{"id":112337,"date":"2024-03-13T10:00:13","date_gmt":"2024-03-13T09:00:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=112337"},"modified":"2024-03-14T07:29:40","modified_gmt":"2024-03-14T06:29:40","slug":"stimmen-aus-ungarn-noch-glaubt-selenskyj-an-revanche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=112337","title":{"rendered":"Stimmen aus der Ukraine: Noch glaubt Selenskyj an Revanche"},"content":{"rendered":"<p>Die Moral der ukrainischen Armee ist durch die Niederlagen geschw&auml;cht, aber von einem Zusammenbruch ist nicht die Rede. Die ukrainische Gesellschaft glaubt immer weniger an einen Sieg, w&uuml;rde aber Verhandlungen als Kapitulation ansehen. Einige in der politischen Elite w&auml;ren zu Kompromissen bereit, aber Wolodymyr Selenskyj glaubt noch immer an eine Revanche und w&uuml;rde bis zum Ende durchhalten. Der Westen hat es nicht eilig, Kiew zum Verhandeln zu bewegen, ebenso wenig wie Moskau, das auf die Zerm&uuml;rbung setzt.<br>\nZwei Jahre nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine sprach der Chefredakteur des ungarischen Fachportals <em>#Moszkvat&eacute;r<\/em>, <strong>G&aacute;bor Stier<\/strong>, mit dem ukrainischen Politikwissenschaftler <strong>Konstantin Bondarenko<\/strong>, Leiter der Stiftung Ukrainskaya Politika, &uuml;ber die vergangenen zwei Jahre, die Lage in der Ukraine und die Aussichten. Den Text hat <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong> ins Deutsche &uuml;bersetzt.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3677\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-112337-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240313_Stimmen_aus_der_Ukraine_Noch_glaubt_Selenskyj_an_Revanche_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240313_Stimmen_aus_der_Ukraine_Noch_glaubt_Selenskyj_an_Revanche_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240313_Stimmen_aus_der_Ukraine_Noch_glaubt_Selenskyj_an_Revanche_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240313_Stimmen_aus_der_Ukraine_Noch_glaubt_Selenskyj_an_Revanche_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=112337-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240313_Stimmen_aus_der_Ukraine_Noch_glaubt_Selenskyj_an_Revanche_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240313_Stimmen_aus_der_Ukraine_Noch_glaubt_Selenskyj_an_Revanche_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>G&aacute;bor Stier: Der Krieg dauert nun schon zwei Jahre an, und ein Ende ist immer noch nicht absehbar. Aber eins scheint sicher zu sein: Die Ukraine ist in einer schlechten Position und kann diesen Krieg nicht gewinnen, wenn das Kr&auml;fteverh&auml;ltnis und die aktuellen Trends anhalten. Sie hat das Recht, ihr Territorium zu verteidigen, aber meinen Sie nicht, dass es f&uuml;r Kiew sogar g&uuml;nstig w&auml;re, wenn der Konflikt entlang der derzeitigen Frontlinien eingefroren w&uuml;rde?