{"id":112425,"date":"2024-03-15T10:00:19","date_gmt":"2024-03-15T09:00:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=112425"},"modified":"2024-03-18T07:33:05","modified_gmt":"2024-03-18T06:33:05","slug":"mit-russland-habe-ich-mir-das-schwerste-land-ausgesucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=112425","title":{"rendered":"\u201eMit Russland habe ich mir das schwerste Land ausgesucht\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ulrich Heyden<\/strong>, ein (west-)deutscher Journalist zwischen zwei Kulturen: Nach 30 Jahren journalistischer Erfahrung in Russland &ndash; auch in Kriegs- und Krisengebieten &ndash; sind seit 2014 seine Kenntnisse des Landes, seine Berichte kaum mehr gefragt. Selbst Freunde in Deutschland sind oft besorgt, dass er sich Russland vermeintlich zu sehr ann&auml;here. Die Russlandfeindschaft wird aus seiner Sicht &bdquo;in ein progressives M&auml;ntelchen gekleidet&ldquo;. Heyden macht sich wiederum um Deutschland Sorgen. &Uuml;ber seinen Weg nach Russland und seine Erfahrungen mit dem Land hat er ein Buch mit dem Titel &bdquo;Mein Weg nach Russland&ldquo; geschrieben. Im Interview erz&auml;hlt er &uuml;ber seine innige Beziehung zu Russland und dessen Menschen sowie zur russischen Kultur. Er berichtet von Erfahrungen, die viele Deutsche sich gar nicht vorstellen k&ouml;nnen, und erkl&auml;rt, was westliche Medien von Journalisten in Russland erwarten. Wir haben ihn auch nach den deutsch-russischen Beziehungen gefragt und danach, ob Russland zu Europa geh&ouml;rt. Das Interview mit Ulrich Heyden f&uuml;hrte <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8997\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-112425-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240315_Mit_Russland_habe_ich_mir_das_schwerste_Land_ausgesucht_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240315_Mit_Russland_habe_ich_mir_das_schwerste_Land_ausgesucht_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240315_Mit_Russland_habe_ich_mir_das_schwerste_Land_ausgesucht_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240315_Mit_Russland_habe_ich_mir_das_schwerste_Land_ausgesucht_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=112425-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240315_Mit_Russland_habe_ich_mir_das_schwerste_Land_ausgesucht_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240315_Mit_Russland_habe_ich_mir_das_schwerste_Land_ausgesucht_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>&Eacute;va P&eacute;li: Herr Heyden, wie lange leben Sie schon in Russland?<\/strong><\/p><p><strong>Ulrich Heyden<\/strong>: Ich lebe und arbeite seit 1992 in Russland als freier Journalist. Teilweise hatte ich auch feste Abnehmer, mit der <em>S&auml;chsischen Zeitung<\/em> 13 Jahre lang sogar einen Vertrag, von 2001 bis 2014.<\/p><p><strong>Wann hat der Weg nach Russland begonnen? Gab es ein Ereignis, einen Anlass, was zu dieser Entscheidung gef&uuml;hrt hat?<\/strong><\/p><p>Der Anlass daf&uuml;r, dass ich mich physisch nach Russland bewegte, war die Wiedervereinigung Deutschlands und die Aufl&ouml;sung der Sowjetunion. Ich war nicht gegen die Wiedervereinigung, aber ich sp&uuml;rte in Westdeutschland so ein Siegesgef&uuml;hl. Das war f&uuml;r einen, der immer links aktiv war, sehr suspekt. Als ausgebildeter Historiker hatte ich mich immer f&uuml;r die Sowjetunion interessiert. Als die dann zerfiel oder aufgel&ouml;st wurde, hatte ich den gro&szlig;en Wunsch, diesen Prozess journalistisch zu begleiten. Ich