{"id":1115,"date":"2006-05-31T14:36:44","date_gmt":"2006-05-31T12:36:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1115"},"modified":"2016-02-06T12:04:59","modified_gmt":"2016-02-06T11:04:59","slug":"der-vorwarts-zu-machtwahn-durchwachsen-bis-traurig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1115","title":{"rendered":"Der Vorw\u00e4rts zu \u201eMachtwahn\u201c \u2013 durchwachsen bis traurig"},"content":{"rendered":"<p>Fast sechs Jahre lang schrieb ich im sozialdemokratischen Vorw&auml;rts eine Kolumne mit dem Titel &bdquo;Gegen den Strom&ldquo;. Viele Leser lasen dieser Kolumne wegen den Vorw&auml;rts. Dann schrieb ich &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo;. Die SPD-F&uuml;hrung fand die darin enthaltene Kritik an ihrer Reformpolitik offensichtlich nicht in Einklang mit meiner Funktion als Kolumnist. Jedenfalls bedeutete man mir Ende 2004, man brauche den Platz der Kolumne f&uuml;r die Programmdiskussion und andere Texte.<br>\nSchon wegen dieser Erfahrung war ich gespannt darauf, wie die Besprechung von &bdquo;Machtwahn&ldquo; im Vorw&auml;rts ausfallen w&uuml;rde. Weil mit den von mir skizzierten und kritisierten &bdquo;mittelm&auml;&szlig;igen Eliten&ldquo; auch weite Teile der SPD-F&uuml;hrung gemeint sind, h&auml;tte ich eine kritische Rezension durchaus verstanden, wenn sie irgendwie begr&uuml;ndet worden w&auml;re. Was in der neuen Ausgabe des Vorw&auml;rts steht, ist eher traurig, auch wenn es von einem Redakteur der &bdquo;Zeit&ldquo; stammt, den wir gelegentlich in den NachDenkSeiten lobend erw&auml;hnt haben.<br>\n<!--more--><br>\nIm folgenden ist der gesamte Text ordnungsgem&auml;&szlig; wiedergegeben. Ich gehe darauf vorweg mit ein paar Anmerkungen ein, weil sich an einer der kritischen Anmerkungen etwas Grunds&auml;tzliches zur Sache aufh&auml;ngen l&auml;sst:<\/p><ol>\n<li>In der Rezension wird behauptet, ich erz&auml;hlte in &bdquo;Machtwahn&ldquo; nur die halbe Wahrheit. W&ouml;rtlich: &bdquo;Noch besser w&auml;re es, wenn auch die Wahrheit darin st&uuml;nde.&ldquo; Normalerweise kann man bei einer solch massiven Attacke erwarten, dass irgendwo eine Begr&uuml;ndung steht. Ich suchte vergebens. Vermutlich meint der Autor der Rezension, Wolfgang Uchatius, sein Vorwurf sei mit dem Hinweis, ich hielte &bdquo;alle Strukturreformen f&uuml;r unn&ouml;tig&ldquo; und beschr&auml;nkte die Wirtschaftspolitik auf &bdquo;h&ouml;here Staatsausgaben und niedrigere Zinsen&ldquo;, ausreichend begr&uuml;ndet. Dies wiederum halte ich in mehrerer Hinsicht f&uuml;r an den Haaren herbeigezogen und leider auch f&uuml;r falsch. Es gibt nicht nur in der &bdquo;Reforml&uuml;ge&ldquo; die klare Forderung nach Anwendung und Optimierung eines breiten Spektrums wirtschaftspolitischer Instrumente &ndash; solcher, die die wirtschaftliche Produktivit&auml;t f&ouml;rdern, genauso wie die so genannten keynesianischen. Auch in &bdquo;Machtwahn&ldquo; werbe ich an mehreren Stellen daf&uuml;r, die Voraussetzungen f&uuml;r eine produktive und wettbewerbsf&auml;hige Volkswirtschaft zu schaffen. So mache ich auf Seite 111 darauf aufmerksam, dass die Produktivit&auml;tsentwicklung Investitionen verlangt, ich analysiere die Zusammenh&auml;nge zwischen der Angst der Arbeitnehmer vor Jobverlust und G&auml;ngelung einerseits und ihrer Arbeitsproduktivit&auml;t andererseits. Mein Buch enth&auml;lt ein 10-Punkte-Programm zur Wirtschaftspolitik (Seiten 27ff.) und beschr&auml;nkt sich dabei keineswegs auf die zwei vom Rezensenten genannten Ma&szlig;nahmen. Ich &bdquo;bewundere&ldquo; den Mut des Schreibers der Rezension, einfach das Gegenteil zu schreiben.