{"id":111512,"date":"2024-02-25T13:00:39","date_gmt":"2024-02-25T12:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=111512"},"modified":"2024-02-24T01:52:52","modified_gmt":"2024-02-24T00:52:52","slug":"philippinen-deutsche-brueckenschlaege-zum-und-fussabdruecke-auf-dem-archipel-teil-v-schluss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=111512","title":{"rendered":"Philippinen: Deutsche Br\u00fcckenschl\u00e4ge zum und Fu\u00dfabdr\u00fccke auf dem Archipel (Teil V &#038; Schluss)"},"content":{"rendered":"<p>Die Philippinen sind das einzige Land in Asien, das nach einem westeurop&auml;ischen Herrscher, Philipp II., benannt ist. Zudem war der s&uuml;dostasiatische Inselstaat die einstige und einzige Kolonie der Vereinigten Staaten von Amerika in Asien, was den bekannten, in mehrere Sprachen &uuml;bersetzten und im Januar 2022 97-j&auml;hrig verstorbenen philippinischen Schriftsteller und Autor Francisco Sionil Jos&eacute; einst zu der trefflichen Bemerkung veranlasste: &bdquo;Unsere Landsleute hatten das historische Pech, etwa 350 Jahre im spanischen Konventsmief und ein halbes Jahrhundert unter Hollywood-Herrschaft leben zu m&uuml;ssen, von einem dreij&auml;hrigen Intermezzo unter japanischer Knute einmal abgesehen.&ldquo; Jahrhunderte kolonialer Herrschaft haben in den Philippinen tiefe Spuren hinterlassen, die bis heute auf Schritt und Tritt sp&uuml;rbar sind. Diese f&uuml;nfteilige Serie aus der Feder unseres S&uuml;dost- und Ostasienexperten <strong>Rainer Werning<\/strong> versteht sich als Spurensuche in einem Land, das w&auml;hrend der Internationalen Buchmesse in Frankfurt am Main im Jahre 2025 Gastland sein wird. Den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=109736\">1.<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110105\">2.<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110499\">3.<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=111188\">4. Teil<\/a> k&ouml;nnen Sie auf den NachDenkSeiten nachlesen.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Waffenschieberei und M&auml;nnerfreundschaft<\/strong><\/p><p>Begonnen sei mit dem abenteuerlichen Leben von Kapit&auml;n Hermann Leopold Sch&uuml;ck aus Schlesien. Er befuhr Mitte der 1860er-Jahre die klassische Route Singapur-Nordborneo, handelte mit allerlei Waren und war schlie&szlig;lich mit dem Sultan von Jolo befreundet. Zwischen beiden M&auml;nnern entwickelte sich eine lang w&auml;hrende, innige Freundschaft. Sultan Jamalul Kiram war dabei besonders erfreut &uuml;ber die Lieferung von Reis und neu entwickelten <em>&bdquo;Mauser&ldquo;<\/em>-Gewehren, mit denen er besser gegen die Spanier k&auml;mpfen konnte. Einmal &uuml;berbrachte Sch&uuml;ck einen Brief des deutschen Kaisers mit Gr&uuml;&szlig;en. Sch&uuml;ck spielte fortan die Rolle eines Amateurdiplomaten und handelte wie ein deutscher Handelskonsul. Der Sultan bat oft um den Schutz durch das Deutsche Reich und bot im Gegenzug eine Kohlestation f&uuml;r die kaiserliche Flotte an. Eine Vereinbarung kam aber schlussendlich nicht zustande, weil Kanzler Bismarck innereurop&auml;ische Z&auml;nkereien bef&uuml;rchtete.<\/p><p>Mehr kann &uuml;ber Sch&uuml;ck und den befreundeten Sultan im Hinblick auf die Insel Jolo gesagt werden. Auf ihr hatte Sch&uuml;ck Grund und Boden zugesprochen bekommen, um Landwirtschaft zu betreiben. Er baute unter anderem Tapioka, Kaffee, Abaka (auch als Manilahanf bekannt) und Kokosnusspalmen an. Sch&uuml;ck verstarb an Cholera und wurde in Singapur beerdigt. Als die Amerikaner Jolo eroberten, fungierten die S&ouml;hne als Dolmetscher in den Verhandlungen zwischen den Amerikanern und dem Sultanat. Die vielen Nachkommen des Kapit&auml;ns nahmen sp&auml;ter den leichter auszusprechenden Namen &bdquo;Schuck&ldquo; an, indem sie den Umlaut strichen. Sie verstreuten sich danach