bildete mir ein, da k&ouml;nnte etwas Neues entstehen, was die Welt noch nicht kennt &ndash; also weder Kapitalismus, wie wir ihn kennen, noch Realsozialismus, den man schon kannte und der gescheitert ist. Heute w&uuml;rde ich sagen, dass ich die Illusion hatte, fairer berichten zu k&ouml;nnen. Mein Verh&auml;ltnis zu den Medien war immer sehr kritisch. Ich habe die deutschen Zeitungen gelesen, aber nur wenige davon wirklich gesch&auml;tzt. Damals herrschte diese Stimmung &bdquo;Europa kommt zusammen, wir gehen auf Augenh&ouml;he aufeinander zu&ldquo;. Ich habe gedacht, dass das hei&szlig;t, dass sich auch die Medien f&uuml;r die Russen interessieren und ohne Vorurteile an sie rangehen.<\/p><p><strong>Waren Sie vorher auch journalistisch t&auml;tig?<\/strong><\/p><p>Ich habe immer geschrieben: Im Internat habe ich f&uuml;r die Sch&uuml;lerzeitung geschrieben, sp&auml;ter f&uuml;r die Zeitungen des &bdquo;Kommunistischen Bundes&ldquo;, einer 1971 gegr&uuml;ndeten Organisation, die sich 1991 aufl&ouml;ste. Etwa 20 Jahre habe ich journalistisch geschrieben, aber ohne Geld, aus Enthusiasmus, aus der Lust, Dinge zu analysieren und auch f&uuml;r eine bessere Welt einzutreten.<\/p><p><strong>W&uuml;rden Sie die Entscheidung heute noch mal treffen, nach Moskau auszuwandern?<\/strong><\/p><p>Ich glaube schon. Das h&auml;ngt von der historischen Situation ab. Die Frage ist: &bdquo;Warum sollte ich?&ldquo; Wenn ich heute in Deutschland leben w&uuml;rde, g&auml;be es neue Gr&uuml;nde, nach Russland zu gehen, wie zum Beispiel die Russophobie, die in Deutschland herrscht und die nicht auszuhalten ist. Aber ich hatte immer ein Interesse, im Ausland zu leben. Ganz fr&uuml;her wollte ich nach Frankreich gehen. Deutschland ist zwar ein sch&ouml;nes Land, aber das war mir zu wenig. Ich wollte mehr von der Welt sehen. Mit Russland habe ich mir das schwerste Land ausgesucht. Die russischen Sitten, die russische Kultur, die russische Geschichte unterscheiden sich sehr stark von den deutschen &ndash; westdeutschen &ndash; Lebensgewohnheiten und Einstellungen. Es braucht sehr viel Offenheit und Toleranz, in einem anderen Land die eigene Meinung zu behalten. Man muss nicht alles nachplappern, was die Leute da erz&auml;hlen. Das finde ich ausgesprochen interessant. Die eigene Erfahrung tr&auml;gt man in sich, aber man kommt auch in Kontakt mit der neuen Kultur, &uuml;bernimmt vielleicht einiges davon, sch&auml;tzt einiges davon. Dieser Prozess zwischen zwei Kulturen, diese Begegnung in meinem Herzen ist sehr sch&ouml;n, sehr bereichernd.<\/p><p><strong>Welche pr&auml;gnanten Ereignisse haben Sie in diesen 30 Jahren erlebt?<\/strong><\/p><p>Das Pr&auml;gnanteste, was mich pers&ouml;nlich ber&uuml;hrt hat, war die Armut in Kiew und in Russland 1992. Die alten Frauen, die Babuschki, sa&szlig;en in der Metro auf den Treppenstufen und haben gebettelt. Kinder haben Autoscheiben geputzt, um ein bisschen Geld zu verdienen. Der Staat brach einfach zusammen, die Menschen waren sich selbst &uuml;berlassen. Die Betriebe machten zu, und es wurden keine L&ouml;hne gezahlt. Der sowjetische Mensch, der es gewohnt war, dass der Staat alles f&uuml;r ihn regelt, wurde ohne Vorwarnung sich selbst &uuml;berlassen. Das hat zu schrecklichen Trag&ouml;dien gef&uuml;hrt, Frauen, Kinder, Rentner blieben sozial ungesch&uuml;tzt. F&uuml;r viele Deutsche ist das unvorstellbar, was Armut tats&auml;chlich bedeutet.