{"id":11178,"date":"2011-11-03T14:45:15","date_gmt":"2011-11-03T13:45:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11178"},"modified":"2014-12-03T10:56:03","modified_gmt":"2014-12-03T09:56:03","slug":"denk-ich-an-europa-in-der-nacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11178","title":{"rendered":"Denk ich an Europa in der Nacht&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Merkel und Sarkozy drohen den Griechen mit dem Ausschluss aus der Eurozone, die Medien schreiben das angek&uuml;ndigte Referendum zu einer Entscheidung &uuml;ber die Zukunft Europas hoch und in der &Ouml;ffentlichkeit wird Griechenland einmal mehr als der S&uuml;ndenbock verurteilt. Geht es denn bittesch&ouml;n nicht etwas kleiner und leiser? Der gewaltige L&auml;rm aus Nizza &uuml;bert&ouml;nt dabei nur die eigene Phantasie- und Ratlosigkeit. Solange Europa keine konstruktiven Vorschl&auml;ge zur Krisenbew&auml;ltigung macht und weiterhin Merkels Dogma von einer &bdquo;marktkonformen Demokratie&ldquo; folgt, droht der echten Demokratie ein irreparabler Schaden. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Wir m&uuml;ssen die Wettbewerbsf&auml;higkeit f&uuml;r unsere Kinder und Enkel erhalten&ldquo; &ndash; <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/politik\/europa\/:schuldenkrise-der-schwaechste-fliegt-aus-euroland\/60124374.html?page=2\">dieser Satz<\/a>, gesprochen von Angela Merkel nach dem gestrigen Abendessen mit Nicolas Sarkozy und Giorgos Papandreou, beschreibt die politische Agenda der vermeintlichen Euroretter wohl besser, als es jeder ihrer Kritiker je k&ouml;nnte. Von Demokratie ist heute gar nicht mehr Rede. Die Interessen der gerne als &bdquo;Finanzm&auml;rkte&ldquo; umschriebenen Spekulanten, der Gro&szlig;- und Investmentbanken und Hedge-Fonds, bestimmen die Agenda. Was die Menschen wollen, spielt l&auml;ngst keine Rolle mehr. Die M&auml;rkte und ihre Interessen diktieren der Politik, wo es lang geht. Die B&ouml;rsenkurse gelten dabei als Gradmesser des Erfolgs. So muss man sich wohl die &bdquo;<a href=\"\/?p=10611\">marktkonforme Demokratie<\/a>&ldquo; vorstellen, die sich Angela Merkel auf ihre Fahnen geschrieben hat. <\/p><p>Bevor man sich &uuml;ber die Bedeutung des angek&uuml;ndigten Referendums und die Folgen, die sich daraus ergeben k&ouml;nnten, Gedanken macht, sollte man sich zun&auml;chst einmal vor Augen halten, wer momentan die griechische Politik bestimmt. Getreu dem Motto &bdquo;Friss oder stirb&ldquo; wurden Griechenland von der sogenannten Troika Bedingungen gestellt, von deren Erf&uuml;llung jede Auszahlungstranche der &bdquo;Rettungsgelder&ldquo; abh&auml;ngig gemacht wird. Die Troika besteht aus der Europ&auml;ischen Zentralbank (EZB), dem Internationalen W&auml;hrungsfonds (IWF) und der Europ&auml;ischen Union (EU). Diese drei Organisationen, von denen die ersten beiden &uuml;berhaupt nicht demokratisch legitimiert sind, haben jeweils einen Experten entsandt, der nun &ndash; wie einst Kaiser Nero &ndash; den Daumen heben oder senken kann. Nero und seine Nachfolger machten ihre Entscheidung &ndash; so die Geschichtsschreibung &ndash; meist vom &bdquo;P&ouml;bel&ldquo; abh&auml;ngig. Wer steht hinter den <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/politik\/ausland\/griechenland-und-die-troika-zwei-deutsche-und-ein-daene-regieren-athen-1735430.html\">drei Vertretern der Troika<\/a>? Wem sind sie Rechenschaft schuldig? Sind sie unabh&auml;ngig von den Interessen der Finanzwirtschaft? Ist es &uuml;berhaupt mit unserem Demokratieanspruch zu vereinbaren, dass Technokraten ohne demokratische Legitimation, ohne parlamentarische Kontrolle, und ohne Rechenschaft ablegen zu m&uuml;ssen, &uuml;ber das Schicksal ganzer V&ouml;lker bestimmen k&ouml;nnen?