in den Philippinen, den USA und auch Deutschland. Empfohlen sei in diesem Zusammenhang die Lekt&uuml;re eines Buches, das von seinem Enkel Michael Schuck Montemayor geschrieben und im Jahre 2006 ver&ouml;ffentlicht wurde. Es tr&auml;gt den Titel <em>Captain Herman Leopold Schuck: The Saga of a German Sea Captain in 19th Century Sulu-Sulawesi Seas<\/em> und wurde von der renommierten staatlichen University of the Philippines in Quezon City publiziert. <em>[<a href=\"#foot1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/em><\/p><p>Die fr&uuml;here Botschafterin der Philippinen in Deutschland, Madame <em>Delia Domingo-Albert<\/em>, f&uuml;hrte am 9. M&auml;rz 2007 im Rahmen des Feldafing Forums in Bayern in einer Rede aus:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Im 19. Jahrhundert kamen H&auml;ndler &ndash; vornehmlich aus den hanseatischen L&auml;ndern &ndash; in die Philippinen. Aufzeichnungen in Handelsb&uuml;chern zeigen, dass es Handel zwischen den Philippinen und Hamburg, Bremen und L&uuml;beck gab. Deutschland handelte mit Eisen und Stahl und bezog Zucker, Manilahanf, Kaffee und Zigarren. Weil der Handel gut lief und stetig, errichtete der Norddeutsche Bund 1867 ein Konsulat in Manila. Es sollte die Interessen der dort ans&auml;ssigen deutschen Firmen vertreten.&ldquo; [<a href=\"#foot2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Kaufleute, H&auml;ndler &amp; Gesch&auml;ftsleute<\/strong><\/p><p>Zu jener Zeit tauchte in den Philippinen eine andere, aus Hamburg stammende Pers&ouml;nlichkeit auf. Sie sollte einer der ganz Gro&szlig;en in der philippinischen Gesch&auml;ftswelt werden. Schon 1832 begab sich der Apotheker <em>Johannes Andreas Zobel <\/em>zusammen mit seiner Frau auf den Weg von Hamburg nach Manila, um dort eine Apotheke, die Zobel Botica, zu er&ouml;ffnen. Es bleibt spekulativ, was Zobel bewog, in den Philippinen zu bleiben. Sp&auml;ter gr&uuml;ndete J. A. Zobel auch ein Chemielabor und beteiligte sich an der Ausbeutung von Erz- und Kupferminen in Bulacan und Baguio.<\/p><p>Sein Sohn Jakob oder auch Jacobo Senior sowie sein Enkel Jacobo Junior fanden durch Heirat Anschluss an Manilas Oberschicht. Nach und nach dehnten Zobel und die spanischen Wirtschaftsmagnaten <em>Ayala y Roxas<\/em> ihre Gesch&auml;ftsfelder auf dem pharmazeutischen Sektor weiter aus. Sie engagierten sich ebenfalls in der Porzellan- und Glasherstellung, im Banken- und Versicherungssektor, dem Immobilienbereich und der Zuckerrohrproduktion.<\/p><p>Eine Zobel-Tochter heiratete den amerikanischen Geheimdienstoffizier <em>Joseph McMicking<\/em>, der im Stab von General <em>Douglas MacArthur<\/em> diente. Eine andere Tochter, Consuelo, wurde die Ehefrau des US-Vier-Sterne-Generals James Alger, der sich nach seiner Pensionierung auf Hawaii niederlie&szlig; und eine Hilfsorganisation f&uuml;r philippinische Stra&szlig;enkinder gr&uuml;ndete. Die Entwicklung des Wirtschafts- und Finanzdistrikts Makati und des angrenzenden noblen Wohngebiets Forbes Parks ist aufs Engste verkn&uuml;pft mit den Zobels und Ayalas, die hier ein Verm&ouml;gen machten. <em>[<a href=\"#foot3\" name=\"note_3\">3<\/a>]<\/em><\/p><p>In Zobels fr&uuml;hen Tagen brauchten und suchten Leute wie er selbstredend auch Erholung. Das Leben w&auml;re doch recht triste und langweilig verlaufen ohne das eine oder andere Schn&auml;pschen, ohne das geruhsame Rauchen einer Zigarre oder ohne leichteren oder schwereren Lesestoff. Die folgende Geschichte, die eine solche Atmosph&auml;re einfing, erschien im Januar 2006 in einer Tageszeitung in Manila:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>1880 gr&uuml;ndeten diese M&auml;nner den Deutschen Leseklub (German Reading Club) in Manila und genau zwei Jahre sp&auml;ter bildete sich aus dieser locker organisierten Gruppe die Casino Union. Der