{"id":112190,"date":"2024-03-09T14:00:03","date_gmt":"2024-03-09T13:00:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=112190"},"modified":"2024-03-11T06:57:26","modified_gmt":"2024-03-11T05:57:26","slug":"das-un-hilfswerk-im-gaza-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=112190","title":{"rendered":"Das UN-Hilfswerk im Gaza-Krieg"},"content":{"rendered":"<p>Ein Bericht von Mitarbeitern des UN-Hilfswerks f&uuml;r Pal&auml;stina-Fl&uuml;chtlinge, die versuchen, angesichts des Massenmords an den Pal&auml;stinensern in Gaza die Gesundheitsversorgung aufrechtzuerhalten, wird hier &uuml;bersetzt wiedergegeben. Ihre verzweifelten Bem&uuml;hungen unterstreichen die dringende Notwendigkeit eines sofortigen humanit&auml;ren Waffenstillstands als Voraussetzung daf&uuml;r, dass eine ausreichende Menge von lebenswichtigen G&uuml;tern wie Medikamente, Lebensmittel, Wasser und Treibstoff nach Gaza geliefert werden kann. Von <strong>Klaus-Dieter Kolenda<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2856\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-112190-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240309_Das_UN_Hilfswerk_im_Gaza_Krieg_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240309_Das_UN_Hilfswerk_im_Gaza_Krieg_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240309_Das_UN_Hilfswerk_im_Gaza_Krieg_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240309_Das_UN_Hilfswerk_im_Gaza_Krieg_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=112190-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240309_Das_UN_Hilfswerk_im_Gaza_Krieg_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240309_Das_UN_Hilfswerk_im_Gaza_Krieg_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Vorbemerkungen<\/strong><\/p><p>K&uuml;rzlich ist auf <em>Telepolis<\/em> ein Artikel mit einem von mir &uuml;bersetzten, sehr bewegenden Text von Chris Hedges &uuml;ber die derzeitige Situation in Gaza erschienen[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]. Dort sagt der renommierte US-Journalist, er bef&uuml;rchte, dass die letzte Phase eines m&ouml;glichen israelischen V&ouml;lkermords in Gaza durch eine menschengemachte Hungerkatastrophe begonnen habe.<\/p><p>Hedges vermutet, dass Israel jetzt beschlossen habe, der T&auml;tigkeit des UN-Hilfswerks f&uuml;r Pal&auml;stina-Fl&uuml;chtlinge im Nahen Osten, abgek&uuml;rzt UNRWA, das 5,9 Millionen pal&auml;stinensische Fl&uuml;chtlinge mit Kliniken, Schulen, Lebensmitteln und Gesundheitsdiensten versorgt, ein Ende zu setzen, was seiner Meinung nach bereits seit Langem ein Ziel Israels gewesen sei.<\/p><p>Der Anlass daf&uuml;r seien die unbewiesenen israelischen Anschuldigungen gegen das UNRWA, dass zw&ouml;lf (!) der insgesamt 13.000 Mitarbeiter Verbindungen zu denjenigen hatten, die die Anschl&auml;ge in Israel am 7. Oktober ver&uuml;bten, bei denen etwa 1.200 Israelis get&ouml;tet und 240 Geiseln verschleppt wurden. <\/p><p>Diese Vorw&uuml;rfe h&auml;tten inzwischen ihren Zweck erf&uuml;llt, sagt er, denn 16 der gro&szlig;en Geberl&auml;nder, darunter die Vereinigten Staaten, Gro&szlig;britannien und auch Deutschland, seien daraufhin veranlasst worden, ihre finanzielle Unterst&uuml;tzung f&uuml;r das UN-Hilfswerk zu beenden, von der die Ern&auml;hrung von fast jedem Pal&auml;stinenser in Gaza abh&auml;ngig ist. <\/p><p>Die K&uuml;ndigung der finanziellen Unterst&uuml;tzung durch die wichtigsten Geberl&auml;nder werde in wenigen Wochen dazu f&uuml;hren, dass das UNRWA nicht mehr weiterarbeiten k&ouml;nne.