{"id":111367,"date":"2024-02-20T15:30:50","date_gmt":"2024-02-20T14:30:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=111367"},"modified":"2024-02-20T17:41:53","modified_gmt":"2024-02-20T16:41:53","slug":"die-ungewisse-zukunft-armenien-nach-dem-sturm-iii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=111367","title":{"rendered":"Die ungewisse Zukunft \u2013 Armenien nach dem Sturm (III)"},"content":{"rendered":"<p>Nahezu alle Armenier fl&uuml;chteten im September letzten Jahres vor den vorr&uuml;ckenden aserischen Soldaten aus der Region Berg-Karabach in die benachbarte Republik Armenien. Unser Autor f&uuml;hrte Interviews in Jerewan. In einer dreiteiligen Serie ordnen armenische Politologen die Ereignisse vom letzten Herbst und die aktuelle Situation in Armenien genauer ein. Von <strong>Leo Ensel <\/strong>mit freundlicher Genehmigung von <a href=\"https:\/\/globalbridge.ch\/die-ungewisse-zukunft-armenien-nach-dem-sturm-iii\/\">Globalbridge<\/a>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Lesen Sie auch den ersten Teil&nbsp;<\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110974\"><i>&bdquo;Alle externen Akteure haben versagt!&ldquo; &ndash; Armenien nach dem Sturm&ldquo;<\/i><\/a><em> und den zweiten Teil <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=111200\">&bdquo;Arzach wurde geopfert&ldquo;<\/a><\/em><\/p><p>Wer sich derzeit durch Armeniens Hauptstadt Jerewan bewegt, bekommt auf den ersten Blick so gut wie nichts mit von dem Sturm, der im letzten Herbst &uuml;ber das Land gebraust ist. Bis zu 120.000 Menschen aus Karabach, die Ende September ihre jahrtausendealte Heimat verlassen mussten, hatte das kleine Land im S&uuml;dkaukasus mit seinen weniger als drei Millionen Einwohnern in k&uuml;rzester Zeit zumindest ein Dach &uuml;ber dem Kopf zu verschaffen. <\/p><p>Aber das ist noch nicht alles. Hinzu kommen seit dem russischen &Uuml;berfall auf die Ukraine, besonders seit der Teilmobilmachung vom 21. September 2022, 30.000 bis 50.000 Russen, die nicht f&uuml;r Putin in der Ukraine k&auml;mpfen wollen. Es sind &uuml;berwiegend junge, gut ausgebildete Menschen aus der IT-Branche, die einerseits mit ihren Unternehmen die armenische Wirtschaft durchaus voranbringen, deren Anwesenheit zugleich allerdings auch zu einer Versch&auml;rfung des Jerewaner Immobilienmarktes beigetragen hat.<\/p><p><strong>Die Fl&uuml;chtlinge aus Karabach<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend die russischen &sbquo;F&uuml;chtlinge&lsquo; sich die anziehenden Mietpreise in der Regel leisten k&ouml;nnen, sieht die Situation der Karabach-Fl&uuml;chtlinge v&ouml;llig anders aus. Die meisten konnten, als sich die Ereignisse ab dem 19. September letzten Jahres &uuml;berschlugen, zusammen mit ihren Familien wenig mehr als ihr nacktes Leben retten. <\/p><p>In den ersten Tagen kam die Mehrzahl von ihnen im S&uuml;den Armeniens, vor allem in den St&auml;dten (wie Goris) und Ortschaften nahe des Latschin-Korridors in Hotels, Erholungsheimen, aber auch bei Verwandten oder Privatleuten unter. Miete und Unterbringungskosten wurden zun&auml;chst vom armenischen Staat &uuml;bernommen, der zudem jeder angekommenen Person unabh&auml;ngig vom Alter ein Startgeld von 50.000 Dram (nach aktuellem Kurs um die 115 Euro) auszahlte und sie seitdem ein halbes Jahr lang monatlich mit 100.000 Dram unterst&uuml;tzt. Zahllose Gruppen von ehrenamtlichen Helfern &ndash; Studenten, Sch&uuml;ler, Journalisten, Wissenschaftler, Privatpersonen, aber auch prominente K&uuml;nstler &ndash; halfen monatelang mit Sachspenden, Geld und praktischer Arbeit vor Ort den staatlichen Institutionen bei der Aufnahme der Fl&uuml;chtlinge.