<\/strong><\/p><p><strong>Konstantin Bondarenko:<\/strong> Ja, dieser Gedanke wird zunehmend diskutiert, aber es gibt einige Hindernisse. Zun&auml;chst einmal verbietet ein Dekret des Pr&auml;sidenten jegliche Verhandlungen mit Russland. Aber auch Moskau hat wiederholt deutlich gemacht, dass es nicht mit Kiew &uuml;ber die Beendigung des Konflikts verhandeln will, da die Ukraine nicht selbstst&auml;ndig ist, sondern mit den Vereinigten Staaten verbunden ist. Der Kreml bezieht sich dabei auf die Istanbuler Gespr&auml;che, die nach der Ausarbeitung des Abkommens im Fr&uuml;hjahr 2022 durch den Westen zum Scheitern gebracht wurden. Diese L&ouml;sung, die mit dem Friedensvertrag mit Finnland von 1940 verglichen werden k&ouml;nnte, liegt also in der Luft, aber Kiew will davon noch nichts wissen. Und Russland ist nur unter Ber&uuml;cksichtigung der Lage an den Fronten und der neuen Realit&auml;ten zu Verhandlungen bereit. Die Positionen liegen also weit auseinander.<\/p><p><strong>Inzwischen w&uuml;rde Moskau lieber die Fr&uuml;chte seiner Zerm&uuml;rbungsstrategie ernten. Halten Sie einen Zusammenbruch der ukrainischen Armee f&uuml;r m&ouml;glich?<\/strong><\/p><p>Ja, aus Moskauer Sicht ist das offensichtlich eine Chance. Der Verlust von Awdijiwka, der russische Vormarsch an mehreren Fronten schw&auml;cht die Moral der ukrainischen Armee, aber es w&auml;re stark &uuml;bertrieben, von einem Zusammenbruch zu sprechen.<\/p><p><strong>Es scheint, dass die ukrainischen Beh&ouml;rden die Flucht nach vorne ergreifen und nicht zu Friedensgespr&auml;chen bereit sind. Wie erkl&auml;ren Sie sich diese Entschlossenheit, die Realit&auml;t zu ignorieren?<\/strong><\/p><p>Pr&auml;sident Selenskyj wird bei der Wiederherstellung der Grenzen von 1991 keine Kompromisse eingehen und glaubt, dass sich die Ukraine, wenn sie gen&uuml;gend hochwertige Technologie und Munition erh&auml;lt, an Russland f&uuml;r 2014 und 2022 r&auml;chen kann. Kiew hofft also immer noch, gen&uuml;gend Waffen aus dem Westen zu bekommen und dass die aktuellen Schwierigkeiten mit der US-Finanzierung vor&uuml;bergehend sind.<\/p><p><strong>So viel zu der Macht. Aber was ist mit der Gesellschaft? Es scheint, als h&auml;tte sie auch nicht erkannt, dass die Ukraine diesen Krieg nicht gewinnen kann. Dass sie ihr Heimatland verteidigen, ist klar. Doch f&uuml;r Au&szlig;enstehende erscheint dieses Beharren eher sinnlos. Wie lange kann aus Ihrer Sicht die Unterst&uuml;tzung f&uuml;r den Krieg noch anhalten?<\/strong><\/p><p>Vor einem Jahr glaubten noch 83 Prozent der Ukrainer an einen Sieg, jetzt sind es nur noch 42 Prozent. Immer mehr Menschen sehen also der Realit&auml;t ins Auge. Sie sehen, dass es an der Front schlecht aussieht und dass die Beh&ouml;rden mit Gewalt versuchen, die Menschen zu mobilisieren. Aber sie merken auch, dass die westlichen Gesellschaften und Eliten verunsichert sind, dass die Unterst&uuml;tzung schwindet.<\/p><p><strong>Die Menschen sind immer weniger bereit, durch den Fleischwolf zu gehen, aber sie sind noch weit davon entfernt, sich gegen den Krieg aufzulehnen. Halten Sie es f&uuml;r m&ouml;glich, dass sich die Gesellschaft nach einer gewissen Zeit gegen die Macht wendet und ein Ende des Krieges fordert?