<\/p><p>Am 13. Februar 2024 erschien in der weltweit hoch angesehenen britischen medizinischen Fachzeitschrift <em>The Lancet<\/em> ein Artikel von Mitarbeitern des UN-Hilfswerks mit dem Titel <a href=\"https:\/\/www.thelancet.com\/journals\/lancet\/article\/PIIS0140-6736(24)00230-7\/fulltext?dgcid=raven_jbs_etoc_email\">&bdquo;UNRWA at the frontlines: managing health care in Gaza during catastrophe&ldquo;<\/a> (deutsch: &bdquo;Das UNRWA an den Frontlinien: Gesundheitsversorgung in Gaza in der Katastrophe&ldquo;). In diesem Bericht schildern die Mitarbeiter, mit welchen Herausforderungen das UN-Hilfswerk derzeit bei der Gesundheitsversorgung in Gaza zu k&auml;mpfen hat[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]. &Uuml;ber diesen Artikel, den ich ins Deutsche &uuml;bertragen habe, werde ich im Folgenden mit freundlicher Zustimmung der Autoren in Gaza berichten:<\/p><p><strong>Humanit&auml;re Lage im Gazastreifen katastrophal <\/strong><\/p><p>Sch&auml;tzungsweise 1,7 Millionen Menschen &ndash; &uuml;ber 75 Prozent der Bev&ouml;lkerung &ndash; wurden bis zum 30. Januar 2024 in Gaza vertrieben, oft mehrfach. Familien waren gezwungen, auf der Suche nach Sicherheit mehrmals umzuziehen. Bis zum 7. Januar 2024 wurden mindestens 26.901 Pal&auml;stinenser get&ouml;tet, 65.949 verletzt und 7.780 werden vermisst, wobei die meisten davon unter den Tr&uuml;mmern versch&uuml;ttet sind.<\/p><p>Der Zugang zu lebensrettenden Gesundheitsdiensten ist stark eingeschr&auml;nkt. Elektrizit&auml;t, Treibstoff, Wasser und Medikamente sind entweder sehr knapp oder gar nicht mehr vorhanden.<\/p><p><strong>UNRWA ein Rettungsanker<\/strong><\/p><p>Besonders w&auml;hrend dieses Krieges war und ist das UN-Hilfswerk f&uuml;r Pal&auml;stina-Fl&uuml;chtlinge, das UNRWA, ein Rettungsanker f&uuml;r die Menschen in Gaza. <\/p><p>Mit Stand vom 31. Januar 2024 leben hier nun fast 1,7 Millionen Vertriebene in Notunterk&uuml;nften und informellen Behausungen, die sowohl vom UNRWA geschaffen als auch von der &ouml;ffentlichen Verwaltung bereitgestellt wurden.<\/p><p>Vor dem 7. Oktober 2023 hatte die UNRWA 22 prim&auml;re Gesundheitszentren, die von etwa 1.000 Mitarbeitern des Gesundheitswesens betreut wurden und 1,3 Millionen Pal&auml;stinafl&uuml;chtlinge versorgt haben, betrieben. Die Zahl der in Betrieb befindlichen Gesundheitszentren hat sich inzwischen durch die Bombardements auf sechs vermindert. <\/p><p>Diese station&auml;ren Gesundheitszentren versuchen, wichtige medizinische Grundversorgungsdienste anzubieten, einschlie&szlig;lich der kontinuierlichen Behandlung nicht &uuml;bertragbarer Krankheiten und der Bereitstellung kritischer ambulanter Behandlungen.