<\/p><p>Familien, die aus Bergd&ouml;rfern der Region Karabach gefl&uuml;chtet waren, versucht man nun nach M&ouml;glichkeit wieder in D&ouml;rfern anzusiedeln; wenn es geht, zusammen mit Familien, mit denen sie bereits in Karabach im selben Dorf zusammengelebt hatten. Dass einige von ihnen jetzt ausgerechnet in D&ouml;rfern wie <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Barekamavan\">Barekamawan<\/a> oder <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Chinari,_Armenia\">Tschinari<\/a> &ndash; also unmittelbar an der Grenze zu Aserbaidschan &ndash; leben, entbehrt allerdings nicht einer gewissen Ironie des Schicksals. Untergebracht werden die oft vielk&ouml;pfigen Familien in leerstehenden H&auml;usern von Ausgewanderten oder Zweith&auml;usern von &uuml;berwiegend in Jerewan wohnenden Armeniern. Die Miete &uuml;bernimmt die Kommune. Die Familien erhalten Nutztiere und Haushaltsger&auml;te, dazu ist man dabei, die H&auml;user &ndash; insbesondere die Sanit&auml;ranlagen &ndash; zu renovieren.<\/p><p>Der armenische Staat steht also immer noch vor gewaltigen Herausforderungen.<\/p><p>Dabei sieht, folgt man dem Jerewaner Germanisten und Dolmetscher Hrachya Stepanyan, die &ouml;konomische Situation Armeniens gegenw&auml;rtig &ndash; zumindest &bdquo;im Prinzip&ldquo; &ndash; gar nicht so schlecht aus, wie man eigentlich erwarten w&uuml;rde:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Unserem Staatshaushalt wird jetzt sehr viel Geld aus &sbquo;ungesetzlich verdientem Verm&ouml;gen&lsquo; zur&uuml;ckgef&uuml;hrt. Das geht auf Anti-Korruptionsgesetze der Regierung Paschinyan zur&uuml;ck und betrifft vor allem ehemalige Politiker und &sbquo;neue Armenier&lsquo;. Wir haben jetzt einen &Uuml;berschuss, was eine gute M&ouml;glichkeit f&uuml;r einen Anschub der Wirtschaft w&auml;re. Allerdings ist das auch eine Gefahr, weil daraus bislang noch viel zu wenig richtige Kapitalinvestitionen get&auml;tigt werden. Es m&uuml;sste statt dessen so laufen wie damals beim Marshallplan im Nachkriegsdeutschland.<\/p>\n<p>Aber das Fl&uuml;chtlingsproblem werden wir finanziell l&ouml;sen k&ouml;nnen. Erstens wird ein Gro&szlig;teil dieser Menschen nicht in Armenien bleiben. Viele, m&ouml;glicherweise die meisten, werden nach Russland gehen und, wenn es gelingt, w&uuml;rden auch viele als Fl&uuml;chtlinge in den Westen kommen. Es gibt zudem internationale Hilfsgelder und wir haben finanzielle Reserven, unter anderem durch die R&uuml;ckf&uuml;hrungsgelder. Aber nicht nur das. Wissen Sie, den gesamten Staatshaushalt Berg-Karabachs hatte Armenien unterst&uuml;tzt. Das war f&uuml;r uns eine Last! Das kann man jetzt sinnvoll einsetzen, sodass wir alle davon profitieren k&ouml;nnten, wenn die Politik das vern&uuml;nftig gestaltet. Das wird auch bei 100.000 gefl&uuml;chteten Menschen kein Problem sein!&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Ob das die Mehrheit der Karabach-Fl&uuml;chtlinge auch so sieht, bleibt zumindest offen.<\/p><p><strong>Der &bdquo;Sangesur-Korridor&ldquo; oder: Greift Alijew wieder an?