Klub unterhielt sp&auml;ter ein gut ausgestattetes Klubhaus nahe dem Pasig Fluss in der Gen. Solano Street 209 mitten im vornehmen Distrikt San Miguel. Dank des beachtlichen Anstiegs der deutschen Importe stieg das Handelsvolumen zwischen Deutschland und den Philippinen im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts um circa 100 Prozent. (&hellip;) Am 16. Januar 1906 entschied man sich im Rahmen einer Generalhauptversammlung, den Namen Casino Union in Deutschen Klub zu &auml;ndern und per Satzung wurde Deutsch die offizielle Sprache des Clubs. Deshalb ist der 16. Januar 1906 auch der Gr&uuml;ndungstag des 100 Mitglieder umfassenden Deutschen Klubs beziehungsweise des German Club, wie er heute hei&szlig;t. (&hellip;) Sehr schnell entwickelten sich Spannungen und Reibereien zwischen dem neu installierten Konsulat, den Mitgliedern der lokalen Nazi-Partei (deren Mitgliederzahl unbedeutend war) und dem Pr&auml;sidenten, den Direktoren und der Mehrheit der Mitglieder auf der anderen Seite.&ldquo; [<a href=\"#foot4\" name=\"note_4\">4<\/a>]<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Lehrer &amp; Ordensleute<\/strong><\/p><p>Ernsthafte Konfrontationen zwischen den widerstreitenden Parteien konnten offensichtlich vermieden oder rasch geschlichtet werden. Neben ausgepr&auml;gten s&auml;kularen Beziehungen bestanden auch enge geistig-religi&ouml;se Bande, was u.a. dazu f&uuml;hrte, dass Nonnen und M&ouml;nche daf&uuml;r Sorge trugen, den von der spanischen Kolonialmacht auf den Inseln implantierten Katholizismus strikt zu wahren und entsprechende Institutionen &bdquo;h&ouml;heren Lernens&ldquo; aufzubauen beziehungsweise zu pflegen. So existierten besonders enge Verbindungen zwischen den Philippinen und den deutschen Kirchen. Dar&uuml;ber schrieb die eingangs zitierte Botschafterin in Deutschland,<em> <\/em>Delia Domingo-Albert:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Als der Handel zwischen den Philippinen und Deutschland weiter aufbl&uuml;hte, kamen mehr und mehr deutsche religi&ouml;se Vereinigungen, um Missionsstationen in den Philippinen aufzubauen. Zur ersten Welle geh&ouml;rten die Benediktinerinnen aus Tutzing, die 1906 das erste Musikkonservatorium in Manila er&ouml;ffneten. Dann kamen die Heilig-Geist-Schwestern (1912), gefolgt von den Rosa-Schwestern, die mit dem Anbetungskonvent begannen (1920). Heute blicken alle drei Kongregationen auf eine erfolgreiche Arbeit zur&uuml;ck. Die St. Scholastica-Schule f&uuml;r Frauen, die von den Nonnen aus Tutzing gegr&uuml;ndet wurde, z&auml;hlt heute 22 Colleges und 33.000 Studentinnen. Eine philippinische Nonne steht dem Mutterhaus der Benediktinerinnen in Rom vor, und ein philippinischer Priester ist das Oberhaupt der gleichfalls in Rom ans&auml;ssigen Society of the Divine Word. Aufgrund der engen Kontakte zwischen den Philippinen und der deutschen katholischen Kirche &ndash; hier ist insbesondere das Erzbistum von K&ouml;ln zu nennen &ndash; haben sich philippinische Priester um deutsche Gemeinden in &Uuml;bersee gek&uuml;mmert.&ldquo; [<a href=\"#foot5\" name=\"note_5\">5<\/a>]<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Germania ante portas<\/strong><\/p><p>Ob nun das K&ouml;lner Erzbistum reicher war und ist als der Vatikan &ndash; das vermag der Autor dieser Zeilen, wenngleich er als Westfale in Ersterem seinen Wohnsitz hat, nicht abschlie&szlig;end zu beantworten. Da schie&szlig;en denn nach wie vor wilde Spekulationen ins Kraut. Bleibt einstweilen die seltsam anmutende Frage: &bdquo;Was w&auml;re wohl geschehen, w&auml;ren die Philippinen eine deutsche Kolonie geworden?