<\/li>\n<li>Richtig ist allerdings, dass ich deutlich daf&uuml;r pl&auml;diere, jetzt endlich die Konjunktur zu beleben und alles zu unterlassen, was diese wichtigste Aufgabe der Regierung auf dem Feld der makro&ouml;konomischen Politik st&ouml;ren k&ouml;nnte. Dazu stehe ich auch, weil das Elend unseres Landes und der hier lebenden Menschen ganz wesentlich davon bestimmt wird, dass sie auf dem Arbeitsmarkt keine Alternativen mehr haben und damit jeder Drohung und jedem Druck ausgesetzt sind. Selbst der Rezensent m&uuml;sste mir zustimmen, wenn er konsequent w&auml;re: die von ihm propagierten Strukturreformen wie die Hartz-Gesetze scheitern zum Beispiel auch deshalb so grandios, weil die geforderten Menschen keine F&ouml;rderung durch eine Optimierung der Konjunkturpolitik und neue Arbeitspl&auml;tze erfahren.<\/li>\n<li>Strukturreformen &ndash; n&ouml;tig oder unn&ouml;tig? In meinen Texten, in den B&uuml;chern wie auch auf den NachDenkSeiten wird klar gesagt, was davon zu halten ist:\n<ul>\n<li>Die Strukturreform &bdquo;Zerst&ouml;rung des Vertrauens in die gesetzliche Rente und gleichzeitig stattfindende Subventionen der privaten Vorsorge&ldquo; halte ich in der Tat f&uuml;r absurd und sch&auml;dlich.<\/li>\n<li>Die Strukturreformen &bdquo;Entstaatlichung&ldquo;, &bdquo;Privatisierung kommunaler Einrichtungen&ldquo; und &bdquo;Deregulierung&ldquo; sind keiner Optimierungspr&uuml;fung unterzogen und im Wesentlichen von Ideologien und gro&szlig;en privaten Interessen bestimmt. Ich beschreibe in &bdquo;Machtwahn&ldquo;, wie und welche Interessen politische Entscheidungen bestimmen &ndash; zulasten der Steuerzahler, zulasten k&uuml;nftiger Generationen. Zu diesen wichtigen Teilen meines Buches, zu den Folgen der neoliberalen Ideologie und der damit verbundenen Korruption finden sich nicht einmal Andeutungen in der Rezension des Vorw&auml;rts. Dar&uuml;ber zu schreiben w&auml;re aber spannend gewesen, weil die SPD-F&uuml;hrung angesichts mancher ihrer Entscheidungen selbst mit der in meinem Buch gestellten Frage konfrontiert werden m&uuml;sste: &bdquo;Dumm, arglos oder korrupt?&ldquo; (S. 263 ff)<\/li>\n<li>Ich nenne auch ausdr&uuml;cklich Strukturreformen, die ich f&uuml;r sinnvoll halte: zum Beispiel die Entkommerzialisierung des Fernsehens. Das hielte ich f&uuml;r einen wichtigen Beitrag zur F&ouml;rderung des Wissens- und Bildungsstandes unserer Jugend.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ol><p>Und hier der Text aus dem Vorw&auml;rts:<\/p><p><strong>Der Mix macht&rsquo;s<\/strong><\/p><p><strong>In seinem Buch &bdquo;Machtwahn&ldquo; nimmt Albrecht M&uuml;ller den Virus des Neoliberalismus treffend aufs Korn. Trotzdem erz&auml;hlt er nur die halbe Wahrheit.<\/strong><\/p><p>Irgendwann vor ein paar Jahrzehnten kam ein gef&auml;hrlicher Virus nach Deutschland. Er befiel Professoren und Politiker, Unternehmenschefs und Journalisten. Er fra&szlig; sich in die Hirne derer, die das Sagen haben in der Republik. Seitdem nutzen sie ihre Macht, um ganz Deutschland zu privatisieren und zu deregulieren.