<\/strong><\/p><p>Was jedoch alle Armenier &ndash; seien sie Fl&uuml;chtlinge oder nicht &ndash; zur Zeit am meisten bewegt, nein: stark beunruhigt, das sind die Aspirationen des aserbaidschanischen Diktators Ilham Alijew in Bezug auf armenisches Hoheitsgebiet. Vor allem jetzt, nach seiner am 7. Februar mit 92-prozentiger Zustimmung grandios gewonnenen vorgezogenen Pr&auml;sidentschaftswahl. (Zu der ihm sein alter Bekannter, der Mediator im trilateralen Format und EU-Ratsvorsitzende Charles Michel postwendend gratulierte.) Seit Jahren macht Alijew Anspr&uuml;che nicht nur auf die von ihm <a href=\"https:\/\/www.theamericanreporter.com\/aliyev-toxic-statements-are-a-danger-to-the-peace-with-armenia\/\">&bdquo;West-Sangesur&ldquo;<\/a> genannten s&uuml;darmenischen Regionen Sjunik und Wajoz Dsor, sondern sogar auf die Hauptstadt <a href=\"https:\/\/eurasianet.org\/azerbaijan-president-calls-for-return-to-historic-lands-in-armenia\">Jerewan<\/a> &ndash; angeblich alles &bdquo;Land unserer V&auml;ter&ldquo; &ndash; geltend. Zudem <a href=\"https:\/\/carnegieendowment.org\/politika\/91455?utm_source=carnegienewsletter&amp;utm_medium=email&amp;utm_content=buttonlink\">erkl&auml;rte <\/a>er gerade im Januar, dass die aserbaidschanische Armee sich nicht von den Stellungen zur&uuml;ckziehen werde, die sie w&auml;hrend der K&auml;mpfe im Mai 2021 und September 2022 eingenommen habe &ndash; selbst wenn sie sich auf armenischem Territorium bef&auml;nden.<\/p><p>Die aktuell gr&ouml;&szlig;te Gefahr sieht man in Armenien allerdings in seiner wiederholt ge&auml;u&szlig;erten Drohung, eine Landverbindung zur Exklave Nachitschewan &uuml;ber armenisches Terrain, den sogenannten &bdquo;Sangesur-Korridor&ldquo;, <a href=\"https:\/\/eurasianet.org\/whats-the-future-of-azerbaijans-ancestral-lands-in-armenia\">notfalls mit Gewalt durchzusetzen<\/a>. Was ist diesbez&uuml;glich f&uuml;r die allern&auml;chste Zukunft zu erwarten?<\/p><p>Auch hier gehen die Einsch&auml;tzungen der armenischen Politologen weit auseinander. Der nun in Jerewan lebende ehemalige Ombudsmann f&uuml;r Menschenrechte in Karabach, <a href=\"https:\/\/artsakhombuds.am\/en\/ombudsman\/artak-beglaryan\">Artak Beglaryan<\/a>, h&auml;lt die Gefahr f&uuml;r durchaus realistisch:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Die M&ouml;glichkeit gibt es. Alijew bereitet sich st&auml;ndig milit&auml;risch vor, aber es gibt eine Reihe von Faktoren, die seinen Entschluss beeinflussen k&ouml;nnten: Erstens der Iran, der bereit w&auml;re, jederzeit milit&auml;risch einzugreifen, weil dann seine einzige Landverbindung zum Nordkaukasus bedroht w&auml;re; zweitens Armenien, das sich nun seinerseits milit&auml;risch immer weiter verst&auml;rkt sowie drittens das Risiko m&ouml;glicher westlicher Sanktionen und schlie&szlig;lich viertens die Reaktion Russlands, von dem unklar ist, ob es dieses Unterfangen unterst&uuml;tzen oder st&ouml;ren w&uuml;rde. Das gr&ouml;&szlig;te Problem sehe ich allerdings darin, dass der Westen bislang keinen &sbquo;negativen Preis&lsquo; genannt hat! Es gibt daher bislang f&uuml;r Aserbaidschan keine erkennbare &sbquo;Rote Linie&lsquo;.