{"id":111200,"date":"2024-02-18T14:00:06","date_gmt":"2024-02-18T13:00:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=111200"},"modified":"2024-02-21T15:45:23","modified_gmt":"2024-02-21T14:45:23","slug":"arzach-wurde-geopfert-armenien-nach-dem-sturm-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=111200","title":{"rendered":"\u201eArzach wurde geopfert\u201c \u2013 Armenien nach dem Sturm (II)"},"content":{"rendered":"<p>Nahezu alle Armenier fl&uuml;chteten im September letzten Jahres vor den vorr&uuml;ckenden aserbaidschanischen Soldaten aus der Region Berg-Karabach in die benachbarte Republik Armenien. Unser Autor f&uuml;hrte Interviews in Jerewan. In einer dreiteiligen Serie ordnen armenische Politologen die Ereignisse vom letzten Herbst und die aktuelle Situation in Armenien genauer ein. Von <strong>Leo Ensel<\/strong> mit freundlicher Genehmigung von <a href=\"https:\/\/globalbridge.ch\/arzach-wurde-geopfert-armenien-nach-dem-sturm-ii\/\">Globalbridge<\/a>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Lesen Sie auch den ersten Teil: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110974\">&bdquo;Alle externen Akteure haben versagt!&ldquo; &ndash; Armenien nach dem Sturm&ldquo;<\/a><\/em><\/p><p>Am 7. Oktober 2022 ver&ouml;ffentlichte der Europ&auml;ische Rat folgende&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.consilium.europa.eu\/en\/press\/press-releases\/2022\/10\/07\/statement-following-quadrilateral-meeting-between-president-aliyev-prime-minister-pashinyan-president-macron-and-president-michel-6-october-2022\/\">Erkl&auml;rung<\/a>:<\/p><blockquote><p>\n<strong>&bdquo;Erkl&auml;rung im Anschluss an ein vierseitiges Treffen zwischen Pr&auml;sident Alijew, Premierminister Paschinjan, Pr&auml;sident Macron und Pr&auml;sident Michel, 6. Oktober 2022<\/strong><\/p>\n<p><em>Der Pr&auml;sident Aserbaidschans und der Premierminister Armeniens trafen sich am 6. Oktober 2022 in Prag am Rande der ersten Europ&auml;ischen Politischen Gemeinschaft auf Einladung des Pr&auml;sidenten der Franz&ouml;sischen Republik und des Pr&auml;sidenten des Europ&auml;ischen Rates.<\/em><\/p>\n<p><em>Armenien und Aserbaidschan bekr&auml;ftigten ihr Bekenntnis zur Charta der Vereinten Nationen und zur&nbsp;<\/em><a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20130625022626\/http:\/www.gus-manager.de\/info\/gus_erklaerung.htm\"><em>Alma-Ata-Erkl&auml;rung<\/em><\/a><em>&nbsp;von 1991, mit der beide die territoriale Integrit&auml;t und Souver&auml;nit&auml;t des jeweils anderen anerkennen.&nbsp;Sie best&auml;tigten, dass dies eine Grundlage f&uuml;r die Arbeit der Grenzziehungskommissionen sein werde und dass die n&auml;chste Sitzung der Grenzkommissionen Ende Oktober in Br&uuml;ssel stattfinden werde.<\/em><\/p>\n<p><em>Es gab eine Vereinbarung mit Armenien, eine zivile EU-Mission entlang der Grenze zu Aserbaidschan zu erm&ouml;glichen.&nbsp;Aserbaidschan erkl&auml;rte sich bereit, insoweit mit dieser Mission zusammenzuarbeiten.&nbsp;Die Mission wird im Oktober beginnen und maximal zwei Monate dauern.&nbsp;Ziel dieser Mission ist es, Vertrauen aufzubauen und durch ihre Berichte einen Beitrag zu den Grenzkommissionen zu leisten.