<\/p><p>Pr&auml;gnant waren auch die Kriege, die ich als Reporter erlebt habe, vor allem der Tschetschenienkrieg, wo ich sehr oft war. In meinem tiefsten Innern habe ich gehofft, dass ich durch meine Berichte dazu beitragen kann, zwischen den Tschetschenen und den Russen zu vermitteln. Auch im Donbass war ich ab 2014 sehr oft, das waren eigentlich die st&auml;rksten Eindr&uuml;cke. Da ging es um Leben und Tod.<\/p><p>Mir war immer wichtig, dass ich nicht einseitig bin und mit meinen Berichten ein Gesamtbild gebe. Im Fr&uuml;hjahr 2022, wenige Monate nach der russischen Invasion in die Ukraine, habe ich ein Buch herausgegeben. Darin habe ich meine Reportagen, die ich von 2014 bis 2021 in den Volksrepubliken Donezk und Lugansk geschrieben habe, zusammengefasst und mit neuen Texten erg&auml;nzt. Meines Wissens ist es bis heute das einzige Buch in deutscher Sprache &uuml;ber den Teil des Donbass, der sich gegen Kiew erhob. Das Buch enth&auml;lt Augenzeugenberichte, Reportagen und Analysen und ist nach journalistischen Kriterien verfasst. Es werden verschiedene Positionen dargestellt.<\/p><p>Die Journalisten der gro&szlig;en deutschen Medien haben den Donbass seit 2014 nicht mehr besucht. Die Volksrepubliken Donezk und Lugansk wurden zum wei&szlig;en Fleck, von au&szlig;en unvorstellbar und unfassbar. Die westlichen Medien haben sich immer ger&uuml;hmt, dass sie ihre Journalisten &uuml;berall hinschicken, wo Kriege sind. Aber auf die andere Seite des Krieges im Donbass wurde niemand hingeschickt.<\/p><p><strong>War es in fr&uuml;heren Kriegen anders? Gab es da westliche Journalisten?<\/strong><\/p><p>Ja, der Tschetschenienkrieg war ein Medienhype sondergleichen. Wenn du damals mit dem Flugzeug von Moskau nach Grosny geflogen bist, waren da unter den Passagieren bestimmt immer zehn westliche Journalisten von den gro&szlig;en deutschen Fernsehkan&auml;len &ndash; wie dem <em>ZDF<\/em> &ndash;, privaten Fernsehkan&auml;len und nat&uuml;rlich von den US-amerikanischen und franz&ouml;sischen Kan&auml;len.<\/p><p>Vor allen Dingen im ersten Tschetschenienkrieg von 1994 bis 1996 gab es in Deutschland den Gedanken, dass Russland zerf&auml;llt und sich auch noch andere russische Regionen unabh&auml;ngig machen. Offen wurde das nat&uuml;rlich nicht gesagt. Aber das war so schon zu sp&uuml;ren durch die Intensit&auml;t, mit der &uuml;ber Tschetschenien berichtet wurde. Die Namen der tschetschenischen Feldkommandeure und auch der Politiker waren den deutschen Medien-Konsumenten damals gel&auml;ufig, wie etwa der Name des Separatisten Aslan Maschadow. Er wurde 1996 zum Pr&auml;sidenten von Tschetschenien gew&auml;hlt. Einfache Orte in einer kleinen Kaukasusrepublik waren pl&ouml;tzlich international bekannt. Heute denke ich, die wollten diesen Tschetschenienkrieg von au&szlig;en auch puschen &ndash; wie sie eben den Maidan gepuscht haben.<\/p><p>Es gab schon Gr&uuml;nde f&uuml;r die nationale Unabh&auml;ngigkeit f&uuml;r Tschetschenien, wie die Unterdr&uuml;ckung der tschetschenischen Kultur und des Islam w&auml;hrend der Sowjetzeit. Das kann ich teilweise nachvollziehen. Aber der Westen hat sich da eingemischt, indem er die tschetschenische Unabh&auml;ngigkeitsbewegung hochgejubelt hat. Die westlichen Medien verschwiegen auch, dass ab 1998 Islamisten in Tschetschenien eine Schl&uuml;sselrolle spielten. Am Anfang war das nur Separatismus und noch nicht so stark religi&ouml;s unterf&uuml;ttert. Der tschetschenische Separatismus wurde dann immer mehr auch von Wahhabiten aus arabischen L&auml;ndern finanziert und infiltriert. Wenn aus der Russischen F&ouml;deration ein St&uuml;ck herausgebrochen worden w&auml;re, h&auml;tte das eine Kettenreaktion in Gang setzen k&ouml;nnen. Ich war schon damals dagegen. Ich habe mir gew&uuml;nscht, dass die Tschetschenen vielleicht Autonomie bekommen, aber herausbrechen, das schien mir v&ouml;llig unsinnig.