&ldquo; Ebendieser Frage ging der Historiker Augusto V. de Viana nach und schrieb in der Ausgabe vom 21. September 2006 in der &auml;ltesten philippinischen Tageszeitung, in der <em>Manila Times<\/em>, folgende nachdenkenswerte Zeilen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Die Philippinen w&auml;ren eine deutsche Kolonie geworden, wenn 1898 eine zweite Schlacht in der Manila Bay stattgefunden h&auml;tte. Nach dem Sieg &uuml;ber die spanische Flotte ordnete Konteradmiral George Dewey die Blockade von Manila an. Andere L&auml;nder wie Japan, Britannien, Frankreich und Deutschland sandten Seeschiffe, um ihre Staatsb&uuml;rger und Interessen im Land zu sch&uuml;tzen. Der deutsche Schiffsverband unter Admiral Otto von Diederichs, der aus f&uuml;nf Kriegs- und zwei Hilfsschiffen bestand, war zahlenm&auml;&szlig;ig st&auml;rker als der der Amerikaner.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Deutschen verletzten Deweys Blockade und schickten den in der Falle sitzenden Spaniern Mehl. Es wurden auch Einheimische und Spanier an Bord der deutschen Schiffe behandelt. Deutsche Offiziere besuchten Au&szlig;enposten der Spanier und Filipinos. Einmal st&ouml;rte das deutsche Kriegsschiff &sbquo;Irene&rsquo; die Landung philippinischer Truppen auf der Grande Island in Zambales. General Dewey musste deshalb den Kreuzer &sbquo;Concord&rsquo; schicken. Als das deutsche Schiff das amerikanische Kriegsschiff sah, verlie&szlig; es still und leise die Subic Bay. Zu dieser Zeit suchte Deutschland nach neuen Territorien, um sie zu kolonisieren.<\/em><\/p>\n<p><em>Es hatte 1873 bereits schon die H&auml;lfte von Neuguinea in Besitz genommen und eignete sich 1899 die H&auml;lfte von Samoa an.&ldquo; [<a href=\"#foot6\" name=\"note_6\">6<\/a>]<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Tats&auml;chlich ver&ouml;ffentlichte das deutsche Satiremagazin <em>&bdquo;Simplicissimus&ldquo;<\/em> in jenen Tagen Karikaturen, die eine Gruppe preu&szlig;ischer Soldaten mit Pickelhauben auf den Mauern von <em>Intramuros<\/em>, Manilas altem Stadtkern, zeigten, welche auf weitere Befehle warteten. Dokumente des Ausw&auml;rtigen Amtes &ndash; einige davon tragen Randbemerkungen von Kaiser Wilhelm II. h&ouml;chstpers&ouml;nlich &ndash; zeigen, welche Pl&auml;ne man Ende des 19. Jahrhunderts in Bezug auf die Philippinen gehegt hatte. Der Kaiser und das Ausw&auml;rtige Amt zogen &ndash; zumindest eine Zeit lang &ndash; drei unterschiedliche Pl&auml;ne ernsthaft in Erw&auml;gung:<\/p><ul>\n<li><em>die Schaffung einer philippinischen Monarchie unter einem deutschen K&ouml;nig<\/em><\/li>\n<li><em>die Aufteilung der Inseln unter den Seem&auml;chten der Welt beziehungsweise<\/em><\/li>\n<li><em>die Neutralisierung der ersten philippinischen Republik mittels einer gemeinsamen Garantie und Schutzvereinbarung der Seeweltm&auml;chte.<\/em><\/li>\n<\/ul><p>Wie auch immer, der Rest ist Geschichte, und der amerikanische Adler setzte als neue Kolonialmacht seine Krallen auf diesen fern&ouml;stlichen Archipel. Die S&uuml;dostasienstrategie Deutschlands &auml;nderte sich. Das Kaiserreich versuchte nunmehr, f&uuml;r den Kauf einiger Pazifikinseln von Spanien die Zustimmung der USA zu erheischen. Das erkl&auml;rte die dortige deutsche Inbesitznahme. Nun gut, all das geschah vor langer Zeit, und so sind den <em>Pinoys<\/em>, wie sich Filipinos gern liebevoll selbst bezeichnen, gl&uuml;cklicherweise preu&szlig;ischer Drill und teutonische Disziplin erspart geblieben.<\/p><p><strong>Epilog<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich gibt es eine F&uuml;lle weiterer Fu&szlig;abdr&uuml;cke von Deutschen und vor allem Personen aus dem deutschsprachigen Raum zur Zeit der Habsburger Monarchie. Das betrifft vor allem Handelsreisende, Abenteurer, Anthropologen, Ethnologen und Mediziner. <em>[<a href=\"#foot7\" name=\"note_7\">7<\/a>]<\/em> Unter ihnen gab es Lichtgestalten, die sich mit einf&uuml;hlsamer Neugier den Philippinen n&auml;herten und den Befreiungskampf der Filipinos auf unterschiedlichste Weise unterst&uuml;tzten. Freilich gab es auch eine Spezies, die man f&uuml;glich als Vampiristen h&auml;tte bezeichnen k&ouml;nnen &ndash; Personen, die sich unter dem Deckmantel des Forschens und der Wissenschaften Dinge aneigneten, die ihnen partout nicht geh&ouml;rten &ndash; darunter selbst Sch&auml;del &ndash;, um nach deren (Ver)Messungen die &bdquo;Minderwertigkeit niederer Rassen&ldquo; zu propagieren.