{"id":1116,"date":"2006-06-01T14:39:45","date_gmt":"2006-06-01T12:39:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1116"},"modified":"2016-02-06T12:01:54","modified_gmt":"2016-02-06T11:01:54","slug":"gangster-fur-einen-demokratischen-humanismus-das-buch-machtwahn-und-der-film-inside-man-als-deutungsbeistand-im-neoliberalen-alltagslebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1116","title":{"rendered":"\u201eGangster\u201c f\u00fcr einen demokratischen Humanismus \u2013 das Buch \u201eMachtwahn\u201c und der Film \u201eInside Man\u201c als Deutungsbeistand im neoliberalen Alltagsleben"},"content":{"rendered":"<p>Ein Text, der Lesestoff sein soll, der Menschen in Kontakt mit ihrer noch vorhandenen Lebendigkeit bringen will, so beschreibt Brigitta Huhnke ihre als Feature &uuml;ber den realen Neoliberalismus des Alltags verschr&auml;nkten Rezensionen &uuml;ber Albrecht M&uuml;llers Buch &bdquo;Machtwahn&ldquo; und Spike Lees &bdquo;Gangster&ldquo;- Film &bdquo;Inside Man&ldquo;. Die Autorin verkn&uuml;pft die beiden so unterschiedlichen Werke &uuml;ber ihre gedanklichen Ausfl&uuml;ge in die kleinen Dinge des Alltags von Brooklyn bis zum Hamburger Dammtor und entwickelt daraus den Mut zum Aufbegehren gegen die neoliberalen Verh&auml;ltnisse, gegen ihre Leitfiguren und ihre Leitkultur.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>&bdquo;Gangster&ldquo; f&uuml;r einen demokratischen Humanismus<\/strong><\/p><p>Von Brigitta Huhnke<\/p><p>Koinzidenzen, die sich in Gedanken umgarnen, gehen manchmal ungew&ouml;hnliche Gespinste ein. Meistens reicht das nur f&uuml;r kurze Tagtr&auml;ume, bisweilen liegt in den geheimen Verbindungen aber doch tieferer Sinn. Neulich, an einem fr&uuml;hen Nachmittag, passierte so etwas mit dem Buch &bdquo;Machtwahn&ldquo; von dem National&ouml;konomen Albrecht M&uuml;ller und dem Film &bdquo;Inside Man&ldquo; von Spike Lee. An einem ganz normalen Tag, mitten im neoliberalen Alltagsleben spendeten beide Deutungsbeistand, sogar ein bisschen Freude. Der eine analysiert f&uuml;r die Bundesrepublik, &bdquo;Wie eine mittelm&auml;&szlig;ige F&uuml;hrungselite uns zugrunde richtet&ldquo; und h&auml;lt in unserem Land nicht nur makro&ouml;konomische Vernunft hoch sondern auch die soziale Verpflichtung des Staates, genau so, wie das deutsche Grundgesetz diese vorschreibt. Der andere mischt nach einem Drehbuch von Russell Gewirtzs das Gangster Genre kom&ouml;diantisch auf, um der Welt subtil in eigenwilligen Bildern &uuml;ber die Trag&ouml;die seines Landes zu erz&auml;hlen, das nicht nur im Sumpf von Rassismus und sozialer Ungerechtigkeit, sondern zudem durch Korruption, staatliche Verbrechen und v&ouml;lkerrechtswidrige Kriege auch von innen heraus immer weiter zu verfallen droht. Beide sind exzellent in ihrem Fach, Hei&szlig;sporne, unverbesserliche Moralisten, die dabei dennoch so sch&ouml;n altmodisch die Hoffnung hochhalten, das also, was Lebenskraft ausmacht. M&uuml;ller treiben die Menschen um, die unter den neoliberalen Zerst&ouml;rungsorgien leiden und ihre W&uuml;rde verlieren. Deshalb setzt er unerm&uuml;dlich auf Aufkl&auml;rung, auf bei uns noch vorhandene demokratische Strukturen und die Kraft des kollektiven politischen Handelns. Lee, als Angeh&ouml;riger einer ehemals versklavten und bis heute verachteten Minderheit seines Landes, ist normalerweise rigoroser, oft zynisch, vor allem auch gegen die eigenen Leute. Doch dieser Film strahlt dagegen etwas liebensw&uuml;rdig Gelassenes aus. Lee setzt auf die Moral des Einzelnen und hofft, daraus k&ouml;nne neue Solidarit&auml;t entstehen. Er erz&auml;hlt, wie trotz allgegenw&auml;rtiger Repression Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft, trotz aller Ressentiments wieder zueinander finden und so im Prinzip f&auml;hig sein k&ouml;nnten, die wirklichen Gangster zu vertreiben. Nun ist ein rasant gemachter Film schneller zu konsumieren, als eine &ouml;konomische Analyse. Doch letztere liest sich fast so atemlos wie ein Krimi, auch wenn M&uuml;ller darin nichts als die Wirklichkeit beschreibt. Eine weitere Koinzidenz: am ersten Wochenende nach Anlauf des Films toppte sich Lee mit &bdquo;Inside Man&ldquo; selbst an den US-Kinokassen. Mit M&uuml;llers &bdquo;Machtwahn&ldquo; geschah &auml;hnliches, er katapultierte sich gleichzeitig sofort in die deutschen Bestsellerlisten und &uuml;bertraf damit glatt seine eigene &bdquo;Reforml&uuml;ge&ldquo;. <\/p><p>Um die fr&uuml;he Nachmittagszeit war &bdquo;Machtwahn&ldquo; mit der Post angekommen. Mehr als eine Woche hatte die Post (oder war es der DHL?) laut Poststempel gebraucht, um das Buch von M&uuml;nchen in den Norden zu schaffen. Nun, in Relation gesehen war das noch ziemlich schnell. Ein Brief, der nur ein paar Stadtteile weiter im Osten eingesteckt worden war, hatte drei ganze Tage hinter sich. &bdquo;Deregulierung&ldquo;, &bdquo;Privatisierung&ldquo;, &bdquo;Modernisierung&ldquo;, &bdquo;B&uuml;rokratieabbau&ldquo;, &bdquo;mehr Kundenfreundlichkeit&ldquo;.<br>\nWas waren das noch f&uuml;r Zeiten, diese &bdquo;ewiggestrigen&ldquo;, als der Postbote, Herr M., &uuml;ber viele Jahre hinweg, immer verl&auml;sslich und p&uuml;nktlich, am Vormittag die Post brachte, manchmal zum kleinen Schnack &uuml;ber die Weltl&auml;ufe auf dem Treppenabsatz aufgelegt war oder sich nach der alten Frau A. und deren kranker H&uuml;fte erkundigte, ab und zu auch einfach nur muffelte. Mittlerweile nerven bis zu vier Personen t&auml;glich, immer andere. Die Post kommt jetzt irgendwann am Nachmittag, ausgetragen von immer andern Aushilfskr&auml;ften, die per Anweisung auch verpflichtet sind, die Briefk&auml;sten mit allem nur m&ouml;glichen unerbetenem M&uuml;ll voll zustopfen. Fr&uuml;her war es nur der uns&auml;gliche Ikea Katalog f&uuml;r die McDonald Wohnkultur, eines Konzerns mit den ersten richtig miesen L&ouml;hnen in bundesdeutschen Filialen eines Multis. Heue findet sich alles: Bl&auml;ttchen von Versicherungen, Deutsche Bank und andere Banken, Postillen zum Kreuzzug f&uuml;r Christus, BMW, Aldi, Media Markt, Financial Times, Telekom. Alles unerw&uuml;nscht. Neoliberalismus ist distanzlos, dringt ins Private ein, bel&auml;stigt. &Uuml;ber Monate liegen fast t&auml;glich mindestens 8 unansehnliche Billigdruck-Seiten &bdquo;T&auml;gliche Frische braucht das Land! Kaufland kommt!&ldquo; im Kasten, versehen mit der Aufforderung, sich als &bdquo;Austr&auml;ger&ldquo; zu bewerben. Davor, danach klingeln sich verschiedene Post- und Paketdienste sowie Verteiler f&uuml;r Reklame durchs Mietshaus, bis in den Abend hinein. Allesamt Gehetzte, in prek&auml;ren Arbeitsverh&auml;ltnissen, &auml;rmlich, unsicher, ohne Stolz einer Berufsidentit&auml;t. <\/p><p>Etwas mehr als eine Stunde noch bis zur Nachmittagsvorstellung von &bdquo;Inside Man&ldquo;. Vorher noch schnell f&uuml;r eine Fahrkarte am Bahnhof vorbei: 10 Minuten Fu&szlig;weg dahin, dann 5 Minuten mit dem Bus zum Kino. M&uuml;sste also klappen, &bdquo;Machtwahn&ldquo; kommt mit. &Uuml;bliche Nagelprobe: Besonders ein Fachbuch muss gerade auch beim Lesen im Trubel, vor der Uni-Bibliothek, in der U-Bahn oder eben gehend auf der Stra&szlig;e sofort prickeln. Also, fast so &auml;hnlich, wie erste Filmszenen gleich reinziehen oder nicht. &bdquo;Viele Reformen waren angezettelt worden, keine hatte die versprochene Wirkung gebracht&ldquo;, schreibt M&uuml;ller. &bdquo;Politische Entscheidungen halten nicht, was mit ihnen versprochen worden ist. Pannen, Fehlentscheidungen und Misserfolge h&auml;ufen sich. Die depressive Grundstimmung &uuml;bertr&auml;gt sich auf das politische Bewusstsein der Menschen. Sie wenden sich ab von der Politik. Sie f&uuml;hlen sich ohnm&auml;chtig und unzufrieden.&ldquo; Diese kurze Zusammenfassung im Vorwort l&auml;sst keinen Zweifel dar&uuml;ber, wen M&uuml;ller hier vertritt: die Menschen, nicht den &bdquo;Markt&ldquo;. Wie die intensive Lekt&uuml;re dann zeigt, belegt er klein, klein, auf insgesamt 364 Seiten mit Fakten, Tabellen und Zahlen aber auch mit pr&auml;zisen Analysen, wie eine tumbe Truppe, die sich in den ersten Reihen von Wirtschaft und Politik tummelt, nichts weniger treibt, als unser Land zugrunde zu richten und dabei t&uuml;chtig f&uuml;r sich abgreift. &bdquo;Statt eine eigenst&auml;ndige Wirtschaftspolitik zu betreiben, buhlen sie um die Sympathie der Wirtschaft, bei der sich immer beliebt macht, wer verk&uuml;ndet, man wolle den &sbquo;kleinen Leuten&rsquo; ans Leder.