{"id":11127,"date":"2011-10-28T16:20:04","date_gmt":"2011-10-28T14:20:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11127"},"modified":"2014-12-02T16:12:06","modified_gmt":"2014-12-02T15:12:06","slug":"der-schuldenschnitt-und-das-kleingedruckte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11127","title":{"rendered":"Der \u201eSchuldenschnitt\u201c und das Kleingedruckte"},"content":{"rendered":"<p>W&auml;hrend die Banker Krokodilstr&auml;nen wegen der beim Eurogipfel beschlossenen &bdquo;substantiellen Beteiligung&ldquo; des Privatsektors vergie&szlig;en, steigen die B&ouml;rsenkurse der Institute im zweistelligen Prozentbereich. Offenbar bewerten die Akteure an den Finanzm&auml;rkten die Ergebnisse des Gipfels diametral anders als die leider wieder einmal vollkommen unkritischen Medien. Man sollte sich nicht von der PR der Bankenlobby ins Bockshorn jagen lassen. Der Finanzsektor z&auml;hlt ganz klar zu den Gewinnern des Gipfels. Griechenland und vor allem die anderen angeschlagenen Eurol&auml;nder z&auml;hlen hingegen zu den Verlierern. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><\/p><p>Wenn man in diesen Tagen die Zeitungen aufschl&auml;gt, st&ouml;&szlig;t man immer wieder auf die Aussage, die EU-Regierungschefs h&auml;tten beim Gipfel einen 50%-Schuldenschnitt f&uuml;r Griechenland beschlossen. Dies ist jedoch gleich in vielfacher Hinsicht falsch. Es wurde vielmehr gar kein Schuldenschnitt &ndash; in welcher H&ouml;he auch immer &ndash; beschlossen, sondern lediglich angek&uuml;ndigt, dass man die Banken und Versicherungen zu Verhandlungen einl&auml;dt, an deren Ende ein Anleihentausch stattfinden soll, bei dem die Institute auf freiwilliger Basis ihre Griechenlandanleihen gegen andere Anleihen eintauschen k&ouml;nnen. Dabei sollen sie &ndash; so die Absichtserkl&auml;rung &ndash; einen Nominalwert von 50% abschreiben. Die Verhandlungen &uuml;ber diesen Anleihentausch beginnen in den n&auml;chsten Wochen und das Tauschprogramm soll Anfang 2012 beginnen. Da die Details somit erst noch ausgehandelt werden, gibt es auch noch unz&auml;hlige M&ouml;glichkeiten, wie die Banken diese 50%-Marke ad absurdum f&uuml;hren k&ouml;nnen, und es ist sehr wahrscheinlich, dass ihnen das auch gelingen wird.<\/p><p><strong>Fallstricke und Sollbruchstellen<\/strong><\/p><p>Wie geschickt der Bankenverband IIF die H&ouml;he von Abschreibungen uminterpretiert, zeigte er bereits beim freiwilligen <a href=\"\/?p=10194\">Anleihentauschangebot im Juli dieses Jahres<\/a>. Zun&auml;chst einmal ist bei der Berechnung festzuhalten, dass die Abschreibungen auf den Nominalwert und nicht auf den Buch- oder gar den Marktwert vollzogen werden sollen. Als Beispiel kann hier die 2007 ausgegebene 10-j&auml;hrige Anleihe <a href=\"http:\/\/www.boerse-frankfurt.de\/EN\/index.aspx?pageID=108&amp;ISIN=GR0124029639\">GR0124029639<\/a> herangezogen werden. Diese Anleihe hat einen Nominalwert von 100 Euro, am Markt wird sie jedoch aktuell lediglich mit 31,52 Euro behandelt. Wenn eine Bank diese Anleihe zum Marktwert bilanzieren w&uuml;rde, h&auml;tte sie bereits fast 70% des urspr&uuml;nglichen Wertes abgeschrieben. Ein Tausch, bei dem sie stattdessen ein Papier im Wert von 50 Euro bekommt, ist demnach kein schlechtes, sondern ein verdammt gutes Gesch&auml;ft.<\/p><p>Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass die Banken im Tausch Papiere bekommen, die &bdquo;nur&ldquo; 50 Euro wert sind. Bereits beim letzten Angebot des IIF nannten die Banken EFSF-Papiere mit einer Verzinsung von bis zu 6,42% bei einer Laufzeit von 30 Jahren und einem erstklassigen AAA-Rating als m&ouml;gliche Tauschobjekte, gegen die sie ihre angeschlagenen Griechenlandanleihen damals mit einem &bdquo;Abschlag&ldquo; zum Barwert von 20% eintauschen wollten. Zum Vergleich: Selbst die oben genannte zehnj&auml;hrige Griechenlandanleihe hat nur einen Kupon, also eine Verzinsung durch den Kreditnehmer, von 4,3%. Sollten die Banken also analog zum Juli-Angebot ihre Griechenlandanleihen, die am Markt rund 30 Euro wert und mit 4,3% verzinst sind, gegen EFSF-Anleihen mit einem Nennwert von 50 Euro und einer weitaus