{"id":1123,"date":"2006-03-27T14:52:36","date_gmt":"2006-03-27T12:52:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1123"},"modified":"2016-02-15T08:45:39","modified_gmt":"2016-02-15T07:45:39","slug":"wahlen-das-volk-verabschiedet-sich-von-der-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1123","title":{"rendered":"Wahlen: Das Volk verabschiedet sich von der Politik"},"content":{"rendered":"<p>Der Ausgang der Landtagswahlen brachte, wenn man ausschlie&szlig;lich auf die Stimmanteile der Parteien schaut, keine &Uuml;berraschungen. Da in der Bundespolitik zwischen den gro&szlig;en Parteien bisher ein Waffenstillstand herrscht und die kleinen Parteien in der &ouml;ffentlichen Debatte nicht mehr vorkommen, best&auml;tigten diejenigen W&auml;hlerinnen und W&auml;hler, die sich noch zu den Wahlurnen aufmachten, die amtierenden Regierungschefs. In Sachsen-Anhalt gingen &uuml;ber 55%, in Baden-W&uuml;rttemberg &uuml;ber 46% und in Rheinland-Pfalz rd. 42% der Wahlberechtigten nicht mehr zur Wahl und auch bei den Kommunalwahlen in Hessen waren die W&auml;hler in der Minderheit. Bei allen diesen Wahlen gab es nicht nur dramatisch zur&uuml;ckgehende sondern historisch einmalig niedrige Wahlbeteiligungen. Ein Alarmzeichen f&uuml;r Politik und Demokratie.<br>\n<!--more--><br>\nDie Kommentare der Politiker am Wahlabend waren immer gleich: Man dankte den W&auml;herinnen und W&auml;hler und lobte das hervorragende Abschneiden. Mathias Platzeck freute sich, dass Kurt Beck gewonnen hat und die SPD zum ersten Mal seit vier Jahren bei Wahlen wieder einmal bei den Prozentanteilen nicht verloren hat sondern ein klein wenig zulegen konnte, den Absturz von 8% f&uuml;r Ute Vogt verdr&auml;ngte er geflissentlich. Die CDU freute sich dar&uuml;ber, dass G&uuml;nther Oettinger und Wolfgang B&ouml;hmer ihre Ministerpr&auml;sidentenposten verteidigt haben, obwohl die Partei selbst &uuml;berall verloren hat.<br>\nAlle sprachen von hervorragenden Ergebnissen oder von &bdquo;gro&szlig;er Zustimmung der W&auml;hlerinnen und W&auml;hler&ldquo; (Pofalla, CDU). Soweit die &bdquo;Wei&szlig;w&auml;scher&ldquo; vor den Mikrofonen der CDU oder der SPD angeh&ouml;rten, sprachen alle von einer &bdquo;Best&auml;tigung der Gro&szlig;en Koalition&ldquo; und Alt-Minister Clement meinte sogar, dass mit diesen Wahlen der &bdquo;Spielraum&ldquo; f&uuml;r die gro&szlig;e Koalition gr&ouml;&szlig;er geworden sei und sich aus dem Wahlergebnis ein &bdquo;erh&ouml;hter Druck, zu handeln&ldquo; ergebe. Die journalistischen Kommentatoren redeten davon, dass Berlin nun &bdquo;an die Arbeit&ldquo; gehen m&uuml;sse (Nikolaus Brender, ZDF) oder die Gro&szlig;e Koalition ihre Machposition ausgebaut habe (Anne Will, ARD). <\/p><p>Wer bei Verlusten der CDU in Baden-W&uuml;rttemberg (- 0,6%), Rheinland-Pfalz (- 2,5%) und Sachsen-Anhalt (-1,0%) oder bei einem Absturz der SPD im &bdquo;L&auml;ndle&ldquo; von 8% und Gewinnen gerade mal um die 1% im S&uuml;dwesten und bei den Sachsen-Anhaltinern von einer Best&auml;tigung der Parteien der Gro&szlig;en Koalition redet, rechnet wohl damit, dass niemand mitrechnet oder setzt auf Selbstt&auml;uschung oder wie Clement auf trotzige Autosuggestion. <\/p><p>Die ARD hat all denjenigen, die nach diesem Wahlsonntag eine Best&auml;tigung der Gro&szlig;en Koalition sehen wollen, noch eine weitere Rechnung entgegengehalten:<br>\nSieht man einmal davon ab, dass CDU und SPD vor der Bundestagswahl