{"id":111944,"date":"2024-03-04T09:13:13","date_gmt":"2024-03-04T08:13:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=111944"},"modified":"2024-03-13T16:16:00","modified_gmt":"2024-03-13T15:16:00","slug":"links-gruen-versifft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=111944","title":{"rendered":"Links-gr\u00fcn versifft?"},"content":{"rendered":"<p>Unsere Gesellschaft befindet sich in einem gef&auml;hrlichen, enorm eskalierten Zustand des Auseinanderdriftens. Die Wortwahl der Menschen wird krasser und krasser, aus Diskussionen werden heftige Streitereien, sp&auml;ter tritt Schweigen, Funkstille ein. Diffamierungen, Ausgrenzungen, Distanzierungen und Entfremdung stehen permanent auf der Tagesordnung. Abwertende Stempel werden herausgeholt und denen kr&auml;ftig aufgedr&uuml;ckt, die nicht mit einem sind und\/oder die man w&auml;hnt, nicht f&uuml;r einen zu sein. Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich. Bei all der ausufernden Rage und bei allem Schimpfen &uuml;ber Zust&auml;nde und &bdquo;versiffte&ldquo; Akteure ger&auml;t jedoch das Wesentliche in den Hintergrund: die Ursachen und das Treiben der Verursacher f&uuml;r den bedenklichen Zustand der Gesellschaft. Dieses Verdunkeln wirkt bis in die Gespr&auml;che unter Freunden, die sich dabei ertappen, Phrasen zu verwenden, die allenfalls heftig, aber keinesfalls zutreffend sind. Das Auseinanderdriften anzuhalten gelingt damit nicht. Durch Benennen und Anklagen von Ursachen w&auml;re ein Anfang daf&uuml;r gemacht. Und weiter muss es gehen mit dem Anhalten der Zerst&ouml;rung der Gesellschaft. Ein Beitrag von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3290\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-111944-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240304-Links-gruen-versifft-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240304-Links-gruen-versifft-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240304-Links-gruen-versifft-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240304-Links-gruen-versifft-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=111944-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240304-Links-gruen-versifft-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240304-Links-gruen-versifft-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Mein guter Freund tobte<\/strong><\/p><p>&bdquo;Schau Dir doch nur mal die ganzen links-gr&uuml;n versifften Medien und Parteien an, die bestimmen, was wir denken und tun sollen.&ldquo; Einem sehr guten, gesch&auml;tzten, langj&auml;hrigen Freund rutschte dieser Satz dieser Tage bei einem langen, gemeinsamen Gespr&auml;ch &uuml;ber Gott und die Welt, vor allem &uuml;ber unser Land und &uuml;ber unsere Sorgen heraus. Ich nahm ihm in seiner Ver&auml;rgerung das &bdquo;links-gr&uuml;n&ldquo; ebenso wenig krumm wie das Wort &bdquo;versifft&ldquo;. Ich ahnte, und diese Ahnung best&auml;tigte sich sp&auml;ter im Dialog, dass er, ein &uuml;beraus friedlicher, umg&auml;nglicher und verbindender Typ, die heftige Kombination &bdquo;links-gr&uuml;n-versifft&ldquo; wie einen Modebegriff, einen Stempel, einen sprachlichen Wutausbruch benutzt hatte und vielleicht in seiner Rage unsachlich war. Er entschuldigte sich daf&uuml;r. Vor allem merkten wir zwei Diskutanten, mit dieser Definition haut ohnehin etwas nicht hin. Meinem Freund platzten die Begriffe links, gr&uuml;n, versifft heraus, wom&ouml;glich weil er diese unter Bekannten und in sozialen