{"id":111534,"date":"2024-02-25T15:00:16","date_gmt":"2024-02-25T14:00:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=111534"},"modified":"2024-02-24T03:32:09","modified_gmt":"2024-02-24T02:32:09","slug":"zuckerbrot-und-peitsche-der-umgang-mit-den-mapuche-in-chile","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=111534","title":{"rendered":"Zuckerbrot und Peitsche: Der Umgang mit den Mapuche in Chile"},"content":{"rendered":"<p>Zwei Mapuche sind angeklagt, eine Gro&szlig;grundbesitzerin erpresst zu haben. Die Angeklagten sind Oberh&auml;upter einer Gemeinde und befinden sich seit zehn Monaten in Untersuchungshaft. Die Protestierenden vor dem Gerichtsgeb&auml;ude sprechen von politischer Verfolgung und institutionellem Rassismus. Die Regierung Boric versprach einen neuen Umgang mit den indigenen Mapuche. Davon ist nach zwei Jahren Amtszeit wenig geblieben. Von <strong>Malte Seiwerth<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer Prozess ist einer von vielen, die derzeit im Wallmapu, dem historischen Siedlungsgebiet der Mapuche, stattfinden. Und sie sind Teil einer politischen Strategie, die die linksreformistische Regierung unter Gabriel Boric verfolgt. Einerseits tagt derzeit eine &uuml;berparteiliche Kommission zu einer L&ouml;sungsfindung &uuml;ber den Landkonflikt der Mapuche, andererseits steht das Gebiet weiter unter Kontrolle des Milit&auml;rs, und Dutzende von Mapuche werden wegen Landbesetzung, Gewalttaten und Erpressung angeklagt.<\/p><p><strong>Ein Landkonflikt<\/strong><\/p><p>Es sind Szenen, wie sie scheinbar h&auml;ufig im Wallmapu vorkommen. Vor Gericht beschreibt die Staatsanwaltschaft, wie die beiden Mapuche als Vertreter ihrer Gemeinschaften von einer benachbarten Gro&szlig;grundbesitzerin Geld verlangen, damit ein Unternehmen auf ihrem Grundst&uuml;ck den Tannenwald abholzen kann. Nachrichten, die per WhatsApp verschickt wurden, lauten: &bdquo;So lange wir kein Geld sehen, verl&auml;sst keine Maschine den Forst.&rdquo;<\/p><p>Verlangt wurden umgerechnet etwa 18.000 Euro. Einer der Angeklagten wurde am Tag der &Uuml;bergabe von der chilenischen Polizei (Carabineros) festgenommen. Die Festnahme des Zweiten folgte wenige Tage sp&auml;ter. Die Angeklagten, der Lonko Guillermo &Ntilde;irripil und der Werken Jos&eacute; Pichunhuala, erf&uuml;llten wichtige Aufgaben innerhalb ihrer Gemeinschaft. Lonko wird im Allgemeinen als Oberhaupt und Werken als Krieger &uuml;bersetzt.<\/p><p>Die Verteidigung spricht von einer langfristigen Beziehung, in der die Besitzerin regelm&auml;&szlig;ig die Gemeinschaft unterst&uuml;tzt hat &ndash; auch als Wiedergutmachung daf&uuml;r, dass ihr Grundst&uuml;ck auf Land steht, dass urspr&uuml;nglich den Mapuche geh&ouml;rt hat und der Anbau von Tannenb&auml;umen zu Wassermangel f&uuml;hrte.<\/p><p>Au&szlig;erhalb des Gerichts erkl&auml;rt Jonathan Melihuen, der als Sprecher der Unterst&uuml;tzer vor Ort fungiert: &bdquo;Es handelt sich um eine politische Verfolgung.&rdquo; &Ntilde;irripil und Pichunhuala h&auml;tten zur Aufgabe gehabt, die Natur der Umgebung zu sch&uuml;tzen. Da der Forst mit eingeschleppten und schnell wachsenden B&auml;umen zu einer Senkung des Grundwasserspiegels gef&uuml;hrt hat, habe man die Besitzerin um Geld gebeten, um f&uuml;r die Gemeinde einen Brunnen zu bauen.<\/p><p>&bdquo;Der Staat sagt in sch&ouml;nen Worten, dass er eine historische Schuld gegen&uuml;ber dem Volk der Mapuche hat. Aber in der Praxis bleibt er bei diesem Satz und geht nicht weiter&rdquo;, erkl&auml;rt Melihuen und verteidigt die Aktionen der Gemeinschaft, denn sie m&uuml;ssten f&uuml;r ihr historisches Recht k&auml;mpfen. In der Praxis, so Melihuen, &bdquo;werden st&auml;ndig neue Gesetze geschaffen, die unseren Kampf kriminalisieren&rdquo;.