<\/p><p>Zur Kategorie der Erstgenannten z&auml;hlte zweifellos Ferdinand Blumentritt (1853-1913), ein &ouml;sterreichischer Ethnograph und Gymnasialdirektor im damaligen nordb&ouml;hmischen Leitmeritz (die heutige Stadt Litom&#283;&#345;ice in der Tschechischen Republik). <em>[<a href=\"#foot8\" name=\"note_8\">8<\/a>] <\/em>Blumentritt ist das, was man einen seltenen Gl&uuml;cksfall in der Wissenschaft sowie in der interkulturellen Begegnung nennt. Er, der zeit seines Lebens niemals philippinisches Territorium betreten hatte, verfasste nicht nur unz&auml;hlige wissenschaftliche Abhandlungen &uuml;ber den Archipel (von Fauna und Flora bis hin zur Vulkanologie). Ihn verband auch eine ebenso langj&auml;hrige wie innige pers&ouml;nliche Freundschaft mit Dr. Jos&eacute; Rizal <em>[<a href=\"#foot9\" name=\"note_9\">9<\/a>]<\/em>, der heute in den Philippinen als Nationalheld gilt und verehrt wird.<\/p><p>Als Ferdinand Blumentritt am 20. September 1913 starb, widmete die <em>Leitmeritzer Zeitung<\/em> in ihrer Ausgabe vom 24. September seinem Tod eine ganze Seite und berichtete dar&uuml;ber, welche Hochachtung ihm &uuml;ber lokale und nationale Grenzen hinweg &ndash; sogar auf der anderen Seite der Erde &ndash; gezollt wurde. Er, <em>&bdquo;der nie ferner liegende Gebiete betrat, kannte die Philippinen im Fernen Osten auf die ihm eigene Weise so gut, dass er &ndash; im Rahmen seiner Studien im beengten Leitmeritz &ndash; Landkarten der weit entfernten Inseln zeichnete, die dann dort als Lehrhilfen im Unterricht eingesetzt wurden.&ldquo;<\/em><\/p><p>Rizal und Blumentritt tauschten sich vielfach auch &uuml;ber Zukunftsaussichten aus. In dem vielleicht anr&uuml;hrendsten Brief dieser langen Korrespondenz schrieb Rizal, ein Sprachengenie, das auch des Deutschen m&auml;chtig war:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Ja, ich glaube, es kommt bald die Zeit, zu der ich auf die Philippinen zur&uuml;ckkehren werde. Wenn ich zur&uuml;ckgekehrt bin, musst du mit deiner ganzen Familie kommen und mit mir zusammenleben; ich verf&uuml;ge &uuml;ber eine gro&szlig;e Bibliothek und habe an einem H&uuml;gel ein kleines Haus f&uuml;r mich gebaut. Ich werde mich dann den Wissenschaften widmen, werde Historisches lesen und schreiben. Ich werde eine Schule er&ouml;ffnen und wenn du das Klima vertr&auml;gst, dann wirst du deren Direktor. Ich bin &uuml;berzeugt, dass alle Jungen, die Besten des Landes, zu uns kommen werden: Blumentritt-Rizal werden in der Geschichte der Filipinos einen &auml;hnlichen Platz einnehmen wie Goethe und Schiller, wie Horatius und Virgil, wie die Humboldts (&hellip;).&ldquo; [<a href=\"#foot10\" name=\"note_10\">10<\/a>]<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>&Uuml;ber das Verh&auml;ltnis Blumentritt-Rizal und die unterschiedlichen Auffassungen zu sowie Haltungen gegen&uuml;ber dem philippinischen Freiheitskampf um 1900 wird es an dieser Stelle noch einiges zu berichten geben.<\/p><p><small>Titelbild: hyotographics\/shutterstock.com<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Ein Portr&auml;t des Seekapit&auml;ns kann auch auf der Philippinen-Homepage Literaturbr&uuml;cke Philippinen von Wolfgang Bethge eingesehen werden. Siehe: <a href=\"http:\/\/bethge.freepage.de\/captain.htm\">bethge.freepage.de\/captain.htm<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] <em>The Story of Philippine-German Relations in the Context of Asia-Europe,<\/em> Speech of H. E. Delia Domingo-Albert at the Feldafing Forum, March 9, 2007, Philippine Embassy Website Berlin, Wednesday, March 21, 2007.