&ldquo; Ganz exakt, aus der Perspektive des gelernten National&ouml;konomen, der auch die geschichtlichen Verl&auml;ufe und internationalen Verh&auml;ltnisse stets im Blick hat, dokumentiert M&uuml;ller, wie sich die Bundesrepublik bereits jetzt zum Steuerparadies f&uuml;r Unternehmen entwickelt hat und andererseits Armut systematisch produziert wird. Aber dabei bleibt er nicht stehen. <\/p><p>Nun aber das Buch erst mal zuklappen und einen Gang schneller einlegen. Innere Unruhe steigt auf, das n&auml;chste Desaster neoliberaler Zumutungen k&ouml;nnte sich anbahnen. Ach, lieber doch noch nicht daran denken, die Sonne scheint. Stattdessen die innere Flucht antreten, in Vorfreude auf den Film. Wie viele wichtige B&uuml;cher ich schon in Spike Lee&rsquo;s geliebtem Brooklyn gelesen habe. Ganz besonders gern auch im D oder Q train, runter nach Brighton Beach. Da, wo Lee die ersten Bilder auch f&uuml;r seinen neuesten Film wie nebenbei eingefangen hat, mit der Achterbahn von Coney Island am Horizont. Hier hat Lee einen Teil seiner Power her, hier entspringt eine wichtige Quelle der Lebensenergie f&uuml;r die gesamte Stadt. Noch tr&auml;gt dieser alte Vergn&uuml;gungsboulevard am Meer Spuren der fr&uuml;hen Tage: die Anf&auml;nge der Massenkultur, wie sie sich gerade in den USA auch im aus Europa &uuml;bernommenen Art Deco Stil verk&ouml;rperte, wovon noch heute einige Karussell-Ruinen, Buden, aber auch Badeh&auml;user zeugen. Im Art Deco mischen sich alle nur erdenkliche Einfl&uuml;sse, neben vielen europ&auml;ischen Motiven aber auch Spuren aus dem Nahen Osten, der griechischen und der alten &auml;gyptischen Kunst, sowie der Maya. Auch Momente der russischen Avantgarde blitzen durch viele Motive, afrikanische Kultur fand erstmals im Art Deco ohne Abwertung in die Moderne Eingang. Somit wird Art Deco die erste europ&auml;ische bzw. westliche Kunstrichtung, die f&uuml;r Toleranz und Akzeptanz, den Wert auch sehr alter und fremder Kulturen warb und sich zugleich modernen Welten &ouml;ffnete. So finden wir in diesem bis heute einzigartigen multikulturellen Kunststil der Moderne, faszinierende Ansammlungen, in denen Maschinenteile, R&auml;der und Automobile ebenso auftauchen, wie Naturelemente, pralle Sonnenaufg&auml;nge und Blumenmotive. W&auml;hrend in Europa mit dem Faschismus diese Richtung relativ abrupt zum Stillstand kam, hatte Art Deco besonders in New York, zu dem architektonisch auch das Empire State und das Chrysler Building geh&ouml;ren, eine sehr viel l&auml;ngere Tradition. Bis in die neunziger Jahre hinein zeugten hier noch viele kleine Dinge in der Alltagskultur davon: Schriftz&uuml;ge an kleinen Gesch&auml;ften, Einrichtungen kleiner Cafes und Bars, bis heute Teile des Grand Central Terminal &ndash; und &ndash; wie wir noch sehen werden &ndash; auch Schalterhallen von Banken. <\/p><p>Lassen wir uns zun&auml;chst noch ein Weilchen weiter in Brighton Beach treiben. Hier leben traditionell Angeh&ouml;rige unterer Schichten, Menschen, die nicht nur wochentags dazu beitragen, die R&auml;der auch in Manhattan immer am Laufen zu halten. Ins Get&uuml;mmel am Meer st&uuml;rzten sich schon Stan Laurel und Oliver Hardy in den drei&szlig;iger Jahren. Unvergessen der kleine Film, in dem sie am Sonntag ihre verbeulten Hosen gegen halbwegs geb&uuml;gelte eintauschen, sorgf&auml;ltig mit Spucke das Haar gl&auml;tten, um sich dann tapsig auf die Freierf&uuml;&szlig;e zu machen. Zwei anziehende aber auch sehr schlagfertige junge Damen aus Brooklyn Downtown hatten ihnen n&auml;mlich &uuml;ber Wochen hinweg die K&ouml;pfe verdreht und sie erst mal ordentlich an der langen Angel rumgef&uuml;hrt. Dann endlich, nach viel Gezicke, d&uuml;rfen Stan und Oli ihre Angebeteten ausf&uuml;hren, hinein ins Remmidemmi von Coney Island. Im Ambiente der mit Art Deco Motiven bemalten Buden und Karussells, verheddern sich die beiden T&ouml;lpel mitten im Trubel nat&uuml;rlich in ihrem anr&uuml;hrenden Liebesschmachten und l&ouml;sen dabei so allerlei Missgeschicke aus. Auch heute noch gilt, egal wie verp&ouml;nt der Ort bei Wei&szlig;en in Manhattan oder auch in deutschen Zeitungsredaktionen ist, was beides ebenfalls Tradition hat: Wer noch nie an einem Sonntagnachmittag in das pralle Leben auf der Promenade in Brighton Beach\/Coney Island eingetaucht ist und dabei nicht Schmetterlinge im Bauch hatte, wird New York nie nahe kommen. Bilder, Ger&uuml;che und Kl&auml;nge, die auch Lee in sich tr&auml;gt und die sich reichhaltig im Rap der Bilder vieler seiner Filme brechen: Grell geschminkte, alte j&uuml;dische Russinnen sitzen sonntags auf den B&auml;nken, schwarze Frauen in knappsten Oberteilen oder langen, wallenden afrikanischen Gew&auml;ndern, mit Turban oder anderem kunstvollen Kopfschmuck schlendern auf den Planken, z&uuml;chtig bedeckte orthodoxe J&uuml;dinnen mit Per&uuml;cke und Kinderschar, wundersch&ouml;ne fragile asiatische Frauen im Sari, schicke Russinnen, dazwischen viele hormongetriebene Jungm&auml;nner aller Ethnien, gern im Mussleshirt, mit und ohne Musikrekorder, voll cool in der Gruppe, lammfromm, wenn die Angebetene neben ihnen geht. Steel Drums, &uuml;berhaupt Musik aller Art, Skateboards, Familienv&auml;ter mit und ohne B&auml;uche, eine Menge einsamer Herzen, riesige K&uuml;hlboxen und Badeutensilien f&uuml;r den Strand, freundliche &auml;ltere M&auml;nner, die mit frisch gefangenem Fisch vom Steg kommen. Fahrr&auml;der flitzen, Rollst&uuml;hle bahnen sich den Weg, viele, viele Kinder, Himmelskomiker, kleine Menschentrauben um Jungs aus den &bdquo;Projects&ldquo; in der Nachbarschaft, die zu ihren Raps die mageren K&ouml;rper im Breakdance durch die Luft wirbeln, um ein paar Dollar f&uuml;r das Abendessen der Familie zu verdienen. Manchmal mischt sich auch ein Latino mit lebensgro&szlig;er Stoffpuppe und Rekorder in die Menge und tanzt dann mit der stillen Braut eine Marenga, so wie er dies normalerweise f&uuml;r die Touristen in den gro&szlig;en Subway Bahnh&ouml;fen von Midtwon tut. Manche flanieren langsam, andere gestikulieren heftig. Je nach Stand des Windes vermengen sich unterschiedlich stark Meeresgeruch, die unterschiedlichen D&uuml;fte der Menschen oder auch fettiger &Ouml;lgeruch von Pommes und Pfannkuchen, der aus den vielen Buden str&ouml;mt. Einarmige Banditen klingeln, kleine Jungs und M&auml;dchen ziehen ihre Eltern zum Aquarium, in dem sich Walr&ouml;sser, Delphine und Baby Beluga Wale tummeln. Jederzeit l&auml;sst sich der Blick mit einer kurzen Kopfdrehung auf den breiten, wei&szlig;en Strand und die bet&ouml;rende Weite des Meeres wenden. Der sch&ouml;nste, wahrscheinlich auch l&auml;ngste Laufsteg der Welt! <\/p><p>Das ist aber vielleicht alles bald vorbei. Denn die Gier global agierender Immobilienfirmen richtet sich nun zunehmend auch auf die bisher in wei&szlig;en Mittelschichten, besonders in Manhattan, so verp&ouml;nten Nachbarschaften in Brooklyn, wie Brighton Beach, deren Wohnungsbestand (noch) zum Teil staatlich gesch&uuml;tzt ist. Nun pl&ouml;tzlich entdecken moderne Couponabschneider aus aller Welt, was f&uuml;r ein Super-Schn&auml;ppchen das w&auml;re: In New York City ein ger&auml;umiges Appartement in guter Bausubstanz mit Blick aufs Meer zu erwerben! In New York hei&szlig;t das verbr&auml;mt &bdquo;Gentrification&ldquo; und treibt derzeit auch den Menschen in Brooklyn Green Point und Williamsburg den Schrecken in die Knochen, so wie es oben in Harlem schon l&auml;nger der Fall ist. Seit der erste &bdquo;Starbucks&ldquo; dort auf der &bdquo;125&ldquo; aufmachte und dann wie ein Rattenf&auml;nger Filialen anderer gro&szlig;er Ketten nach sich zog, steigen die Mieten unaufh&ouml;rlich, die Hauptstra&szlig;e von Harlem wird immer langweiliger. Kulturell ver&ouml;den zunehmend auch das East und das West Village unten in Manhattan. &Uuml;berall, zu Dutzenden die entsetzlichen f&uuml;r blanke Ausbeutung ihrer Besch&auml;ftigten stehenden Filialen von Starbucks, mit mindestens Gap, Banana Republic und McDonald im Schlepptau. Neoliberalismus ist purer Anschlag auf die Sinne, zerst&ouml;rt jede &Auml;sthetik, jede Lebendigkeit.