{"id":1113,"date":"2004-10-15T12:44:23","date_gmt":"2004-10-15T10:44:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1113"},"modified":"2016-03-24T11:38:03","modified_gmt":"2016-03-24T10:38:03","slug":"ein-reformbuch-das-wir-brauchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1113","title":{"rendered":"Ein Reformbuch, das wir brauchen"},"content":{"rendered":"<p>Frankfurter Rundschau, 15.10.2004, von Achim Truger.<br>\n<!--more--><br>\nSchon wieder ein Reformbuch. Brauchen wir etwa noch eins? Haben wir es denn nicht l&auml;ngst begriffen? Dass Deutschland vor dem Untergang steht und nur durch radikale Reformen zu retten ist? Dass endlich radikal der Arbeitsmarkt dereguliert, der K&uuml;ndigungsschutz abgeschafft, das &bdquo;Tarifkartell&rdquo; verboten, die L&ouml;hne gesenkt, der Sozialstaat abgebaut, die Steuern reduziert geh&ouml;ren? Dass all dies &ndash; wissenschaftlich erwiesen &ndash; die Gesetze der &Ouml;konomie, die Globalisierung und der demographische Wandel gebieten? Dass wir den&bdquo;Reformstau&rdquo; endlich aufbrechen, der &bdquo;Sozialmafia&rdquo; endlich das Handwerk legen m&uuml;ssen? <\/p><p>&bdquo;Alles Humbug&rdquo;, schreibt Albrecht M&uuml;ller in seinem v&ouml;llig aus der Reihe tanzenden Reformbuch. Der Autor ist promovierter &Ouml;konom, war seit 1968 Redenschreiber von Wirtschaftsminister Karl Schiller und leitete von 1973 bis 1982 die Planungsabteilung der Bundeskanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt. Heute arbeitet er als Publizist sowie Unternehmens- und Politikberater. Seinem &Auml;rger &uuml;ber die deutsche Reformdebatte und die davon infizierte Politik der rot-gr&uuml;nen Bundesregierung hat er bereits in vielen Aufs&auml;tzen sowie auf einer von ihm mit gegr&uuml;ndeten kritischen Internet-Seite (www.nachdenkseiten.de) Luft gemacht. <\/p><p>M&uuml;ller nimmt kein Blatt vor den Mund. In seiner Analyse der Hintergr&uuml;nde der Reformdebatte verdeutlicht er, wie ungew&ouml;hnlich einseitig diese Debatte ausgerichtet ist. Er erinnert daran, dass die unisono propagierten neoliberalen Rezepte bereits seit den 80er Jahren ohne den erhofften Erfolg praktiziert wurden. Dass ihre Radikalisierung nun trotzdem von Wirtschaft, Medien und Politik als einziger Ausweg aus der deutschen Stagnation dargestellt wird, f&uuml;hrt er auf die brillante &Ouml;ffentlichkeitsarbeit interessierter Kreise zur&uuml;ck. Zwar gebe es keine zentral gesteuerte Verschw&ouml;rung, daf&uuml;r aber deutliche Hinweise auf dezentral agierende Personen und Institutionen &ndash; etwa die &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo;. Zur Durchsetzung des &bdquo;kollektiven Reformwahns&rdquo; habe aber auch das Versagen der kritischen Intelligenz und der Parteien beigetragen. <\/p><p>Im Hauptteil seines Werkes setzt sich M&uuml;ller dann kritisch mit den &bdquo;40 Denkfehlern&rdquo; auseinander, die die gegenw&auml;rtige Debatte dominieren. Das beginnt bei den angeblich ganz neuen Herausforderungen durch Globalisierung und Demographie. Es geht weiter mit Behauptungen &uuml;ber Wachstum, Wettbewerbsf&auml;higkeit und Besch&auml;ftigung, hohes Wachstum etwa sei nicht mehr m&ouml;glich und die nationale Wirtschaftspolitik nicht mehr handlungsf&auml;hig. Danach geht es Aussagen &uuml;ber den deutschen Arbeitsmarkt &ndash; etwa dieser sei zu unflexibel und die L&ouml;hne seien zu hoch &ndash; an den Kragen. Schlie&szlig;lich behandelt M&uuml;ller ausf&uuml;hrlich den Komplex Schulden, Staatsquote und Sozialstaat. Dort tritt er der Behauptung entgegen, der Staat sei zu fett geworden und stecke in der Schuldenfalle. <\/p><p>Jeder &bdquo;Denkfehler&rdquo; wird kurz auf maximal zehn Seiten besprochen. Dass es sich nicht um Pappkameraden handelt, belegt M&uuml;ller eindrucksvoll, indem er f&uuml;r fast jeden &bdquo;Denkfehler&rdquo; Zitate f&uuml;hrender Politiker von SPD, Gr&uuml;nen, CDU\/CSU und FDP anf&uuml;hrt. Unterst&uuml;tzt durch einfache Beispiele und Zahlen aus leicht zug&auml;nglichen offiziellen Quellen entwickelt M&uuml;ller dann jeweils plausible Gegenargumente. Die Darstellung ist einfach, in weiten Teilen spannend und d&uuml;rfte auch f&uuml;r &ouml;konomische Laien gut verst&auml;ndlich sein. Der &Uuml;bersichtlichkeit dient ein Lesezeichen, auf dem alle 40 &bdquo;Denkfehler&rdquo; mit Seitenangaben verzeichnet sind. So kann das Buch sogar leicht als Nachschlagewerk dienen. <\/p><p>Man mag Details der &ouml;konomischen Argumentation hinterfragen. Man mag sich eine genauere Darstellung der theoretischen Hintergr&uuml;nde oder des wirtschaftspolitischen Gesamtkonzeptes w&uuml;nschen. Das Wichtigste ist aber, dass M&uuml;ller mit dem Buch, das das Zeug zum Bestseller hat, einen allgemein verst&auml;ndlichen Generalangriff auf die uns&auml;gliche deutsche Reformdebatte gestartet hat. Kein Zweifel: Dieses Reformbuch brauchen wir wirklich. <\/p><p><em>&copy; Frankfurter Rundschau<\/em>\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frankfurter Rundschau, 15.10.2004, von Achim Truger.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,208,30],"tags":[300,1110,312],"class_list":["post-1113","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-rezensionen","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-mueller-albrecht","tag-reformluege","tag-reformpolitik"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1113","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1113"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1113\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32484,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1113\/revisions\/32484"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1113"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1113"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1113"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}