<\/strong><\/p><p>Wir d&uuml;rfen nicht vergessen, dass jede Kritik an den Beh&ouml;rden oder am Krieg, also jede Opposition heute als Unterst&uuml;tzung des Feindes strafbar ist. Selbst legitime Kritik wird von den Beh&ouml;rden als Unterst&uuml;tzung f&uuml;r Putin, als Verbreitung russischer Propaganda angesehen. Doch die Unzufriedenheit w&auml;chst, und es gibt vereinzelt leise Proteste, aber es gibt keine Anzeichen daf&uuml;r, dass sich die Gesellschaft gegen die Macht wendet. Nat&uuml;rlich ist nichts auszuschlie&szlig;en, denn 1916 dachte auch niemand in Russland daran, dass in wenigen Monaten die Revolution ausbrechen und der Zar zur&uuml;cktreten w&uuml;rde. Aber die Situation in der Ukraine ist im Moment nicht revolution&auml;r.<\/p><p><strong>Das bedeutet, dass die Ukraine bereit ist, den Krieg fortzusetzen, wenn auch nicht mit dem gleichen Enthusiasmus wie fr&uuml;her.<\/strong><\/p><p>Ja.<\/p><p><strong>Dem Pr&auml;sidenten geht langsam die Luft aus. Wie stabil ist die Situation von Selenskyj? Die Abl&ouml;sung des Oberbefehlshabers Walerij Saluschnyj verlief zwar relativ ruhig, aber ist es v&ouml;llig ausgeschlossen, dass sich die Armee gegen Selenskyj wendet?<\/strong><\/p><p>Die Zukunft k&ouml;nnte davon abh&auml;ngen, ob Saluschnyj politische Ambitionen hegt. Im Moment hat er weder ein Programm noch eine Ideologie, aber er hat die Unterst&uuml;tzung der Bev&ouml;lkerung. Das erinnert mich ein wenig an den franz&ouml;sischen General des sp&auml;ten 19. Jahrhunderts Georges Ernest Jean-Marie Boulanger, der vielen die Hoffnung auf Erneuerung und auf den Boulangismus versprach. Diese gesteigerte Erwartung an Saluschnyj, diese Hoffnung ist in gewisser Weise auch ein Zeichen f&uuml;r die Krise des Systems. Saluschnyj ist jedoch vorerst vorsichtig. Er zog sich zur&uuml;ck, aber er tritt vorerst nicht an, weil er merkt, dass es vorerst keine Wahlen geben wird, seine Zeit sei also noch nicht gekommen. Die Frage ist, ob sie &uuml;berhaupt kommen wird. Was die Armee betrifft, so wird sie sich nicht gegen Selenskyj wenden. Aber im Mai l&auml;uft das Mandat des Pr&auml;sidenten aus, und laut der Verfassung kann er es nicht einmal im Kriegszustand selbst verl&auml;ngern. Das kann nur die Rada (das ukrainische Parlament, Anm. d. Red.) tun. Nach dem 20. Mai k&ouml;nnte Wolodymyr Selenskyj also in eine Legitimit&auml;tskrise geraten, die sein Ansehen im Westen beeintr&auml;chtigen k&ouml;nnte.<\/p><p><strong>Genau. Der Pr&auml;sident k&ouml;nnte auch dann scheitern, wenn seine westlichen Unterst&uuml;tzer ihn im Stich lassen. Wie lange, glauben Sie, wird Washington zu Selenskyj stehen? Wurde der Aufbau seines Nachfolgers bereits begonnen? Anders formuliert: Gibt es bereits einen Plan B f&uuml;r die irgendwann unvermeidlichen Waffenstillstandsgespr&auml;che?<\/strong><\/p><p>Im Moment spricht Washington nicht &uuml;ber einen Plan B. Erst k&uuml;rzlich hat sich Vizepr&auml;sidentin Kamala Harris in M&uuml;nchen f&uuml;r die Ukraine ausgesprochen. Was konkret Wolodymyr Selenskyj betrifft, so ist der Pr&auml;sident zunehmend entt&auml;uscht, woraus er keinen Hehl macht. Er ger&auml;t zunehmend mit den USA aneinander. Der Bruch erfolgte recht spektakul&auml;r auf dem NATO-Gipfel in Vilnius im Sommer 2023. Die Auseinandersetzung ist bereits so weit