<\/p><p><strong>Stichwort Medien: Eine ganze Reihe deutscher Medien, f&uuml;r die Sie gearbeitet haben, nehmen Ihre Erfahrungen nicht mehr in Anspruch. Was ist da geschehen?<\/strong><\/p><p>Es ging 2013 los, als ich &uuml;ber den Maidan relativ n&uuml;chtern, ohne Euphorie berichtete und so am Rande erw&auml;hnte, dass da auch Nationalisten mitmischen. Ich betone, ich war nicht gegen den &bdquo;Maidan&ldquo;. Das ist ja eine reale Bewegung gewesen. Die nationalistische Gewalt und die Verfolgung von Andersdenkenden war da am Anfang &ndash; also im November, Dezember 2013 &ndash; erst in Ans&auml;tzen zu sp&uuml;ren. Der Nationalismus wurde dann aber schnell immer st&auml;rker.<\/p><p>Selbst Freunde in Deutschland waren oft besorgt, dass ich mich zu sehr Russland ann&auml;here. Warum eigentlich? Sie erwarteten, dass ich mehr im Sinne der gro&szlig;en deutschen Medien berichte. Mir fiel es aber immer schwerer, die Erwartungen meiner deutschen Redaktionen zu erf&uuml;llen. Die Medien wollten die ganzen 30 Jahre, die ich aus Russland berichtet habe, dass ich das Bild des Westens best&auml;tige. Demnach ist der Westen der Sowjetunion beziehungsweise Russland und den osteurop&auml;ischen L&auml;ndern &uuml;berlegen: Nicht nur technologisch, sondern auch auf allen anderen Ebenen hat der Westen angeblich mehr Erfahrungen, mehr F&auml;higkeiten und mehr Kenntnisse. Das sollte immer wieder best&auml;tigt werden.<\/p><p><strong>Wie kann man sich das vorstellen?<\/strong><\/p><p>Der Journalist wird losgeschickt und soll &uuml;ber die Probleme vor Ort berichten. Aber die Chefredaktionen sind meist nicht am Kontext bestimmter Probleme in Russland interessiert. Wenn ich zum Beispiel dar&uuml;ber berichte, dass in Russland in den 90er-Jahren massenweise Flugzeuge abgest&uuml;rzt sind. Da dr&auml;ngt sich die Frage auf, soll man jetzt nur &uuml;ber einen Flugzeugabsturz berichten oder diesen Absturz in einen gr&ouml;&szlig;eren Zusammenhang stellen? Haben die Flugzeugabst&uuml;rze nicht auch damit etwas zu tun, dass ein Staat zerfallen ist? Hat es nicht auch damit was zu tun, dass alle ehemaligen Sowjetrepubliken den Warenverkauf auf einmal nur noch &uuml;ber Dollar abrechnen wollten? In der Sowjetunion und den osteurop&auml;ischen Staaten waren alle Fabriken &uuml;ber den Rat der gegenseitigen Wirtschaftshilfe (RGW) technologisch verbunden. Dadurch, dass nun nicht mehr der Rubel, sondern der Dollar das Zahlungsmittel wurde, wurden Produktionsketten zerschlagen. Russland wurde sozusagen das Blut aus den Adern genommen, und das Land stand kurz vor dem Zusammenbruch.<\/p><p>Aber das Wichtigste war damals, dass die Sowjetunion aufgel&ouml;st werden sollte. Das w&uuml;nschten sich russische Liberale, die sehr mit den US-amerikanischen Monetaristen sympathisierten. Das war auch der Wunsch von bestimmten politischen Kr&auml;ften im Westen, denen Russland zu stark war. Wir Journalisten wurden dann vor Ort darauf angesetzt, das soziale Elend auf den Stra&szlig;en zu zeigen und den Schmutz, weil nichts mehr ges&auml;ubert wurde. Aber das war ja alles eine Folge von staatlicher Zerr&uuml;ttung. Wenn ich aber diesen Zusammenhang nannte, setzte ich mich der Gefahr aus, dass ich der Sowjetunion &ndash; nach westlichem Sprachgebrauch einem reaktion&auml;ren, diktatorischen Staatswesen &ndash; nachtrauere. Unterschwellig berichteten die gro&szlig;en deutschen Medien in den 1990er-Jahren in einer Tonlage, dass Russland nun mal Opfer bringen m&uuml;sse. Anders sei ein demokratischer Staat mit Privateigentum und Marktwirtschaft nicht zu haben.