<\/p><p><strong>Die harte Hand der Regierung Boric<\/strong><\/p><p>Urspr&uuml;nglich hatte die im M&auml;rz 2022 angetretene Regierung Boric eine neue Beziehung zu den Indigenen und insbesondere den Mapuche versprochen. Noch am Tag der Amtseinf&uuml;hrung k&uuml;ndigte die Regierung den R&uuml;ckzug des bis dahin stationierten Milit&auml;rs an und suchte offen den Dialog mit militanten Mapuche. Doch ein gescheiterter Besuch bei einer Gemeinschaft durch die damalige Innenministerin Izkia Siches, nur vier Tage nach Amtsantritt, l&ouml;ste einen Kurswechsel aus. Grund daf&uuml;r waren Warnsch&uuml;sse, die abgegeben wurden, um den Tross der Innenministerin daran zu hindern, die Gemeinschaft zu betreten.<\/p><p>Seitdem herrscht wieder der Ausnahmezustand im Wallmapu. Das Milit&auml;r ist in der Regi&oacute;n de la Araucan&iacute;a und der Provinz des B&iacute;o-B&iacute;o f&uuml;r die Sicherheit zust&auml;ndig. An bestimmten Orten gibt es Stra&szlig;ensperren, w&auml;hrend gepanzerte Wagen durch die Gemeinden patrouillieren. Gleichzeitig ver&uuml;ben militante Organisationen Anschl&auml;ge auf Forstunternehmen und Gro&szlig;grundbesitzer, w&auml;hrend Gemeinschaften immer wieder L&auml;ndereien besetzen, die urspr&uuml;nglich den Mapuche geh&ouml;rten. Gegen&uuml;ber den Medien bezeichnete Boric die militanten Aktionen als &bdquo;Terrorismus&rdquo; und k&uuml;ndigte an, &bdquo;alle Werkzeuge, die uns das Gesetz gibt, einzusetzen&rdquo;.<\/p><p>Das zeigt sich auch im Fall von Pichunhuala und &Ntilde;iripil, hier tritt die Regierung als Nebenkl&auml;gerin auf. Trotz mehrerer Nachfragen gibt die Pressestelle kein Statement dazu ab. Es hei&szlig;t einzig, man sei derzeit mit vielen Waldbr&auml;nden besch&auml;ftigt und h&auml;tte daher keine Zeit.<\/p><p>Im November 2023 wurde mit Unterst&uuml;tzung der Regierungsparteien ein Gesetz gegen Landbesetzungen verabschiedet, das R&auml;umungen erleichtert und die Strafen erh&ouml;ht. Der Unternehmerverband der Araucan&iacute;a hatte unter anderem auf eine rasche Verabschiedung des Gesetzes gepocht. In einer Pressemitteilung sprach der Verband von &bdquo;Straflosigkeit&rdquo;, da von 150 Landbesetzungen j&auml;hrlich gerade einmal ein Prozent mit Strafen verfolgt werden. &bdquo;Viele Opfer warten Jahre darauf, ihre L&auml;ndereien zur&uuml;ckzubekommen&rdquo;, erkl&auml;rt der Verband.<\/p><p><strong>Versuch des Dialogs<\/strong><\/p><p>Neben der Verfolgung von politisch motivierten Straftaten k&uuml;ndigte die Regierung im November 2023 eine &uuml;berparteiliche Kommission f&uuml;r Frieden und gegenseitiges Verst&auml;ndnis an. Bestehend aus vier Mapuche und vier Vertreter der Unternehmen in der Region, sollte diese einen Fahrplan zur R&uuml;ckgabe der L&auml;ndereien entwerfen.<\/p><p>Ein halbes Jahr nach der Einsetzung gibt es noch wenig Vorankommen, erz&auml;hlt Kommissionsmitglied und Mapuche Adolfo Millabur: &bdquo;Wir befinden uns weiterhin in der Phase der Anh&ouml;rungen.&rdquo; Dies sei durchaus ein Fortschritt, erkl&auml;rt Millabur, er h&auml;tte mitbekommen, wie sich stramm rechte Kommissionsangeh&ouml;rige, wie Sebasti&aacute;n Naveill&aacute;n, langsam dahingehend ge&ouml;ffnet h&auml;tten, die Position und Meinungen der Mapuche zumindest anzuh&ouml;ren.<\/p><p>Millabur, der die militanten Aktionen vieler Mapuche versteht, aber selbst eine andere politische Strategie zur R&uuml;ckgabe der L&auml;ndereien verfolgt, sieht keinen Widerspruch in der Militarisierung der Wallmapu und dem Bestehen der Kommission. &bdquo;Das eine ist die aktuelle politische Situation, das andere ist die Hoffnung auf langfristige L&ouml;sungsans&auml;tze.&rdquo; <\/p><p>Doch es sei nur dank der militanten Aktionen m&ouml;glich geworden, dass sich nun Unternehmer und Mapuche an einen Tisch setzen. &bdquo;Die Situation ist mittlerweile f&uuml;r alle unhaltbar&rdquo;, sagt er dazu. Fr&uuml;her seien nur die Mapuche Leidtragende gewesen, heute auch die Unternehmer, die um Ernteeintr&auml;ge, Maschinen und zum Teil auch ihr Leben f&uuml;rchten.