<\/p><p>Die Angst vor Privatisierung bzw. Weiterverkauf von bezahlbarem Wohnraum geht nun vermehrt auch in der Bundesrepublik um: &bdquo;Wir stehen gerade am Anfang einer gigantischen Verramschung dieser gemeinn&uuml;tzigen Wohneinheiten an dubiose Geldanlagekonsortien&ldquo;, stellt M&uuml;ller fest und nennt die Namen dieser neuen Gierigen, die der Bundesfinanzminister geradezu ermutigt, ohne sich um arme Familien oder die neuen Wohnungslosen auch nur irgendeinen Kopf zu machen. Berlin, Dresden, Freiburg, &uuml;berall werden zurzeit staatliche Wohnungen verscherbelt. M&uuml;ller beschreibt die Schamlosigkeit, mit der Politiker das von B&uuml;rgerInnen erarbeitete Staatsverm&ouml;gen einfach verschleudern, ohne jegliches Unrechtsbewusstsein. Neoliberale Vereinheitlichungen von Wohnquartieren k&ouml;nnen wir auch schon in Hamburg beobachten: &uuml;berall die gleiche &Ouml;de, Entleerung und Verelendung.<br>\nNoch kommen aus der Mitte des quirligen Lebens in Teilen von Brooklyn oder auch Queens und Harlem die vielen Arbeiter und kleinen B&uuml;roangestellte f&uuml;r die Stadt. Doch viele, gerade Nicht-Wei&szlig;e, leben bereits unter erb&auml;rmlichsten Bedingungen, in schlechten, kleinen Wohnungen, die sie kaum noch bezahlen k&ouml;nnen. Am 911 verloren viele einfache Menschen aus Brooklyn oder auch Queens ihr Leben im World Trade Center. Wahrscheinlich waren sie sogar in der &Uuml;berzahl, wovon die vielen Bilder auf den kleinen privaten Gedenkschreinen in den Monaten danach sowie die Namenslisten zeugten. Doch das Leid ihrer Familien passt nicht in evangelikale Propagandaschlachten des &bdquo;War on Terror&ldquo;. Vielmehr tobt seit dem Paranoia gegen Minderheiten in der Stadt. Rollkommandos aus FBI, Polizei und Einwanderungsbeh&ouml;rde holen nachts wahllos vorrangig Asiaten und Araber aus den Wohnungen in Brooklyn und Queens. Tausende mussten seit dem in US-Kn&auml;sten einsitzen, werden dort &bdquo;mit Hunden bewegt&ldquo;, maltr&auml;tiert, misshandelt, viele in Nacht- und Nebelaktionen deportiert. Keiner z&auml;hlt sie genau. All das treibt auch Spike Lee um, all das kommt auch im Film vor, wenn auch mit einer unerwarteten Leichtigkeit im Subtext, oft &auml;sthetisch sehr verschl&uuml;sselt. Im Interview mit Die Zeit sagte er zu seinem neuen Film: &bdquo;Man kann auch vom New York nach dem 11.September erz&auml;hlen, ohne es in jeder Szene herauszuschreien. Ich liebe diese Stadt, ich habe immer Stolz f&uuml;r ihr kosmopolitisches Wesen empfunden. Trotzdem kann ich ihre Intoleranz, ihre ethnische und soziale Ungleichheit anprangern, die sich noch mehr zugespitzt haben.&ldquo; <\/p><p>Spike Lee, geboren Ende der f&uuml;nfziger Jahre in Atlanta, doch aufgewachsen in Bed-Stuy in Brooklyn, bekommt noch als kleiner Junge den blanken, gesetzlich sanktionierten Rassismus mit, aber dann auch, wie AmerikanerInnen afrikanischer Herkunft anfangen, sich gegen Rassismus, Segregation und soziale Diskriminierung zu wehren: Rosa Parks, Martin Luther King, Malcolm X, Angela Davis, das sind seine Vorbilder. Und Lee wei&szlig;, obwohl er aus der schwarzen, gebildeten Mittelschicht stammt, heute finanziell v&ouml;llig unabh&auml;ngig ist, immer noch, wie Armut aussieht, wie sie riecht, was sie anrichtet, wie sie sich derzeit versch&auml;rft und was ihn besonders umtreibt, wie Kinder seelisch und physisch darin verelenden. Vom Filmfest in Venedig im Herbst 2005 hat Lee kaum etwas mitbekommen, weil er rund um die Uhr fassungslos die Bilder von New Orleans verfolgte. In den USA leben bereits viele Millionen afrikanische Amerikaner und Latinos in absoluter Armut, insgesamt liegt das Einkommen von zw&ouml;lf Prozent der Amerikaner unter dem Existenzminimum. <\/p><p>In der Bundesrepublik sind wir &bdquo;erst&ldquo; in den Anf&auml;nge einer vergleichbaren Massenverelendung, die jedoch neoliberale Eliten auch hier systematisch mit aller Brutalit&auml;t f&ouml;rdern. Albrecht M&uuml;ller liebt im Lee&rsquo;schen Sinne sein Land, mit einer &auml;hnlichen inneren Kraft. Kurz vor Ausbruch des Krieges geboren, erf&auml;hrt er als Kind und Jugendlicher die Folgen des NS Regimes, die Zerst&ouml;rungen, den Hunger, kennt Entbehrungen noch bis in die f&uuml;nfziger Jahre hinein. Im manisch betriebenen Wiederaufbau entsteht Wohlstand, doch die noch junge Demokratie droht wieder zu kippen. Kaum ein h&ouml;herer SS Mann brauchte sich nach ein paar Jahren noch ernsthaft zu f&uuml;rchten, von deutschen Gerichten zur Verantwortung gezogen zu werden. Daf&uuml;r sorgten CDU und Regierung, unter Konrad Adenauer und Ludwig Erhardt, mit ihren Seilschaften bis in die Gerichte hinein. Viele alte Nazis setzten sich auch im neuen Staat in Wirtschaft und Politik fest, &uuml;ber den Steigb&uuml;gelhalter CDU und die Vertriebenenverb&auml;nde. Als diese alten Kameraden gegen den Willen der Bev&ouml;lkerung die Debatten &uuml;ber Wiederbewaffnung anzetteln, die sie schlie&szlig;lich auch durchsetzen, sucht der junge Albrecht M&uuml;ller verst&auml;rkt nach politischem und moralischem Halt. Den findet er in der Gesamtdeutschen Volkspartei von Gustav Heinemann, mit dem er dann sp&auml;ter, wie auch Johannes Rau, in die SPD &uuml;bertritt. Von Heinemann lernt er praktisch-politische Verantwortung f&uuml;r die Geschichte zu &uuml;bernehmen und unbedingte soziale Gerechtigkeit als Hauptnerv einer gelebten Demokratie sch&auml;tzen. Sp&auml;ter hat er das Gl&uuml;ck, f&uuml;r Willy Brandt Wahlkampf machen zu k&ouml;nnen. Hautnah erlebt er, wie den aktiven Hitler-Gegner und Emigranten alte Nazis, von denen sich auch Anfang der siebziger Jahre noch Hunderte f&uuml;r die CDU in den Parlamenten tummeln, diffamieren und anfeinden, w&auml;hrend Brandt als erster Regierungschef nach 1945 auch im Ausland Hoffnungen weckt. F&uuml;r viele junge Menschen, zu der Zeit h&auml;ufig noch in den eigenen, vom NS gepr&auml;gten Familien maltr&auml;tiert und missachtet, wird Willy Brandt die erste positive, &ouml;ffentliche Vaterfigur, wahrscheinlich auch die einzige, die dieses Land je hervorgebracht hat. In diesen wenigen Jahren unter Brandt war die Bundesrepublik ein offenes Land, Kunst und Kultur bl&uuml;hen, der Mensch, nicht der Markt, wird in der Politik zum Ma&szlig;. Diese Erfahrungen sitzen tief, sind Motor auch f&uuml;r M&uuml;llers Analyse &bdquo;Machtwahn&ldquo;. Sie schaffen die Lebendigkeit seiner Sprache, konterkarieren geradezu den grotesken Bl&auml;hstil neoliberaler Mantren. <\/p><p>Doch zur&uuml;ck zum realen Neoliberalismus im Alltag der zweitgr&ouml;&szlig;ten bundesdeutschen Stadt im Fr&uuml;hjahr 2006: Fahrkartenkauf bei der Deutschen Bahn, im &bdquo;Service Point&ldquo;. Fr&uuml;her w&auml;re das alles kein Ding gewesen. Ein Telefonanruf w&auml;hrend der &uuml;blichen Gesch&auml;ftszeiten, zum Ortstarif, manchmal zwar besetzt, aber immer ohne Stimme vom Band und vor allem ohne nervige Musik in der Warteschleife, stattdessen nach kurzem Freizeichen auf Fragen nach Fahrplan und Preisen: exakte Antworten. Dann eine viertel Stunde vor Abfahrt des Zuges einfach zum Schalter, Strecke angeben: von A nach D &uuml;ber C und retour, kurzes Nachschlagen im Kursbuch, Fahrkarte ausgestellt, bezahlt, fertig. Wo und wann die Strecke unterbrochen wurde, juckte niemanden. Alles ein Preis. Dann Zeitung kaufen, gem&uuml;tlich oben auf den Zug warten. Heute muss, wer sich nicht doppelte und dreifache Preise leisten kann, die ganze Sache schon viele Wochen vorher strategisch angehen und sich auf Casino-\/Klingel-\/Schn&auml;ppchen- Kapitalismus, wie Bahn-Kontingente einlassen. <\/p><p>Noch 45 Minuten an diesem Nachmittag bis zum Filmanfang von &bdquo;Inside Man&ldquo;. An allen f&uuml;nf Schaltern werden Fahrg&auml;ste bedient, vor mir in der Reihe stehen nur zwei weitere. Heute also alles stressfrei? Buch raus? F&uuml;r einen Besuch am Sonntag zuvor im &bdquo;Service Point&ldquo; war eine Stunde Lebenszeit dabei draufgegangen, f&uuml;r eine sehr einfache Anfrage. Kurz zuvor hatte jemand erz&auml;hlt, McDonald w&uuml;rde im M&auml;rz vier Fahrkarten &ndash; egal wohin &ndash; f&uuml;r 100 Euro verkaufen. Kaum zu glauben, oder? Das noch Volkseigentum paktiert mit der ber&uuml;chtigtsten Fast Food Kette der Welt. Also rein in so einen McDonald. Unertr&auml;glich der Gestank. Vielleicht ist das Zufall, Folge