<\/p><p>Der Rest der Einwohner des Gazastreifens, die keine registrierten Pal&auml;stina-Fl&uuml;chtlinge sind, ist bei der medizinischen Versorgung abh&auml;ngig vom Gesundheitsministerium und von privaten Einrichtungen. <\/p><p><strong>Noch 650 UNRWA-Mitarbeiter t&auml;tig<\/strong><\/p><p>Von den etwa 1.000 UNRWA-Mitarbeitern vor dem 7. Oktober 2023 sind noch etwa 650 in bestehenden Gesundheitszentren und in Gesundheitsanlaufstellen in Gaza t&auml;tig. Um trotzdem den gro&szlig;en Zustrom an Patienten zu bew&auml;ltigen, haben einige Gesundheitszentren den Zweischichtbetrieb eingef&uuml;hrt.<\/p><p>&Uuml;berweisungen an UNRWA-Vertragskrankenh&auml;user sind aufgrund der Beeintr&auml;chtigung von deren Betrieb durch den Mangel an elektrischem Strom und die Ersch&ouml;pfung der Vorr&auml;te immer schwieriger geworden.<\/p><p>In den drei s&uuml;dlichen Gouvernements von Gaza verwaltet das UNRWA mit Stand vom 7. Januar 2024 zus&auml;tzlich 93 Schutzr&auml;ume. Diese Unterk&uuml;nfte wurden in erster Linie in umfunktionierten UNRWA-Schulen oder anderen Geb&auml;uden eingerichtet, um Binnenfl&uuml;chtlinge unterzubringen und ihnen Gesundheitsdienste anbieten zu k&ouml;nnen. <\/p><p><strong>Notunterk&uuml;nfte &uuml;berlaufen<\/strong><\/p><p>Das Ausma&szlig; der Vertreibung von Menschen in Gaza &uuml;bersteigt bei Weitem den Notfallplan des UN-Hilfswerks, der vor dem Krieg die Bereitstellung von Unterk&uuml;nften f&uuml;r 150.000 Binnenvertriebene in etwa 75 Unterk&uuml;nften (etwa 2.000 Menschen pro Unterkunft) vorsah. <\/p><p>Stattdessen gibt es jetzt durchschnittlich 18.000 registrierte Binnenfl&uuml;chtlinge pro Unterkunft, was die Ressourcen und die Gesundheits- und Hygienebedingungen weit &uuml;ber ihre Grenzen hinaus strapaziert. <\/p><p>Von den beiden n&ouml;rdlichen Gouvernements des Gazastreifens gibt es aufgrund der schlechten Erreichbarkeit nur wenige Daten. <\/p><p>Das UNRWA hat Gesundheitsanlaufstellen in Notunterk&uuml;nften eingerichtet, um es dem Gesundheitspersonal, sowohl &Auml;rzten als auch Krankenschwestern, zu erm&ouml;glichen, dort ein eingeschr&auml;nktes Angebot an Gesundheitsdiensten anzubieten. <\/p><p>Diese verringern auch den Druck auf die Gesundheitszentren, die noch in Betrieb sind. Zu den angebotenen eingeschr&auml;nkten Leistungen dort geh&ouml;ren die Behandlungen von &uuml;bertragbaren Krankheiten und nicht &uuml;bertragbaren Krankheiten, Verletzungen, Mutterschaftspflege und psychosoziale Unterst&uuml;tzung der traumatisierten Menschen. <\/p><p>Die Bereitstellung dieser Dienstleistungen ist eine gro&szlig;e Herausforderung f&uuml;r die Besch&auml;ftigten im Gesundheitswesen, da die meisten selbst Vertriebene und ebenfalls auf Unterkunft, Nahrung und Wasser angewiesen sind.<\/p><p><strong>Starke Zunahme der Konsultationen<\/strong><\/p><p>Vor dem Krieg f&uuml;hrten die Gesundheitszentren des UNRWA etwa 15.000 Konsultationen pro Tag in Gaza durch. Diese Zahl ist um etwa 50 Prozent in den Gesundheitszentren und Gesundheitsanlaufstellen in den Notunterk&uuml;nften gestiegen.<\/p><p>Obwohl sich das Mandat des UNRWA auf registrierte Fl&uuml;chtlinge begrenzt, hat die Organisation weitere Verantwortung &uuml;bernommen, um allen bed&uuml;rftigen Menschen in Gaza inmitten des Krieges medizinische Versorgung anzubieten.