<\/p><p>Vielleicht sollte man sich noch einmal Willy Brandts legend&auml;ren Satz &bdquo;Mehr Demokratie wagen&ldquo; ins Ged&auml;chtnis rufen. Die Krisenstrategie der &bdquo;Euroretter&ldquo; scheint stattdessen &bdquo;Weniger Demokratie wagen&ldquo; zu lauten. Man verteidigt die Demokratie jedoch nicht dadurch, dass man sie aufgibt. Was der &Ouml;ffentlichkeit momentan als &bdquo;Rettung Griechenlands&ldquo; verkauft wird, ist bei n&auml;herer Betrachtung vielmehr eine Rettung der Banken. Griechenland hat bei dem ganzen Prozess nur die Funktion einer Durchgangsstation &ndash; die Troika &uuml;berweist Griechenland Geld, das wenige Tage sp&auml;ter von den Griechen an die Banken und Versicherungen ausgezahlt wird, deren Staatsanleihen f&auml;llig werden. Dadurch verschwindet auch die Verschuldung Griechenlands nicht. Nach jeder Tranche hat Griechenland lediglich weniger Schulden bei den Banken und mehr Schulden bei der Troika. Konkret geholfen ist den Griechen damit nicht, auch die Zinsen sinken um kein Jota. <\/p><p>Die Bedingungen, an die Zahlungen die der Troika gekoppelt sind, sind jedoch f&uuml;r die griechische Volkswirtschaft und das griechische Volk verheerend. Geh&auml;lter und Renten sind im freien Fall begriffen, der Staat f&auml;llt als Investor weitestgehend aus, die Nachfrage implodiert &ndash; wer glaubt, mit einer Br&uuml;ningschen Deflationspolitik die fiskalischen und volkswirtschaftlichen Probleme eines Landes l&ouml;sen zu k&ouml;nnen, beleidigt die Geschichte durch ein unglaubliches Ma&szlig; an Ignoranz und Phantasielosigkeit. <\/p><p>Die griechische Demokratie ist vergleichsweise jung. Bis 1974 wurde das Land noch von einer Milit&auml;rjunta regiert. Man muss wahrlich kein Schwarzmaler sein, um sich ernsthafte Sorgen um die demokratische Zukunft eines Landes zu machen, dem von au&szlig;en eine komplett destruktive Sparpolitik oktroyiert wird. Papandreous geplantes Referendum &uuml;ber die Zukunft des Landes erscheint vor diesem Hintergrund alternativlos, auch wenn es die Interessen der Finanzm&auml;rkte mit F&uuml;&szlig;en tritt. Was nutzt es dem Land, wenn es dem Diktat der Finanzm&auml;rkte folgt und sich dabei selbst zugrunde richtet? Die Erfahrung zeigt, dass es in d&uuml;steren Krisenzeiten nicht die Demokraten sind, die Zulauf bekommen. <\/p><p>Ist es ein Zeichen von Phantasielosigkeit oder ein Zeichen von ideologischer Borniertheit, dass den europ&auml;ischen Regierungschefs keine Alternative zum radikalen Sparkurs einf&auml;llt? Sowohl Politik als auch Medien sehen das Referendum als &bdquo;Schicksalsfrage f&uuml;r ganz Europa&ldquo;. Abgesehen vom schon fast gr&ouml;&szlig;enwahnsinnigen Duktus dieser Wortwahl wird hier suggeriert, dass es keine Alternativen g&auml;be. Das aber ist falsch. Selbstverst&auml;ndlich k&ouml;nnte man die Zielvorgaben der Troika ohne weiteres abschw&auml;chen oder gar so lange aussetzen, bis das Land &uuml;berhaupt in der Lage ist, weitere Sparma&szlig;nahmen umzusetzen. Selbstverst&auml;ndlich k&ouml;nnte man die Anleihen der Banken auch ganz einfach sofort in die frisch gehebelte EFSF &uuml;berf&uuml;hren. Dann w&auml;re Griechenland ausschlie&szlig;lich bei &ouml;ffentlichen Gl&auml;ubigern verschuldet, die bekanntlich einen langen Atem haben. <\/p><p>Die &bdquo;Friss-oder-Stirb-Strategie&ldquo; ist von allen m&ouml;glichen Alternativen die schlechteste. Sie ist ein Vabanque-Spiel, bei dem nicht nur die Zukunft Griechenlands, sondern auch die Zukunft Italiens, Spaniens, Portugals, Irlands und damit die Zukunft der gesamten EU auf dem Spiel steht. Mehr und mehr scheint es so, als werde Europa von einer Bande von Hasardeuren regiert, denen das Lebenswerk ihrer Vorg&auml;nger egal ist und denen es gar nicht mehr um das friedliche Zusammenwachsen eines durch Kriege gezeichneten Kontinents, sondern ausschlie&szlig;lich um die Interessen einiger Akteure am Finanzmarkt geht. Frei nach Heinrich Heine m&ouml;chte man da sagen: &bdquo;Denk ich an Europa in der Nacht, dann bin um den Schlaf gebracht&ldquo;.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/7274d9841bd44cb0811932a99d0eba58\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Merkel und Sarkozy drohen den Griechen mit dem Ausschluss aus der Eurozone, die Medien schreiben das angek&uuml;ndigte Referendum zu einer Entscheidung &uuml;ber die Zukunft Europas hoch und in der &Ouml;ffentlichkeit wird Griechenland einmal mehr als der S&uuml;ndenbock verurteilt. Geht es denn bittesch&ouml;n nicht etwas kleiner und leiser? 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