einer besonders schlampigen Filialleitung, au&szlig;erdem ist ein Kanal in der N&auml;he und die Stadt erlebt ganz pl&ouml;tzlich ihren ersten warmen Fr&uuml;hlingstag. Eine K&uuml;chenhilfe kl&auml;rt schnell auf: ja die Fahrkarten wurden verkauft, waren aber schon nach ein paar Tagen weg. Am Bahnhof ist noch ein McDonald: der gleiche aufdringliche Gestank, der gleiche W&uuml;rgreiz, die gleiche Antwort. Bei der dann erfolgten Erstrecherche im &bdquo;Service Point&ldquo; hatte allein die Computerabfrage f&uuml;r die Strecke von A nach D &uuml;ber C und zur&uuml;ck auch &uuml;ber C, aber mit einer Nacht Aufenthalt, 20 Minuten gedauert. Ein &bdquo;Grund&ldquo;: D liege im Ausland, das lie&szlig;e sich nicht in eine gesammelte Abfrage unterbringen. An der Beamtin, ja, richtig gelesen, sie hat noch das gro&szlig;e Gl&uuml;ck eines solchen festen Arbeitsplatzes, liegt es nicht. Fr&uuml;her hat sie schnell und pr&auml;zise mit dem alten System, mit Kursbuch und Preistabelle gearbeitet. Zus&auml;tzliches Schn&auml;ppchen kann im Fr&uuml;hjahr 2006 machen, wer die WM Bahn Card 25 f&uuml;r 19 Euro hat, die bis Ende Juli gilt, aber erst im April gekauft werden kann. &bdquo;Wenn wir Weltmeister werden gilt die WM Card sogar bis Ende des Jahres&ldquo;, sagt die Beamtin, mit sichtlich betretenem Blick. Neoliberalismus entw&uuml;rdigt alle Menschen. <\/p><p>Dieser ganze Klimbim muss erst mal sortiert werden, also zur&uuml;ck nach Hause und nachgeschaut, ob der Flug nicht vielleicht doch besser ist. Schneller und billiger ist er nach D alle Mal. Der Zug braucht 12 Stunden. Aber genau das k&ouml;nnte eigentlich auch Luxus f&uuml;r die Seele bedeuten: Einen ganzen Tag im Zug: endlich einmal sich in einen dicken Roman &uuml;ber Stunden hineinwerfen k&ouml;nnen und zwischendurch die Gedanken schweifen lassen, w&auml;hrend W&auml;lder und Felder drau&szlig;en vorbeiziehen. Das ist aber nur noch mit Gl&uuml;ck m&ouml;glich, da uns gerade im Zug &uuml;berall Mobiltelefone die Leere banaler Alltagsgespr&auml;che aufzwingen. Au&szlig;erdem muss sp&auml;testens nach 150 Kilometern ernsthaft darum gebangt werden, ob der Anschlusszug in C auch wirklich erreicht wird. Sonst hei&szlig;t es in C &uuml;bernachten, auf eigene Kosten nat&uuml;rlich. Alles schon erlebt. Vor den neoliberalen Attacken auf das Volkseigentum Bahn haben die Z&uuml;ge selbstverst&auml;ndlich aufeinander gewartet. Aber was haben harte Fachqualifikationen wie &bdquo;Logistik&ldquo; auf dem B&ouml;rsengang der Bahn noch zu suchen? Nun, f&uuml;rs Beherrschen mathematischer Berechnungen auf allen Ebenen, w&auml;ren hochgradige Denkleistungen gerade auch im Management notwendig. <\/p><p>Zwischen C und D gibt es leider keine Flugverbindung. Man m&uuml;sse sich beeilen, hatte die Beamtin bei der Bahn an dem Sonntag noch gesagt, allenfalls zwei bis drei Tage w&uuml;rde dieser herausgesuchte Preis Bestand haben. Nun also, zwei Tage sp&auml;ter, der zweite Anlauf, diesmal Kauf der Karte angestrebt. Gerade hat ein Kunde einen der Schalter verlassen. Die n&auml;chste Kundin geht erleichtert auf den Tresen zu. Flugs schiebt die Bahnangestellte ein Schildchen auf den Tresen &bdquo;Sie werden am n&auml;chsten Counter bedient&ldquo;. &bdquo;Counter&ldquo;?! &bdquo;Auch noch die letzte Belanglosigkeit wird auf Englisch ausgedr&uuml;ckt&ldquo;, lesen wir irgendwann bei M&uuml;ller. Ja, und dann auch in der Regel noch peinlich falsch. Wenig sp&auml;ter das gleiche Schauspiel an einem zweiten Schalter: Er wird endlich frei, doch erneut macht der &bdquo;Counter&ldquo; zu. Durch die Wartenden geht jetzt leichtes Raunen. Hinter mir haben sich mittlerweile schon zehn weitere Leute in die Schlange gestellt. Genervte Blicke, Fl&uuml;che, dazwischen leitkulturelles Geklingel der Mobiltelefone (f&uuml;r die Kanzlerin bekanntlich Ausdruck vom &bdquo;Land der Ideen&ldquo;). Werde nun auch langsam innerlich flattrig. Das Lesen im &bdquo;Machtwahn&ldquo; klappt nicht mehr. Ruhe bewahren: Die wirklich Leidtragenden sind die Frauen hinter den Schaltern. Ich erinnere mich an ein Gespr&auml;ch mit einer Dienststellenleiterin, das etwa zwei Jahre zur&uuml;ck liegt, bei der ich mich urspr&uuml;nglich &uuml;ber versp&auml;tete Z&uuml;ge, verpasste Anschl&uuml;sse beschwert und meine Belege daf&uuml;r vorgelegt hatte. Dies sei Schwerstarbeit f&uuml;r die Frauen, f&uuml;r die M&auml;nner in der Regel nicht geeignet sind, hatte sie damals erkl&auml;rt. Die Computerprogramme sind langsam, umst&auml;ndlich programmiert, oft bricht alles zusammen. Die Fahrg&auml;ste sind innerlich geladen, ungeduldig, manche patzig. In der Schlange 1 &frac12; Stunden anstehen, das &uuml;bersteht kein Nervenkost&uuml;m v&ouml;llig unbeschadet. Alles f&uuml;r die unsinnige Suche nach Schn&auml;ppchen, bei immer schlechterem Service der Bahn. Um Ruhe dennoch bewahren zu k&ouml;nnen, auf die Aggressionen nicht einzusteigen, m&uuml;ssten die Frauen einfach h&auml;ufiger Pause machen, hatte die Dienststellenleiterin erkl&auml;rt. <\/p><p>Endlich komme ich ran, noch 30 Minuten bis zum Kinobeginn. Ich gebe der Frau am Schalter die Unterlagen der Erstrecherche. In den letzten Tagen haben sich die Kontingente ver&auml;ndert, nicht die Fahrt von C nach D auch nicht die R&uuml;ckfahrt von D nach C nicht, weil die Strecke im Ausland liegt. Also wieder langes Gesuche im Computer. Bem&uuml;he mich, ruhig zu bleiben. Die Frau &ndash; sie ist wahrscheinlich keine Beamtin mehr, also bereits lohngespreizt &ndash; bem&uuml;ht sich auch, aber es dauert eben. Auf die Uhr schauen, tief durchatmen. Hier war es in den letzten Jahren ja noch nie anders. Am Hauptbahnhof w&auml;re es noch schlimmer. Da spotten die Verh&auml;ltnisse jeglicher Beschreibung. Extra Bahnangestellte stehen im &bdquo;Service Point&ldquo; an der Bande, um die Menschen in den Schlangen zur Ruhe zu bringen oder sie zu den Automaten zu bewegen, um dort in die Schn&auml;ppchenwelt abzutauchen. Sage der Bahnangestellten, die immer noch sucht, ich h&auml;tte eben das Kino, in das ich wollte schon aufgegeben, w&auml;re schon in Ordnung. Ach, beruhigt sie, das w&auml;re noch zu schaffen, ich h&auml;tte noch zehn Minuten in Petto, weil vor jedem Film doch noch Werbung laufe. Ich frage sie, w&auml;hrend der Computer wieder lange nicht reagiert, ob es noch schlimmer werden wird, wenn Mehdorn das Volkseigentum Bahn endg&uuml;ltig gegen den Willen der B&uuml;rgerInnen am Markt f&uuml;r ein Schn&auml;ppchen verkloppen wird. Sie sagt: &bdquo;Ja, aber noch haben wir auch die Gewerkschaften&ldquo;. So redet sie uns beiden Mut ein. Endlich haben wir es, ich stecke den ganzen Packen ein, merke erst sp&auml;ter: Die WM Bahn Card (nicht etwa &bdquo;Bahn Karte&ldquo;) ist nicht dabei, obwohl sie in den Preis eingerechnet ist. Werde deshalb zwei Tage sp&auml;ter noch mal zur&uuml;ck m&uuml;ssen: mindestens eine weitere Stunde Lebenszeit wird dabei drauf gehen, daf&uuml;r werde ich dann aber eine Liste der WM Spiele gratis bekommen! Nun wollte ich eigentlich nur noch wissen, ob es auch einen Nachtzug von A nach F gibt. F liegt in einem anderen Ausland. Weitere 10 Minuten Suche. Nein gibt es nicht. Sp&auml;ter finde ich im Netz raus: es gibt ihn doch. Noch nicht einmal in den USA w&auml;re ein solches Chaos im Zugverkehr m&ouml;glich, obwohl dort die Aufl&ouml;sung der Gesellschaft und die Gier des Kapitals insgesamt noch um einiges weiter fortgeschritten sind. Doch wer sich beispielsweise in New York im Grand Central Terminal, im gr&ouml;&szlig;ten Zugabahnhof der Welt am Schalter anstellt, wird selten, auch in der rush hour, l&auml;nger als 20 Minuten inklusive Kartenkauf brauchen, ohne Bel&auml;stigungen der Schn&auml;ppchenkultur. <\/p><p>Endlich an der Kinokasse: Der Film &bdquo;Inside Man&ldquo;, nur hier in Originalfassung zu sehen, spielt seit sieben Minuten. Geht nicht, denn die ersten Szenen, genau die in Brooklyn, sind dann schon vorbei. Gut, n&auml;chste Vorstellung und zwischendurch Eink&auml;ufe t&auml;tigen. Immerhin ist das Uni-Viertel nicht weit. Dann vielleicht noch in ein Cafe und gem&uuml;tlich weiter in M&uuml;llers &bdquo;Machtwahn&ldquo; lesen. Runter die gro&szlig;e, breite Strasse, an deren Anfang der nach 1945 erste moderne, heute ziemlich runtergekommene Hochhauskomplex der Bundesrepublik steht. Seit ein paar Wochen leuchtet auf einem der D&auml;cher eines dieser neonblauen Fu&szlig;balltore! Sch&ouml;n war die Stra&szlig;e &ndash; fr&uuml;her einmal Hauptstra&szlig;e des j&uuml;dischen Viertels- nach 1945 noch nie, sondern wirkte immer schon gesichts- und geschichtslos. Doch jetzt rechts und links fast nur noch Schn&auml;ppchenl&auml;den und ein paar Restaurants, die oft nach ein paar Monaten wieder ein anderes, immer trostloseres Erscheinungsbild haben. Das Uni Gel&auml;nde ist von au&szlig;en geradezu von Ramschl&auml;den und &bdquo;Coffee to Go&ldquo; Filialen umzingelt, darunter auch eine der uns&auml;glichen Balzac- Kette, deren Kaffe mindestens genauso &uuml;bel schmeckt wie der von Starbucks, die geschmacklose Einrichtung ist allemal detailgetreu nachempfunden, wahrscheinlich auch die miesen L&ouml;hne von Starbucks. Neoliberalismus verachtet die Individualit&auml;t aber auch kollektive Bed&uuml;rfnisse von Menschen. <\/p><p>Die anderen, ebenso gesichtslosen &bdquo;Shops&ldquo; verkaufen neben der modischen &bdquo;Coffee Latte (!)