{"id":11262,"date":"2011-11-11T09:04:05","date_gmt":"2011-11-11T08:04:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11262"},"modified":"2024-09-29T05:00:17","modified_gmt":"2024-09-29T03:00:17","slug":"die-ubersetzung-des-interviews-mit-james-galbraith","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11262","title":{"rendered":"Die \u00dcbersetzung des Interviews mit James Galbraith"},"content":{"rendered":"<p>Dank dem Engagement unserer Leser haben wir jetzt auch die &Uuml;bersetzung von meinem <a href=\"\/?p=11217\">Interview<\/a> mit dem &Ouml;konomen <strong>James Galbraith<\/strong>. Wir m&ouml;chten uns an dieser Stelle herzlich bei allen Lesern bedanken, die uns ihre Hilfe angeboten haben. Es sind unsere Leser, die durch ihre t&auml;gliche Mitarbeit und, wie in diesem Fall, bei besonderem Bedarf unsere Arbeit erm&ouml;glichen. Von <strong>Roger Strassburg<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><p><strong>NachDenkSeiten:<\/strong> Wir sprechen heute mit Dr. James Galbraith, Professor f&uuml;r Wirtschaftswissenschaften an der Universit&auml;t Texas in Austin. James, Sie haben gerade eine Konferenz &uuml;ber die Krise in der Eurozone hinter sich gebracht. Es gibt hier eine gro&szlig;e Zahl von Menschen, die vieles &uuml;ber die Krise h&ouml;ren. Sie h&ouml;ren, dass es einen Rettungsplan gibt. Einen Rettungsplan nach dem anderen. Aber ich denke, es herrscht viel Unklarheit dar&uuml;ber, was diese Krise ist, wie sie entstanden ist und so weiter. K&ouml;nnten Sie uns hierzu Hintergrundinformationen geben?<\/p><p><strong>James Galbraith:<\/strong>&nbsp;Ja. Wir hatten f&uuml;r zwei Tage an der Universit&auml;t Texas in Austin eine Gruppe von 20 Spezialisten auf diesem Gebiet, eine Gruppe von sehr angesehenen, redegewandten und kenntnisreichen Personen aus ganz Europa und aus den Vereinigten Staaten. Ich kann Ihnen einige Personen nennen, die dort waren: Yanis Varoufakis war unser Hauptredner. Er ist einer der prominentesten Kommentatoren und Teilnehmer in der Debatte &uuml;ber die Eurokrise. Heiner Flassbeck, ehemaliger Staatssekret&auml;r im Finanzministerium der Bundesrepublik, war aus Genf angereist, wo er f&uuml;r die UNCTAD arbeitet. Jan Toporowski von der Universit&auml;t London. Alain Parguez aus Paris. Eine ganze Reihe sehr interessanter und f&auml;higer Personen. Kommen wir zu dem, was die gesamte Gruppe als wesentliche Elemente der Krise betrachtete. Ich denke zun&auml;chst stimmten wir darin &uuml;berein, dass es sich prim&auml;r um eine Bankenkrise, also eine Krise des Finanzsystems handelt. Es ist eine Krise die &hellip; deren wesentlicher Effekt es ist, enorm divergente Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung zu haben. Sie zerst&ouml;rt die Wirtschaften an der europ&auml;ischen Peripherie, w&auml;hrend sie sich bisher relativ wenig auf &hellip; sagen wir Deutschland und seine n&auml;chsten Nachbarn auswirkt. Es ist eine Krise, die sich aus den Unzul&auml;nglichkeiten der europ&auml;ischen Architektur und der dahinter stehenden, w&auml;hrend der Schaffung der Eurozone herrschenden Ideologie entwickelt hat. Diese haben sich im Umgang mit den Schuldner-Gl&auml;ubiger-Beziehungen, die in Europa heute existieren, offenkundig als unzul&auml;nglich erwiesen.<\/p><p><strong>NachDenkSeiten:<\/strong>&nbsp;Was waren Ihrer Meinung nach diese Unzul&auml;nglichkeiten?