h&ouml;heren Verzinsung eintauschen, so w&auml;re dies ein Gesch&auml;ft, bei dem die Banken keinen Verlust, sondern einen dicken Gewinn erzielen w&uuml;rden. <\/p><p>Da die Verhandlungen erst in den n&auml;chsten Wochen beginnen, sollte man sich nat&uuml;rlich mit Spekulationen noch zur&uuml;ckhalten. Die Erfahrung lehrt jedoch, dass IIF-Pr&auml;sident Josef Ackermann bis jetzt immer ein gutes Ergebnis f&uuml;r seine Banken erzielen konnte und der Steuerzahler am Ende &uuml;bervorteilt wurde. Leider werden wir von den Medien davon jedoch aller Voraussicht nach nichts erfahren. Schon die Berichterstattung in dieser Woche l&auml;sst arg zu w&uuml;nschen &uuml;brig. Dies wird beispielsweise dadurch deutlich, dass fast alle Medien Merkels PR-Aussage von einem 50%-Schuldenschnitt unhinterfragt &uuml;bernommen haben.<\/p><p><strong>Verlierer Griechenland<\/strong><\/p><p>Ein Schuldenschnitt gilt immer f&uuml;r alle Kreditgeber und ist gleichbedeutend mit einem Bankrott. Dieser ist jedoch im Falle Griechenlands zweifelsohne nicht gegeben. Die Bankenbeteiligung, die noch ausgehandelt wird, gilt nur f&uuml;r den Privatsektor und ist ausdr&uuml;cklich freiwillig. Der Anteil der Staatsanleihen, der &uuml;berhaupt noch im Besitz der Banken und Versicherungen ist, betr&auml;gt momentan rund 93 Mrd. Euro und mit jeder &bdquo;Hilfszahlung&ldquo; der Troika sinkt dieser Anteil abermals. Von diesen 93 Mrd. Euro stammen rund 50 Mrd. Euro aus dem griechischen Bankensektor, der ohnehin in K&uuml;rze durch die EFSF &bdquo;&uuml;bernommen&ldquo; werden d&uuml;rfte und somit f&uuml;r das Tauschprogramm nur als Bilanzverschiebung von der rechten in die linke Tasche gelten kann. Von den verbleibenden 43 Mrd. Euro stammen 28 Mrd. Euro von Banken, an denen die Staaten direkt oder indirekt beteiligt sind. Dass diese Banken einem Tauschprogramm zustimmen werden, d&uuml;rfte selbstverst&auml;ndlich sein. Erstaunlich ist jedoch, dass in der <a href=\"http:\/\/consilium.europa.eu\/uedocs\/cms_data\/docs\/pressdata\/en\/ec\/125644.pdf\">Abschlusserkl&auml;rung des Eurogipfels [PDF &ndash; 131 KB]<\/a> von einem EFSF-Zuschuss in H&ouml;he von bis zu 30 Mrd. Euro und weiteren 100 Mrd. Euro f&uuml;r die Realisierung des Anleihentauschprogramms die Rede ist. Diese 130 Mrd. Euro &uuml;bersteigen den Nennwert der Anleihen im Besitz der Banken und Versicherungen bei weitem. Wahrscheinlich ist den Regierungschefs schon klar, dass es nicht bei den 50% bleiben d&uuml;rfte.<\/p><p>Bei einem echten Schuldenschnitt von 50% w&uuml;rde sich Griechenlands Staatsverschuldung halbieren. Anstatt der momentanen Gesamtverschuldung von rund 355 Mrd. Euro w&auml;re Griechenland demnach nach dem Schnitt nur noch mit 177,5 Mrd. Euro verschuldet und m&uuml;sste nur noch halb so viel f&uuml;r die Bedienung der Zinsen und die Kredittilgung zahlen. Selbst wenn man die H&auml;lfte der ausstehenden Anleihen im Besitz der Banken und Versicherungen von der aktuellen Gesamtverschuldung abziehen w&uuml;rde, k&auml;me man jedoch immer noch auf eine Schuldenh&ouml;he von 307,5 Mrd. Euro &ndash; aus Sicht des griechischen Staatshaushalts betr&auml;gt der &bdquo;Schuldenschnitt&ldquo; somit nicht 50%, sondern gerade einmal 13,5%. Die damit verbundene Senkung des Zinsdienstes ist alles andere als substantiell, vor allem dann, wenn man davon ausgeht, dass die frischen Gelder der EFSF wohl h&ouml;her verzinst sein werden als die Anleihen, die durch sie ausgel&ouml;st werden. <\/p><p>Was f&uuml;r die Banken ein Grund zur Freude ist, hilft den Griechen kein Jota weiter. Wie die Eurozone es schaffen will, die griechische Gesamtverschuldung auf 120% des BIP zu dr&uuml;cken, bleibt wohl das ewige Geheimnis der Regierungschefs. Ein solch hoher Schuldenabbau w&auml;re nur m&ouml;glich, wenn ein echter Schuldenschnitt in substantieller H&ouml;he stattfinden w&uuml;rde. Davon w&auml;ren jedoch auch die Kredite der Eurostaaten, der EU und die Zentralbanken betroffen, die momentan Griechenlandanleihen im Wert von rund 63 Mrd. Euro halten. Einzig und alleine der IWF d&uuml;rfte aus einem solchen Schuldenschnitt unbeschadet hervorgehen, da seine Kredite traditionell vorrangig (super-senior) sind und vor den Anleihen aller anderen Investoren, deren Kredite gleichrangig (pari-passu) sind, bedient werden.