&ldquo; zum Teil auch noch &bdquo;Club Sandwich&ldquo; und &bdquo;Bagels&ldquo;. Die Heferinge au&szlig;erhalb von New York oder Boston offensiv als frische &bdquo;Bagel&ldquo; zu verkaufen, ist mindestens schrecklich peinlich. Drinnen sitzen adrette junge Menschen, wie geklont, mit FAZ, Die Welt, taz oder Handelsblatt, rei&szlig;en affig die M&auml;ulchen auf, wenn sie in ihre Mobiltelefone fl&ouml;ten, ganz so wie in den billigen US-Serien, die im deutschen Reklamefernsehen laufen. &bdquo;Popper&ldquo; nannten wir die Vorg&auml;nger solcher Typen fr&uuml;her, die identit&auml;tslos der Anpassung schon als ganz junge Leute verfielen. In der einstmals ersten subkulturellen Filmkneipe der Republik, neben dem ersten &bdquo;Underground&ldquo; Kino, mit dem ersten ber&uuml;hmten deutschen Popart Gem&auml;lde an den Au&szlig;enw&auml;nden, sieht es mittlerweile aus wie im Restaurant einer Shopping Mall bei den Mormonen in Salt Lake City. Auf den Tischen zeitweise wei&szlig;e Decken, statt des festangestellten Kellners mit langer Haarpracht und ausgefallener Kleidung oder quirligen, selbstbewussten Studentinnen, die damals sozusagen zum unverwechselbaren &bdquo;Inventar&ldquo; geh&ouml;rten, nun st&auml;ndig wechselnde Billigjobber, artige, fade Buben und Frauen, oft mit langen Sch&uuml;rzen. Der linke Buchladen, ein paar Minuten entfernt, einst ebenfalls in der ganzen Republik bekannt, ist heute nur noch ein Schatten seiner selbst. Die heute lieblose Schaufensterdekoration ist auch mit geistigem M&uuml;ll der Eliten best&uuml;ckt, die M&uuml;ller im Kapitel &bdquo;Der Fisch stinkt vom Kopf&ldquo; sch&ouml;n heftig in ihrer ganzen Erb&auml;rmlichkeit vorf&uuml;hrt, neben dem Bundespr&auml;sidenten, dem Exkanzler auch Gro&szlig;dichter sowie wie viele Gestalten aus Medien und Wissenschaft. In diesem Universit&auml;tsviertel ist der kulturelle Kontext der k&uuml;nftigen Elite zu besichtigen. Genau von hier kommt bereits ein Teil des neoliberalen Bodensatzes von B&uuml;ndnis 90\/Die Gr&uuml;nen und der SPD, die &bdquo;Generation Reform&ldquo;, wie M&uuml;ller sie nennt, die heute so dreist &uuml;ber &bdquo;Generationengerechtigkeit&ldquo;, &bdquo;Demographie&ldquo; und &bdquo;private Rentenversicherung&ldquo; schwadroniert. Kritische Lehrinhalte waren an dieser Universit&auml;t, wo quirlige Studierende einst die Metapher &bdquo;tausendj&auml;hrige Muff unter den Talaren&ldquo; pr&auml;gten, bereits in den achtziger Jahren fast unmerklich eliminiert worden, ganze Fachbereiche bluteten dann in den neunziger Jahren aus, w&auml;hrend solche unsinnigen Einrichtungen wie der Fachbereich Journalistik entstanden, gegr&uuml;ndet von Nicht-Journalisten, darunter einem Germanisten, von dem in der Seminarbibliothek keine fachwissenschaftlichen Ver&ouml;ffentlichungen zu finden sind. Aber mit einem solchen Studiengang, lie&szlig;en sich im Rausch der Deregulierung des &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunks Drittmittel an Land ziehen, z.B. von Bertelsmann, deren Dr&uuml;ckerkolonnen f&uuml;r Trivialliteratur in den Nachkriegsjahrzehnten eigentlich noch viele Westdeutsche als Albtraum erinnern m&uuml;ssten. <\/p><p>Studierende wurden hier in den Sozialwissenschaften dieser Universit&auml;t schon Anfang der neunziger Jahre verst&auml;rkt in den Sprachverhau der Systemtheorie gejagt. Hier entstanden auch erste Netze neoliberaler Kameradschaftsb&uuml;nde, ohne die heute Kampftruppen wie INSM und Bertelmann-Stiftung ihre Kampagnen zur Gehirnw&auml;sche so nicht h&auml;tten entwickeln k&ouml;nnen. In diesem Sumpf entstanden auch schon fr&uuml;h &bdquo;rechtswissenschaftliche&ldquo; Vorarbeiten zur &bdquo;Reform&ldquo; des Grundgesetzes. In dieser Stadt z&uuml;chteten ab Mitte der achtziger Jahre auch Journalistenschulen der Verlagsh&auml;user ihre &bdquo;Edelfedern&ldquo;. Solche Plapperm&auml;ulchen des Neoliberalismus, sitzen heute in den einschl&auml;gigen Redaktionen, wo sie ohne Unterlass Wahnvorstellungen &uuml;ber &bdquo;Reformen&ldquo;, &bdquo;Eigenverantwortung&ldquo; und &bdquo;Sozialschmarotzer&ldquo; anf&uuml;ttern, sich dabei einen Deut um journalistische Moral oder auch nur das Handwerk der Recherche k&uuml;mmern. Einer der beflissensten Steigb&uuml;gelhalter ist Gabor Steingart, auch er Absolvent einer &bdquo;Journalistenschule&ldquo;. Unerm&uuml;dlich plappert er im &bdquo;Wirtschafts&ldquo;-Teil der Nachrichtenillustrierte Der Spiegel in Schlips und Kragen die Schlachtrufe der neoliberalen Kampftruppen nach &ndash; oder l&auml;sst sie plappern &ndash;. Unl&auml;ngst, anl&auml;sslich der Vermarktung seiner Phrasen in Buchform, bedankte sich Steingart artig beim Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter f&uuml;r dessen &bdquo;unbestechlichen &ouml;konomischen Rat&ldquo;, lesen wir bei M&uuml;ller. Wie weit kann deutscher Journalismus eigentlich noch sinken? Von der Gleichschaltung der Medien geht in der Tat eine reale Bedrohung f&uuml;r die Gesellschaft aus: &bdquo;Rich Media, Poor Democracy&ldquo;, was Robert McChesney in seinem Besteller 2000 f&uuml;r die USA beschrieben hat, gilt mittlerweile uneingeschr&auml;nkt auch hier in der Bundesrepublik: Neoliberalismus braucht gleichgeschaltete Medien. Und dies ist in diesem Land ebenso wie in den USA bereits weitgehend der Fall, wie auch M&uuml;ller dokumentiert. Im &ouml;ffentlich-rechtlichen Fernsehen zocken private Produktionsfirmen, die ganz offen mit neoliberalen Kampfb&uuml;nden paktieren, f&uuml;r sogenannte politische Talkshows ab. M&uuml;ller nennt diese Form der Korruption treffend &bdquo;Drittmittelfernsehen&ldquo;.<br>\nDie bisher dreisteste Form von Manipulation, Korruption und Veruntreuung &ouml;ffentlicher Geb&uuml;hren, stellt die von Unternehmerverb&auml;nden und Reklameindustrie inszenierte Medienkampagne &bdquo;Du bist Deutschland&ldquo; dar. <\/p><p>Ausfl&uuml;ge in den real existierenden Neoliberalismus kosten nicht nur Nerven und Energien. Neoliberale Leitkultur jagt Leere in die Seele, macht traurig, zeitweise schlicht bl&ouml;d und leer. Geht da &uuml;berhaupt noch ein anspruchsvoller Film rein? Erst einmal umkehren in Richtung Kino. Kein Cafe ohne &bdquo;Coffe to Go&ldquo; ist in der ganzen Gegend mehr zu finden. Aber in der Bedr&auml;ngnis kann der Mensch auch Gen&uuml;gsamkeit entwickeln. So versp&uuml;ren wir an diesem Nachmittag eine gewisse Dankbarkeit: Was w&auml;re, wenn wir jetzt noch zur Post m&uuml;ssten. Dort auch nur eine einfache, echte Briefmarke mit Motiv zu erstehen, kostet mittlerweile unglaubliche Kraft. Schlie&szlig;lich rein in einen ganz ordin&auml;ren D&ouml;ner Imbiss. Kein Gestank. Kaffee ist zwar aus, daf&uuml;r gibt es Tee, der nicht bezahlt werden darf. Und: Ruhe! Ein paar junge M&auml;nner vertiefen sich ins Gespr&auml;ch, die K&ouml;rper einander zugewandt.