<\/p><p><strong>James Galbraith:<\/strong>&nbsp;Nun ja, es gibt eine ganze Menge davon. Aber irgendwie ist es auch recht einfach. Wenn zwischen zwei Partnern l&auml;ngerfristige Verschuldungsbeziehungen entstehen, gibt es nur zwei Wege, damit umzugehen. Der erste besteht darin, dass sich einer der Partner kontinuierlich refinanziert. Und das ist was zwischen China und den Vereinigten Staaten geschieht. Die Chinesen sind in keiner Position, &Auml;nderungen der Form der Zahlungen zu fordern, die sie erhalten. Der andere Weg besteht darin, dass der Gl&auml;ubiger die Schuld abschreibt. Dies ist geschehen &hellip; sagen wir in Lateinamerika w&auml;hrend und nach der Krise in den 1980er Jahren. Und Europa hat sich beiden Wegen verweigert, mit dem Ergebnis, dass der Versuch, die Schulden abzuzahlen, die Wirtschaften in der Schuldnerzone zerst&ouml;rt.<\/p><p><strong>NachDenkSeiten:<\/strong>&nbsp;Wie hat das alles angefangen? Und wir haben vorher &uuml;ber die Handelsungleichgewichte zwischen Deutschland und anderen L&auml;ndern diskutiert.<\/p><p><strong>James Galbraith:<\/strong>&nbsp;Ja, das war ein wesentliches Thema, insbesondere von Heiner Flassbeck und von J&ouml;rg Bibow, den beiden deutschen Teilnehmern. Und was sie in sehr einfacher graphischer Form zeigten war, dass Deutschland seit der Schaffung des Euro eine Politik von Null-Lohnwachstum verfolgt hat, Nullwachstum bei den Lohnst&uuml;ckkosten. Sie haben also ein Land, das sich mit sehr niedrigem Lohnwachstum als Au&szlig;enseiter in Europa geriert hat. Frankreich auf der anderen Seite hat grob die Ziele getroffen &hellip; die zwei Prozent, die f&uuml;r das Gesch&auml;ftsgebaren der Europ&auml;ischen Zentralbank ma&szlig;geblich sind. Und die anderen L&auml;nder lagen ein wenig hoch, mit dem Ergebnis einer enormen Divergenz zwischen Deutschland und allen anderen, einem enormen Anstieg der deutschen Wettbewerbsf&auml;higkeit und einem enormen Anstieg des deutschen (Au&szlig;en-)Handels&uuml;berschusses. Das hei&szlig;t &hellip; damit gehen korrespondierend Haushaltsdefizite und ansteigende Verschuldung in allen anderen L&auml;ndern einher. Auf einem bestimmten Level haben die Ungleichgewichte das Problem herbeigef&uuml;hrt. Die Ungleichgewichte sind f&uuml;r sich genommen aber nicht notwendigerweise problematisch. Die Vereinigten Staaten haben ein massives Ungleichgewicht mit China und es gibt keine Krise. Der Unterschied liegt in der Art und Weise, wie mit den Ungleichgewichten umgegangen wird. Das ist der wichtigste Punkt.<\/p><p><strong>NachDenkSeiten:<\/strong> Die meisten Deutschen sind stolz auf die Tatsache, dass sie der sogenannte &bdquo;Exportweltmeister&ldquo; sind. Sie empfinden das als eine Art Zeichen f&uuml;r den deutschen Flei&szlig; und schrecken davor zur&uuml;ck, etwas davon abzuschneiden. Wie w&uuml;rden Sie ihnen die Notwendigkeit einer gewissen Ausbalancierung erkl&auml;ren? Was w&uuml;rden Sie ihnen vorschlagen, wie sie die Auswirkungen einigerma&szlig;en gl&auml;tten k&ouml;nnen?<\/p><p><strong>James Galbraith:<\/strong> In dieser Auffassung ist &ndash; darauf hat Richard Parker w&auml;hrend der Konferenz hingewiesen &ndash; eine gewisse Reflektion der historischen protestantischen Ethik enthalten, und man wird dem in vielerlei Hinsicht Sympathien entgegenzubringen haben &ndash; der deutsche Erfolg ist die Folge der vorhandenen in hohem Ma&szlig;e  wettbewerbsf&auml;higen Industriestruktur. Dennoch ist einiges anzumerken: Zun&auml;chst einmal hat der Prozess der europ&auml;ischen Integration selbst sowohl Industrie als auch Landwirtschaft von den L&auml;ndern