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Und wie w&auml;re es, wenn Alijew auch noch ganz &bdquo;Westaserbaidschan&ldquo;, sprich: die s&uuml;dlichen armenischen Provinzen Sjunik und Wajoz Dsor bis hoch nach Jerewan angreifen w&uuml;rde? Beglaryan:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Alijew erh&ouml;ht st&auml;ndig k&uuml;nstlich die Verhandlungslinien; tats&auml;chlich braucht er Jerewan und Armenien nicht. Das ist Teil seiner maximalistischen Verhandlungsstrategie. Das Risiko besteht allerdings immer. Es kommt daher darauf an, welche Risiken Aserbaidschan hier politisch und milit&auml;risch f&uuml;r sich sieht. Dass Armenien und der Iran jedenfalls massiv milit&auml;risch reagieren w&uuml;rden, steht fest. Der politische Preis gegen&uuml;ber dem Westen ist, wie gesagt, noch unklar.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Die Gefahr eines breiten aserbaidschanischen Angriffs auf Armenien sieht der Jerewaner Politikwissenschaftler <a href=\"https:\/\/ypc.am\/people\/badalyan-hakob\/\">Hakob Badalyan<\/a> gegenw&auml;rtig nicht gegeben.<\/p><blockquote><p>&bdquo;Aber Risiken &sbquo;punktueller Angriffe&lsquo; wie damals auf Dschermuk bestehen nach wie vor. Im Moment laufen die Verhandlungen &uuml;ber den exakten Verlauf der Grenze und wenn man die Forderungen Aserbaidschans betrachtet, so besteht ein gro&szlig;es Risiko. Aserbaidschan wendet seit langem und in jeder Hinsicht eine &sbquo;Salami-Taktik&lsquo; an.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Was die gef&uuml;rchtete Landverbindung zwischen Aserbaidschan &ndash; &uuml;ber armenisches Territorium &ndash; nach Nachitschewan und &uuml;ber eine dreizehn Kilometer lange Grenze in die T&uuml;rkei angeht, verweist Badalyan auf weitere in Armenien stark verbreitete &Auml;ngste:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Die Russen wollten diese Stra&szlig;e auf unserem Gebiet durch den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/FSB_(Geheimdienst)\">FSB<\/a> kontrollieren lassen. Seit dem Zerfall der Sowjetunion stehen ja an der Grenze zwischen Armenien und dem Iran &ndash; wie &uuml;berhaupt an den Au&szlig;engrenzen der ehemaligen Sowjetunion &ndash; russische Grenzsoldaten. Noch st&auml;rker als Armenien waren gegen diese Option die T&uuml;rkei und Aserbaidschan! Aber wenn man diese Frage im gr&ouml;&szlig;eren geopolitischen Rahmen betrachtet, w&auml;re Armenien gar nicht in der Lage, den Korridor zu kontrollieren. Die s&uuml;darmenische Stadt <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Meghri\">Meghri<\/a> im Grenzdreieck zwischen Armenien, Nachitschewan und dem Iran hat nur noch 5.000 Einwohner. Wenn diese Stra&szlig;e ge&ouml;ffnet wird, wird sich mittelfristig in der gesamten Region Sjunik das demographische Verh&auml;ltnis zugunsten der T&uuml;rken und Aseris ver&auml;ndern. Schlie&szlig;lich hat Armenien weniger als drei Millionen Einwohner, die T&uuml;rkei aber 85 Millionen und Aserbaidschan zehn Millionen. Diese Gegend wird dann zwar noch &sbquo;Armenien&lsquo; hei&szlig;en, aber &uuml;berwiegend von T&uuml;rken bewohnt sein &ndash; so &auml;hnlich wie heute schon Batumi in Georgien. Gegen diese t&uuml;rkische &sbquo;soft power&lsquo; gibt es keine L&ouml;sung.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Das sieht Hrachya Stepanyan gelassener. F&uuml;r ihn w&auml;re die &Ouml;ffnung der Grenzen keine Bedrohung.