<\/p><p><strong>Blankoscheck f&uuml;r Spekulanten<\/strong><\/p><p>Die &bdquo;Freiwilligkeit&ldquo; des Anleihentauschprogramms f&uuml;r den Privatsektor war eine der Grundvoraussetzungen seitens der Regierungschefs. W&auml;re die Teilnahme am Programm nicht freiwillig, w&uuml;rde dies als sogenannter &bdquo;Default&ldquo;, also Staatsbankrott, und somit auch als Kreditereignis f&uuml;r die Kreditausfallversicherungen (CDS) gelten. Ein solcher Default h&auml;tte unabsehbare Folgen f&uuml;r das Finanzsystem, da viele europ&auml;ische Finanzinstitute die Emittenten dieser Versicherungen sind und im Falle eines Defaults die volle Versicherungssumme an die Halter der CDS auszahlen m&uuml;ssten. F&uuml;r zahlreiche Hedgefonds und Spekulanten ergibt sich durch diese Konstellation jedoch eine erstklassige Spekulationsm&ouml;glichkeit. Will die Eurozone verhindern, dass es zu einem unfreiwilligen Tausch der Anleihen kommt, muss sie die Anleihenbesitzer, die sich nicht auf einen freiwilligen Tausch einlassen, zu 100% auszahlen. Geschieht dies nicht, liegt zweifelsohne ein Default und somit ein Kreditereignis vor. <\/p><p>Banken und vor allem Privatinvestoren und Hedgefonds k&ouml;nnen sich somit &uuml;berlegen, ob sie sich auf das noch auszuhandelnde freiwillige Tauschprogramm einlassen oder ob sie alles auf eine Karte setzen und damit pokern, dass sie ihre Anleihen zum vollen Nennwert einl&ouml;sen k&ouml;nnen. Je mehr Banken sich am freiwilligen Tauschprogramm beteiligen, desto gr&ouml;&szlig;er ist die Chance f&uuml;r Spekulanten, f&uuml;r Anleihen, die bereits um fast 70% abgewertet wurden, den vollen Nennwert zur&uuml;ckerstattet zu bekommen. Der Leidtragende ist auch in diesem Fall der griechische Staat.<\/p><p>Es bleibt abzuwarten, welche Folgen die Gipfelergebnisse f&uuml;r andere angeschlagene Staaten haben werden. Aus den <a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2011\/10\/28\/warum-ich-dem-gipfelfest-fernbleibe_3731\">ersten Reaktionen der Banken geht bereits hervor<\/a>, dass sie nun ihre Risikoaufschl&auml;ge erh&ouml;hen werden. F&uuml;r L&auml;nder wie Spanien oder Italien ist dies ein fatales Signal. Wenn die Risikoaufschl&auml;ge so hoch sind, dass diese L&auml;nder sich nicht mehr am Finanzmarkt refinanzieren k&ouml;nnen, m&uuml;ssen auch sie die Gelder der EFSF in Anspruch nehmen. Dadurch wird erst die Krise geschaffen, die man eigentlich entsch&auml;rfen wollte.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/299792ebe4cf4e4c8c4e92888ce3c01e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W&auml;hrend die Banker Krokodilstr&auml;nen wegen der beim Eurogipfel beschlossenen &bdquo;substantiellen Beteiligung&ldquo; des Privatsektors vergie&szlig;en, steigen die B&ouml;rsenkurse der Institute im zweistelligen Prozentbereich. Offenbar bewerten die Akteure an den Finanzm&auml;rkten die Ergebnisse des Gipfels diametral anders als die leider wieder einmal vollkommen unkritischen Medien. Man sollte sich nicht von der PR der Bankenlobby ins Bockshorn jagen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11127\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[136,139,50],"tags":[672,283,1555,851,637],"class_list":["post-11127","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-banken-boerse-spekulation","category-euro-und-eurokrise","category-finanzkrise","tag-esmefsf","tag-finanzmaerkte","tag-griechenland","tag-schuldenschnitt","tag-staatsanleihen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11127","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11127"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11127\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11129,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11127\/revisions\/11129"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11127"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11127"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11127"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}