{"id":1124,"date":"2006-05-10T14:53:27","date_gmt":"2006-05-10T12:53:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1124"},"modified":"2016-02-10T15:52:58","modified_gmt":"2016-02-10T14:52:58","slug":"buchkritik-neuer-reformbrei-aus-alten-zutaten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1124","title":{"rendered":"Buchkritik &#8211; Neuer Reformbrei aus alten Zutaten"},"content":{"rendered":"<p>Seit Ende des vorigen Jahres verl&auml;uft die &ouml;konomische Reformdebatte in Deutschland etwas ruhiger. In der Gro&szlig;en Koalition haben beide Parteien offenbar kaum noch Interesse an Schwarzmalerei zur Rechtfertigung marktradikaler Reformen. Unter vielen wirtschaftspolitischen Akteuren mehren sich angesichts der Erfolglosigkeit der praktizierten Reformpolitik zudem die Zweifel, ob Deregulierung, Sparpolitik und Abbau des Sozialstaats wirklich der K&ouml;nigsweg zu mehr Wachstum und Besch&auml;ftigung sind.<br>\n<!--more--><br>\nVon Achim Truger<\/p><p>Allerdings gibt es eine Gruppe in Deutschland, die jetzt erst so richtig Blut geleckt hat: Der Mainstream der deutschen &Ouml;konomen. Obwohl die Politik in den vergangenen Jahren den Empfehlungen der marktradikalen Professoren in einem Ma&szlig;e gefolgt ist, von dem diese zuvor nicht zu tr&auml;umen gewagt h&auml;tten, schreien sie nach immer mehr. Ein besonders bemerkenswertes Exemplar unter ihnen ist Ulrich van Suntum. Der M&uuml;nsteraner &Ouml;konomie-Professor hat mit &ldquo;Masterplan Deutschland&rdquo; sein Nachz&uuml;glerwerk zur Reformdebatte vorgelegt. Wie seit Jahren von vielen seiner Kollegen vorgebetet, fordert auch er radikale Reformen, die bei Strafe des Untergangs mutig durchgesetzt werden m&uuml;ssten. Durch Befolgung seiner Ratschl&auml;ge k&ouml;nne Deutschland wieder die wettbewerbsf&auml;higste Wirtschaft der Welt werden.<\/p><p><strong>Prinzip Einfachheit<\/strong><\/p><p>Im Groben r&uuml;hrt van Suntum hinsichtlich Diagnose und Therapievorschl&auml;gen denn auch den &uuml;blichen langweiligen Brei an: Die Deutschen und ihr Staat haben Jahrzehnte lang &uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse gelebt. Der ausufernde Sozialstaat und die &Uuml;berregulierung haben die Wachstumskr&auml;fte gefesselt. Umgeben von zahlreichen westlichen Reforml&auml;ndern und aufstrebenden, flei&szlig;igeren und schlankeren Marktwirtschaften in Osteuropa und Asien, bleibt Deutschland nur der Ausweg der radikalen Anpassung: Lohnsenkung, Deregulierung des Arbeitsmarktes, Entmachtung der Gewerkschaften &ndash; die sowieso an der Misere Schuld sind &ndash; B&uuml;rokratieabbau, Steuersenkungen f&uuml;r Unternehmen, Privatisierung der sozialen Sicherung, Begrenzung der Staatsverschuldung&hellip;<\/p><p>Gibt es auch Unterschiede zur &uuml;blichen Reformlitanei? Im Detail schon. So sind einige Vorschl&auml;ge van Suntums zum B&uuml;rokratieabbau durchaus nachdenkenswert. Dasselbe gilt teilweise auch f&uuml;r seine Ideen zur F&ouml;deralismusreform, die immerhin ohne den allenthalben gepriesenen Steuerwettbewerb auskommen. Van Suntum selbst setzt vor allem auf das &ldquo;Prinzip Einfachheit&rdquo;. Von Einzelaspekten abgesehen erweist sich dieses jedoch als Mogelpackung: So richtig einfach sind die meisten Vorschl&auml;ge nicht, wie er stellenweise selbst eingestehen muss. Und dort, wo sie es sind, w&uuml;rden sie sich angesichts einer komplexen Realit&auml;t wohl schnell als untauglich erweisen.<\/p><p>Die Besonderheit des Buches besteht im Auseinanderklaffen von Anspruch und tats&auml;chlicher Leistung des Autors: Van Suntum sieht sich als seri&ouml;ser, unabh&auml;ngiger &Ouml;konom, der die B&uuml;rger aufkl&auml;ren und die &ldquo;falschen Propheten&rdquo; einer unverantwortlichen &Ouml;konomie in die Schranken weisen will.<\/p><p>Wird man diesem Anspruch aber gerecht, indem man auf Stammtischniveau durch Politiker- und B&uuml;rokratenschelte Politikverdruss bef&ouml;rdert? Ist es Teil demokratischer Diskussionskultur, zu wettern, diejenigen, die sich den &ldquo;Wahnwitz der B&uuml;rgerversicherung&rdquo; ausgedacht h&auml;tten, &ldquo;geh&ouml;rten eigentlich eingesperrt&rdquo;? Zeugt es von wissenschaftlicher Unabh&auml;ngigkeit, sich in weiten Teilen wesentlich auf Quellen wirtschaftsnaher Institutionen oder Interessenvertreter zu st&uuml;tzen? W&auml;re die internationale makro&ouml;konomische Fachliteratur nicht ebenso zitierenswert wie Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, Institut der deutschen Wirtschaft, Bertelsmann Stiftung, Arbeitsgemeinschaft Selbstst&auml;ndiger Unternehmer oder Industrie- und Handelskammer?<\/p><p>Van Suntums Werk stellt einen traurigen R&uuml;ckschritt in der Reformdebatte dar.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Ende des vorigen Jahres verl&auml;uft die &ouml;konomische Reformdebatte in Deutschland etwas ruhiger. In der Gro&szlig;en Koalition haben beide Parteien offenbar kaum noch Interesse an Schwarzmalerei zur Rechtfertigung marktradikaler Reformen. Unter vielen wirtschaftspolitischen Akteuren mehren sich angesichts der Erfolglosigkeit der praktizierten Reformpolitik zudem die Zweifel, ob Deregulierung, Sparpolitik und Abbau des Sozialstaats wirklich der K&ouml;nigsweg<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1124\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[131,208],"tags":[284,319,273,312,325,278],"class_list":["post-1124","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","category-rezensionen","tag-deregulierung","tag-lohnentwicklung","tag-privatvorsorge","tag-reformpolitik","tag-staatsschulden","tag-steuersenkungen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1124","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1124"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1124\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31068,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1124\/revisions\/31068"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1124"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1124"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1124"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}