der Peripherie in die Kernl&auml;nder verlagert. Das ist im Rahmen von Integrationsprozessen unvermeidbar. Es ist in den Vereinigten Staaten geschehen, es ist in Lateinamerika geschehen und es ist in China w&auml;hrend des Reformprozesses geschehen &ndash; einer der Aspekte des Reformprozesses war das Entfernen der internen Handelsbarrieren. Das ist also ein unvermeidbarer Prozess; die Europ&auml;ische Union hat erwartet, dass es dazu kommen w&uuml;rde und im Prinzip ging man davon aus, dass es eine Kompensation, Kompensationsstr&ouml;me in die andere Richtung geben sollte; daf&uuml;r existieren die Strukturfonds. Die Strukturfonds erwiesen sich allerdings als v&ouml;llig unzureichend, um den Grad der Konzentration von Aktivit&auml;ten zu kompensieren, zu dem es dann tats&auml;chlich kam. Es wird also mehr Kompensation, es werden mehr &ndash; und ich meine das &uuml;berhaupt nicht in einem wertenden Sinne &ndash; ausgleichende Finanzstr&ouml;me ben&ouml;tigt. Und die Deutschen k&ouml;nnen das im Wesentlichen auf einem von zwei oder auf einem von drei Wegen erreichen. Sie k&ouml;nnten nat&uuml;rlich ihre Wettbewerbsf&auml;higkeit reduzieren, das w&auml;re aber eine eher unkluge und verschwenderische Ma&szlig;nahme. Es ist wohl kaum so, dass wir besser weniger oder schlechtere deutsche Autos haben sollten. Das w&uuml;rde vern&uuml;nftigerweise niemand vorschlagen. Deutsche Arbeitnehmer k&ouml;nnten besser leben und deutsche Rentner k&ouml;nnten besser leben, mit anderen Worten die Sozialleistungen k&ouml;nnten  erh&ouml;ht werden. L&ouml;hne f&uuml;r Menschen, die nicht in der wettbewerbsf&auml;higen Industrie arbeiten und die in Deutschland in wesentlich prek&auml;reren Verh&auml;ltnissen leben, als dies vor 15 oder 20 Jahren der Fall war, k&ouml;nnten erh&ouml;ht werden. Das ist also die zweite M&ouml;glichkeit; sie w&uuml;rde die Importe erh&ouml;hen und die aktuelle H&ouml;he des Bilanz&uuml;berschusses in Deutschland reduzieren.<br>\nUnd die dritte M&ouml;glichkeit ist, Finanzstr&ouml;me in die L&auml;nder bereitzustellen, die sich in der Schuldnerposition befinden. Und dieser Prozess &ndash; das Recycling des Geldes &ndash; l&auml;sst sich fortsetzen, also, es existiert kein operationelles Limit daf&uuml;r. Das Problem entsteht, wenn er zu Bedingungen erfolgt, die kommerziellen Kredit, Zinszahlungen und eine eventuelle Aussicht auf eine R&uuml;ckzahlung beinhalten, die nicht geleistet werden kann, weil die Zust&auml;nde sich nicht &auml;ndern werden. Solange Deutschland &uuml;ber eine starke industrielle Basis verf&uuml;gt, wird es das &Uuml;berschussland in der Eurozone sein. Es wird nicht dazu kommen, dass es &ndash; sagen wir in zwanzig Jahren &ndash; ein deutsches Defizit und einen korrespondierenden spanischen, griechischen oder italienischen &Uuml;berschuss gibt.  Daher muss es durch die ersten beiden M&ouml;glichkeiten, von denen ich gesprochen habe, oder durch routinenm&auml;&szlig;ige finanzielle Fl&uuml;sse geschehen.<\/p><p><strong>NachDenkSeiten:<\/strong> Sie meinen so etwas wie eine Transferunion?