<br>\n&bdquo;Machtwahn&ldquo; raus. M&uuml;ller wirft den neoliberalen Abenteurern vor, die f&uuml;r mindestens 7 Millionen Erwerbslose verantwortlich sind, nicht danach zu fragen, &bdquo;was an seelischem und famili&auml;rem Leid und an volkswirtschaftlichen Sch&auml;den hinter diesen Ziffern steckt&ldquo;. Stattdessen werden die Betroffenen verfolgt und &bdquo;Angst als Steuerungsinstrument&ldquo; eingesetzt. Davon ist mittlerweile die ganze Gesellschaft infiziert: &bdquo;In den Betrieben kommt es zu einer weiteren Folge von Angst: Mobbing. Wer Angst hat, ist schnell Opfer von Mobbing. Wer Angst hat, ist aber auch h&auml;ufig T&auml;ter&ldquo;, schreibt M&uuml;ller. Und &bdquo;wer getreten wird, tritt nach unten weiter&ldquo;. Gerade in den letzten Monaten warnen Krankenkassen und SozialwissenschaftlerInnen vor den Folgen. &bdquo;Die Menschen werden seelisch und k&ouml;rperlich krank&ldquo;, h&auml;lt M&uuml;ller fest. F&uuml;r den &Ouml;konomen ist das glatt auch ein Faktor, der wirtschaftliche Produktivit&auml;t hemmt: &bdquo;welcher Wahnsinn hinter dem Konzept steckt, die Standortbedingungen einer Volkswirtschaft durch Vermehrung der Angst zu verbessern. Aber dieser Wahnsinn hat Methode. So ist das Konzept der neoliberalen Ideologie angelegt.&ldquo; Wieder einmal dr&auml;ngt sich die verst&ouml;rende Metapher &bdquo;Autoimmunisierung&ldquo; auf, die Jacques Derrida zur Beschreibung der Destruktion in neoliberalen Gesellschaften gefunden hat. Diese zerst&ouml;ren sich nicht nur von innen heraus sondern auch alle menschlichen und gesellschaftlichen F&auml;higkeiten, die zum produktiven Schaffen und Denken, zu Humanismus, Menschenrechten und Demokratie gef&uuml;hrt haben.<br>\nWir finden &uuml;berall eine &bdquo;Wiederbelebung von tagel&ouml;hner&auml;hnlichen Verh&auml;ltnissen&ldquo;, zeigt M&uuml;ller. Familien zerfallen, Partnerschaften und andere soziale Bindungen geben wenn &uuml;berhaupt nur noch zeitweise Halt. Die Grundqualifikation der vorbehaltlosen Empathie scheint l&auml;ngst zerst&ouml;rt, beg&uuml;nstigt auch durch die mediale Verwahrlosung. Auch daran l&auml;sst M&uuml;ller keinen Zweifel: die Einf&uuml;hrung des Privatfernsehens hat wie vor 20 Jahren vorausgesagt, zur &bdquo;Infantilisierung der Gesellschaft&ldquo; gef&uuml;hrt. Und zu nie gekanntem Frauenhass, m&ouml;chten wir erg&auml;nzen und verweisen auf die menschenunw&uuml;rdige Zurichtung von Frauenk&ouml;rpern im gesamten Reklamefernsehen, besonders in der Nacht. M&uuml;ller zeichnet f&uuml;r das gesellschaftliche Ged&auml;chtnis auch noch einmal nach, mit welchen korrupten Energien diese &bdquo;Deregulierung&ldquo; des Rundfunks Mitte der achtziger Jahre von Politikern und Medienkonzernen betrieben worden ist. Wo sind heute die Reportagen und journalistischen Analysen, die aufdecken, wie die Menschen geistig und materiell verelenden, wie korrupte Eliten Volkseigentum verschleudern, die Solidarit&auml;t der Sozialversicherungssysteme zerst&ouml;ren, Massenentlassungen forcieren. Wo ist journalistische Anwaltschaft, wenn Politiker Erwerbslose als Parasiten beschimpfen, die angeblich &bdquo;Missbrauch&ldquo; betreiben, weil ihnen &bdquo;der Anreiz zur Arbeit fehlt&ldquo;. Wo sind die Glossen, wo die Analysen und Kommentare die das dahinterstehende faschistoide Menschenbild sezieren? Das alles w&uuml;rde Arbeit bedeuten: lange Recherchen, viel Lekt&uuml;re, viel Auseinandersetzung mit realen Menschen sowie das Beherrschen einer von neoliberalen Mantren freien und pr&auml;zisen Sprache. Doch Nachplappern ist einfacher. Die Menschen arbeiten besser und effektiver als je zuvor, wie M&uuml;ller nicht nur anhand von Statistiken zeigt. Doch die gegenw&auml;rtigen Eliten tun nichts anderes, als das, was die Menschen dieses Landes seit 1945 geschaffen haben, systematisch zu zerst&ouml;ren. Sie sch&uuml;ren Angst und Verachtung. Was ist in diesem Land falsch gelaufen, wenn intellektuelle Leichgewichte wie Bernd Raffelr&uuml;schen oder Bert R&uuml;rup und wie sie alle hei&szlig;en im Dienste der Versicherungsindustrie stehen bzw. dubiose Institute als Tarnorganisationen der Unternehmerverb&auml;nde f&uuml;hren, gleichzeitig aber staatliche Professorengeh&auml;lter abgreifen? Warum k&ouml;nnen Beamte der Bundesrepublik Deutschland Reklamespr&uuml;che &uuml;ber &bdquo;das demographische Problem&ldquo; und &bdquo;die Notwendigkeit private Vorsorge&ldquo; als &bdquo;wissenschaftlich&ldquo; verbr&auml;mt unter die Leute bringen? Wo bleibt hier die wissenschaftliche Qualit&auml;tskontrolle? Welcher &bdquo;Anreiz zur Arbeit&ldquo; ist diesen Herrschaften eigentlich mehr wert? Die fetten Nebeneinkommen oder die mindestens 150 Studierenden pro Semester? Letztere w&uuml;rden einzeln intensive Betreuung erfordern. Mindestens eine 60 Stundenwoche w&auml;re also die Folge. Wie gehen diese Herrschaften beispielsweise didaktisch und moralisch mit den &Auml;ngsten angehender AkademikerInnen um, angesichts der Hoffnungslosigkeit im Strudel weltweiter Zerst&ouml;rung. Vermitteln diese und andere Botschafter des Kapitals dem Nachwuchs noch wissenschaftliches Handwerk? Bef&auml;higen sie die jungen Menschen dazu, Thesen, Glaubenss&auml;tze oder Klischees von Evidenzen zu unterscheiden? Lehren sie wie die gesellschaftlichen Ursachen sozialer und &ouml;konomischer Ph&auml;nomene zu analysieren sind? Bef&auml;higen sie junge Menschen, Biss in der Wissenschaft zu finden, um einmal im Dienste der Mehrheit der Gesellschaft denken, forschen, arbeiten zu k&ouml;nnen? Oder wird die Lehre nur als l&auml;stiges Nebenbei abgewickelt, weil Abzocke dicker Beraterhonorare so lukrativ ist? Wie steht es mit der t&auml;glichen Lekt&uuml;re von Fachliteratur dieser und anderer Herren &bdquo;Honorar&ldquo;- Professoren? Keine Anhaltspunkte daf&uuml;r bieten ihre heruntergeleierten Glaubensbekenntnisse der Versicherungswirtschaft wie &bdquo;Demographie&ldquo; und &bdquo;privater Vorsorge&ldquo;, versetzt mit weiteren Chor&auml;len, frei nach der Strophen: &bdquo;Arbeit braucht Wachstum und Wachstum braucht Freiheit&ldquo; oder &bdquo;Wir senken die Lohnnebenkosten, damit endlich wieder mehr Menschen in Arbeit kommen&ldquo; . Was tragen die Medien zur gesellschaftlichen &Auml;chtung solchen Gier und vors&auml;tzlicher Verbl&ouml;dung bei? Derzeit kann die Versicherungsindustrie dank solcher &bdquo;Professoren&ldquo; aber auch korrupter &bdquo;Talkmaster&ldquo; ganz ungest&ouml;rt richtig abzocken. M&uuml;ller zeigt: wenn es geling, nur 10 Prozent der Beitr&auml;ge f&uuml;r die staatliche Rente auf private Vorsorge umzulenken erzielt die Versicherungswirtschaft einen Umsatzzuwachs von 15 Milliarden Euro. Wer bezahlt das eigentlich? Warum schreiten hier nicht Rechnungsh&ouml;fe, Universit&auml;tsleitungen und Ministerien ein? Wo versagen hier demokratische Strukturen?<br>\nEine Art &bdquo;Deregulierung&ldquo; findet auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften seit l&auml;ngerem statt, nicht nur durch Ausblutung der Fachbereiche, sondern auch durch nahezu kollektive Verweigerung der Professorenschaft, sich neueren philosophischen und sozialwissenschaftlichen Debatten zu stellen. Wo ist beispielsweise eine Sprachwissenschaft, die das allt&auml;gliche Gew&auml;sch dekonstruiert, dabei den Worth&uuml;lsen, den Neologismen des neoliberalen Wahns samt seiner Metaphern der Verachtung nachsp&uuml;rt? Nach dem katholischen Klerus ist diese beamtete Elite deutscher Professoren noch immer der reinste M&auml;nnerbund, was in anderen L&auml;ndern, die sich demokratisch nennen, einfach undenkbar w&auml;re. Nur in diesem Land ist das kein Skandal. Doch genau das geh&ouml;rt auch zum Wesen des Neoliberalismus: Seine patriarchalen Eliten betreiben Machtmissbrauch, in erster Linie auf Kosten der weiblichen Bev&ouml;lkerung, national und global.