Medien h&auml;ufig wahrnimmt. Versifft klingt ja auch kr&auml;ftig. Gerade haben diese und andere Schimpfworte Hochkonjunktur, sie dr&uuml;cken unter anderen die Wut der Menschen &uuml;ber den Zustand unter anderem von Medien und Parteien aus. Doch&hellip;<\/p><p><strong>Links-gr&uuml;ne Medien und Parteien sind weder links noch gr&uuml;n<\/strong><\/p><p>In unserem Gespr&auml;ch kamen Fragen auf: Was ist links? Was ist gr&uuml;n? Wir ertappten uns bei der geradezu romantischen Vorstellung, dass links f&uuml;r soziale Gerechtigkeit steht, dass gr&uuml;n f&uuml;r eine lebenswerte Welt steht, mit allem Drum und Dran: saubere Luft, Wasser, sch&ouml;ne W&auml;lder, gutes Essen und friedliche Beziehungen unter uns Menschen. Dass mein Freund mit links-gr&uuml;ne Medien zuallererst die f&uuml;hrenden Fernsehsender, Zeitungen und Internetportale meinte, lie&szlig; uns nachhaken: Wem geh&ouml;ren diese Medien? F&uuml;r wen sind diese da, und was sagen sie aus? Ebenso diskutierten wir &uuml;ber die Parteien, die beim Volk links-gr&uuml;n &bdquo;versifft&ldquo; genannt werden. CDU, CSU, SPD, FDP, Die Linke, Gr&uuml;ne. Wir gerieten fast schon in eine Art Rage, als wir die Begriffe und Buchstaben zusammentrugen und auseinandernahmen: C wie christlich, CD wie christdemokratisch, CS wie christsozial, S sozialdemokratisch, FD freiheitlich-demokratisch. In unserem Parlament wimmelt es nur so vor hehren Leuten, mit hehren Idealen, Zielen, Visionen, beobachtet der Besucher des Hohen Hauses. Doch dann tritt der B&uuml;rger vor die T&uuml;r des Reichstages. Was ist zu sehen?<\/p><p>Ein Land, das sich im R&uuml;stungswahn befindet, das Menschen kulturell und gesellschaftlich cancelt, ausschlie&szlig;t, in dem Mieten zunehmend h&ouml;her bis unbezahlbar sind, weil die, denen die Wohnungen geh&ouml;ren, den Hals nicht voll genug bekommen und deren Gier nicht gestoppt wird (zum Beispiel von den hehren Leuten im Parlament), wo Preise f&uuml;r vieles Weitere, was es zum Leben braucht, nur eine Richtung haben &ndash; nach oben. Wir sammelten weitere Daten &uuml;ber unser Land, &uuml;ber die Medien, die Parteien. Uns wurde nicht w&auml;rmer ums Herz. Tats&auml;chlich kamen wir, so etwas soll es in diesen Zeiten noch geben, zu einem gemeinsamen Befund: Links-gr&uuml;ne Medien und Parteien sind weder links noch gr&uuml;n.<\/p><p><strong>Die Mitte. Was f&uuml;r eine Mitte?<\/strong><\/p><p>Wir redeten weiter. Noch so ein Etikett, ein uns fragw&uuml;rdig erscheinender Stempel kam zur Sprache: die Mitte. Man kennt das ja, dieser &bdquo;Sprech&ldquo;: In der Mitte der Gesellschaft, aus der Mitte der Gesellschaft, Leistungsgesellschaft, die Leistungstr&auml;ger aus der Mitte der Gesellschaft. Diese W&ouml;rter und Worte werden gern und h&auml;ufig benutzt. Das geschieht aber nicht, um unsere Gesellschaft, die zun&auml;chst ja eine Gesamtheit von vielen unterschiedlichen Menschen ist, zu einen, stellten wir fest. Allein mit dem Begriff &bdquo;Mitte&ldquo; wird geteilt, separiert, aussortiert. Wer will angesichts dessen, dass &bdquo;Mitte&ldquo; so sch&ouml;n normal, vertrauensw&uuml;rdig, seri&ouml;s, vern&uuml;nftig, anst&auml;ndig klingt, nicht in der Mitte sein? Doch das geht ganz schnell, dass man nicht in der Mitte ist, dass man abgedr&auml;ngt ist, dass man drau&szlig;en ist. Mitte ist der Strom, der Mainstream, das, was die Mehrheitsgesellschaft denkt und tut, hei&szlig;t es. Wer etwas anders tickt, der &hellip;<\/p><p>Im Politischen wird rein theoretisch