<\/p><p><strong>James Galbraith:<\/strong>&nbsp;Ja, sicherlich. Ich meine, das ist ein Weg es zu tun. Die Vereinigten Staaten wurden eine Transferunion nach dem New Deal und insbesondere der Great Society. Der New Deal erschuf die Social Security, die die Renten in den Vereinigten Staaten auf eine kontinentale Grundlage stellte und einen gemeinsamen Standard etablierte. Die Pensionszahlungen, Medicare und Medicaid, etablierten einen gemeinsamen Standard in der Gesundheitsversorgung, der insbesondere f&uuml;r die &auml;lteren und armen Amerikaner etabliert wurde. Nat&uuml;rlich haben wir ein Milit&auml;rbudget, das regional weiterverteilt wird, weil  dies in hohem Ma&szlig;e Investitionen im S&uuml;den unterst&uuml;tzte. Der New Deal hatte eine umfangreiche Komponente regionalen Wiederaufbaus. Tennessee Valley Authority, das Gesetz zur Anpassung der Landwirtschaft, Elektrifikation, eine ganze Serie von Dingen, die im Wesentlichen den S&uuml;den der USA wiederaufgebaut oder zum ersten Mal erschlossen und industrialisiert und dieser Region die Position als ein heute weitgehend normaler Teil der Vereinigten Staaten gegeben haben. Alle diese Dinge waren ein Prozess zur Umwandlung einer nicht funktionierenden bi-regionalen Wirtschaft in Nordamerika in eine einzige, koh&auml;rente nationale Einheit. Und das ist nat&uuml;rlich derselbe Prozess, der in Europa noch nicht abgeschlossen wurde.<\/p><p><strong>NachDenkSeiten:<\/strong>&nbsp;Teilweise wegen der Sprachbarriere?<\/p><p><strong>James Galbraith:<\/strong>&nbsp;Nun ja, ich denke das liegt tats&auml;chlich an der nationalen Identifikation und an der fehlerhaften Ausgestaltung der europ&auml;ischen Institutionen. Die Idee, das soziale Europa auf dem nationalen Level zu halten und das finanzielle Europa auf dem regionalen Level zu haben, funktioniert nicht.<\/p><p><strong>NachDenkSeiten:<\/strong>&nbsp;Sie haben w&auml;hrend der Konferenz &uuml;ber ein Papier gesprochen, das vor kurzem erschienen ist und in dem es darum geht, wie die Eurokrise gel&ouml;st werden kann. Die Menschen h&ouml;ren nat&uuml;rlich von Rettungspaketen und so weiter und sind irgendwie davon &uuml;berzeugt, dass nichts funktionieren wird, sie selbst am Ende alles bezahlen m&uuml;ssen und der Euro verschwinden wird. Was w&uuml;rde&hellip; <\/p><p><strong>James Galbraith:<\/strong>&nbsp;Entschuldigung, die Verbindung ist etwas gest&ouml;rt, k&ouml;nnten Sie das wiederholen?<\/p><p><strong>NachDenkSeiten:<\/strong>&nbsp;Die Menschen haben Angst, dass sie &ndash; im Wesentlichen die Steuerzahler &ndash; auf der Rechnung sitzen bleiben und dass das alles in n&auml;herer Zukunft nicht enden wird. Wenn Sie gebeten w&uuml;rden, eine L&ouml;sung f&uuml;r die Eurokrise zu pr&auml;sentieren, was w&uuml;rden Sie empfehlen?<\/p><p><strong>James Galbraith:<\/strong>&nbsp;Wir haben diesem Thema &ndash; insbesondere am Dienstag &ndash; einen l&auml;ngeren Zeitraum gewidmet und hatten eine sehr starke  Hauptrede von Yanis Varoufakis &uuml;ber das, was er den &bdquo;bescheidenen Vorschlag&ldquo; nennt, einen Vorschlag, den er und Stuart Holland ausgearbeitet haben und der inzwischen substantielle Unterst&uuml;tzung von ehemaligen hochrangigen F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten in der Eurozone genie&szlig;t. Dieser Teil der Diskussion war auf die sehr kurzfristige Frage konzentriert, wie die Schuldenkrise gel&ouml;st werden kann, und nicht notwendigerweise darauf wie alle anderen strukturellen und architektonischen  und die politischen Fragen der Eurozone zu l&ouml;sen sind. Richtet man den Fokus auf die Krise und den Varoufakis\/Holland-Vorschlag so ist als erstes von essentieller Bedeutung, den Maastricht-konformen Teil der Verbindlichkeiten der L&auml;nder der Eurozone, 60 % des Bruttoinlandsprodukts, in Verbindlichkeiten zu konvertieren, die zwar von der Europ&auml;ischen Zentralbank auf gemeinsamer Basis und