<\/em>&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Diese knappe Erkl&auml;rung, die damals zumindest in der westlichen &Ouml;ffentlichkeit kaum Beachtung fand, kann man nur so lesen, als dass hier der armenische Ministerpr&auml;sident Nikol Paschinyan tats&auml;chlich die Region Berg-Karabach (armenisch: Arzach)&nbsp;&ndash; wenn auch etwas verklausuliert &ndash;&nbsp;als Teil Aserbaidschans anerkannt hat! Versuchen wir kurz, sie zu kontextualisieren.&nbsp;<\/p><p><strong>Die Prager Erkl&auml;rung im Kontext<\/strong><\/p><p>Das Prager Treffen von Paschinyan und Alijew war nicht das erste unter der &Auml;gide Charles Michels gewesen. Bereits am&nbsp;<a href=\"https:\/\/caucasuswatch.de\/de\/news\/treffen-zwischen-alijew-und-paschinjan-in-brussel-aus-armenischer-und-aserbaidschanischer-sicht.html\">15. Dezember 2021<\/a>, am&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.consilium.europa.eu\/de\/press\/press-releases\/2022\/04\/06\/statement-of-european-council-president-charles-michel-following-the-second-trilateral-meeting-with-president-ilham-aliyev-and-prime-minister-nikol-pashinyan\/\">6. April 2022<\/a>, am&nbsp;<a href=\"https:\/\/caucasuswatch.de\/de\/news\/ergebnis-des-treffens-zwischen-alijew-und-paschinjan-in-brussel.html\">22. Mai 2022<\/a>&nbsp;und noch einen Monat zuvor, am&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.consilium.europa.eu\/de\/press\/press-releases\/2022\/08\/31\/press-statement-by-president-charles-michel-following-the-trilateral-meeting-with-president-aliyev-of-azerbaijan-and-prime-minister-pashinayn-of-armenia-31-august-2022\/\">31. August 2022<\/a>, waren die drei in Br&uuml;ssel zusammengekommen, zuletzt, wie es hie&szlig;, um &bdquo;die Arbeit an einem Friedensvertrag zu intensivieren&ldquo;.&nbsp;<\/p><p>An diesen Treffen hatte es immer wieder auch innerarmenische Kritik gegeben. So schrieb die ehemalige Parlamentsabgeordnete&nbsp;<a href=\"https:\/\/ngdeutschland.de\/paschinjan-bezeichnete-man-erneut-als-einen-verrater\/\">Naira Karapetjan<\/a>&nbsp;&uuml;ber das Treffen im Mai: &bdquo;In der Abschlusserkl&auml;rung steht &uuml;berhaupt nicht die Frage nach dem Status von (Berg)-Karabach. Es gibt keine Erw&auml;hnung &uuml;ber das Recht auf Selbstbestimmung. Anstatt dessen ist von &sbquo;Rechten und der Sicherheit der Armenier in Karabach&lsquo; die Rede. Und dies hat nicht der armenische F&uuml;hrer unterstrichen, sondern der Vorsitzende des Europ&auml;ischen Rates Charles Michel.&ldquo; Und der armenische Politologe&nbsp;<a href=\"https:\/\/ngdeutschland.de\/paschinjan-bezeichnete-man-erneut-als-einen-verrater\/\">Waruschan Gegamjan<\/a>&nbsp;erg&auml;nzte: &bdquo;Mit Aserbaidschan wird ein &sbquo;Friedensvertrag&lsquo; vorbereitet, dessen Hauptbestimmung die Anerkennung dessen territorialer Integrit&auml;t inklusive Karabachs ist.&ldquo; Unter diesen Bedingungen erwarte Karabach eine vollst&auml;ndige &bdquo;De-Armenisierung&ldquo;. Nichts Gutes w&uuml;rden ebenfalls die anvisierte Demarkation der Grenzen und die Deblockierung der Transportarterien verhei&szlig;en. Dieser Prozess werde zu einer &Uuml;bergabe aller Enklaven-Territorien an Aserbaidschan und zur Schaffung von Transportkorridoren durch Armenien f&uuml;hren, w&auml;hrend wenig klar sei, was Armenien selbst im Gegenzug erhalten werde.