<\/p><blockquote><p>&bdquo;Es gibt hier Menschen &ndash; vor allem Vertreter der alten Pr&auml;sidenten &ndash;, die f&uuml;rchten, dass bei Grenz&ouml;ffnung t&uuml;rkisches Kapital nach Armenien flie&szlig;t und t&uuml;rkische Unternehmen nach Armenien kommen. Na und? Es kann auch deutsches Kapital sein, warum denn nicht? Und wenn es zu einer &sbquo;kulturellen &Uuml;berfremdung&lsquo; k&auml;me, dann w&auml;re das unsere Schuld! Pecunia non olet. Unser Problem ist unser historisches Trauma: Wir leben von der Vergangenheit, nicht von der Zukunft! Wir denken nicht an das Hier und Jetzt. Viele m&ouml;chten am Liebsten noch die Vergangenheit in die Zukunft verlegen und die Gegenwart v&ouml;llig vergessen&hellip;&ldquo;<\/p><\/blockquote><p><strong>Im geopolitischen Spannungsfeld<\/strong><\/p><p>Aber wie soll die n&auml;here Zukunft des Landes denn aussehen? Wie das Verh&auml;ltnis zum &sbquo;Verb&uuml;ndeten&lsquo;, der Armenien, als es Spitz auf Knauf stand, im Stich lie&szlig;; wie das zum Westen, der es mit falschen Versprechungen in die Falle lockte? <\/p><p>Im Grundlegenden sind sich hier alle drei befragten armenischen Experten &ndash; so unterschiedlich sie viele andere Aspekte auch einsch&auml;tzen &ndash; bemerkenswert einig: Ein definitives Ausscheiden aus dem russischen Einflussbereich halten sie f&uuml;r v&ouml;llig unrealistisch und den Aspirationen des Westens in der Region stehen sie h&ouml;chst skeptisch gegen&uuml;ber. <\/p><p>&bdquo;<i>F&uuml;r uns wird es gut sein, wenn sowohl Russland als auch der Westen uns nicht als Konfliktterritorium betrachten&ldquo;, <\/i>meint Artak Beglaryan. <i>&bdquo;Grunds&auml;tzlich: Alles was man im Westen f&uuml;r Armenien und die Region macht, zielt direkt gegen Russland! Das Ziel der NATO ist es, die Beziehungen Armeniens zur <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Organisation_des_Vertrags_%C3%BCber_kollektive_Sicherheit\">OVKS<\/a> soweit zu verschlechtern, dass Armenien nicht mehr von Russland abh&auml;ngig ist. Aber das ist unm&ouml;glich! Unabh&auml;ngig wie schwach Russland sein mag, es wird in dieser Region immer ein Machtfaktor bleiben. Es gibt zudem eine wechselseitige Abh&auml;ngigkeit zwischen Russland und Armenien. F&uuml;r Russland ist nach wie vor die milit&auml;rische Anwesenheit im Kaukasus wichtig. Diese Zone hier &ndash; Stichworte: Eurasische Union, Beziehungen zum Iran, m&ouml;gliche &Ouml;ffnung der Grenzen zwischen Armenien und Aserbaidschan &ndash; kann man geopolitisch nicht ignorieren!<\/i> <i>Deshalb sehe ich die Chance, dass die armenisch-russischen Beziehungen sich ab einem bestimmten Punkt wieder normalisieren. Wir m&uuml;ssen zu beiden Seiten &ndash; Russland und dem Westen &ndash; gute Beziehungen unterhalten k&ouml;nnen.&ldquo;<\/i><\/p><p>Und Hakob Badalyan erg&auml;nzt: <i>&bdquo;Im Gro&szlig;en und Ganzen ist die Souver&auml;nit&auml;t von L&auml;ndern wie Armenien immer begrenzt. Diese Region ist f&uuml;r Russland zweifellos &uuml;berwichtig. Wir m&uuml;ssen bereit sein mit denen zu arbeiten, die hier anwesend sind.&ldquo; &ndash; &bdquo;Und wohin sollten wir uns &uuml;berhaupt orientieren?&ldquo;<\/i>, fragt Hrachya Stepanyan. <i>&bdquo;Die NATO hatte der Ukraine Hoffnungen gemacht &ndash; und was ist jetzt?