bei einer gemeinsamen niedrigen Zinsrate herausgegeben, die aber dennoch &ndash; ebenso wie heute &ndash; durch die einzelnen Regierungen bedient werden. Dies h&auml;tte den Effekt, den Druck der Kreditm&auml;rkte auf die L&auml;nder der Eurozone erheblich zu reduzieren und in sehr weitem Umfang vollst&auml;ndig zu eliminieren. Zweitens sollte das Bankensystem auf europ&auml;ischer Ebene rekapitalisiert und dadurch die aktuellen verderblichen Bande zwischen den nationalen Banken und den nationalen Regierungen gebrochen werden. Und drittens sollte die Europ&auml;ische Investitionsbank als Quelle f&uuml;r ein Investitions- und Entwicklungsprogramm genutzt werden, weil  es sich hierbei um eine Institution mit gro&szlig;er Kapazit&auml;t und einer Vielzahl von Projekten auf der langen Bank handelt, die tats&auml;chlich von der langen Bank heruntergebracht werden k&ouml;nnten, wenn dem nicht die aktuellen Kofinanzierungserfordernisse entgegenst&uuml;nden. All dies sollte innerhalb des institutionellen Rahmens der europ&auml;ischen Institutionen und des Unionsrechts geschehen, eine Art minimal ausreichende Herangehensweise zur L&ouml;sung der unmittelbaren finanziellen Krise und zur Schaffung einer Grundlage f&uuml;r k&uuml;nftiges Wirtschaftswachstum. <\/p><p><strong>NachDenkSeiten:<\/strong> Eines der Probleme bei aktiven Eingriffen der Europ&auml;ischen Zentralbank wie  etwa der direkten Geldverleihung, ist die Ablehnung, insbesondere aus Deutschland. Verstehen Sie, was dahintersteckt, warum es solche Ablehnung von direkten Krediten gibt?<\/p><p><strong>James Galbraith:<\/strong>&nbsp;Da gibt es eine ganze Anzahl von Dingen. Eines davon ist das, was als die traditionelle Angst vor Inflation beschrieben wird, die auf einem ersichtlich falschen Verst&auml;ndnis der Konsequenzen einer derartigen Strategie beruht. Wie wir in den Vereinigten Staaten gesehen haben, hat die Fed ihre Bilanzen um Billionen von Dollar verl&auml;ngert, ohne dass dieser rein finanzielle Ma&szlig;nahmenwechsel eine inflation&auml;re Auswirkung gehabt h&auml;tte. Abgesehen davon gibt es Personen, die der &uuml;berholten Sicht anh&auml;ngen, die Europ&auml;ischen Zentralbank solle als rein monetaristische Institution funktionieren, allein fixiert auf Preisstabilit&auml;t, und die Schwierigkeiten damit haben, sich auf die Welt, in der wir tats&auml;chlich leben, einen Reim zu machen. Die Eurozone w&auml;re schon l&auml;ngst auseinander gefallen, wenn die Zentralbank nicht mit dem Ankaufen von Anleihen begonnen h&auml;tte, was sie auch jetzt tut und was sie nat&uuml;rlich schon seit einer Weile getan hat. Und ich nehme drittens an, dass es die Frage gibt, welche Ver&auml;nderungen auf das Bankensystem zukommen w&uuml;rden und dass Personen, die eigentlich prim&auml;r darum besorgt sind, die genannten Bedenken &uuml;ber die Europ&auml;ische Zentralbank ausnutzen, und so in nicht anerkennenswerter Weise eine Position unterst&uuml;tzen, die sie eigentlich aus anderen Gr&uuml;nden vertreten.<\/p><p><strong>NachDenkSeiten:<\/strong>&nbsp;Die Leute stellen h&auml;ufig die Frage und wir stellen sicherlich die Frage, worin eigentlich der Sinn besteht, eine Zentralbank Geld an Banken verleihen zu lassen, das diese dann wiederum zu einem wesentlich h&ouml;heren Zinssatz an die Regierungen verleihen?<\/p><p><strong>James Galbraith:<\/strong>&nbsp;Also die Banker m&ouml;gen das. <\/p><p><strong>NachDenkSeiten:<\/strong>&nbsp;Ergibt sich daraus irgendein sozialer oder finanzieller Gewinn&hellip;?