{"id":112486,"date":"2024-03-16T13:00:01","date_gmt":"2024-03-16T12:00:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=112486"},"modified":"2024-03-16T14:18:28","modified_gmt":"2024-03-16T13:18:28","slug":"alarm-die-heuschrecken-kommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=112486","title":{"rendered":"Alarm! Die \u201eHeuschrecken\u201c kommen!"},"content":{"rendered":"<p>Schlusslicht beim Wachstum, die h&ouml;chsten Strom- und Energiepreise, Auftragsmangel, Wirtschaftsstimmung im Keller, Deindustrialisierung. Was f&uuml;r viele Unternehmen im Deutschland des Jahres 2024 ein Grund f&uuml;r Arbeitsplatzabbau und Abwanderung ist, ist f&uuml;r andere Firmen ein gefundenes Fressen. Die Rede ist von den ber&uuml;hmt-ber&uuml;chtigten aktivistischen Investoren (manchmal auch &bdquo;Heuschrecken&ldquo; genannt), die &ndash; inspiriert vom Niedergang der deutschen Wirtschaft &ndash; hierzulande offenbar immer mehr lohnende Angriffsziele entdecken. Von <strong>Thomas Trares<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWie aus dem j&uuml;ngsten &bdquo;Review of Shareholder Activism&ldquo; der US-Investmentbank Lazard <a href=\"https:\/\/www.finance-magazin.de\/deals\/aktivistische-investoren\/deutschland-ist-die-neue-zielscheibe-der-aktivisten-173174\/\">hervorgeht<\/a>, richteten sich im vergangenen Jahr 20 Prozent aller Angriffe aktivistischer Investoren in Europa gegen deutsche Unternehmen. Das ist ein deutlicher Zuwachs gegen&uuml;ber 2022, als es nur acht Prozent waren. Zu einem &auml;hnlichen Ergebnis kommt das US-Beratungsunternehmen Alvarez &amp; Marsal (A &amp; M), das in regelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden einen Bericht &uuml;ber die T&auml;tigkeit aktivistischer Investoren in Europa ver&ouml;ffentlicht. In ihrem neuen &bdquo;A &amp; M Activist Alert&ldquo; <a href=\"https:\/\/www.boerse-frankfurt.de\/nachrichten\/OTS-Alvarez---Marsal---Der-aktuelle-A-M-Activist-Alert-zeigt-Aktivistische--65f88b6a-b6ea-4e8d-9cde-6d7b53e4fdc4\">konstatieren die Berater nun<\/a>, dass deutsche Unternehmen weiterhin zu den bevorzugten Zielen von Aktivisten z&auml;hlen &ndash; vor allem im Industriesektor. <\/p><p><strong>Aktive Einflussnahme<\/strong><\/p><p>Aktivistische Investoren sind eine ganz spezielle Spezies am Kapitalmarkt. Sie kaufen nicht einfach Aktien und warten dann auf Kurssteigerungen und Dividendenzahlungen, sondern sie werden aktiv; sprich sie nehmen gezielt Einfluss auf die Unternehmensstrategie, fordern Kostensenkungen, Unternehmensaufspaltungen, Aktienr&uuml;ckk&auml;ufe, die Absetzung von Managern und &Auml;hnliches. Ziel ist in der Regel die schnelle Steigerung des Aktienkurses. In den angegriffenen Unternehmen selbst werden diese Investoren meist als Plagegeister oder ungebetene G&auml;ste wahrgenommen.<\/p><p>Der wohl bekannteste aktivistische Investor ist der US-Hedgefonds Elliott, hinter dem der US-Milliard&auml;r Paul Singer steckt. In der Presse wurde der Fonds auch schon mal als &bdquo;Aasgeier&ldquo;, &bdquo;Wall-Street-Hai&ldquo; oder &bdquo;Finanzheuschrecke&ldquo; bezeichnet. Ber&uuml;hmt geworden ist Elliott bereits in der Argentinienkrise 2001, in der er argentinische Staatsanleihen zum &bdquo;Schleuderpreis&ldquo; aufkaufte und anschlie&szlig;end die Regierung des Landes unter Druck setzte, die Papiere zum vollen Nennwert zur&uuml;ckzukaufen. Um an die Gelder zu gelangen, lie&szlig; Singer sogar den Dreimaster Libertad, das Segelschulschiff der argentinischen Marine, <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/finanzen\/article110108963\/Wie-Hedgefonds-Pleitestaaten-bedraengen.html\">festsetzen<\/a>. In Deutschland war Elliott zuletzt bei dem Gesundheitskonzern Fresenius aktiv.