<\/p><p>Die Gesundheitszentren haben sich auf die Bereitstellung wichtiger prim&auml;rer Gesundheitsdienste konzentriert, wie z.B. die Behandlung von Patienten mit nicht &uuml;bertragbaren Krankheiten (z.B. Diabetes und Bluthochdruck) und die ambulante Intensivversorgung. <\/p><p>In Abh&auml;ngigkeit von Beschr&auml;nkungen des Patientenzugangs aufgrund der allgemeinen Situation des Krieges bieten die Gesundheitszentren neben dem nationalen Impfprogramm auch Impfungen f&uuml;r Kinder an.<\/p><p><strong>Medizinisches Personal extrem belastet<\/strong><\/p><p>Die Bew&auml;ltigung der extremen Zahl an behandlungsbed&uuml;rftigen Patienten ist f&uuml;r das medizinische Personal ein ernstes Problem. Ihre Zahl hat sich inzwischen fast verdoppelt und liegt nun bei durchschnittlich 113 Patienten pro Gesundheitsfachkraft und Tag in Gesundheitszentren und 107 Patienten in den Gesundheitsanlaufstellen der Notunterk&uuml;nfte.<\/p><p>Die Krise der Gesundheitsversorgung in Gaza wird versch&auml;rft durch den akuten Mangel an medizinischer und nichtmedizinischer Versorgung in Krankenh&auml;usern, Gesundheitszentren und Gesundheitsanlaufstellen. <\/p><p>Die Lieferung von Medikamenten wird durch die Blockade des Gazastreifens und den eingeschr&auml;nkten Zugang f&uuml;r Hilfsg&uuml;ter behindert. Diese Situation gibt Anlass zu ernsthaften Bedenken hinsichtlich der Nachhaltigkeit und Qualit&auml;t der Versorgung unter solch extrem angespannten Bedingungen.<\/p><p><strong>Kritische Wasser-, Sanit&auml;r- und Hygiene-Situation<\/strong><\/p><p>Nach Sch&auml;tzungen des UNRWA zur Wasserverf&uuml;gbarkeit haben Menschen in Notunterk&uuml;nften in den s&uuml;dlichen Gouvernements Zugang zu nur 8,8 Litern Wasser pro Person und Tag, 1,6 Liter zum Trinken und 7,2 Liter f&uuml;r den Hausgebrauch. <\/p><p>Die Notfall-Richtlinien schreiben vor, dass eine Person mindestens 7,5 Liter Wasser pro Tag (einschlie&szlig;lich 2,5 bis 3 Liter Trinkwasser) zum &Uuml;berleben ben&ouml;tigt, und empfehlen 15 Liter pro Person und Tag als minimalen Notfall-Standard.<\/p><p>Folglich haben Binnenvertriebene in den Unterk&uuml;nften des UNRWA Zugang zu etwa der H&auml;lfte der t&auml;glichen Mindestmenge an Trinkwasser, die zum &Uuml;berleben ben&ouml;tigt wird. Deshalb greifen die meisten Menschen jetzt auf unsichere Wasserquellen zur&uuml;ck, was zu einem Anstieg von durch Wasser &uuml;bertragenen Krankheiten f&uuml;hrt (siehe Abbildung 1, die der Figure 2 im Original entspricht).<\/p><p><strong>F&uuml;r 504 Personen eine Toilette und f&uuml;r 2.568 eine Dusche<\/strong><\/p><p>Mit Stand vom 7. Januar 2024 teilten sich nach den Daten des UNRWA durchschnittlich 504 Personen eine Toilette und 2.568 Personen eine Dusche. Diese Zahlen liegen weit unter den Zahlen f&uuml;r die Notfallstandards, die die Anzahl auf 20 Personen pro Toilette und 20 Personen pro Dusche begrenzen.<\/p><p>Dieser schwerwiegende Mangel an sanit&auml;rer Grundversorgung in Verbindung mit der kritischen Wassersituation stellt ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko dar, das die Ausbreitung von Krankheiten in einer bereits gef&auml;hrdeten Bev&ouml;lkerung weiter versch&auml;rft.<\/p><p><strong>Massenhafte Krankheiten und Gefahr von Epidemien<\/strong><\/p><p>Seit dem 16. Oktober 2023 &uuml;berwacht das UNRWA 14 Krankheiten mit Potenzial f&uuml;r Epidemien in ihren Unterk&uuml;nften. <\/p><p>Es wurden Warnungen vor akuter Hepatitis herausgegeben, und die Zahl der Krankheitsf&auml;lle ist im Vergleich zum Vorjahr stark gestiegen.