<\/i> <i>Paschinyan wird es nicht wagen k&ouml;nnen, aus der OVKS auszutreten, weil ihm sonst keiner Sicherheitsgarantien geben wird! Und f&uuml;r die einfachen Menschen hier in Armenien stehen zwar Deutschland und die Schweiz als Ziell&auml;nder an der Spitze, aber wenn es um die Sicherheit des Landes geht, dann denken gerade auch sie direkt an Putin &ndash; und zwar als Garant! Nicht zuletzt weil viele Familien Verwandte in Russland haben, die dort Geld verdienen.&ldquo;<\/i><\/p><p><strong>Der verwaiste Raum &ndash; Karabach nach dem Orkan<\/strong><\/p><p>Was wei&szlig; man hier in Jerewan von der verwaisten Region Arzach, in der nun seit 3.000 Jahren so gut wie keine Armenier mehr leben?<\/p><p>&bdquo;<i>Es kommen jetzt sehr wenige Aseris nach Karabach zur&uuml;ck&ldquo;, <\/i>so Hrachya Stepanyan. <i>&bdquo;Die aus Karabach und den sieben Anrainerregionen vertriebenen Aseris hatte Alijew in Camps gehalten, um der Welt zu zeigen, dass sie dort in Aserbaidschan eine Million Fl&uuml;chtlinge haben. Aber die werden nie zur&uuml;ckkommen! Sie haben jetzt in Baku ihre Orte an warmen Pl&auml;tzen. Es sind schon 30 Jahre her. Da ist eine neue Generation herangewachsen, die Karabach nicht kennt! Warum sollen Zwanzig-, Drei&szlig;igj&auml;hrige in eine Region umziehen, die ihre Heimat nicht mehr ist? In den postsowjetischen L&auml;ndern gibt es Ballungstendenzen um die Hauptst&auml;dte herum. Dort haben sie eine Chance f&uuml;r Erwerb und Eink&uuml;nfte. Dort gibt es so etwas wie soziale Sicherheit. Au&szlig;erhalb nicht! Was sollen sie in Karabach machen? Es kommen nur sehr wenige.&ldquo; &ndash; <\/i>Aber Alijew habe doch gro&szlig; angek&uuml;ndigt, Modelld&ouml;rfer, ganze Modellregionen in Karabach zu bauen. &ndash; <i>&bdquo;Es sind dort nur sehr wenige Menschen, obwohl einige Gebiete nun schon mehr als drei Jahre unter aserischer Kontrolle sind. Schuschi ist jetzt &sbquo;Kulturhauptstadt Aserbaidschans&lsquo;. Aber nur Alijew ist dort!&ldquo;<\/i><\/p><p>Und was wird aus den jahrhundertealten armenischen Kulturg&uuml;tern? Was aus den Kirchen, den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Chatschkar\">Chatschkaren<\/a> (armenischen Kreuzsteinen), den Friedh&ouml;fen? Was aus den Stein gewordenen Wurzeln des armenischen Glaubens &ndash; Kl&ouml;stern wie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kloster_Dadiwank\">Dadivank<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kloster_Amaras\">Amaras<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gandsassar\">Gandsassar<\/a>?<\/p><p>Artak Beglaryan, geboren in der ehemaligen Hauptstadt Arzachs, Stepanakert, h&auml;lt sie alle f&uuml;r total gef&auml;hrdet, wenn man das Regime und den Hass von Alijew und die Geschichte der letzten Jahrzehnte betrachte, in denen die armenischen Kulturg&uuml;ter in der aserbaidschanischen Exklave Nachitschewan nahezu vollst&auml;ndig <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Armenischer_Friedhof_(Culfa)\">ausgerottet<\/a> wurden. Sobald es etwas weniger Aufmerksamkeit von Seiten der Welt&ouml;ffentlichkeit gebe, werde man alles vernichten oder in etwas &sbquo;Albanisches&lsquo; umwandeln. [Albanier, ein kaukasisches Volk, angeblich die Vorfahren der Aseris, das laut Alijews Geschichtsf&auml;lschung statt der Armenier diese Kulturdenkm&auml;ler erbaut haben soll; L.E.] Laut Hakob Badalyan hat man sogar schon angefangen, die Kl&ouml;ster in Gandsassar und Dadivank zu ver&auml;ndern. <i>&bdquo;Man schafft alle Kreuze weg. Und will statt dessen &sbquo;albanische Spuren&lsquo; herbeibringen!