{"id":111503,"date":"2024-02-24T12:00:00","date_gmt":"2024-02-24T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=111503"},"modified":"2024-02-24T12:32:31","modified_gmt":"2024-02-24T11:32:31","slug":"berliner-meisterwerk-inmitten-der-zeitenwende-die-einheitswippe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=111503","title":{"rendered":"Berliner Meisterwerk inmitten der Zeitenwende: Die Einheitswippe"},"content":{"rendered":"<p>Nur gut, dass wir noch andere Sorgen haben. Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin. Fu&szlig;ballfans singen diese Zeilen, wenn ihre geliebte Mannschaft es geschafft hat, beim DFB-Pokal-Finale im Olympiastadion auf dem Rasen zu stehen. Die Freude der sportbegeisterten Leute beschr&auml;nkt sich nicht nur auf die Jagd nach dem runden Leder, sie wissen: Die Hauptstadt ist immer eine Reise wert. Hier steppt der B&auml;r. In jeder Hinsicht, das pralle Leben tobt einschlie&szlig;lich echten Berliner Pleiten, Pech und Pannen &ndash; als Beispiel im Dreiklang beim lange w&auml;hrenden Nichtvollenden eines epochalen, gar wichtigen Kunstwerks: der Einheitswippe. Daf&uuml;r klappen zum Gl&uuml;ck andere, wichtigere Sachen. Eine Glosse von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Ein Riesenspa&szlig; mitten in Berlin-Mitte<\/strong><\/p><p>Das sogenannte Einheitsdenkmal &ndash; eine Art gro&szlig;e, begehbare Wippe f&uuml;r die B&uuml;rger &ndash; wird k&uuml;nftig vor dem Humboldt Forum (Berliner Stadtschloss) stehen, so lautet der Plan. Man ist auch schon ganz sch&ouml;n weit, optimistisch betrachtet. Der m&auml;chtige Sockel steht, das Kunstwerk darauf noch nicht. Das soll noch dauern, brodelt es in den K&uuml;chen der Ger&uuml;chte. Ein Gl&uuml;ck, so kann der Wippenbesucher nicht von dieser st&uuml;rzen, kommt einem humorig in den Sinn. Vielleicht verhindern gerade irgendwelche findigen Berlina (Berliner Jargon) das allgemein unter Leuten bel&auml;chelte Gro&szlig;spielzeug noch. Die, die sich f&uuml;r das Kunstwerk begeistern, schw&auml;rmen hingegen:<\/p><blockquote><p>\nAuf der Oberseite des Einheitsdenkmals stehen die Losungen aus der Zeit des Mauerfalls, die untere, vergoldete Seite, zieren Bilder aus der Wendezeit im Herbst 1989. Die Widmung &bdquo;Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk.&ldquo; wird nicht plakativ vor der Wippe stehen, sondern ist auf deren Schale integriert. Besucher k&ouml;nnen die Buchstaben zum Verweilen und Nachdenken nutzen. Das Denkmal soll Besuchern und B&uuml;rgern als Frei- und Spielraum in der Stadt dienen.<br>\n(Quelle: <a href=\"https:\/\/www.berlin.de\/sehenswuerdigkeiten\/4754932-3558930-einheitsdenkmal-buerger-in-bewegung.html\">Berlin.de<\/a>)\n<\/p><\/blockquote><p>Wenn die Wippe dann mal wippt, Besucher und B&uuml;rger auf den gro&szlig;en Buchstaben Platz nehmen, dann aber wird es ein frohes Hin und Her, und das in sch&ouml;ner Einheit geben. Dabei werden die Wippenden an die deutsche Einheit denken. Wei&szlig;t Du noch? Auf dem Freiluftger&auml;t schaut es sich imposant hin&uuml;ber zum Berliner Schloss, also seiner Nachbildung. Wehmut wird vielleicht mitschaukeln &ndash; bei wenigen Schaukelnden. Angestammte Ostberliner werden die Augen schlie&szlig;en und statt des jetzigen Schlossimitats ihren alten Palast der Republik erblicken, der seinerzeit