<\/p><p>Weiterhin zeigt ein Vergleich der Daten von 2022 und 2023 einen starken Anstieg der F&auml;lle von unblutigem und blutigem Durchfall und Impetigo (bakterielle Hauterkrankungen) im Jahre 2023 und unterstreichen den Ernst der Lage (Abbildung 1). <\/p><p>So stieg beispielsweise im Zeitraum zwischen den epidemiologischen Wochen 43 und 52 (d. h. dem 23. Oktober und dem 31. Dezember 2023) die Inzidenz von nichtblutigem Durchfall bei Kindern unter f&uuml;nf Jahren um das 33-Fache und bei Personen ab f&uuml;nf Jahren um das 99-Fache im Vergleich zu 2022 (Abbildung 1). <\/p><p>Blutiger Durchfall und Impetigo (bakterielle Hauterkrankungen) haben im gleichen Zeitraum ebenfalls gef&auml;hrlich zugenommen (um das 22-Fache bzw. das Vierfache), was die Schwere des Gesundheitsnotstands in den Unterk&uuml;nften unterstreicht (Abbildung 1).<\/p><p><strong>Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen ohne Beispiel<\/strong><\/p><p>Der Angriff auf Gesundheitseinrichtungen und Gesundheitspersonal in Gaza ist sowohl in seinem Ausma&szlig; als auch in seinen unmittelbaren Auswirkungen bisher beispiellos. <\/p><p>Bis zum 30. Januar 2024 gab es 342 Angriffe auf alle Arten von Gesundheitseinrichtungen in Gaza, bei denen 627 Menschen get&ouml;tet und weitere 783 verletzt wurden. Insgesamt waren 95 einzelne Gesundheitseinrichtungen betroffen, darunter 27 Krankenh&auml;user. Folglich ist die Lage der 36 Krankenh&auml;user in Gaza trostlos, 15 funktionieren nur teilweise. <\/p><p>Der Krieg hat auch dem UNRWA einen beispiellosen Tribut abverlangt: Seit dem 7. Oktober 2023 wurden 146 Mitarbeiter get&ouml;tet. <\/p><p><strong>Sofortiger humanit&auml;rer Waffenstillstand dringend erforderlich<\/strong><\/p><p>Die katastrophale Gesundheitssituation im Gazastreifen unterstreicht die dringende Notwendigkeit eines humanit&auml;ren Waffenstillstands, der die Voraussetzung daf&uuml;r ist, dass eine ausreichende Menge lebenswichtiger G&uuml;ter wie Medikamente, Lebensmittel, Wasser und Treibstoff nach Gaza geliefert werden kann.<\/p><p>Das UNRWA, das sowohl vor als auch w&auml;hrend des Krieges bereits der wichtigste &ouml;ffentliche Anbieter von medizinischen Dienstleistungen zur Grundversorgung in Gaza war, hat auch damit begonnen, auf neue Bed&uuml;rfnisse wie die Versorgung von Verwundeten zu reagieren, indem es eine abgestufte (bis mittlere) Versorgung anbietet. <\/p><p>Das UNRWA unterst&uuml;tzt die Krankenh&auml;user durch die Bereitstellung von Unterk&uuml;nften in deren N&auml;he f&uuml;r Patienten, die vorzeitig entlassen werden mussten, und macht so Krankenhausbetten frei. <\/p><p>Das UNRWA hat auch damit begonnen, medizinische Anlaufstellen au&szlig;erhalb ihrer bestehenden Unterk&uuml;nfte in offenem Gel&auml;nde einzurichten, wo Binnenvertriebene, die keine andere M&ouml;glichkeit gefunden haben, wo sie sich aufhalten k&ouml;nnen, versorgt werden, da die vorhandenen Unterk&uuml;nfte bereits &uuml;berf&uuml;llt waren. Dies gilt zus&auml;tzlich zu den 96 schon etablierten Gesundheitsanlaufstellen in den 93 Unterk&uuml;nften.