<\/p><p><strong>Unterbewertete Unternehmen im Visier<\/strong><\/p><p>Die Strategie dieser &bdquo;Aktivisten&ldquo; funktioniert freilich nur bei Unternehmen, die in irgendeiner Form in Schwierigkeiten geraten sind, sei es durch Managementfehler, Unstimmigkeiten zwischen Vorstand und Aufsichtsrat und &Auml;hnlichem. Aktuell jedoch hat vor allem die gesunkene Wettbewerbsf&auml;higkeit der deutschen Industrie das Interesse der Aktivisten geweckt. Im &bdquo;Activist Alert&ldquo; von A &amp; M hei&szlig;t es dazu: &bdquo;Die Wettbewerbsf&auml;higkeit im internationalen Vergleich wird f&uuml;r deutsche Unternehmen zunehmend herausfordernder: Vor allem die gestiegenen Energie- und Kapitalkosten stellen erh&ouml;hte Anforderungen an Management Teams.&rdquo; Die A &amp; M-Berater sehen derzeit insgesamt 27 b&ouml;rsennotierte deutsche Unternehmen als gef&auml;hrdet an &ndash; sie k&ouml;nnten in den n&auml;chsten 18 Monaten zum Ziel von Hedgefonds werden.<\/p><p>Zwar nennt der A &amp; M-Bericht keine Namen, dennoch d&uuml;rfte klar sein, dass insbesondere die Chemieindustrie im Fokus der aktivistischen Fonds steht. Die Gr&uuml;nde daf&uuml;r liegen auf der Hand. Nahezu die gesamte Branche steckt wegen der explodierten Energiekosten in der Krise. Nach einem Umsatzeinbruch von zw&ouml;lf Prozent im vergangenen Jahr rechnet der Branchenverband VCI f&uuml;r 2024 mit einem weiteren R&uuml;ckgang von drei Prozent. Branchengr&ouml;&szlig;en wie BASF und Lanxess legen Sparprogramme auf und bauen Stellen ab. Die Fachzeitschrift &bdquo;Process&ldquo; <a href=\"https:\/\/www.process.vogel.de\/hedgefonds-und-chemieindustrie-a-b813a9133f852aeea290ad4e63f2703a\/\">schrieb k&uuml;rzlich dazu<\/a>: &bdquo;Dass die Hedgefonds derzeit vor allem die Chemie-Branche ins Visier genommen haben, liegt nicht zuletzt darin begr&uuml;ndet, dass dieser Sektor sich mitten im disruptiven Wandel befindet und die gro&szlig;en Konzerne f&uuml;r die &sbquo;Heuschrecken&rsquo; somit verschiedene Angriffspunkte liefern.&ldquo; <\/p><p><strong>Brenntag und Bayer betroffen<\/strong><\/p><p>Im vergangenen Jahr ist bereits der Essener Chemikalienh&auml;ndler Brenntag Ziel einer aktivistischen Attacke <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/brenntag-primestone-2026-zerschlagung-kohlpaintner-1.6314652\">geworden<\/a>. Mit Prime Stone und Engine Capital hatten sich gleich zwei US-Hedgefonds bei dem Unternehmen eingekauft und anschlie&szlig;end dessen Aufspaltung gefordert. Dazu nominierten sie sogar zwei eigene Kandidaten f&uuml;r den Aufsichtsrat. Deren Wahl scheiterte auf der Hauptversammlung nur knapp. Inzwischen gab Brenntag aber bekannt, seine beiden Gesch&auml;ftsbereiche als weitgehend eigenst&auml;ndige Unternehmen aufstellen zu wollen, was bereits auf eine sp&auml;tere Zerschlagung hindeutet.<\/p><p>Das derzeit wohl prominenteste &bdquo;Opfer&ldquo; von aktivistischen Fonds <a href=\"https:\/\/www.boersen-zeitung.de\/meinung-analyse\/zeitenwende-deutschland-ag\">ist jedoch<\/a> der Leverkusener Chemie- und Pharmakonzern Bayer. Hier ist vor gut einem Jahr der US-Investor Jeffrey Ubben &uuml;ber seinen Fonds Inclusive Capital mit gut 400 Millionen Euro eingestiegen. Kurz danach hat Ubben in der britischen Finanzzeitung <em>Financial Times<\/em> einen offenen Brief ver&ouml;ffentlicht. Darin forderte er, den Vorstandsvorsitzenden auszuwechseln und den Konzern zu zerschlagen. Tats&auml;chlich hat Bayer inzwischen den damaligen Chef Werner Baumann abgesetzt und statt seiner den Amerikaner Bill Anderson installiert. Die Entscheidung &uuml;ber eine Aufspaltung des Konzerns steht aber noch aus.