ein Ma&szlig;st&auml;be setzendes Mehrzweckgeb&auml;ude f&uuml;r Kultur, Kunst, Begegnung und, und, und war. Leider haben der Ostberliner und ostdeutschen Br&uuml;der und Schwestern, die Westberliner und Westdeutschen, befunden, dass dieses Bauwerk, also der Palast, der an und f&uuml;r sich &uuml;berhaupt nicht klobig war, abzurei&szlig;en ist &ndash; aus Sicherheitsgr&uuml;nden, zu viel Asbest und so, wie es hie&szlig;. Komische Begr&uuml;ndung. Wenn man bedenkt, wir haben jetzt 2024, und in Paris befindet sich ein Kulturtempel namens Centre Pompidou, der immer noch steht und nicht abgerissen werden, sondern komplett saniert und dann wieder in vollem Glanz erstrahlen soll, dann macht sich Gr&uuml;beln breit, weil der abgerissene, also damit gef&auml;hrliche Palast der Republik ja auch voller Asbest gewesen sein soll (und nicht nur dieses Geb&auml;ude in Europa). Man lobe die deutsche Konsequenz &bdquo;weg und gut&ldquo; &ndash; und das Wippen auf der Wippe beruhigt die, die sich aufregen.<\/p><p><strong>Die Einheitswippe ist endlich fertig, eigentlich &hellip;<\/strong><\/p><p>Warum geht es aber nun nicht voran mit der Schaukel und seinen besetzbaren Worten &bdquo;Wir sind ein Volk&ldquo;? Die Frage beantworten die Hauptstadtpresse und das Berliner Regionalfernsehen &uuml;bereinstimmend. Die Wippe stehe in Teilen fertig in einer gro&szlig;en Werkstatthalle. Der Transport des gro&szlig;en Kunstwerks aus Stahl durch die Stadt sei perfekt vorbereitet und jede Stra&szlig;enbiegung genau berechnet. Nix passiert jedoch. Genauer gesagt passiert lange schon nix so richtig.<\/p><p>Man stelle sich das mal vor: Schon im Jahr 2007 beschloss der Deutsche Bundestag ein Denkmal auf der Museumsinsel, eine gigantische und, ja, begehbare Wippe. Die sollte 2013 fertig sein. Zum Schmunzeln: 2013 war nicht mal die Planung fertig. Berlin halt. Zu wippen beginnen sollte das Freiluftger&auml;t dann endlich am 30. Jahrestag des Mauerfalls, am 9. November 2019 hatten die Bauarbeiten zur Wippe (noch) nicht begonnen. 2024, nach vielen Jahren seit 2007, ist der Stand der Dinge folgender: Endlich und sicher in weit k&uuml;rzerer Zeit realisiert, steht die Wippe beim Hersteller &ndash; einer Firma in Nordrhein-Westfalen.<\/p><p>Diese Firma sei pleite, die Wippe werde nicht ausgeliefert, hei&szlig;t es in den Medien. Man w&uuml;rde munkeln, die auftraggebende Regierung habe die Firma nicht bezahlt, hat sogar die Kulturstaatsministerin einger&auml;umt. Das finden manche Berliner echt knorke und wiederum nur konsequent. Man stelle sich das auch mal vor: Die Regierung, das verantwortliche Ministerium w&uuml;rde nicht bezahlt. Ob die dann auch pleite w&auml;ren? Die Firma ist vielleicht gar nicht pleite, die Leute bauen die Wippe halt nur nicht fertig und hieven sie nicht auf den Sockel mitten in Mitte. Alles ist also eher eine mentale Sache. Nebenbei: Die Firma soll wegen der Verz&ouml;gerungen bei der Wippe dann andere Auftr&auml;ge und somit Ertr&auml;ge verloren haben. Zeitenwende.