<\/p><p><strong>Abschlie&szlig;end hei&szlig;t es in dem Artikel:<\/strong><strong> <\/strong><\/p><p>&bdquo;Das UNRWA wird weiterhin mit Partnern aus dem Gesundheitssektor wie dem Gesundheitsministerium, der WHO, dem Pal&auml;stinensischen Roten Halbmond und anderen nationalen und internationalen NGOs zusammenarbeiten, um Dienstleistungen in Gaza anzubieten.<\/p><p>In Gaza ist jetzt viel zus&auml;tzliche Unterst&uuml;tzung durch internationale humanit&auml;re Organisationen erforderlich. Gaza verf&uuml;gt jedoch &uuml;ber eine gro&szlig;e Anzahl an Gesundheitsfachkr&auml;ften, und diese Fachkr&auml;fte im Gesundheitswesen sollten, zusammen mit der bestehenden Gesundheitsinfrastruktur, soweit diese nicht zerst&ouml;rt wurde, Vorrang beim Einsatz vor internationalen Gesundheitsfachkr&auml;ften haben, die nach Gaza kommen. <\/p><p>Der Einsatz dieser anderen Organisationen, soweit sie die bestehenden Dienste ersetzen (und nicht verst&auml;rken), sollte nach M&ouml;glichkeit vermieden werden. <\/p><p>Ein Schwerpunkt f&uuml;r deren T&auml;tigkeit k&ouml;nnte jedoch bei der Wundversorgung und Rehabilitation von Trauma-Patienten liegen und w&auml;re auch bei der umfassenden psychischen und psychosozialen Unterst&uuml;tzung vieler Patienten ebenfalls von entscheidender Bedeutung.<\/p><p>Es geht in Gaza um die Lebenserhaltung und die grundliegenden Bed&uuml;rfnisse von &uuml;ber zwei Millionen Menschen. Die gemeinsamen Anstrengungen von Organisationen wie dem UNRWA und der gesamten Weltgemeinschaft sind unerl&auml;sslich, um diese Katastrophe zu bew&auml;ltigen.&ldquo;<\/p><p><em>Ghada Al-Jadba et al., The Lancet vom 22. Februar 2024<\/em><\/p><p><em><strong>Autor und &Uuml;bersetzer: <\/strong>Klaus-Dieter Kolenda, Prof. Dr. med., Facharzt f&uuml;r Innere Medizin &ndash; Gastroenterologie, Facharzt f&uuml;r Physikalische und Rehabilitative Medizin\/Sozialmedizin, war von 1985 bis 2006 Chefarzt einer Rehabilitationsklinik f&uuml;r Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems, der Atemwege, des Stoffwechsels und der Bewegungsorgane. Seit 1978 ist er als medizinischer Sachverst&auml;ndiger bei der Sozialgerichtsbarkeit in Schleswig-Holstein t&auml;tig. Zudem arbeitet er in der Kieler Gruppe der IPPNW e. V. (Internationale &Auml;rztinnen und &Auml;rzte f&uuml;r die Verh&uuml;tung des Atomkriegs und f&uuml;r soziale Verantwortung) mit.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Chris Hedges: <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/features\/Israels-Strategie-in-Gaza-Hunger-als-Waffe-9644507.html\">Israels Strategie in Gaza: Hunger als Waffe. Telepolis 2. M&auml;rz 2024<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Ghada Al-Jadba, et al.: <a href=\"https:\/\/www.thelancet.com\/journals\/lancet\/article\/PIIS0140-6736(24)00230-7\/fulltext?dgcid=raven_jbs_etoc_email\">UNRWA at the frontlines: managing health care in Gaza during catastrophe. The Lancet, February 13, 2024<\/a><\/p>\n<\/div><p><small>Titelbild: Anas-Mohammed \/ Shutterstock<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Bericht von Mitarbeitern des UN-Hilfswerks f&uuml;r Pal&auml;stina-Fl&uuml;chtlinge, die versuchen, angesichts des Massenmords an den Pal&auml;stinensern in Gaza die Gesundheitsversorgung aufrechtzuerhalten, wird hier &uuml;bersetzt wiedergegeben. 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