<\/p><p><strong>Wie sch&auml;tzen Sie als Deutscher, der seit 30 Jahren in Russland lebt, die deutsch-russischen Beziehungen heute ein? Die offiziellen und die gesellschaftlichen.<\/strong><\/p><p>Ich glaube, dass die deutsch-russischen Beziehungen auf einer menschlichen Ebene immer noch existieren. Viele Menschen sp&uuml;ren einfach, dass sie zusammen an einem Strang ziehen m&uuml;ssen. Viele Menschen, vor allem in Ostdeutschland, k&ouml;nnen sich aus meiner Sicht in die Lage der Russen viel eher hineinversetzen und verstehen, dass Russland sich von der NATO bedroht f&uuml;hlt. Es gibt bestimmt viele Millionen Deutsche, die in ihrem Herzen noch eine gewisse Achtung vor Russland und keine Verachtung hegen.<\/p><p>Aber die auf der offiziellen Ebene und auch wahrscheinlich ein Gro&szlig;teil der deutschen Bev&ouml;lkerung haben sich der Russophobie unterworfen, die von den gro&szlig;en Medien gepredigt wird. Sie bekommen keine anderen Informationen, haben vielleicht sogar Angst, alle Informationen zu bekommen, indem sie mal kritische alternative oder russische Webseiten aufsuchen. Es ist auch so ein Herdentrieb. Das, was ich hier in Deutschland von Menschen h&ouml;re, das ist einfach erschreckend. Das Erschreckendste ist, dass die Russlandfeindschaft in ein progressives M&auml;ntelchen gekleidet wird. Es hei&szlig;t, wir sind die Progressiven, wir haben sexuelle Vielfalt, wir haben Fahrradwege, wir ern&auml;hren uns vegan, wir haben 15 verschiedene Geschlechter. Aber warum sollen das andere L&auml;nder alles unbedingt nachvollziehen? Warum wollen wir allen anderen L&auml;ndern diese Messlatte aufzwingen? Dann wird man am Ende ganz allein dastehen und sich wundern, dass das Ausland Deutschland verachtet. Kein Volk in Asien und Afrika wird auf die Dauer so einen Quatsch mitmachen. Also vielleicht nur noch bestimmte US-Amerikaner und Engl&auml;nder, aber das war es dann.<\/p><p><strong>Ist die Verschlechterung der Beziehungen nur auf deutscher Seite zu sp&uuml;ren? Ist Deutschland daf&uuml;r verantwortlich?<\/strong><\/p><p>Auf jeden Fall. Russland hat sich sehr viel von der NATO und vom Westen bieten lassen. Russland hat es immerhin zugelassen, dass die NATO 16 neue Mitglieder aufgenommen hat und damit immer n&auml;her an Russland heranger&uuml;ckt ist. 2001 wurde der erste R&uuml;stungskontrollvertrag von den USA gek&uuml;ndigt, der ABM-Vertrag. Zugegeben, in den letzten zwei Jahren hat die russische Rhetorik sehr an Fahrt zugenommen. Aber das ist ja auch wiederum logisch, dass Russland als Staat sich nicht alles gefallen l&auml;sst. Es will nicht schweigend hinnehmen, wie S&ouml;ldner aus Frankreich, Polen und England in der Ukraine direkt vor der russischen Grenze k&auml;mpfen. Russland w&uuml;rde ich absolut freisprechen von dem Vorwurf, Russland versch&auml;rfe die Lage. Putin sagt doch in seinen Reden immer wieder, Moskau sei zu Verhandlungen bereit. Ihn als Kriegseinpeitscher zu d&auml;monisieren, ist l&auml;cherlich. Das k&ouml;nnen nur diejenigen tun, die Putins Reden nicht kennen oder sie verschweigen.<\/p><p><strong>Wie gehen Sie damit um, dass Sie als &bdquo;Russlandversteher&ldquo; anscheinend gemieden werden, so wie andere? Was halten Sie &uuml;berhaupt von diesem Begriff?