<\/p><p>Keine zwei Wochen nach dem vierten Treffen griff Baku am 13. September 2022, den fragilen Waffenstillstand&nbsp;vom 9. Dezember 2020&nbsp;brechend, mit schwerer Artillerie, gro&szlig;kalibrigen Waffen, Raketensystemen und Drohnen erstmals&nbsp;<em>armenisches Hoheitsgebiet direkt<\/em>&nbsp;an. 36 Siedlungen in Grenzn&auml;he wurden beschossen, unter anderem der bekannte Kurort Dschermuk. Aserbaidschanische Streitkr&auml;fte drangen zudem bis zu acht Kilometer tief in das Landesinnere Armeniens vor, wo sie sich verschanzten und die Gebiete bis zum heutigen Tage widerrechtlich besetzt halten. Dabei gab es&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2023-01\/armenien-aserbaidschan-konflikt-eu-grenzbeobachter\">mehr als 200 Tote<\/a>. Die russischen Friedenstruppen, die die Einhaltung des zwischen Aserbaidschan und Armenien abgeschlossenen Waffenstillstandsabkommens garantieren sollten, hatten &ndash; wie auch die Europ&auml;ische Union &ndash; tatenlos zugesehen. Auch die&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Organisation_des_Vertrags_%C3%BCber_kollektive_Sicherheit\">OVKS<\/a>, umgangssprachlich: &bdquo;Putins NATO&ldquo;, wo dieselben Beistandsverpflichtungen gelten, griff nicht ein, obwohl diesmal im Gegensatz zum Herbst 2020 ein B&uuml;ndnismitglied direkt attackiert worden war.<\/p><p>Drei Wochen nach dem aserbaidschanischen &Uuml;berfall auf die Republik Armenien unterzeichneten Paschinyan und Alijew die Prager Erkl&auml;rung.&nbsp;Knapp zwei Wochen sp&auml;ter entsandte die Europ&auml;ische Union vom 20. Oktober bis zum 19. Dezember 2022 die angek&uuml;ndigte Beobachterkommission&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.consilium.europa.eu\/de\/press\/press-releases\/2022\/12\/19\/armenia-eu-monitoring-capacity-completes-its-mandate-new-planning-team-launched\/\">&bdquo;EU Monitoring Capacity to Armenia&ldquo;<\/a>&nbsp;(EUMCAP) nach Armenien,&nbsp;die sich laut Angaben des Europ&auml;ischen Rats&nbsp;angeblich&nbsp;&bdquo;als wirksam erwies und zur Vertrauensbildung in einer instabilen Lage beigetrug&ldquo;.<\/p><p>Genau eine Woche vor dem Ende des EUMCAP-Einsatzes startete Aserbaidschan die Blockade des Latschin-Korridors, die neun Monate sp&auml;ter, am 19.\/20. September 2023, in die milit&auml;rische Eroberung der Republik Arzach einm&uuml;ndete und die Flucht nahezu aller 120.000 Karabach-Armenier zur Folge hatte.&nbsp;<\/p><p>Dass die EU am 20. Februar 2023 eine weitere, diesmal auf zwei Jahre befristete Beobachtermission,&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.consilium.europa.eu\/de\/press\/press-releases\/2023\/02\/20\/armenia-eu-launches-a-civilian-mission-to-contribute-to-stability-in-border-areas\/\">EUMA<\/a>, an die armenische Seite der Grenze zu Aserbaidschan geschickt hatte, beeinflusste den Lauf der Ereignisse in keiner Weise mehr. Das Gleiche gilt f&uuml;r zwei weitere Treffen von Paschinyan und Alijew mit Charles Michel in Br&uuml;ssel am&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.consilium.europa.eu\/en\/press\/press-releases\/2023\/05\/14\/press-remarks-by-president-charles-michel-following-the-trilateral-meeting-with-president-aliyev-of-azerbaijan-and-prime-minister-pashinyan-of-armenia\/\">14. Mai 2023<\/a>&nbsp;sowie