<\/p><p><strong>James Galbraith:<\/strong>&nbsp;Ah, also das ist eine andere Frage. Im Prinzip m&ouml;chte man die privaten Banker in einem Rahmen haben, in dem sie miteinander im Wettbewerb stehen und in vern&uuml;nftiger Art und Weise die Risikoentscheidungen f&uuml;r Privatunternehmen treffen. Jemand muss das tun. Banker sind im Prinzip Spezialisten, die darauf trainiert sind, Gesch&auml;ftsrisiken und Profitpotentialie zu evaluieren und Dezentralisierung und Wettbewerb zwischen ihnen sind im Prinzip eine gute Sache. Leider ist das keine Beschreibung des Bankensystems, das wir haben. Das Problem mit dem Bankensystem das wir haben ist, dass es sich um eine Ansammlung handelt, von Ausnutzung von Regulierungsunterschieden, Umgehung von Steuern, von  Verpacken und Verkaufen von zweifelhaften, in vielen F&auml;llen betr&uuml;gerischen Instrumenten, die aus den Vereinigten Staaten stammen und europ&auml;ischen Investoren in den Jahren vor 2008 angedreht wurden, von Zombie-Institutionen, deren Funktion darin besteht, bei Null-Zinsen von der Zentralbank Geld zu leihen und es an die Regierungen zu wesentlich h&ouml;heren Zinsen weiterzugeben und die die Differenz einzustreichen und dann befinden sie sich nat&uuml;rlich in einer Position, in der sie gerettet werden m&uuml;ssen, wenn die Anleihepreise fallen. Das ist nat&uuml;rlich&hellip; nichts davon hat irgendein soziales Nutzen. <\/p><p><strong>NachDenkSeiten:<\/strong>&nbsp;Es ist wahrscheinlich ein guter Zeitpunkt, um zu dem zur&uuml;ckzukehren, was die Finanzkrise 2008 ausgel&ouml;st hat. Die Geschichte, die hier von der deutschen Regierung und den deutschen Medien erz&auml;hlt wird, ist, dass alles im Wesentlichen in den USA angefangen hat und &uuml;ber Europa gewisserma&szlig;en aus dem Nichts hereingebrochen ist. Peer Steinbr&uuml;ck, zu diesem Zeitpunkt Finanzminister, hat das gesagt. Mit anderen Worten: das ist kein europ&auml;isches Problem, das ist etwas, das aus den USA gekommen ist. <\/p><p><strong>James Galbraith:<\/strong>&nbsp;Nat&uuml;rlich kam vieles von dem, was schief gelaufen ist, aus den USA. Wir haben den gr&ouml;&szlig;ten finanziellen Betrug der Geschichte, die Entwicklung des H&auml;userfinanzierungsmarkts, zugelassen und es erlaubt, dass gef&auml;lschte Hypotheken gewaschen und an vorwiegend europ&auml;ische Investoren abgesetzt wurden, die die Opfer eines kolossalen, epischen Betruges waren. Dennoch, ich denke, es ist fair zu sagen, dass wenn man sich ansieht, was in Irland geschehen ist, ein in qualitativer Hinsicht durchaus vergleichbarer Grad von Verantwortungslosigkeit auf Seiten der Geldgeber vorhanden war. Wir wissen heute, dass es innerhalb von Europa ein qualitativ &auml;hnliches Ph&auml;nomen gegeben hat, beispielsweise in Irland, mit der Risiko&uuml;bernahme bei kommerziellen Immobilien und der Entwicklung von Einkaufszentren und &Auml;hnliches. Der H&auml;userboom in Spanien wies, zumindest in makro&ouml;konomischer Hinsicht, &auml;hnliche Charakteristika auf. Und man k&ouml;nnte die Liste fortsetzen. Ich glaube, es ist fair zu sagen, dass es bei jedem Kredit-Boom eine inh&auml;rente Krise in der einen oder anderen Form gibt und in allen F&auml;llen die Verantwortung zwischen den Schuldnern und den Gl&auml;ubigern zu verteilen ist. Manchmal vielleicht ein wenig mehr auf der einen Seite, ein anderes Mal vielleicht ein wenig mehr auf der anderen. Aber Menschen, die sich f&uuml;r eine gewisse Zeit im Finanzsektor bewegt haben, sollten wissen, dass das die zu erwartende Konsequenz von kreditgetriebener Expansion ist.