fortgeschritten, dass Selenskyj k&uuml;rzlich erkl&auml;rte, dass Kiew die Vereinigten Staaten nicht als strategischen Partner betrachten werde, wenn der Kongress nicht f&uuml;r ein Paket stimme, das die Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die Ukraine einschlie&szlig;e. Gleichzeitig &ouml;ffnet sich das Pr&auml;sidialamt zunehmend gegen&uuml;ber den Briten. Die Position von Selenskyj ist jedoch derzeit stabil. Diese Stabilit&auml;t beruht auf der Tatsache, dass es keine Opposition gibt. Der Pr&auml;sident nutzt den Kriegszustand und verhindert jeden politischen Wettbewerb mit der Begr&uuml;ndung, er k&ouml;nnte den Feind unterst&uuml;tzen.<\/p><p><strong>Bereits vor dem Ausbruch des Krieges hatte Selenskyj begonnen, ein autorit&auml;res Regime aufzubauen &hellip;<\/strong><\/p><p>Genau. Und zwar ein streng autorit&auml;res Regime, das auf der Unterdr&uuml;ckung der Opposition, auf Korruption und Kompradorenverhalten beruht. Diese Macht sch&uuml;tzt nicht die Interessen der Ukraine, sondern die der transnationalen Konzerne.<\/p><p><strong>Da Sie diese Kr&auml;fte erw&auml;hnt haben: Inwieweit folgt der Krieg deren Interessen? Es gibt viele, die glauben, dass Washington nicht nur von geopolitischen Interessen geleitet wird, sondern auch von handfesten wirtschaftlichen Interessen.<\/strong><\/p><p>Der US-Senator Lindsay Graham erw&auml;hnte &ndash; und auch Donald Trump hat sich dazu ge&auml;u&szlig;ert &ndash;, dass die Ukraine keine Unterst&uuml;tzung mehr erhalten wird, sondern Kredite, die mit Bodensch&auml;tzen wie Lithium, Kalium und Kobalt abgesichert sein werden. Diese Aussage hat in der Ukraine ernsthafte Debatten ausgel&ouml;st. Diese Bodensch&auml;tze geh&ouml;ren n&auml;mlich nach der Verfassung nicht dem Pr&auml;sidenten, da sie nicht Eigentum des Staates, sondern des Volkes sind. Daher k&ouml;nnen diese Sch&auml;tze ohne ein Referendum nicht als Garantien angeboten werden. Aber in der Ukraine sind bereits mit einem Portfolio von sechs Milliarden US-Dollar Verm&ouml;gensverwaltungsriesen wie BlackRock oder Investoren in der Landwirtschaft wie Monsanto, Cargill und Dupont anwesend. Washington wird also von zwei Zielen angetrieben. F&uuml;r den Staat geht es in erster Linie darum, Russland zu schw&auml;chen, w&auml;hrend Investmentgruppen ein Auge auf das Territorium, das Land und die nat&uuml;rlichen Ressourcen der Ukraine geworfen haben. F&uuml;r Letztere ist es das Beste, wenn so viele Ukrainer wie m&ouml;glich auswandern. Das Problem der Arbeitskr&auml;fte wird durch Gastarbeiter gel&ouml;st werden.<\/p><p><strong>Wir haben bereits gesehen, dass Washington und London sich nicht nur die Rollen teilen, sondern auch um Einfluss konkurrieren, und jeder hat seine eigenen Leute in der ukrainischen Elite.<\/strong><\/p><p>Das ist richtig. Zum Beispiel ist Andrij Jermak, der Chef des Pr&auml;sidialamtes, ein echter MI6-Agent, ein Brite, w&auml;hrend die &bdquo;Quartals&ldquo; mit grundlegend unterschiedlichen US-amerikanischen Machtgruppen &bdquo;verbunden&ldquo; sind. Und Selenskyj ist sozusagen montags der Mann der US-Amerikaner und dienstags der Briten. Wir k&ouml;nnen in dieser Hinsicht nicht &uuml;ber Europa sprechen, weil es nicht wirklich in diesem Spiel mitspielt, sondern nur im Interesse der US-Amerikaner und der Briten.