am&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.consilium.europa.eu\/de\/press\/press-releases\/2023\/07\/15\/press-remarks-by-president-charles-michel-following-trilateral-meeting-with-president-aliyev-of-azerbaijan-and-prime-minister-pashinyan-of-armenia\/\">15. Juli 2023<\/a>, wo &ndash; auf dem H&ouml;hepunkt der Aushungerung Arzachs &ndash; beide Seiten nicht nur, wie im Oktober 2022 in Prag, die wechselseitige territoriale Integrit&auml;t und Souver&auml;nit&auml;t bekr&auml;ftigten, sondern dies durch genaue Angaben der territorialen Ausdehnung beider L&auml;nder (Armenien: 29.800 km<sup>2<\/sup>, Aserbaidschans 86.600 km<sup>2<\/sup>) noch pr&auml;zisierten. Beides bedeutete nichts weniger als die Bekr&auml;ftigung der Anerkennung Karabachs als Teil Aserbaidschans durch Paschinyan.<\/p><p><strong>Arzach aufgeben, um Armenien zu retten? &ndash; Die Politik Paschinyans<\/strong><\/p><p>Was mag den armenischen Ministerpr&auml;sidenten bewogen haben, gleich dreimal in einer hoch angespannten Lage seines Landes zusammen mit Aserbaidschans Diktator Ilham Alijew diese Erkl&auml;rung zu unterzeichnen und damit in aller Stille Karabach de facto als integralen Bestandteil Aserbaidschans anzuerkennen?<\/p><p>Da diese Ma&szlig;nahme stets als Bestandteil der &bdquo;wechselseitigen Anerkennung der territorialen Integrit&auml;t und Souver&auml;nit&auml;t&ldquo; erfolgte, liegt folgende Vermutung sehr nahe: Der v&ouml;llig an die Wand gedr&auml;ngte und von allen externen Akteuren verlassene Paschinyan versuchte &ndash; nicht zuletzt auf dem Hintergrund seit Jahren wiederholter Gebietsanspr&uuml;che Alijews bezogen auf die von ihm&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.theamericanreporter.com\/aliyev-toxic-statements-are-a-danger-to-the-peace-with-armenia\/\">&bdquo;West-Sangesur&ldquo;<\/a>&nbsp;genannten s&uuml;darmenischen Regionen&nbsp;Sjunik und Wajoz Dsor und sogar auch auf die Hauptstadt&nbsp;<a href=\"https:\/\/eurasianet.org\/azerbaijan-president-calls-for-return-to-historic-lands-in-armenia\">Jerewan<\/a>&nbsp;sowie dessen Drohung, eine Landverbindung zur Exklave Nachitschewan &uuml;ber armenisches Terrain&nbsp;<a href=\"https:\/\/eurasianet.org\/whats-the-future-of-azerbaijans-ancestral-lands-in-armenia\">notfalls mit Gewalt durchzusetzen<\/a>&nbsp;&ndash; zu retten, was seiner Meinung nach &uuml;berhaupt noch zu retten war: Die Integrit&auml;t und Souver&auml;nit&auml;t der Republik Armenien! (Durchaus m&ouml;glich, dass im Hintergrund die EU in Gestalt Charles Michels eine Politik &agrave; la Zuckerbrot-und-Peitsche verfolgte. Und durchaus m&ouml;glich, dass der Mann im Kreml bei trilateralen Treffen in Russland eine analoge Politik praktizierte&hellip;) Kurz:&nbsp;<em>Paschinyan lie&szlig; den Anspruch auf Souver&auml;nit&auml;t und territoriale Integrit&auml;t der auch von Armenien nicht anerkannten De-facto-Republik Arzach fallen, um diese Prinzipien f&uuml;r das armenische Mutterland zu retten.