<\/p><p><strong>NachDenkSeiten:<\/strong>&nbsp;Kommen wir zu den aktuellen Aktivit&auml;ten in der Eurozone; wie ist Ihre Meinung zu dem, was aktuell geplant wird? Ich meine, das funktioniert offenkundig nicht. Denken Sie, dass ein Haircut eine gute Sache ist, eine notwendige Sache, eine n&uuml;tzliche Sache? Ich habe Sie das fr&uuml;her schon einmal gefragt und Sie sagten im Wesentlichen, dass eine unhaltbare Verschuldung nun einmal unhaltbar sei, die Frage sei nur, wer daf&uuml;r bezahlt. <\/p><p><strong>James Galbraith:<\/strong>&nbsp;Das ist richtig und das ist meine Auffassung. Ich sehe nicht, wie ein Schnitt bei den griechischen Schulden eine tats&auml;chliche Erleichterung f&uuml;r die griechische Wirtschaft bewirken soll. Was ein solcher Schnitt tut ist, das Management-Problem zu vereinfachen, dem sich die Deutschen und die Franzosen gegen&uuml;bersehen, indem sie die Menge reduzieren, die sie durch Griechenland leiten m&uuml;ssen, um die Eigent&uuml;mer der Griechenlandanleihen zu bezahlen, wie sie es getan haben. Weil das so ist, sind die Verlierer des Haircut die griechischen Pensionsfonds und die griechischen Banken. Zumindest in einem nominalen Sinne wird der Wertverlust dort erkannt und man gelangt zu der Auffassung, dass diese Anlagen weit weniger wert sein werden, als die Menschen gehofft hatten. Das l&ouml;st jedoch nicht das Problem der griechischen Wirtschaft, die zwei Dinge braucht: sie braucht Reformen und sie braucht Geld, und man kann keine effektiven Reformen ohne Geld haben. Wenn man einfach eine Austerit&auml;tspolitik verfolgt, also eine Politik umfassender K&uuml;rzungen, eine Politik von K&uuml;rzungen bei &ouml;ffentlichen Institutionen, Schulen, Krankenh&auml;usern, Universit&auml;ten, dem &ouml;ffentlichen Transport und so weiter, wird es nur schlimmer. Und die Folge davon, dass es schlimmer wird ist eine weniger wettbewerbsf&auml;hige Wirtschaft, nicht eine wettbewerbsf&auml;higere Wirtschaft; eine Wirtschaft, die weniger bereit ist, mit den Herausforderungen fertig zu werden, denen sie sich gegen&uuml;ber sieht und in der Menschen mit weniger Chancen geneigt sein werden, auszuwandern. <\/p><p><strong>NachDenkSeiten:<\/strong>&nbsp;Wie ist Ihre Meinung zu den Aufrufen an die Griechen, zu privatisieren, ihre &ouml;ffentlichen Werke und so weiter zu privatisieren?<\/p><p><strong>James Galbraith:<\/strong>&nbsp;Die vordergr&uuml;ndige Motivation hier ist, der griechischen Regierung Geld zu verschaffen. Das ist eine einmalige Angelegenheit, weil im Anschluss der Einnahmestrom, den die &ouml;ffentlichen Dienstleistungen bringen k&ouml;nnten, nicht mehr verf&uuml;gbar sein wird. Gleichzeitig werden aber die privaten Unternehmen die Preise, die Geb&uuml;hren und so weiter erh&ouml;hen, oder erstmals Geb&uuml;hren erheben, wo bisher noch keine erhoben wurden. Und der Zugang zu, sagen wir, h&ouml;herer Bildung oder anderen Leistungen, Leistungen im Gesundheitsbereich, f&uuml;r die griechische Bev&ouml;lkerung wird dramatisch schrumpfen. Es handelt sich also nicht um eine Politik, die die griechische Wirtschaft erneuern wird, sie wird sie vielmehr so umformen, dass aus ihr etwas wird, aus dem diejenigen, die sich Werte zu Ausverkaufspreisen sichern k&ouml;nnen, f&uuml;r eine Weile Gewinne ziehen k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>NachDenkSeiten:<\/strong>&nbsp;Das w&auml;re also tats&auml;chlich eine kurzfristige Sache, also ohne l&auml;ngerfristigen Blick?