unterschieden zwischen Links, Mitte, Rechts. So weit, so gut. Das hat sich in den Sitzordnungen der Parlamente irgendwann so eingeb&uuml;rgert. Und tats&auml;chlich ist das, was im Politischen weniger als mittig gilt, deutlicher, ausgepr&auml;gter, direkter und extremer &ndash; in einem Parlament, noch dazu in einem demokratisch von allen berechtigten B&uuml;rgern, ob Mitte oder abseits und verachtet von der Mitte, gew&auml;hlten. Und hier wird dann, so das Ideal, die goldene Mitte, der Kompromiss erk&auml;mpft, ausdiskutiert, debattiert, erstritten und abgestimmt. Alle sind mittendrin und dazugeh&ouml;rig. Das ist Mitte.<\/p><p><strong>&bdquo;Wie bei de Kommunisten&ldquo;<\/strong><\/p><p>Mein guter Freund und ich lachten, als uns der Ausspruch &bdquo;Wie bei de Kommunisten&ldquo; in Erinnerung kam. Das sagen heutzutage Mitmenschen, die die aktuellen Zust&auml;nde mit denen von fr&uuml;her in der DDR, also im Osten vergleichen. Und schon hatten wir ein weiteres falsches Etikett entdeckt, das allenfalls als Schimpfwort, aber nicht als richtige Bezeichnung dienen kann. Damals waren die, die Entscheidungstr&auml;ger des &bdquo;ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden&ldquo; waren, eben keine Kommunisten, sie waren Empork&ouml;mmlinge, Karrieristen, sie missbrauchten Macht und Positionen und riefen &bdquo;Alles f&uuml;r das Wohl des Volkes&ldquo;. Das Volk wehrte sich sp&auml;t und schrie dagegen: &bdquo;Wir sind das Volk.&ldquo;<\/p><p><strong>Dieses unangenehme Wort<\/strong><\/p><p>Deutschland hat ein Problem mit dem Wort &bdquo;Links&ldquo;. Das Wort ist unangenehm, das Image von &bdquo;Links&ldquo; ebenso. Daf&uuml;r wurde auch lange und kontinuierlich gearbeitet. Anders als zum Beispiel in Frankreich oder in Italien wurden und werden bei uns Begriffe wie links oder kommunistisch latent bis offen mit Argwohn bis hin zu Verachtung und Ablehnung betrachtet. Wir haben ja auch keinen Klassenkampf, bemerkten wir ironisch. Dass wir doch eine Klassengesellschaft sind und die eine Seite, die der &ndash; nennen wir es mal so deutlich und b&ouml;se &ndash; Kapitalisten, seit Jahren auf ganzer Linie siegt und die ganze Ernte einf&auml;hrt, sei nebenbei erw&auml;hnt.<\/p><p>Man erinnere sich an die Gr&uuml;ndung der Partei Die Linke. Die h&auml;tte man lieber WASG (Wahlalternative Soziale Gerechtigkeit) nennen sollen &ndash; das w&auml;re es doch gewesen? Tats&auml;chlich engagierten sich die Gr&uuml;nder und Aktivisten dieser Partei seinerzeit inhaltlich daf&uuml;r, die Gesellschaft sozialer, gerechter zu gestalten, zu fordern, dass gesellschaftliche Gerechtigkeit auf die Tagesordnung kommt, so wie diese an und f&uuml;r sich sogar im Grundgesetz steht und in dem sch&ouml;nen Satz ihre feine Auspr&auml;gung findet: Die W&uuml;rde des Menschen ist unantastbar. Diese Feststellung schlie&szlig;t ein, dass es in der Gesellschaft gerecht zugeht, dass der Mehrwert unser aller Schaffens gerecht und fair verteilt wird. Das Wort links hat damit ganz gewiss nichts Versifftes.<\/p><p><strong>Demonstrieren gegen Rechts, und sonst?<\/strong><\/p><p>Nun schimpfen die einen auf alles, was ihrer Definition nach links-gr&uuml;n und versifft ist. Die anderen gehen auf die Stra&szlig;e gegen Rechts, konstatierten wir zwei Freunde im Gespr&auml;ch. Also die Mitte geht auf die Stra&szlig;e? F&uuml;r Freiheit, Demokratie, Toleranz, Weltoffenheit, Vielfalt &ndash; das ist alles auch gut. &bdquo;Und sonst noch?&ldquo;, fragten wir.