<\/em><\/p><p>Dass Paschinyans Verhalten von den Armeniern h&ouml;chst kontrovers aufgenommen und interpretiert, von den Karabach-Armeniern ihm gar als Verrat angekreidet wird, liegt auf der Hand. Der ehemalige Ombudsmann f&uuml;r Menschenrechte der Republik Arzach,&nbsp;<a href=\"https:\/\/artsakhombuds.am\/en\/ombudsman\/artak-beglaryan\">Artak Beglaryan<\/a>, der wie nahezu alle Armenier aus Karabach fl&uuml;chtete und nun in Jerewan lebt, &auml;u&szlig;ert sich noch vergleichsweise moderat:&nbsp;<em>&bdquo;Paschinyan sagte in einer Rede Ende Dezember 2023, er&nbsp;habe von der EU bestimmte Sicherheitsgarantien erhalten. Und zwar nicht erst jetzt, sondern auch im Oktober 2022 nach dem Angriff auf Dschermuk und die Regionen Gegharkunik und Sjunik. Konsequenz war &ndash; die EU-Beobachterkommission in Armenien! Armenien stand unter Druck von beiden Seiten: EU und Russland. Beide haben die &Auml;ngste der armenischen Regierung ausgenutzt, indem sie auf die Bedrohung durch die aserbaidschanische Seite verwiesen. Und Paschinyan durfte &ndash; klar! &ndash; keinen neuen Konflikt mit Aserbaidschan anfangen. Einerseits wollte man das Territorium Armeniens besch&uuml;tzen, aber in den Verhandlungen mit Aserbaidschan auch die Rechte der Arzach-Armenier einschlie&szlig;en. Aber das funktionierte nicht.&nbsp;<\/em><\/p><p><em>Wir f&uuml;hlen uns im Stich gelassen! Armenien hatte 30 Jahre lang Verpflichtungen gegen&uuml;ber Arzach und hat sie dann ab einem bestimmten Punkt nicht mehr erf&uuml;llt und die Hilfe gecancelt. Mehr noch: Die Interessen der Arzach-Armenier wurden ins gro&szlig;e Spiel gebracht und den Interessen Armeniens auf territoriale Integrit&auml;t geopfert.&ldquo;<\/em><\/p><p><strong>Das &bdquo;gro&szlig;e Spiel&ldquo;<\/strong><\/p><p>Was es mit dem omin&ouml;sen &bdquo;gro&szlig;en Spiel&ldquo; auf sich haben k&ouml;nnte, erl&auml;utert genauer der Jerewaner Politologe&nbsp;<a href=\"https:\/\/ypc.am\/people\/badalyan-hakob\/\">Hakob Badalyan<\/a>:&nbsp;<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Armenien war das schw&auml;chste Kettenglied! Die EU wollte keinen Druck auf Aserbaidschan aus&uuml;ben &ndash; nicht nur wegen Gas und &Ouml;l, sondern weil dieses Land auch eine Wand zwischen Russland und dem Iran sein soll. Au&szlig;erdem ein Tor zum Kaspischen Meer und nach Mittelasien. Darin kann man Aserbaidschan durch nichts und niemanden ersetzen. Einen anderen Weg gibt es praktisch nicht &ndash; da bleibt nur der Indische Ozean!&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Auf die Frage, ob Armenien von der EU bereits verraten wurde, noch bevor Russland es im Stich lie&szlig;, meint Badalyan, Russland habe in dieser Frage mit offeneren Karten gespielt. Der Westen habe Paschinyan weniger durch direkten Druck als durch eine &bdquo;Kette von diplomatischen Werkzeugen&ldquo; in die Falle gelockt:&nbsp;<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;2021 war Charles Michel im Kaukasus und unterbreitete Armenien eine Unterst&uuml;tzung von 2,6 Milliarden Euro &ndash; 1,6 Milliarden als Geschenk und eine Milliarde als g&uuml;nstigen Kredit &ndash; f&uuml;r verschiedene Programme und Projekte. Vier oder f&uuml;nf Monate vor dem Prager Treffen sagte Paschinyan vor der Nationalversammlung: &sbquo;Der Westen fordert von uns, dass wir die H&uuml;rde der Arzachfrage etwas niedriger h&auml;ngen. Dann verspricht er uns viel mehr Unterst&uuml;tzung f&uuml;r Armenien selbst.&lsquo;&nbsp;Am 31. August 2022 traf sich Michel in Br&uuml;ssel mit Paschinyan und Alijew. Bei diesem Treffen wurde von Seiten der EU versucht, Armenien Varianten der Reintegration von Arzach nach Aserbaidschan zu pr&auml;sentieren. Armenien versuchte noch zu widerstehen &ndash; und zwei Wochen sp&auml;ter erfolgte der aserbaidschanische Angriff auf Dschermuk! M&ouml;glicherweise hat man Paschinyan damals von Seiten der EU zu verstehen gegeben: &sbquo;Wenn du das Arzach-Problem nicht l&ouml;st, werden wir der aserbaidschanischen Gefahr nicht entgegenwirken!