<\/strong><\/p><p>In Handelsbeziehungen, in der Diplomatie m&uuml;ssen wir einfach wissen, mit wem wir es zu tun haben, was f&uuml;r Sitten in anderen L&auml;ndern herrschen. Von daher ist dieses Wort &bdquo;Russlandversteher&ldquo; f&uuml;r mich absolut positiv. Aber es wird nur im negativen Kontext benutzt. Es wird unterstellt, wer Russland versteht, akzeptiert schon alles, was in Russland passiert. Wer nicht zu verstehen in der Lage ist, sollte auch keinen Staat lenken und sollte keine Politik machen &ndash; sollte vor allem nicht Au&szlig;enministerin werden oder Au&szlig;enminister. Jede leitende T&auml;tigkeit h&auml;ngt eben mit Analyse, auch mit Verstehen zusammen. In jeder Familie ist auch Verstehen wichtig. Es ist bedr&uuml;ckend, dass Deutschland, das zwei Weltkriege mit Russland angefangen hat, der letzte mit 27 Millionen toten Sowjetb&uuml;rgern, das Wort &bdquo;Russlandversteher&ldquo; ausschlie&szlig;lich im negativen Kontext benutzt. Das zeigt, dass Deutschland eigentlich bis heute nicht die Chance genutzt hat, aus einer Niederlage im Krieg gegen die Sowjetunion zu lernen und zu erkl&auml;ren: &bdquo;Wir wollen nie wieder mit Russland Krieg f&uuml;hren.&ldquo; Das hei&szlig;t nicht, dass man Russland unkritisch sehen soll.<\/p><p>Die Leute, die heute Waffenlieferungen in die Ukraine unterst&uuml;tzen, die wollen offenbar riskieren, dass es wieder Millionen Tote gibt. Das ist einfach eine schreckliche Vorstellung. Selbst die V&auml;ter und Gro&szlig;v&auml;ter dieser Leute, die uns Deutschen die Waffenlieferungen an die Ukraine als notwendigen Schritt einreden, sind im Krieg gestorben oder wurden schwer verletzt. Das hei&szlig;t, diese Leute sind offenbar der Meinung, dass Krieg etwas Normales ist. Aber sie stellen sich dar als Friedensbringer. Die maskieren sich einfach.<\/p><p><strong>Welche Chancen sehen Sie, dass sich die deutsch-russischen Beziehungen eines Tages wieder verbessern? Was m&uuml;sste daf&uuml;r geschehen?<\/strong><\/p><p>Daf&uuml;r m&uuml;sste viel geschehen. In Deutschland m&uuml;sste es sehr gro&szlig;e Friedensdemonstrationen geben. Es m&uuml;sste einen Ruck durch die Gesellschaft geben. Menschen m&uuml;ssten sich einen Ruck geben &ndash; aus Angst vor Krieg, aus logischem Nachdenken, aus Achtung vor unserer deutschen Geschichte &ndash; und sagen, so geht es nicht weiter. Wir brauchen auch Menschen aus der Elite, die sich &ouml;ffentlich hinstellen und zugeben: &bdquo;Wir haben Fehler gemacht, so geht es nicht weiter.&ldquo; Wir m&uuml;ssen Deutschland letzten Endes retten, weil auch die deutsche Industrie zerst&ouml;rt werden kann. Sie ist jetzt schon geschrumpft, ohne dass in Deutschland Krieg herrscht. Aber dazu braucht es Mut, gegen den Strom zu schwimmen und gegen das Diktat der Medien aufzustehen. Diesen Mut gibt es bisher leider nur in Ans&auml;tzen. Ich hoffe, dass die gro&szlig;e Masse der Deutschen nicht erst dann aufwacht, wenn es schon zu sp&auml;t ist &ndash; dann, wenn die Kriegsdynamik bis nach Europa reicht und vielleicht die ganze Welt zerst&ouml;rt.<\/p><p>Es ist offensichtlich, dass die Medien und die Politik heute in Deutschland sehr professionell arbeiten. Wie kann es sein, dass es zum Beispiel nach der russischen Invasion Friedensdemonstrationen gab, auf denen nur ukrainische Flaggen gezeigt wurden? Wie kann es sein, dass sich diese reaktion&auml;re und gegen den Frieden gerichtete Politik mit Jugendlichen schm&uuml;ckt, die auf die Stra&szlig;e gehen und andere angreifen, weil sie angeblich Russland unterst&uuml;tzen? Das hei&szlig;t, dieser rebellische Impetus, der bei der Jugend immer da ist, der sich fr&uuml;her, als ich noch jung war, gegen die NATO, gegen den US-Imperialismus, gegen den Vietnamkrieg, gegen reaktion&auml;re Strukturen richtete, ist jetzt umgedreht worden. Diese Form der Dissidenz wird jetzt benutzt, um die eigenen reaktion&auml;ren Interessen gegen Russland und andere L&auml;nder durchzusetzen. Mit revolution&auml;ren Worten wird also eine reaktion&auml;re Politik gemacht. Es ist schrecklich, das mit anzusehen.