<\/p><p>Hauptsache, die Handlungsf&auml;higkeit der Regierung ist gew&auml;hrleistet, wie die des Berliner Senats, der neben dem Aufbauen wichtiger, Sinn stiftender Geb&auml;ude nebenher auch kr&auml;ftig abrei&szlig;en l&auml;sst, vor allem zeitgen&ouml;ssische, nicht Sinn stiftende Bauten aus Ostzeiten wie das ehemalige Sport- und Erholungszentrum Berlin, kurz SEZ. Zig Ostberliner und Westberliner sowie G&auml;ste von sonst woher haben sch&ouml;ne Erinnerungen an diese echt geniale Freizeiteinrichtung, die dann nach der Einheit und dem Verhallen des &bdquo;Wir sind ein Volk&ldquo;-Jubels zun&auml;chst geschlossen und die gesamte Belegschaft konsequent freigestellt wurde. Das Lob f&uuml;r den Senat muss sein: In Teilen wurde das SEZ wieder in Betrieb genommen und so einiges an Projekten &uuml;ber die vielen Jahre der gelebten und sich in Vollendung befindlichen Einheit ausprobiert, bis halt festgestellt wurde, es hilft ja nix: die Abrissbirne muss her. Da f&auml;llt so manchem Berliner gleich ein: Der Fernsehturm sollte tats&auml;chlich auch mal abgerissen werden &ndash; steht ja im Osten.<\/p><p>Nun ist aber gut mit dem N&ouml;rgeln. Wir blicken nach vorn. Wenn dereinst 2035 tats&auml;chlich Ost- und West-B&uuml;rger dann als Gesamtb&uuml;rger doch noch auf ihrer gemeinsamen Wippe hin und her schaukeln und das Schloss auf der einen Seite bestaunen und die Hochh&auml;user und den noch h&ouml;heren Fernsehturm auf der anderen Seite am Alexanderplatz, dann wird vielleicht ab und an in den Chor eingestimmt &bdquo;Wir sind ein Volk&ldquo;. Man wird sich an 2024 erinnern, eine zugegeben schwierige Phase, mitten in dieser damaligen Zeitenwende einschlie&szlig;lich des tapferen G&uuml;rtel-enger-Schnallens, wie es damals hie&szlig;. Man wird sich erinnern, dass neben den Meldungen &uuml;ber die Einheitswippe auch zu lesen war, dass die Mietsteigerungen und der Wohnungsmangel in der Hauptstadt dramatisch gewesen sein m&uuml;ssen. Wenigstens klappte es bei unserer Verteidigung um einiges besser: Der damalige Verteidigungsminister rechnete seinerzeit schon mal vor, dass wir uns, mit etwas gutem Willen, schon mal 3,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) f&uuml;r Armee und T&uuml;chtigkeit leisten konnten.<\/p><p><strong>Zur&uuml;ck in die Gegenwart, zur&uuml;ck zu typisch Berliner Geschichten<\/strong><\/p><p>Abschlie&szlig;end noch mal zum Fu&szlig;ball. Wie es sich f&uuml;r Berlin geh&ouml;rt, dem Ort von Pleiten, Pech und, na, Sie wissen schon, passt es gut ins Bild, wenn die alte Dame &ndash; also die Hertha, der Fu&szlig;ballclub &ndash; etwas im Abseits (auch so ein sch&ouml;ner Fu&szlig;ball-Fachbegriff) der &ouml;ffentlichen Wahrnehmung gerade durch die Unternehmensleitung die Gr&uuml;ndung eines Betriebsrates der Belegschaft verhindert hat.<\/p><p>Das nennt man dann Verehrung und Wertsch&auml;tzung der ganz normalen beruflichen T&auml;tigkeit f&uuml;r einen Profiverein, der zig Euro Umsatz macht und sehr gut bezahlte Ballk&uuml;nstler unter Vertrag hat, sinniert der Fu&szlig;ballfan dereinst auf der Einheitswippe. Wir sind ein Volk und werden ziemlich veralbert.<\/p><p><small>Titelbild: Milla&amp;Partner &ndash; Eigenes Werk, <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=50634610\">CC BY-SA 3.0<\/a><\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur gut, dass wir noch andere Sorgen haben. Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin. Fu&szlig;ballfans singen diese Zeilen, wenn ihre geliebte Mannschaft es geschafft hat, beim DFB-Pokal-Finale im Olympiastadion auf dem Rasen zu stehen. 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