&lsquo;&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Drei Wochen danach unterzeichnete Paschinyan &ndash; auf Vermittlung, besser wohl: auf Druck Charles Michels &ndash; die Prager Erkl&auml;rung. Hakob Badalyan l&auml;sst durchblicken, dass nach diesem brutalen &Uuml;berfall auf das Territorium der Republik Paschinyan offenbar &sbquo;weichgekocht&lsquo; war. Nach wie vor will er dem armenischen Ministerpr&auml;sidenten nichts &Uuml;bles unterstellen &ndash;&nbsp;<em>&bdquo;Paschinyan hat das Maximum versucht, einen Krieg zu verhindern&ldquo;<\/em>&nbsp;&ndash; aber:&nbsp;<em>&bdquo;Fakt ist, dass wir Arzach verloren und daf&uuml;r nichts bekommen haben!&ldquo;<\/em>&nbsp;&Auml;hnlich &auml;u&szlig;ert sich Artak Beglaryan:&nbsp;<em>&bdquo;Paschinyan h&auml;tte im Gegenzug zur Anerkennung der aserbaidschanischen territorialen Integrit&auml;t auch die Rechte der in Arzach lebenden Armenier garantieren lassen m&uuml;ssen. Aber das unterblieb!&ldquo;<\/em><\/p><p>&bdquo;<strong>Wir sind schon m&uuml;de!&ldquo;<\/strong><\/p><p>Nochmals einen anderen Blick auf die Ereignisse hat der in Jerewan lebende armenische Germanist und Dolmetscher Hrachya Stepanyan:&nbsp;<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Ich gehe davon aus, dass Paschinyan und seine Berater sich von vorneherein einig waren, das Karabachproblem m&ouml;glichst schnell loszuwerden. Vermutlich war die R&uuml;ckgabe dieses Gebiets an Aserbaidschan bereits angedacht, als Paschinyan im Mai 2018 Ministerpr&auml;sident wurde. M&ouml;glicherweise dachte man damals sogar schon daran, die Karabach-Armenier nach Armenien zu holen. Als Paschinyan an die Macht kam, hat man ja sehr schnell die politische Ausrichtung Armeniens in Richtung Westen ver&auml;ndert. Er hat damals sehr oft angek&uuml;ndigt, eine &sbquo;multivektoriale Politik&lsquo; zu betreiben. Ich vermute, er und seine Freunde dachten damals f&auml;lschlicherweise, man k&ouml;nne den Westen ins Boot holen, wenn man betone, dass sowohl die Republik Armenien als auch die Republik Arzach demokratische Staaten seien. Das hat nicht funktioniert, aber ich denke, dass sie das auch noch lange in Bezug auf Armenien dachten und praktizierten.&nbsp;Das war ihr gr&ouml;&szlig;ter Fehler. Der Westen hat Armenien immer verraten!&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Aber, so Stepanyan, auch in Armenien h&auml;tten damals nicht wenige mit dem Gedanken gespielt, Karabach aufzugeben:&nbsp;<em>&bdquo;Es gab sogar Stimmen: &sbquo;Warum sollen wegen 120.000 Arzach-Armeniern drei Millionen Armenier leiden?&lsquo; Wir sollten keinen Hehl daraus machen: Der Karabachkonflikt hat nicht nur Aserbaidschan, sondern auch uns, die Republik Armenien, in unserer Entwicklung weit zur&uuml;ckgeworfen. 30 Jahre lang haben wir nur geh&ouml;rt: &sbquo;Wir sind im Krieg, wir sind in der Blockade &ndash; und wir wollen gut oder besser leben!