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Siehe Anm. 1 sowie Hermogenes E. Bacareza: <em>A History of Philippine-German Relations<\/em>. Quezon City, 1980.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] <em>German Club notches up 100 years in Manila<\/em>, in: The Manila Times, January 18, 2006. &ndash; Weiterf&uuml;hrende Literatur: The German Club Manila 1906-1996 &ndash; <em>A history of the German community in the Philippines<\/em>, Festschrift zum 90. Jubil&auml;um des Deutschen Klubs in Manila am 16. Januar 1996, Manila: Cacho Hermanos, Inc., 128 S. (Eine aktualisierte Version dieser Schrift zum runden 100. Geburtstag erschien im Herbst 2007.)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Siehe Anm. 2<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Augusto V. de Viana: <em>Special Report: Philippine History &ndash; What ifs in Philippine history,<\/em> in: The Manila Times, September 21, 2006.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Siehe in diesem Kontext die lesenswerte Studie von Stefan Rohde-Enslin (1992): <em>&Ouml;stlich des Horizonts: Deutsche Philippinenforschung im 19. Jahrhundert. <\/em>Altenberge: Wurf-Verlag. &ndash; Diese Arbeit wurde auch an der Universit&auml;t Heidelberg als Dissertation eingereicht.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ferdinand_Blumentritt\">de.wikipedia.org\/wiki\/Ferdinand_Blumentritt<\/a> &amp; Rainer Werning\/J&ouml;rg Schwieger (Hrsg.) (2019): <em>Handbuch Philippinen: Gesellschaft&thinsp;&middot;&thinsp;Politik&thinsp;&middot;&thinsp;Wirtschaft&thinsp;&middot;&thinsp;Kultur.<\/em> Berlin: regiospectra Verlag (6. aktualisierte &amp; erweiterte Auflage)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110105\">Siehe den zweiten Teil dieser Serie<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] Zitiert nach Harry Sichrovsky (1983): <em>Der Revolution&auml;r von Leitmeritz: Ferdinand Blumentritt und der philippinische Freiheitskampf.<\/em> Wien: &Ouml;sterreichischer Bundesverlag.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Philippinen sind das einzige Land in Asien, das nach einem westeurop&auml;ischen Herrscher, Philipp II., benannt ist. Zudem war der s&uuml;dostasiatische Inselstaat die einstige und einzige Kolonie der Vereinigten Staaten von Amerika in Asien, was den bekannten, in mehrere Sprachen &uuml;bersetzten und im Januar 2022 97-j&auml;hrig verstorbenen philippinischen Schriftsteller und Autor Francisco Sionil Jos&eacute; einst<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=111512\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":109737,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,20],"tags":[3232,380,1792,1451,1971,2377],"class_list":["post-111512","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-landerberichte","tag-auslandsgeschaeft","tag-export","tag-kolonialismus","tag-monarchie","tag-philippinen","tag-waffenlieferungen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Shutterstock_1326821609.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/111512","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=111512"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/111512\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":111582,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/111512\/revisions\/111582"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/109737"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=111512"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=111512"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=111512"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}