<\/p><p><strong>James Galbraith:<\/strong>&nbsp;Also das wird der griechischen Bev&ouml;lkerung keine Vorteile bringen &ndash; mit Ausnahme einer kleinen Schicht, die ihr Verm&ouml;gen au&szlig;erhalb des Landes halten und die in der Lage w&auml;ren, f&uuml;r das zu bezahlen, was von diesen Leistungen &uuml;brig bleibt. Das ist kein Weg um beispielsweise ein &ouml;ffentliches Gesundheitssystem zu betreiben, das wirklich &ouml;ffentlich in einem bedeutenden Sinne ist. <\/p><p><strong>NachDenkSeiten:<\/strong>&nbsp;Wie ist der generelle Konsens unter amerikanischen &Ouml;konomen dar&uuml;ber, wie das alles in Europa gehandhabt wird?<\/p><p><strong>James Galbraith:<\/strong>&nbsp;Ich wei&szlig; nicht, ob es einen solchen Konsens gibt oder nicht, und selbst wenn es ihn g&auml;be, w&auml;re ein Konsens unter &Ouml;konomen keinen Pfifferling wert und ich w&uuml;rde ihm nicht die geringste Bedeutung beimessen. <\/p><p><strong>NachDenkSeiten:<\/strong>&nbsp;So, um ein wenig auf die leichtere Seite zu kommen. Wie ist Ihre Meinung von Ihren deutschen Kollegen? Haben Sie eine Meinung?<\/p><p><strong>James Galbraith:<\/strong>&nbsp;Also ich habe ohne Frage eine sehr hohe Meinung von den beiden, die zu meiner Konferenz gekommen sind, Heiner Flassbeck und J&ouml;rg Bibow, die beide sehr knackige, pr&auml;gnante und &uuml;berzeugende Vortr&auml;ge gehalten haben, die in vielerlei Hinsicht tiefgehende Analysen dieses Problems waren. Wenn sie mich nach dem Beratungsgremium der Bundesbank fragen &hellip; Das ist ein Thema, zu dem ich mich nicht in einer Weise &auml;u&szlig;ern m&ouml;chte, die zitiert werden k&ouml;nnte. <\/p><p><strong>NachDenkSeiten:<\/strong>&nbsp;Das kann ich verstehen. Also gut, ich denke wir sind hier fertig. <\/p><p><strong>James Galbraith:<\/strong>&nbsp;Okay, ich hoffe, ich konnte weiterhelfen. <\/p><p><strong>NachDenkSeiten:<\/strong>&nbsp;Vielen Dank f&uuml;r Ihre Zeit.<\/p><p><strong>James Galbraith:<\/strong>&nbsp;Sehr gut! Es war mir ein Vergn&uuml;gen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dank dem Engagement unserer Leser haben wir jetzt auch die &Uuml;bersetzung von meinem <a href=\"\/?p=11217\">Interview<\/a> mit dem &Ouml;konomen <strong>James Galbraith<\/strong>. Wir m&ouml;chten uns an dieser Stelle herzlich bei allen Lesern bedanken, die uns ihre Hilfe angeboten haben. Es sind unsere Leser, die durch ihre t&auml;gliche Mitarbeit und, wie in diesem Fall, bei besonderem Bedarf unsere<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11262\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[139,209,157],"tags":[380,475,499,333,325],"class_list":["post-11262","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-euro-und-eurokrise","category-interviews","category-wettbewerbsfaehigkeit","tag-export","tag-galbraith-james","tag-handelsbilanz","tag-lohnstueckkosten","tag-staatsschulden"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11262","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11262"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11262\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":122205,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11262\/revisions\/122205"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11262"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11262"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11262"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}