&lsquo; Und zugleich wurde das ganze Land ausgepl&uuml;ndert! Von den korrupten Clans um (die fr&uuml;heren Staatspr&auml;sidenten) Robert Kotscharyan &ndash; immer noch der reichste Armenier; schon 2009 sprach man davon, er w&uuml;rde etwa sieben Milliarden Dollar besitzen &ndash; und Sersch Sargsyan. Ab und zu hat man auch gesagt: &sbquo;Wir sind schon m&uuml;de! Gebt doch Berg-Karabach zur&uuml;ck, damit wir ein normales Land werden!&lsquo;&ldquo;<\/em><\/p><p>Und diese stumpfe &bdquo;M&uuml;digkeit&ldquo; ist, neben der Unruhe und der Angst vor der ungewissen Zukunft, eine Stimmung, die jetzt post festum weite Kreise im Lande bleischwer befallen hat. Alle externen Akteure haben nicht nur versagt, fast k&ouml;nnte man meinen, selbst die untereinander am &Auml;rgsten verfeindeten Parteien h&auml;tten sich im Dunklen auch noch gegen die Armenier verb&uuml;ndet! Hat doch ausgerechnet&nbsp;die EU dem russischen Pr&auml;sidenten Putin die besten Argumente auf dem Tablett serviert, seine H&auml;nde &ouml;ffentlich in Unschuld zu waschen &hellip;<\/p><p>Empfinden sich die Armenier eh schon &ndash; und nicht zum ersten Mal &ndash; von der ganzen Welt im Stich gelassen, so gilt das f&uuml;r die Karabach-Armenier gleich doppelt: Sie f&uuml;hlen sich dazu auch noch von ihrem &bdquo;Mutterland&ldquo; verlassen, wenn nicht sogar verraten!&nbsp;<\/p><p>Und Paschinyan? Vielleicht wird der vor fast sechs Jahren als Revolution&auml;r und Liebling des Volkes an die Macht gekommene Politiker als h&ouml;chst tragische Gestalt in die Geschichte eingehen.<\/p><p><em>(Fortsetzung folgt)<\/em><\/p><p><small>Titelbild: shutterstock \/ Alexandros Michailidis<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nahezu alle Armenier fl&uuml;chteten im September letzten Jahres vor den vorr&uuml;ckenden aserbaidschanischen Soldaten aus der Region Berg-Karabach in die benachbarte Republik Armenien. Unser Autor f&uuml;hrte Interviews in Jerewan. In einer dreiteiligen Serie ordnen armenische Politologen die Ereignisse vom letzten Herbst und die aktuelle Situation in Armenien genauer ein. Von <strong>Leo Ensel<\/strong> mit freundlicher Genehmigung von<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=111200\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":111204,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,20,171],"tags":[3282,1947,2964,2963,1876,259,3415,2376],"class_list":["post-111200","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-landerberichte","category-militaereinsaetzekriege","tag-alijew-ilham","tag-armenien","tag-aserbaidschan","tag-bergkarabach","tag-europaeischer-rat","tag-russland","tag-staatliche-souveraenitaet","tag-waffenstillstandsabkommen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/1889455_bigpicture_708266_bergkarabach_armenien_aserbaidschan_body10_afp.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/111200","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=111200"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/111200\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":111422,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/111200\/revisions\/111422"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/111204"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=111200"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=111200"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=111200"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}