&ldquo;<\/i><\/p><p>Auch hier hat Hrachya Stepanyan seinen ganz eigenen Blick auf die Dinge: <i>&bdquo;Armenien ist nicht ein Land. Armenien ist dort, wo die Armenier sind!<\/i> <i>Wenn die Armenier wirklich so kreativ sind, k&ouml;nnen sie neue Kulturg&uuml;ter und &uuml;berall schaffen. Ein schaffendes Volk muss nur schaffen! Die Biene, die Honig produziert, denkt nicht daran, was mit dem Honig passiert.&ldquo;<\/i> &ndash; Aber ist es ihm kein Schmerz in der Seele: Dadivank? Gandsassar? &ndash; <i>&bdquo;Es w&auml;re mir ein Schmerz in der Seele, wenn wir danach nichts mehr machen w&uuml;rden. 1994 habe ich mal in einem Artikel geschrieben: &sbquo;Leute, die T&uuml;rken sind ein Teil unseres Schicksals. Wenn wir auf der Antarktis leben, werden sie neben uns auftauchen!&lsquo; So ist es. &ndash; Das h&ouml;chste Gut &uuml;berhaupt ist f&uuml;r mich der Mensch! Kultur kann man schaffen. Aber es muss der schaffende Mensch sein!&ldquo; &ndash; <\/i>Geh&ouml;rt zum Menschen nicht auch sein ganzes kulturelles Erbe? &ndash; <i>&bdquo;Wenn Sie Armenien gut kennen, werden Sie festgestellt haben, dass wir genug an Kulturg&uuml;tern haben, die uns dabei helfen werden, das alles zu verschmerzen. Aber wie gesagt: F&uuml;r mich ist das h&ouml;chste Gut der Mensch selbst! Alles andere kann man schaffen.&ldquo;<\/i><\/p><p>Und der verdutzte Autor dieses Essays wei&szlig; nicht, ob er lachen oder weinen soll.<\/p><p><small>Titelbild: Der Latschin-Korridor verbindet Armenien mit dem nach dem armenisch-aserbaidschanischen Krieg 2020 noch als Rumpfstaat &uuml;brig gebliebenen, von Armeniern besiedelten Gebiet Bergkarabach (braun). &copy; Wikimedia Commons\/CC0<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nahezu alle Armenier fl&uuml;chteten im September letzten Jahres vor den vorr&uuml;ckenden aserischen Soldaten aus der Region Berg-Karabach in die benachbarte Republik Armenien. Unser Autor f&uuml;hrte Interviews in Jerewan. In einer dreiteiligen Serie ordnen armenische Politologen die Ereignisse vom letzten Herbst und die aktuelle Situation in Armenien genauer ein. Von <strong>Leo Ensel <\/strong>mit freundlicher Genehmigung von<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=111367\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":111368,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,20,171],"tags":[3282,1947,2964,2963,1055,951,3188,259,950],"class_list":["post-111367","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-landerberichte","category-militaereinsaetzekriege","tag-alijew-ilham","tag-armenien","tag-aserbaidschan","tag-bergkarabach","tag-fluechtlinge","tag-iran","tag-ovks","tag-russland","tag-tuerkei"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/240220_titel.png","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/111367","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=111367"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/111367\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":111385,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/111367\/revisions\/111385"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/111368"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=111367"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=111367"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=111367"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}