<\/p><p><strong>Opfer des eigenen Missmanagements<\/strong><\/p><p>Bayer jedenfalls ist Opfer seines eigenen Missmanagements geworden. Insbesondere der Kauf des US-Saatgutherstellers Monsanto im Jahr 2016 hat sich als krasse Fehlentscheidung erwiesen. Damit hat sich Bayer in den USA Rechtsstreitigkeiten ohne Ende aufgehalst. Vor dem Monsanto-Kauf war Bayer an der B&ouml;rse 120 Milliarden Euro wert, heute sind es noch 26 Milliarden Euro. Ubben sieht nun in der Abspaltung des schwer besch&auml;digten Agrarchemiegesch&auml;fts den Hebel, mit dem sich der B&ouml;rsenwert wieder heben und die Rendite seines Investments steigern l&auml;sst.<\/p><p>Als besonders umtriebig erwies sich zuletzt auch der Londoner Hedgefonds Petrus Advisers. Bei dem G&ouml;ppinger Softwareunternehmen Teamviewer hat der Fonds Ende 2022 in einem offenen Brief die Glaubw&uuml;rdigkeit des Vorstandsvorsitzenden Oliver Steil infrage gestellt und die Aufl&ouml;sung teurer Sport-Sponsoringvertr&auml;ge gefordert. Diese <a href=\"https:\/\/www.boersen-zeitung.de\/kompakt\/diese-schwachstellen-sieht-petrus-advisers-bei-teamviewer-dd8f06aa-665f-11ed-a8ee-76a419d2158f\">seien<\/a> &bdquo;ein Zeichen von Hybris und schlechtem Urteilsverm&ouml;gen&ldquo;. Zudem war Petrus vor gut einem Jahr mit drei Prozent bei der Deutschen Pfandbriefbank (pbb) eingestiegen, wettet inzwischen aber auf einen Kursverfall der Aktie &ndash; offenbar mit Erfolg. Denn die pbb wurde zuletzt stark vom Preisverfall bei den US-Gewerbeimmobilien getroffen. Dementsprechend hat die Aktie seit Jahresanfang noch einmal <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/finanzen\/banken-versicherungen\/banken\/us-gewerbeimmobilien-leerverkaeufer-petrus-advisers-warnt-pbb-vor-abwaertsspirale\/100015617.html\">deutlich an Wert verloren<\/a>. Davor hatte Petrus lange Zeit bei der Wiesbadener Aareal Bank f&uuml;r Unruhe gesorgt.<\/p><p><strong>Die Geister scheiden sich<\/strong><\/p><p>An dem Auftreten dieser aktivistischen Investoren scheiden sich generell die Geister. Einerseits wird gesagt, dass sie auf den Kapitalm&auml;rkten eine wichtige Kontroll- und Fr&uuml;hwarnfunktion aus&uuml;ben, indem sie bei schlecht gemanagten Unternehmen die Finger in die Wunde legen und allein schon durch ihr Auftreten disziplinierend wirken. Andererseits verfolgen die Aktivisten oft nur kurzfristige Interessen, die kontr&auml;r zu den mittel- bis langfristigen Unternehmenszielen stehen k&ouml;nnen. So haben insbesondere die von aktivistischen Fonds oft geforderten Dividendenaussch&uuml;ttungen und Aktienr&uuml;ckk&auml;ufe das Potenzial, die finanzielle Basis der Unternehmen zu besch&auml;digen.<\/p><p>Klar d&uuml;rfte jedoch sein, dass die Kampagnen der aktivistischen Investoren k&uuml;nftig immer &ouml;fter von Erfolg gekr&ouml;nt sein werden. Grund sind die sich &auml;ndernden Eigentumsverh&auml;ltnisse bei den Dax-Unternehmen. Diese befinden sich inzwischen zu mehr als 60 Prozent im Besitz angels&auml;chsischer Investmentfonds. Und diese neigen immer &ouml;fter dazu, die Kampagnen der Aktivisten zu unterst&uuml;tzen, bei denen es sich ebenfalls meist um Adressen aus dem angels&auml;chsischen Raum <a href=\"https:\/\/www.boersen-zeitung.de\/meinung-analyse\/kraeftemessen-mit-aktivisten\">handelt<\/a>. <\/p><p><small>Titelbild: Minerva Studio\/shutterstock.com<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/934d67b9c7174e29a7faa3eb69b577f4\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schlusslicht beim Wachstum, die h&ouml;chsten Strom- und Energiepreise, Auftragsmangel, Wirtschaftsstimmung im Keller, Deindustrialisierung. Was f&uuml;r viele Unternehmen im Deutschland des Jahres 2024 ein Grund f&uuml;r Arbeitsplatzabbau und Abwanderung ist, ist f&uuml;r andere Firmen ein gefundenes Fressen. 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