<\/p><p><strong>Das wirft auch die Frage auf, wie unabh&auml;ngig die Ukraine ist.<\/strong><\/p><p>Seit dem zweiten Maidan im Jahr 2014 k&ouml;nnen wir nicht mehr von der Unabh&auml;ngigkeit der Ukraine sprechen. Zu diesem Zeitpunkt begann die tats&auml;chliche und effektive Kolonisierung der Ukraine. Die westlichen Institutionen haben im Wesentlichen die Kontrolle &uuml;ber die Ukraine &uuml;bernommen. Russland war dazu nach 1991 nicht mehr in der Lage, und als das Land sich erholte und st&auml;rker wurde, wurde es von den westlichen Kolonialisten &uuml;berholt.<\/p><p><strong>Die Eliten des Westens bestehen immer noch darauf, die Ukraine rhetorisch zu unterst&uuml;tzen, aber Munition und Waffen werden immer knapper. Es gibt dar&uuml;ber hinaus in den westlichen Gesellschaften ein wachsendes Gef&uuml;hl der Kriegsm&uuml;digkeit. N&auml;hert sich aus Ihrer Sicht die Zeit, in der der Westen die Ukraine an den Verhandlungstisch setzt?<\/strong><\/p><p>Die USA sind weit weg, aber in Europa ist bereits Kriegsm&uuml;digkeit zu sp&uuml;ren. Dies ist jedoch unter dem Gesichtspunkt, die Ukraine zu Verhandlungen zu zwingen, unerheblich, da Europa in diesem Spiel keine Karte in der Hand h&auml;lt. Washingtons Wille ist wichtig, aber das Wei&szlig;e Haus hat es nicht eilig, den Konflikt einzufrieren.<\/p><p><strong>Ein Einfrieren des Konflikts ist nur m&ouml;glich, wenn die direkt und indirekt Beteiligten dies als Sieg verkaufen k&ouml;nnen. Wie ist die Lage in dieser Hinsicht? Was kann ein Sieg f&uuml;r die jeweiligen L&auml;nder bedeuten?<\/strong><\/p><p>F&uuml;r Selenskyj bedeutet ein Sieg die R&uuml;ckkehr zu den Grenzen der Ukraine von 1991, aber das ist realit&auml;tsfern. Ein neuer Pr&auml;sident kann jedoch einen neuen Ansatz mit sich bringen. Denn es gibt Politiker in der Ukraine, sogar in Selenskyjs Umfeld, die zum Beispiel die Beibehaltung von Kiew und Odessa als Sieg betrachten und mit dem Verlust der Krim und der beiden Donbass-Regionen einen Waffenstillstand unterzeichnen w&uuml;rden.<\/p><p><strong>Wladimir Putin hat mir jedoch auf meine Frage beim Waldai-Treffen 2023 gesagt, dass Odessa eine russische Stadt sei. Was bedeutet das Ihrer Meinung nach, und was w&uuml;rde Moskau als Sieg verbuchen?<\/strong><\/p><p>Odessa zu erobern, ist nicht einfach, denn dazu m&uuml;ssten zuerst Cherson und Mykolajiw eingenommen werden. Und wir haben noch nicht &uuml;ber die Tatsache gesprochen, dass Odessa eine Millionenstadt ist und die russischen Streitkr&auml;fte in ihrem jetzigen Zustand nicht in der Lage w&auml;ren, vom Schwarzen Meer aus zu landen. Dies w&uuml;rde eine weitere Mobilisierung oder einen vollst&auml;ndigen Zusammenbruch der ukrainischen Armee erfordern. Russland w&auml;re jedoch &ndash; wie Putin und Lawrow wiederholt erkl&auml;rt haben &ndash; zu Verhandlungen bereit, wobei die Lage an den Fronten zu ber&uuml;cksichtigen w&auml;re.<\/p><p><strong>Womit w&uuml;rde sich denn Washington zufriedengeben?