<\/p><p>Die Lekt&uuml;re von &bdquo;Machtwahn&ldquo; kann gerade auch der Leserin die innere Wut zur&uuml;ckgeben, die Wut dar&uuml;ber, tagt&auml;glich konzertierten Verdummungsoffensiven ausgesetzt zu sein, w&auml;hrend um uns herum das soziale und vor allem auch das kulturelle Leben zerf&auml;llt. Das ist vielleicht das gr&ouml;&szlig;te Verdienst von &bdquo;Machtwahn&ldquo;: &Uuml;ber diese fachlichen Analyse der Verh&auml;ltnisse des Verscherbelns und Veruntreuens kann sich die Leserin von der diffusen Melancholie zun&auml;chst zur&uuml;ck auf die inneren Barrikaden bringen und so schrittweise ihre Handlungsf&auml;higkeit wiedergewinnen. Somit ist &bdquo;Machtwahn&ldquo; ein klassisch emanzipatorisches Buch alter, sozial verantwortlicher Schule. <\/p><p>So innerlich aufgetankt und noch eine Flasche Wasser f&uuml;r die Vorf&uuml;hrung gekauft, die gro&szlig;e Kreuzung r&uuml;ber, ins Kino. Der riesige Saal ist fast leer, rund ein Dutzend Frauen habe Platz genommen, dann kommen zwei junge M&auml;nner, bieder, adrett, setzen sich ausgerechnet neben mich. Bis sich der Vorhang auftut, reden sie mit ernsthafter Miene &uuml;ber &bdquo;Ranking&ldquo;, die &bdquo;Bucerius Law School&ldquo; als Karrierestart und verharren noch eine Weile im Jargon des Denglish. In den n&auml;chsten zwei Stunden werden diese Jungs keine Miene verziehen. Sie sind im falschen Film, aber wenigstens haben sie dann am Ende zwei Stunden echtes Englisch geh&ouml;rt. <\/p><p>Wie sieht es also bei Spike Lee zu Hause aus? Das Klientel, das M&uuml;ller noch distinguiert und wirklich fast zu h&ouml;flich &bdquo;Eliten&ldquo; nennt, hei&szlig;t dr&uuml;ben schon ganz anders. &bdquo;Gangster regieren das Land&ldquo;, so kommentiert der alte Folks&auml;nger Pete Seeger im gerade mit einem Ehren-Grammy ausgezeichneten Dokumentarfilm &bdquo;Isn&rsquo;t it a time&ldquo; die Verh&auml;ltnisse. Und der international bekannte Publizist Greg Palast nannte k&uuml;rzlich die F&uuml;hrung des Landes schlicht &bdquo;Gangster Government&ldquo;. Der Gangster ist eine amerikanische Ikone, ein &bdquo;all American icon&ldquo;, in Mythen, Folklore und Film verkl&auml;rt. Somit liegt also auch tieferer Sinn darin, wenn sich Lee am Gangster Genre versucht. Und das tut er mit luzider Lust. &ldquo;Chaiyya Chaiyya&ldquo;, dieser Bollywood Hit, zu dem Lee die ersten Bilder, nat&uuml;rlich aus Brooklyn, montiert, haut gleich rein, mitten ins Sonnegeflecht.<br>\nWir lernen den von Clive Owen gegebenen Dalton Russell kennen, den Chef der vier &bdquo;Gangster&ldquo;, die sich untereinander nur mit Abwandlung von &bdquo;Steve&ldquo; anreden. Dann holen wir mit den drei m&auml;nnlichen &bdquo;Gangstern&ldquo; unten am Hudson die Kollegin ab, fahren im Kastenwagen weiter zum Exchange Place 20\/Ecke Hanover, nur ein paar Blocks von Ground Zero entfernt. Im Handumdrehen finden wir uns mit den &bdquo;Gangstern&ldquo; in Maleroveralls in der Schalterhalle der Manhattan Trust Bank wieder. Die Ausstattung: reinstes Art Deco. Und vor den Schaltern steht Brighton Beach in Miniausgabe, inklusive einem Japaner und einem Sikh hinter einem der Schalter, plus einiger Banker, die in der benachbarten Wall Street arbeiten. Das sind Lee&rsquo;s &bdquo;Vereinigte Staaten von Amerika&ldquo;, wie er in Interviews stolz erz&auml;hlt. Und er greift ins Volle. Mit seinem Kameramann Matthew Libatique hat er die Szenen ins sch&ouml;ne Art Deco gesetzt, was dem Film trotz aller Turbulenzen der Handlung wohlige innere Ruhe gibt.<br>\nLee spielt nicht nur burlesk mit Bildern und Motiven, sondern auch mit Klischees. Wie sehr auch die Zuschauerin darauf reinf&auml;llt, merkt sie mit Gl&uuml;ck sp&auml;testens ganz am Schluss, wenn die schwarze Limousine vorfahren wird. In der Bank haben wir zum Beispiel den Rabbi, typisch weltfremd und etwas derangiert. Dann gestikuliert da die laszive schwarzhaarige Frau, laut und heftig, die Augen rollend am Mobiltelefon, deren volumin&ouml;ses Dekollet&eacute; nicht nur den jungen Japaner tief beeindruckt. Ist das nicht die typisch junge j&uuml;dische New Yorkerin der absinkenden Mittelklasse aus Brooklyn? Devot kommt ein schwarzer Sicherheitsmann der Bank auf sie zu, mahnt sie zum D&auml;mpfen ihrer Stimme an. Derweil sind die &bdquo;Gangster&ldquo; bereits in aller Ruhe in Aktion, haben die Kameras abgeschaltet und geben nun die Bankr&auml;uber. Als alle ihre neoliberalen Spielzeuge, die Mobiltelefone abgeben m&uuml;ssen, will ein waschechter wei&szlig;er Banker schlauer sein. Na klar doch, den f&uuml;hrt Lee mit Lust als ausgemachten Angsthasen vor. Dann m&uuml;ssen sich alle bis auf die Unterw&auml;sche ausziehen, um bald darauf in wei&szlig;-graue Overalls zu schl&uuml;pfen und Mundmasken aufzusetzen. Unschwer erkennen wir darin Anspielung auf Abu Ghraib und Guantanamo. Fast alle f&uuml;gen sich, nur eine &auml;ltere j&uuml;dische Frau wehrt sich, wie es scheint aus Scham, wird daraufhin abrupt angefasst. Auch sie werden wir ganz am Schluss wiedersehen. <\/p><p>Wer k&ouml;nnte mit dem schwarzen Macho-Kult, dieser klassischen Kompensation sozialer und politischer Erniedrigung, besser spielen und dann auch noch den New Yorker Cop Keith Frazier so brillant geben, wie Denziel Washington? In den ironischen Anspielungen auf die Hypersexualit&auml;t l&auml;sst John Shaft gr&uuml;&szlig;en. Aber Frazier ist auch im System von Korruption und Rassismus verfangen, verwechselt schon mal absch&auml;tzig Armenier mit Albanern. Zu H&ouml;chstform l&auml;uft das Mannsbild auf, wenn er der stahlblonden Madeleine White, vorz&uuml;glich von Jodi Foster im Chanel Kost&uuml;m und High Heels dargestellt, die von ihm erwartete Unterw&uuml;rfigkeit verweigert. Ms White, bezahlt vom Besitzer der Bank, Mr. Case, setzt sich dann zwar mit Hilfe des B&uuml;rgermeisters &uuml;ber die Polizei hinweg und verhandelt mit dem &bdquo;Gangster&ldquo; Dalton Russell direkt. Die Lobbyistin und Intrigantin tut f&uuml;r Geld alles, vielleicht aber auch nur fast alles. Beil&auml;ufig erw&auml;hnt sie, nur bei Kapitalverbrechen w&uuml;rde sie nicht mitmachen. Durch sie wird der Zuschauerin bald klar, warum der &bdquo;Inside Man&ldquo;, Dalton Russell, den &Uuml;berfall inszeniert, aber komischerweise &uuml;berhaupt kein Interesse an den Banknoten zeigt, die irgendwann einfach nur so herumfliegen. Der Ziel der Operation ist ein ganz anderes: das geheime Schlie&szlig;fach von Mr. Case. Mit r&uuml;cksichtloser Gier hat sich Case n&auml;mlich als junger Mann in Nazi Deutschland mit Diamanten und Geld von Juden versorgt, sie dann kaltbl&uuml;tig ihrem Schicksal &uuml;berlassen: den Gaskammern von Auschwitz. &bdquo;Wenn Blut auf den Strassen flie&szlig;t, kaufen sie so viel sie k&ouml;nnen&ldquo;, l&auml;sst Lee einen alten Spruch von Rothschild zwei Mal zitieren. Dieser Case ist also der eigentliche Gangster. Die Diamanten existieren noch, auch Dokumente &uuml;ber den Deal mit den M&ouml;rdern. Unschwer ist die historische Anspielung zu erkennen: Auch der Gro&szlig;vater von George W. Bush hat von der Ermordung europ&auml;ischer Juden profitiert, so das Familienverm&ouml;gen erheblich vergr&ouml;&szlig;ert. Bilder der Bush Familie sind dann auch schemenhaft im Zimmer von Case zu sehen.<br>\nAllerlei weitere Verwicklungen folgen, mit vielen weiteren Anspielungen auf das pralle Leben, vieles geradezu liebevoll in spielerische Ironie verwoben. Zwei Nebenfiguren haben Lees vollste Anwaltschaft: Da ist der Sikh, ein Angestellter der Bank. Kurz nachdem ihn die &bdquo;Gangster&ldquo; vor die T&uuml;r der Bank setzen, kommt ein Cop italienischer (nat&uuml;rlich!) Abstammung, behandelt ihn brutal, rei&szlig;t ihm den Turban vom Kopf, schreit ihn mit &bdquo;Fucking Arab&ldquo; an. Das l&auml;sst sich der schm&auml;chtige Mann nicht gefallen und verlangt auch von Frazier, bevor er &uuml;berhaupt irgendeine Aussage machen will, ihm den Turban zur&uuml;ck zu bringen. &bdquo;Erst schlagt ihr mich und dann wollt ihr meine Hilfe. Was ist mit meinen B&uuml;rgerrechten?