<\/p><p><strong>Wie sehen Sie die die geopolitische Situation Russlands? Ist der Weg Richtung Europa versperrt?<\/strong><\/p><p>Das ist eine wichtige Frage. Die Tatsache, dass die westlichen Staaten, auch die NATO, die Ukraine unterst&uuml;tzen, zwingt Russland dazu, sich auch ideologisch neu zu orientieren. Obwohl ich es mir ehrlich gesagt gar nicht vorstellen kann. Russland, die russische Kultur, die Musik, die Mode, die Business-Kultur, alles ist mit Europa verbunden. Die Zaren waren teilweise deutscher Herkunft. Es gab deutsche Kaufleute, deutsche Siedler in Russland, in Sankt Petersburg. Das hinterl&auml;sst Spuren &uuml;berall. Selbst in der russischen Sprache finden Sie massenweise deutsche W&ouml;rter, vor allen Dingen in milit&auml;rischen Bereichen, aber auch in der Schifffahrt, dem Buchdruck und vielen anderen Bereichen.<\/p><p>Dass diese Trennung von Europa im Grunde nicht funktioniert, das ist auch daran zu sehen, dass russisches Fl&uuml;ssiggas &uuml;ber Drittl&auml;nder nach Deutschland kommt. Russland hat jetzt neue Freunde in den Staaten des Globalen S&uuml;dens und engagiert sich dort sogar milit&auml;risch. Es hilft afrikanischen Staaten, von westlichen Staaten unabh&auml;ngiger zu werden. Aber die Losl&ouml;sung von Europa und vom Westen scheint mir doch nicht m&ouml;glich. Wir leben doch in einer medialen Welt. Die Russen nutzen <em>Google<\/em>, sie nutzen <em>YouTube<\/em>. Es ist nicht abgeschaltet bisher. Zwei, drei Generationen von Russen sind aufgewachsen mit Hollywoodfilmen. Sie kennen amerikanische Schauspieler und die Trends in der Mode besser als ich. Diese Welttrends sind so stark, die lassen sich nicht einfach abschneiden, selbst wenn es aus russischer Sicht n&uuml;tzlich w&auml;re, jetzt auf die chinesische Freundschaft zu setzen. Aber China und die afrikanischen Staaten sind doch Russland sehr un&auml;hnlich in ihrer Kultur.<\/p><p>Vergessen wir nicht, dass das russische Management die Unternehmen in den letzten 30 Jahren nach US-amerikanischen und deutschen Methoden aufgebaut und sein Marketing entwickelt hat. Das ist alles Handschrift des Westens. Die russische Verfassung von 1993 wurde unter Mitwirkung von deutschen Verfassungsrechtlern geschrieben. Ich denke, die Trennung von Europa oder vom Westen ist nicht m&ouml;glich.<\/p><p><em>Ulrich Heyden: &bdquo;Mein Weg nach Russland&ldquo;, Verlag Promedia 2024, 272 Seiten, ISBN: 978-3-85371-528-4, 25 Euro.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Ulrich Heyden<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/55715e6cae564c678f0550fb4f3cef68\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Ulrich Heyden<\/strong>, ein (west-)deutscher Journalist zwischen zwei Kulturen: Nach 30 Jahren journalistischer Erfahrung in Russland &ndash; auch in Kriegs- und Krisengebieten &ndash; sind seit 2014 seine Kenntnisse des Landes, seine Berichte kaum mehr gefragt. Selbst Freunde in Deutschland sind oft besorgt, dass er sich Russland vermeintlich zu sehr ann&auml;here. 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