<\/strong><\/p><p>Das Ziel der USA ist es, Russland so weit wie m&ouml;glich zu schw&auml;chen. Doch die Ukraine ist nur einer der Schaupl&auml;tze der russisch-US-amerikanischen Konfrontation. Da sind auch noch Syrien, Afrika, die Arktis oder sogar Europa und der Pazifik. Die Ukraine ist nat&uuml;rlich der hei&szlig;este Punkt dieser Konfrontation, aber eine L&ouml;sung des Konflikts ist nur in Verbindung mit den anderen Themen m&ouml;glich. Wenn Moskau und Washington beispielsweise einen Kompromiss in Bezug auf die NATO, die strategische Stabilit&auml;t in Europa und die Atomwaffen erzielen k&ouml;nnten, w&auml;ren die Vereinigten Staaten bereit, die Ukraine daf&uuml;r zu opfern.<\/p><p><strong>Damit haben Sie ausgesprochen, was ich denke, n&auml;mlich dass die Vereinigten Staaten die Ukraine nur f&uuml;r ihre geopolitischen Zwecke benutzen und bereit sind, sie zu opfern, wenn die Situation es erfordert. F&uuml;hlen sich die Ukrainer nicht verraten?<\/strong><\/p><p>Ich sage das schon seit 2014. Der Westen benutzt die Ukraine als Rammbock gegen Russland. Er denkt, dass die Ukrainer f&uuml;r ihn die Kastanien aus dem Feuer holen werden. Wolodymyr Selenskyj wurde im Wesentlichen f&uuml;r diese Rolle &bdquo;angeheuert&ldquo;.<\/p><p><strong>F&uuml;gen wir noch hinzu, dass es angesichts der Vergangenheit der Ukraine und der Mentalit&auml;t der Ukrainer nicht schwer war, Kiew &uuml;bers Ohr zu hauen.<\/strong><\/p><p>Die Ukraine wurde nicht zuf&auml;llig ausgew&auml;hlt.<\/p><p><strong>Der bekannte amerikanische Analyst George Friedman hat gesagt: Der Krieg ist vorbei, aber niemand wei&szlig;, wie man aufh&ouml;rt zu k&auml;mpfen. Es ist wirklich einfacher, einen Krieg anzufangen, als ihn zu beenden. Wie lange kann dieser Krieg wohl noch dauern?<\/strong><\/p><p>Friedman hat recht. Niemand ist gerne ein Verlierer. Um den Konflikt zu beenden, m&uuml;ssen wir also versuchen, dass alle beteiligten Parteien so weit wie m&ouml;glich ihr Gesicht wahren.<\/p><p><strong>Es ist schon jetzt klar, dass die Ukraine der gr&ouml;&szlig;te Verlierer dieser zwei Jahre ist<\/strong>.<\/p><p>Sie hat bisher die gr&ouml;&szlig;ten Verluste erlitten, aber es ist zu fr&uuml;h, sie als den gr&ouml;&szlig;ten Verlierer zu bezeichnen. Der Krieg ist noch lange nicht vorbei.<\/p><p><strong>Demographisch und wirtschaftlich gesehen ist die Lage katastrophal, der Staat w&auml;re ohne ausl&auml;ndische Hilfe bankrott, er hat 18 Prozent seines Territoriums verloren &hellip;<\/strong><\/p><p>Ja, das stimmt.<\/p><p><strong>Wie h&auml;tte die Ukraine Ihrer Meinung nach diese Situation vermeiden k&ouml;nnen? Haben sie alles getan, um einen Krieg zu vermeiden?<\/strong><\/p><p>Die Ukraine hatte mehrere Gelegenheiten, den Krieg zu vermeiden. Die erste war am 9. Dezember 2019, als Selenskyj Putin, Merkel und Macron in Paris traf. Es ging um das Minsker Abkommen, und Selenskyj verpflichtete sich, es umzusetzen. Nach seiner R&uuml;ckkehr nach Kiew erkl&auml;rte er dann, dass die Ukraine sich nicht an das Minsker Abkommen halten werde. Die zweite im Oktober 2020, als die beiden separatistischen &bdquo;Volksrepubliken&ldquo; des Donbass einen Kompromissvorschlag unterbreiteten, wonach