&ldquo; Und Spike Lee kann es nicht lassen, als realer Vater durch sein Medium, den &bdquo;Inside Man&ldquo; zu sprechen. Da ist Brian, nach eigenen Angaben &bdquo;acht drei Viertel&ldquo; Jahre alt. Brian muss in keinen Overall schl&uuml;pfen und findet das Ganze sowieso tierisch cool, ist voller Neugierde dabei, mampft zwischendurch gen&uuml;sslich seine Pizza. Der Chef-&bdquo;Gangster&ldquo; begutachtet schlie&szlig;lich seinen Game Boy und ist schlicht entsetzt &uuml;ber das scheu&szlig;liches Video, was der Kleine drauf hat: &bdquo;Kill that Nigga&ldquo;. Im Ton des liebreizenden Mini-Machos mit Babyspeck erkl&auml;rt er dem &bdquo;Gangster&ldquo;, das Leben sei eben so: &bdquo;wie bei 50 Cent: &sbquo;Get Rich Or Die&rsquo;&ldquo; und dr&uuml;ckt auf die Taste, worauf ein &bdquo;Gangsta&ldquo; auf dem kleinen Bildschirm blut&uuml;berstr&ouml;mt zusammen bricht. Ein paar strenge Blicke, wenige Worte und der L&uuml;tte kapiert, dieses Spiel ist &uuml;berhaupt nicht sexy. Lee inszeniert hier eine seiner Lieblingsobsessionen: er gei&szlig;elt den Verrat der schwarzen Musik durch den Gangsta Rap, f&uuml;r Thrill und Gier des wei&szlig;en Mannes. Diese kleine Szene wird zur Parabel auf den Selbsthass von Teilen der schwarzen Bev&ouml;lkerung, die sich sogar ihre Kultur enteignen lassen, deren &bdquo;Idole&ldquo; sich dann in den Medien als &bdquo;Gangsta&ldquo; und Sexualobjekte f&uuml;r perverse Begierden vorf&uuml;hren lassen. <\/p><p>&Uuml;berhaupt thematisiert der Film im Subtext, wie immer bei Lee, viel den Umgang mit der eigenen Entw&uuml;rdigung durch Konsum und Medien, aus denen Gangstersyndikate ebenfalls Profit ziehen. Auch so werden Menschen im mehrfachen Sinne zu Geiseln. Wer nun im Inneren der Bank Geisel und wer &bdquo;Gangster&ldquo; ist, wer gibt, wer spielt, wer leidet, ist bald v&ouml;llig unklar und egal, immer unsch&auml;rfer werden die Konturen. Schlie&szlig;lich landen bis auf &bdquo;Inside Man&ldquo;, der noch viele Tage im Inneren mit den wertvollen Dokumenten verbleiben wird, alle vor der Bank. Alle werden zu Boden geworfen, alle mit den wei&szlig;en Plastikb&auml;ndern gefesselt, die New Yorker Cops seit einigen Jahren bei Demonstrationen im Dutzend an ihren Hosen tragen. Wei&szlig; ist zur Farbe brutaler staatlicher Gewalt geworden, in New York und in Guantanamo. Alle werden schlie&szlig;lich entw&uuml;rdigt in Stadtbussen abtransportiert, &auml;hnlich wie Demonstrierende gegen Bush im Sommer 2004, unter denen, genau wie im Film, ebenfalls auch &auml;ltere Menschen waren. Die B&uuml;rgerrechte verlieren sie vor&uuml;bergehend alle, jede Person wird stundenlang in leeren R&auml;umen verh&ouml;rt. Anders als der v&ouml;llig resignierte Woody Allan, der in &bdquo;Match Point&ldquo; das Verbrechen in Anbetracht der zynischen Macht nicht einmal mehr s&uuml;hnt, l&auml;sst sich Spike Lee die Hoffnung in die Moral der Menschen nicht nehmen. Auch er hat nat&uuml;rlich keinen Zweifel daran, wie sehr nicht nur die 500 Reichsten, die er auch hier nicht unerw&auml;hnt l&auml;sst, in Form legalisierter Verbrechen zu allem f&auml;hig sind: wie Case verdienen sie besonders gut, wenn Blut flie&szlig;t, &ndash; so wie derzeit im Irak. <\/p><p>Eine gute Woche sp&auml;ter steht die schwarze Limousine vor der Bank. Drinnen sitzen der Rabbi, die alte Frau, die schrille junge Frau, der eine weibliche &bdquo;Gangster&ldquo;, beide offensichtlich Schwestern, alle aus Brooklyn. Innen herrscht normale Gesch&auml;ftigkeit. Wir sehen wie der &bdquo;Gangster&ldquo; Dalton Russell, der sich in der Bank eingemauert hatte, nun in Freizeitkleidung durch die Menge in der Schalterhalle spaziert, auf den Ausgang zu. Dabei rempelt er noch mal kurz Frazier an, l&auml;sst ihm was in die Jackentasche gleiten. Dann steigt er drau&szlig;en ins Auto, in die &bdquo;Gangster&ldquo; Limousine. Und auf geht es nach Brooklyn. Die Helden dieses Films: eine j&uuml;dische Familie, die wahrscheinlich viele Angeh&ouml;rige im Holocaust verloren hat. Nun ist es an Frazier, ob er sich als Cop weiter schmieren l&auml;sst, beispielsweise durch die eben erhaltene Bef&ouml;rderung oder ob er weiter ermittelt, n&auml;mlich gegen die Kriegsverbrechen von Case. Wie die Stahlblonde reagieren wird, ob sie bei ihrer Gesch&auml;ftsmoral bleibt, l&auml;sst Lee offen.<\/p><p>Zwischen Lee und M&uuml;ller besteht die Hoffnung betreffend jedoch ein sehr gravierender Unterschied. F&uuml;r Lee ist die Verfassung der Vereinigten Staaten die Druckerschw&auml;rze nicht wert: &bdquo;F&uuml;r uns gibt es keine Demokratie. Nur Scheinheiligkeit.&ldquo; Demgegen&uuml;ber bleibt M&uuml;ller ein in der Wolle gewirkter Verfassungspatriot. Und wir hoffen mit ihm, wirklich noch &uuml;ber mehr Substanz demokratischer Strukturen zu verf&uuml;gen, obwohl mehr als Zweifel angebracht sind. Auch bei uns droht jegliche geschichtliche und moralische Erdung verloren zu gehen. In einem dreisten Coup wurde beispielsweise Horst K&ouml;hler als Bundespr&auml;sident in die erste Reihe der tumben Truppe katapultiert. Im Jahr 2000 bereits war er von seinem G&ouml;nner Gerhard Schr&ouml;der als Direktor in den IWF gehievt worden, direkt in die Kommandozentrale des internationalen Kapitals, wo er direkt f&uuml;r die Verelendungsprozesse in den armen L&auml;ndern mit verantwortlich war. Zynischer kann die Missachtung der Bev&ouml;lkerung, die von diesem Herren vor seiner &bdquo;Wahl&ldquo; kaum etwas geh&ouml;rt hatte, nicht ausfallen. Als Dank daf&uuml;r lobt K&ouml;hler unerm&uuml;dlich bis heute Schr&ouml;ders &bdquo;Jahrhundertwerk Agenda 2010&ldquo; und fordert, wie auf einer Platte mit Sprung &bdquo;weitere Reformen&ldquo;, im Sinne des Kapitals nat&uuml;rlich, immer und immer wieder. Mit Ausnahme des Hau-Ruck Mannes, Roman Herzog Mitte der neunziger Jahre, hat kein anderer in diesem Amt Sorgen und N&ouml;te der Menschen derart verh&ouml;hnt. Er ist der &bdquo;h&ouml;chste Repr&auml;sentant der neoliberalen Bewegung in Deutschland&ldquo;, stellt M&uuml;ller fest. Selten hat ein Mann die innere Leere neoliberalen Wahns so prominent vertreten. Was f&uuml;r ein Vorbild f&uuml;r unsere Jugend! K&auml;men jungen Leute doch nur vermehrt auf die Idee, sich auf der webside <a href=\"http:\/\/www.bundespraesident.de\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.bundespraesident.de\">www.bundespraesident.de<\/a> dessen Mantren &bdquo;in einem Guss&ldquo; runterzuladen. Sie k&ouml;nnten ihre Emp&ouml;rung &uuml;ber leitkulturellen Sprach- und Denk- und Moralverfall n&auml;hren und endlich die gesunde Wut entwickeln, die eine Demokratie als Lebenselixier braucht. Die letzten Reste unserer demokratischen Kultur sind durch solche &bdquo;Repr&auml;sentanten&ldquo; in h&ouml;chstem Ma&szlig;e gef&auml;hrdet. <\/p><p>M&uuml;ller fragt schlie&szlig;lich: sind die Eliten &bdquo;Dumm, arglos oder korrupt?&ldquo; Alles trifft zu. Aber in erster Linie sind sie politisch und ethisch v&ouml;llig verwahrlost. &bdquo;Es geht darum, den Menschen wieder Mut zu machen und ihnen Sicherheit zu vermitteln &hellip; Die Politik ist nicht dazu da, die Menschen zu verunsichern, die Politik ist dazu da, f&uuml;r eine hoffnungsvolle Zukunft der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger zu sorgen.&ldquo;, schreibt M&uuml;ller. &bdquo;Der Fisch stinkt vom Kopf&ldquo;, das war in der Geschichte des Kapitalismus selten anders. Aber nun ist der Gestank weltweit unertr&auml;glich geworden. Doch neue Kraft kam in der Geschichte immer und ausschlie&szlig;lich von unten. &bdquo;Uns trennt nichts vom Paradies als unsere Angst&ldquo;, sang Rio Reiser in den wilden siebziger Jahren. H&ouml;ren wir dazu noch mal kurz einem Lee&rsquo;schen Hoffnungstr&auml;ger von heute zu: Irgendwann fragt Frazier den kleinen schwarzen Jungen, ob er denn w&auml;hrend der ganzen &bdquo;Geiselnahme&ldquo; Angst gehabt habe: &bdquo;Nee&ldquo;, antwortet Brian, ohne Nachdenken aber schon allein &uuml;ber die Frage ist er eigentlich ziemlich entr&uuml;stet: &bdquo;Ich bin doch aus Brooklyn!&ldquo;. Frazier, der auch von dort kommt, antwortet: &bdquo;Gut Mr. Brooklyn&ldquo;.<br>\nAm Schluss haut Lee noch mal mit &ldquo;Chaiyya Chaiyya&ldquo; rein, diesmal in einer Rap Vision noch mal richtig scharf gemacht, sch&ouml;n voll im Sound, damit der ganze K&ouml;rper vibriert. Das ist pure Kraft gegen die Angst, k&ouml;nnte sogar dr&ouml;ge Deutsche in ihren Verh&auml;ltnissen zum Tanzen bringen. Vielleicht auf einer der n&auml;chsten Massendemonstrationen gegen unsere korrupten Eliten? Und wir br&auml;uchten einfach auch mehr &bdquo;Gangster&ldquo;: Geistes &ndash; &bdquo;Gangster&ldquo;, Kultur-&bdquo;Gangster&ldquo;, Politik-&bdquo;Gangster&ldquo;, &bdquo;Gangster&ldquo; f&uuml;r den uneingeschr&auml;nkten und wieder auszubauenden Sozialstaat, &bdquo;Gangster&ldquo; f&uuml;r einen demokratischen Humanismus. Also kurzum, &bdquo;Gangster&ldquo;, die einfach &uuml;berall den korrupten Eliten und echten Gangstern das Handwerk legen &ndash; Geschlecht gern weiblich und m&ouml;glichst viel davon. Innerlich stark machen k&ouml;nnen wir uns derweil bei unserem &bdquo;Inside Man&ldquo; und seiner Philippika &bdquo;Machtwahn&ldquo;. Und dann nie mehr die Wut runterschlucken! Versprochen? &Uuml;berall auf der Welt wehren sich Menschen wieder kollektiv und konstruktiv, unter oft sehr viel erb&auml;rmlicheren Bedingungen. 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