von einer Richtungswahl geredet haben, so haben die Parteien, die sich nach der Inszenierung ihres Richtungsstreits zur jetzigen Gro&szlig;en Koalition zusammengefunden haben, bei der Bundestagswahl rechnerisch immerhin 60,5% der Stimmen aller Wahlberechtigten auf sich vereint. In Rheinland-Pfalz haben SPD und CDU zusammen jetzt noch 46% aller Wahlberechtigten gew&auml;hlt, in Baden-W&uuml;rttemberg haben die Parteien der Gro&szlig;en Koalition noch von 36,5% aller Wahlberechtigten ihre Stimme erhalten und in Sachsen-Anhalt gerade mal noch von einem Viertel aller Wahlb&uuml;rger.<\/p><p>Da trifft wohl eher die Stimmungslage zu, die eine Umfrage der ARD ergab, dass nur 39% der Bev&ouml;lkerung sich von der Gro&szlig;en Koalition noch Vorteile erwarten. J&ouml;rg Sch&ouml;nenborn, der Wahlmoderator der ARD, zog daraus den eher richtigen Schluss, dass der Prozentanteil der Parteien der Gro&szlig;en Koalition bei diesen Landtagswahlen eher &bdquo;viele Probleme verdeckt&ldquo;. <\/p><p>Wenn man ausschlie&szlig;lich auf die Prozentanteile der Parteien schaut, mag man ja oberfl&auml;chlich betrachtet die &uuml;bliche Sch&ouml;nrederei best&auml;tigt finden, schaut man aber genauer hin, so haben die wiedergew&auml;hlten Ministerpr&auml;sidenten gerade mal die Zustimmung zwischen rund 15% (B&ouml;hmer) und maximal von einem guten Drittel des Wahlvolkes f&uuml;r den &uuml;beraus popul&auml;ren &bdquo;Landesvater&ldquo; Kurt Beck auf ihrer Seite.<br>\nWer da von &bdquo;gro&szlig;er Zustimmung&ldquo; oder von &bdquo;gl&auml;nzenden Siegen&ldquo; spricht, geht wohl am Bewusstsein der gro&szlig;en Mehrheit der Bev&ouml;lkerung ziemlich weit vorbei.<\/p><p>Nun k&ouml;nnte man &ndash; wie Lothar Sp&auml;th bei Sabine Christiansen &ndash; k&uuml;hn behaupten, die historisch einmalig niedrigen Wahlbeteiligungen seien &uuml;berhaupt kein Problem, sie dr&uuml;ckten nur aus, dass die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler mit der Politik weitgehend zufrieden seien und dass im &Uuml;brigen in den USA die Wahlbeteiligung noch niedriger l&auml;ge. Darin sehe ich aber allenfalls ein Zeichen f&uuml;r das reduzierte Realit&auml;tswahrnehmungsverm&ouml;gen eines inzwischen zum Investmentbanker mutierten Zynikers. Wenn der &uuml;berwiegende Teil der Wahlbev&ouml;lkerung von seinem Wahlrecht keinen Gebrauch mehr macht, dann bedeutet das eher, dass es den W&auml;hlerinnen und W&auml;hlerinnen inzwischen egal ist, wer regiert. Oder anders herum, dass der gr&ouml;&szlig;ere Teil der Bev&ouml;lkerung kein Vertrauen mehr in die Politik hat und von den Parteien keinen Beitrag zur L&ouml;sung ihrer Probleme mehr erwartet.<br>\nDieses Alarmzeichen m&uuml;sste eigentlich das Thema aller Wahlanalysen sein und das sollte der Gro&szlig;en Koalition zu denken geben. Wer solche Alarmsignale &uuml;berh&ouml;rt, setzt unsere Demokratie einem hohen Risiko aus.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Ausgang der Landtagswahlen brachte, wenn man ausschlie&szlig;lich auf die Stimmanteile der Parteien schaut, keine &Uuml;berraschungen. Da in der Bundespolitik zwischen den gro&szlig;en Parteien bisher ein Waffenstillstand herrscht und die kleinen Parteien in der &ouml;ffentlichen Debatte nicht mehr vorkommen, best&auml;tigten diejenigen W&auml;hlerinnen und W&auml;hler, die sich noch zu den Wahlurnen aufmachten, die amtierenden Regierungschefs. 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