ihnen der im Minsker Abkommen garantierte Sonderstatus f&uuml;r 30 Jahre zuerkannt werden sollte. Danach h&auml;tte die Angelegenheit &uuml;berpr&uuml;ft werden k&ouml;nnen. <\/p><p>Schlie&szlig;lich erkl&auml;rte Pr&auml;sident Selenskyj kurz vor der Invasion auf der M&uuml;nchner Konferenz provokativ, dass Kiew vom Budapester Memorandum zur&uuml;cktreten werde. Dies konnte in Moskau zu Recht so interpretiert werden, dass sich die Ukraine bereit erkl&auml;rt, ihre eigene Atomschlagkraft aufzubauen. Selbst Joe Biden hatte Selenskyj zuvor davon abgeraten, in dieser angespannten Situation nach M&uuml;nchen zu reisen. Und was macht der ukrainische Pr&auml;sident? Er fuhr nicht nur hin, sondern provozierte Moskau.<\/p><p><strong>Wie kann Kiew in der gegenw&auml;rtigen Situation seine Verluste begrenzen?<\/strong><\/p><p>Daf&uuml;r ist es zu sp&auml;t, die Verluste sind enorm. Und wenn Selenskyj morgen ank&uuml;ndigen w&uuml;rde, dass er mit Moskau verhandeln w&uuml;rde, w&uuml;rde die Mehrheit der Ukrainer dies noch nicht als vern&uuml;nftigen Kompromiss, sondern als Kapitulation verstehen und ablehnen. Nach all dem Leid w&uuml;rden die Soldaten nicht aufgeben, viele w&uuml;rden um ihr Kriegsgesch&auml;ft f&uuml;rchten, die Nationalisten w&uuml;rden bis zum Schluss durchhalten und diejenigen, die zu Kompromissen bereit w&auml;ren, w&uuml;rden eingesch&uuml;chtert und schweigen.<\/p><p><strong>Kann die Ukraine f&uuml;r diesen Krieg durch eine m&ouml;gliche EU- und NATO-Mitgliedschaft entsch&auml;digt werden?<\/strong><\/p><p>Die Ukraine wird kein vollwertiges Mitglied der NATO sein. Das w&auml;re ein zu gro&szlig;es Risiko f&uuml;r die NATO, und sie will sicher nicht, dass Artikel 5 in diesem Zusammenhang angewandt wird. Was die europ&auml;ische Integration anbelangt, so hat die Ukraine keine der Grundvoraussetzungen daf&uuml;r erf&uuml;llt, da sie &uuml;ber keine stabile Wirtschaft und kein stabiles Sozialsystem verf&uuml;gt, der Staat am Rande des Bankrotts steht, die demokratischen Institutionen schwach sind und nicht einmal ihre Grenzen klar sind.<\/p><p><em>Dieser Artikel erschien urspr&uuml;nglich in der ungarischen Wochenzeitung<\/em> Demokrata.<\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ Review News<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=111328\">Stimmen aus Ungarn: Propagandisierende Propagandisten<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110073\">Stimmen aus Ungarn: Moskaus Bereitschaft f&uuml;r eine Friedensl&ouml;sung im Fr&uuml;hjahr 2022 war aufrichtig<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=107545\">Stimmen aus Ungarn: Der Westen entt&auml;uscht, Selenskyj nerv&ouml;s<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106483\">Verfolgung von Oppositionellen in der Ukraine: Maxim Goldarb und die Haltung der Bundesregierung<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/f9ca3dae169541d2aabd60454fa1e2a7\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Moral der ukrainischen Armee ist durch die Niederlagen geschw&auml;cht, aber von einem Zusammenbruch ist nicht die Rede. 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