<\/p><p>Auch wenn bisher in den Sternen steht, ob die Kommission zu einer gemeinsamen L&ouml;sung kommt, Millabur hofft darauf, hier die Landfrage kl&auml;ren zu k&ouml;nnen und somit einen Weg der institutionellen L&ouml;sung des Konflikts zu finden.<\/p><p><strong>F&uuml;nf Jahre Haft<\/strong><\/p><p>In Temuco geht derweil der Prozess gegen Pichunhuala und &Ntilde;iripil weiter. W&auml;hrend die Richterin mit deutschem Nachnamen nach anf&auml;nglichen Schwierigkeiten die Nachnamen der Mapuche aussprechen kann, zeigt sich ein d&uuml;steres Bild f&uuml;r die Verteidigung. Trotz fehlender Zeugen, die eigentlich von der Staatsanwaltschaft aufgef&uuml;hrt waren, ist die Beweislast aufgrund von WhatsApp-Nachrichten erdr&uuml;ckend.<\/p><p>Die Staatsanwaltschaft versucht auf Basis eines teuren Pickups, der &Ntilde;irripul geh&ouml;rt, die Geschichte zweier gewaltt&auml;tiger Personen darzustellen, die Anschl&auml;ge ver&uuml;bten und in reinem Eigennutz handelten. Die Verteidigung zeigt anhand von Nachfragen, dass daf&uuml;r die Beweislast zu gering ist und viele Beweise nicht eingeholt wurden. So wurde nicht einmal Einsicht in die Bankkonten der Angeklagten genommen.<\/p><p>Die Verteidigerin von Pichunhuala, Manuela Royo, meint: &bdquo;Das ist ein paradigmatischer Fall im Kontext des Kampfes um R&uuml;ckgabe der L&auml;ndereien.&rdquo; Man klage indigene Oberh&auml;upter an und versuche auf gerichtlichem Weg, einen historischen Konflikt zu l&ouml;sen. Sie kritisiert dabei die Haltung der Regierung, die in vielen solcher F&auml;lle als Nebenkl&auml;gerin auftritt und sich auf die Seite der Forstunternehmen geschlagen h&auml;tte. &bdquo;Hier braucht es eigentlich eine politische L&ouml;sung&rdquo;, betont sie. Die eingeschlagene Richtung sei falsch, &bdquo;der Kompass dreht sich in Richtung Faschismus&rdquo;, ist sich Royo sicher.<\/p><p>In den Jahren 2021 und 2022 war Royo Vertreterin im Verfassungskonvent, der damals eine neue, progressive Verfassung ausarbeitete. &bdquo;Schon die Anerkennung der Indigenen auf Verfassungsebene h&auml;tte einen Weg der politischen L&ouml;sung ge&ouml;ffnet&rdquo;, erkl&auml;rt sie. Heute sieht sie kein Licht am Ende des Tunnels, denn auch die derzeit tagende Kommission h&auml;tte kaum Fortschritte gemacht.<\/p><p>Nach vier Tagen Verhandlungen verk&uuml;ndet das Gericht am 25. Januar das Urteil. Beide Angeklagten werden wegen Erpressung zu f&uuml;nf Jahren Haft verurteilt. Die Verteidigung k&uuml;ndigt an, in die n&auml;chste Instanz zu gehen.<\/p><p><em>Diese Reportage erschien <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/268015\/chile-mapuche-zuckerbrot-und-peitsche\">zuerst auf Amerika21<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ Alex Maldonado Mancilla<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96947\">Stimmen aus Lateinamerika: Der Kampf der Mapuche gegen die Privatisierung der Quellen des R&iacute;o Chubut<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=100512\">Chile: Die neokoloniale Seite der Energiewende<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=98411\">La Pintana &ndash; Wie eine verarmte Gemeinde in Chile zum Vorreiter f&uuml;r nachhaltiges Recycling wurde<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78298\">Chiles Taumel zwischen demokratischer Neugr&uuml;ndung und autorit&auml;rer Regression &ndash; Ein Kommentar<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/80932c938c7e4693a11bf76ef067d2d5\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Mapuche sind angeklagt, eine Gro&szlig;grundbesitzerin erpresst zu haben. 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