<\/p><p>Mein Kollege Jens Berger schrieb k&uuml;rzlich, dass es einstweilen um die ultimative Rettung der Demokratie und der Grundrechte ginge. Jens Berger und wir, mein guter Freund und ich, fragten uns aber auch: Wo waren diese braven Menschen eigentlich, als vor gar nicht allzu langer Zeit die Grundrechte durch die Coronama&szlig;nahmen tats&auml;chlich unter Beschuss lagen?<\/p><p>Nun wird aber endlich f&uuml;r Freiheit, Demokratie, Toleranz, Weltoffenheit, Vielfalt und vor allem gegen die AfD demonstriert. Wir stellten fest, dass die Umfragewerte dieser Partei ziemlich hoch sind, also steht zur Diskussion, was man gegen diese Umfragewerte der AfD tun k&ouml;nnte, sollte, m&uuml;sste? Demonstrieren, protestieren gegen die Partei, die sich Alternative nennt, ja. Gegen die Menschen, also die Protestw&auml;hler protestieren, folglich auch. Doch damit ist das Dilemma nicht vom Tisch. Denn warum hei&szlig;t es eigentlich &bdquo;Protestw&auml;hler&ldquo;? Antwort: Diese Menschen sind mit dem Zustand des Landes nicht einverstanden, und ganz konkret wissen diese Menschen, diese Protestw&auml;hler auch, dass ein Zustand zustande kommt aufgrund von Ursachen samt ihrer Verursacher.<\/p><p><strong>Wie w&auml;re es, f&uuml;r eine ordentliche Politik zu demonstrieren?<\/strong><\/p><p>Wenn die Regierung ordentlich regieren w&uuml;rde, bef&auml;nde sich unsere Gesellschaft in einem besseren Zustand, kamen wir auf eine Idee. Es g&auml;be dann auch keinen beziehungsweise wenig Grund zu protestieren oder gar, zum Protestw&auml;hler zu werden, oder? So aber nennen h&auml;ufig lediglich Protestw&auml;hler schonungslos offen als Ursache das nicht ordentliche Regieren. Schlimmer noch, es wird extrem regiert, es wird feindlich gegen&uuml;ber der Mitte, also im Grund gegen die Menschen regiert, eine demokratisch gew&auml;hlte Regierung wendet Schaden vom Volk nicht ab. Das ist schon extrem, oder?<\/p><p>Das Freundschaftsgespr&auml;ch endete mit einem Wunsch, einer Forderung: Richtig ist, f&uuml;r Freiheit, Demokratie, Toleranz, Weltoffenheit, Vielfalt einzustehen, aber auch umso deutlicher f&uuml;r Frieden, f&uuml;r Abr&uuml;stung, f&uuml;r V&ouml;lkerverst&auml;ndigung, f&uuml;r eine gerechte, nicht selbstgerechte Gesellschaft ohne Ausgrenzung, Diskriminierung, ohne Selbstgerechtigkeit und Anma&szlig;ung derer, die sich Mitte nennen und doch nicht so handeln.<\/p><p>Es ist wichtig, wenn viele Menschen auf die Stra&szlig;e gehen, vor allem angesichts der wilden Schlagzeilen (aus der links-gr&uuml;nen Presse). Beim Schreiben dieser Zeilen lese ich, dass der amtierende Gesundheitsminister das Gesundheitswesen f&uuml;r den Kriegsfall wappnen wolle. Komisch, aus Gesundheitsmarkt wird auf einmal ein Wesen.<\/p><p>Mein guter Freund meinte noch: &bdquo;Wenn diese Politik beendet w&uuml;rde, w&uuml;rden auch solche W&ouml;rter wie versifft verschwinden.&ldquo;<\/p><p><em>Leserbriefe zu diesem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=112358\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: stockwars\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Gesellschaft befindet sich in einem gef&auml;hrlichen, enorm eskalierten Zustand des Auseinanderdriftens. Die Wortwahl der Menschen wird krasser und krasser, aus Diskussionen werden heftige Streitereien, sp&auml;ter tritt Schweigen, Funkstille ein. Diffamierungen, Ausgrenzungen, Distanzierungen und Entfremdung stehen permanent auf der Tagesordnung. 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