angeblichen Sozialmissbrauch stellt er die realen Erfahrungen, Bed&uuml;rfnisse und Lebensentw&uuml;rfe gegen&uuml;ber, die von M&auml;nnern und Frauen in Deutschland geteilt werden.<br>\nDen Titel des Buches halte ich f&uuml;r &uuml;berdehnt. Blinde Flecken der Wahrnehmung richten zwar erhebliche Sch&auml;den an. Aber daraus folgt nicht, dass die politische Klasse l&uuml;gt, mit ihren Falschaussagen die Absicht verbindet, das Volk zu t&auml;uschen. <\/p><p><em>Professor Friedhelm Hengsbach lehrt christliche Gesellschaftsethik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen und ist Leiter des Oswald-von-Nell-Breuning-Instituts. <\/em><\/p><p><strong>08\/15-Keynesianismus<br>\nVon Peter Glotz<\/strong><\/p><p>Albrecht M&uuml;ller, der Wahlkampfleiter von Willy Brandt von 1972 und sp&auml;tere Planungschef im Kanzleramt, hat ein ebenso notwendiges wie fragw&uuml;rdiges Buch geschrieben. Er hat getan, was er immer im Leben tat: den demagogischen Konzepten der Rechten ein demagogisches Konzept der Linken entgegenzusetzen. Das f&ouml;rdert manch alte Wahrheit zu Tage, die inzwischen totgesagt wurde. Es suggeriert aber gleichzeitig Handlungsm&ouml;glichkeiten der Regierung Schr&ouml;der, die sie nie hatte.<br>\nRecht hat M&uuml;ller, wenn er &ndash; genau wie Oskar Lafontaine &ndash; die Unterauslastung der wirtschaftlichen Kapazit&auml;ten Deutschlands betont und eine Belebung der Nachfrage fordert. M&uuml;ller weist mit guten Argumenten darauf hin, dass der Standort Deutschland vielfach kaputt geredet wurde und dass unsere Sozialsysteme nicht so marode sind, wie behauptet wird. Seine Kritik an der das Besch&auml;ftigungsziel links liegen lassenden Bundesbank beziehungsweise EZB ist ebenso plausibel wie seine Kritik am europ&auml;ischen Stabilit&auml;tspakt. Nur beschr&auml;nkt sich M&uuml;ller auf ein lautstarkes Begriffeklopfen nach keynesianischem Exerzierreglement. Sein wirtschaftstheoretisches Proseminar vernachl&auml;ssigt die politischen Randbedingungen, an die Gerhard Schr&ouml;der, Hans Eichel und Wolfgang Clement leider gebunden sind.<br>\nDer Stabilit&auml;tspakt mag so schwachsinnig sein wie er will: Er ist von den Deutschen, die ihn einger&uuml;hrt haben, nicht von heute auf morgen zu &auml;ndern. Die Wiedervereinigungspolitik Kohls mag so falsch gewesen sein, wie Oskar Lafontaine seit je behauptet: Sie hat die Verschuldung aber so in die H&ouml;he getrieben, dass Hans Eichel fast jeden 5. Euro f&uuml;r Zins und Tilgung verwenden muss. Wenn Schr&ouml;der das t&auml;te, was M&uuml;ller fordert, w&uuml;rden ihn die Kapitalm&auml;rkte, der Internationale W&auml;hrungsfonds, die Weltbank, die OECD etc. in Acht und Bann tun. National h&auml;tte er die Gewerkschaften Ver.di und IG Metall sowie die TAZ und die Frankfurter Rundschau auf seiner Seite, sonst niemanden. Wie sollte das funktionieren?<br>\nM&uuml;llers 08\/15-Keynesianismus ist auch zu klobig. Der Begriff &bdquo;Wissensgesellschaft&ldquo; mag zum Fetisch aufgeblasen sein, unbestreitbar aber ist, dass der Informationsgehalt der G&uuml;ter steigt und die Dienstleistungen immer wissensintensiver werden. Das f&uuml;hrt dazu, dass schlecht Qualifizierte schlechte Karten haben. Es entsteht eine so genannte Mismatch-Arbeitslosigkeit, die dazu f&uuml;hrt, dass wir trotz Millionen von Arbeitslosen qualifizierte Arbeitskr&auml;fte importieren m&uuml;ssen. Die Idee, man k&ouml;nne durch entschlossene &bdquo;Konjunkturprogramme&ldquo; zur &bdquo;Vollbesch&auml;ftigung&ldquo; zur&uuml;ckkehren und h&auml;tte dann alle Probleme los, ist naiv. Dringende Lekt&uuml;reempfehlung: das gro&szlig;e Buch des Sozialdemokraten Burkart Lutz: &bdquo;Die Illusion immerw&auml;hrender Prosperit&auml;t&ldquo;. Das ist zwanzig Jahre alt.<br>\nAlbrecht M&uuml;ller versucht sich zu erkl&auml;ren, wieso er mit seiner Position in Deutschland in einer winzigen Minderheit ist, warum zum Beispiel der einst die sozialliberale Koalition st&uuml;tzende &bdquo;Spiegel&ldquo; jetzt &bdquo;neoliberal&ldquo; sei. Gute Frage! Die Idee, eine Gehirnw&auml;sche der Elite sei schuld, ist allerdings keine plausible Hypothese, und das Spielchen, im ganzen Buch Zitate &uuml;ber Gehirnw&auml;sche aus George Orwells &bdquo;1984&ldquo; zu verstreuen, ist ein bisschen dreist. Der &bdquo;Gro&szlig;e Bruder&ldquo; lie&szlig; die K&ouml;pfe von Oppositionellen in K&ouml;rbe mit hungrigen Ratten stecken. Das kann in Schr&ouml;ders Bundesrepublik niemand. <\/p><p><em>Peter Glotz war Professor f&uuml;r Medien und Gesellschaft am Institut f&uuml;r Medien- und Kommunikationsmanagement der Universit&auml;t St. Gallen (Schweiz) und von 1981 bis 1987 SPD-Bundesgesch&auml;ftsf&uuml;hrer. <\/em><\/p><p><em>&copy; vorw&auml;rts<\/em>\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit seinem Buch &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; kritisiert vorw&auml;rts-Kolumnist Albrecht M&uuml;ller die &bdquo;Agenda 2010&ldquo; der Bundesregierung. Die Reaktionen auf das Buch sind geteilt: Es gibt weitgehende Zustimmung, aber auch heftige Kritik. 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