<\/p><p>Der Virus ist der Neoliberalismus. Seine Verbreitung beschreibt der Publizist Albrecht M&uuml;ller in seinem Buch &bdquo;Machtwahn&ldquo;. Es erz&auml;hlt von Menschen, die behaupten, sie wollten mit ihren Reformen dem Land helfen. In Wirklichkeit sorgen sie daf&uuml;r, dass die Wirtschaft stagniert und die Arbeitslosigkeit steigt. Dass zwar die Reichen reicher, aber die Armen &auml;rmer werden. Der Virus des Neoliberalismus richtet das Land zugrunde. Das ist die zentrale Aussage von &bdquo;Machtwahn&ldquo;. Streckenweise liest es sich so mitrei&szlig;end wie ein guter Science-Fiction-Roman. Insofern ist es ein gelungenes Buch.<\/p><p>Noch besser w&auml;re es, wenn auch die Wahrheit darin st&uuml;nde.<\/p><p>Tats&auml;chlich dominiert die neoliberale Ideologie seit Jahren die wirtschaftspolitische Debatte in Deutschland. Insoweit hat Albrecht M&uuml;ller Recht. Fast alle neoliberalen Vordenker behaupten, nur radikale Strukturreformen k&ouml;nnten Deutschlands Weg in die Dritte Welt stoppen. Diese These versuchen sie auf manchmal dreiste Art, etwa durch die Gr&uuml;ndung vermeintlich neutraler Institute, zu verbreiten. Auch das hat M&uuml;ller treffend beobachtet.<br>\nNur bedeutet das ja nicht, dass alle Strukturreformen unn&ouml;tig seien.<\/p><p>An einer zentralen Stelle seines Buches beruft sich M&uuml;ller auf das Vorbild Amerika. Die USA h&auml;tten gezeigt, dass eine schwach wachsende Volkswirtschaft durch staatliche Konjunkturprogramme und Zinssenkungen der Zentralbank angekurbelt werden k&ouml;nne. Stimmt. Allerdings empfehlen selbst keynesianisch denkende &Ouml;konomen wie der Nobelpreistr&auml;ger Joseph Stiglitz oder der Goldman-Sachs-Volkswirt Jim O&rsquo;Neal, die M&uuml;ller zitiert, eine solche Politik nur dann, wenn die Regierung gleichzeitig f&uuml;r einen flexiblen Arbeitsmarkt sorge. Erst wenn zum Beispiel die Arbeitslosenunterst&uuml;tzung reduziert oder zeitlich begrenzt werde, sei sicher, dass durch das st&auml;rkere Wachstum die Arbeitslosigkeit deutlich gesenkt wird. Insofern waren die Hartz-Reformen vom Ansatz her richtig. Aber sie h&auml;tten mit einer aktiven Konjunkturpolitik kombiniert werden m&uuml;ssen.<\/p><p>Dieser Mix aus Konjunktur- und Strukturpolitik ist es, den international f&uuml;hrende &Ouml;konomen heute als die richtige, mithin die wahre, Politik empfehlen. Nicht die einseitige Konzentration auf Reformen des Arbeitsmarktes oder des Sozialstaats, wie sie die Mehrzahl der deutschen Wirtschaftswissenschaftler empfiehlt (die anderswo, vor allem im englischsprachigen Ausland, oft nur noch bel&auml;chelt werden). Aber auch nicht die Beschr&auml;nkung auf h&ouml;here Staatsausgaben und niedrigere Zinsen, wie Albrecht M&uuml;ller sie propagiert. Gerade er, der in seinem Buch alle paar Seiten die mangelnde &ouml;konomische Fachkenntnis in Deutschland bem&auml;ngelt, h&auml;tte dies eigentlich wissen m&uuml;ssen.<\/p><p><em>Von Wolfgang Uchatius<\/em><\/p><p>Albrecht M&uuml;ller: Machtwahn. Droemer Verlag, M&uuml;nchen 2006, 368 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 3-426-27368-1\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fast sechs Jahre lang schrieb ich im sozialdemokratischen Vorw&auml;rts eine Kolumne mit dem Titel &bdquo;Gegen den Strom&ldquo;. Viele Leser lasen dieser Kolumne wegen den Vorw&auml;rts. 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