{"id":112678,"date":"2024-03-20T11:00:05","date_gmt":"2024-03-20T10:00:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=112678"},"modified":"2024-03-22T18:56:25","modified_gmt":"2024-03-22T17:56:25","slug":"finanziert-durch-russland-schande-oder-spasiba","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=112678","title":{"rendered":"Finanziert durch Russland? Schande oder Spasiba?"},"content":{"rendered":"<p>Der neue Kalte Krieg h&auml;lt sich in all seinen Facetten an die zehn Gebote der Kriegspropaganda, welche der britische Politiker Arthur Ponsonby vor fast 100 Jahren aus der Erforschung des Ersten Weltkrieges ermitteln konnte. Von <strong>Michael Klundt<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nSie lauten:<\/p><ol>\n<li>Wir wollen keinen Krieg!<\/li>\n<li>Der Gegner ist allein f&uuml;r den Krieg verantwortlich!<\/li>\n<li>Der F&uuml;hrer des feindlichen Lagers ist ein Teufel!<\/li>\n<li>Wir verteidigen ein edles Ziel und keine besonderen Interessen!<\/li>\n<li>Der Feind begeht absichtlich Grausamkeiten, wenn wir Fehler machen, geschieht dies unbeabsichtigt.<\/li>\n<li>Der Feind benutzt unerlaubte Waffen.<\/li>\n<li>Wir erleiden geringe Verluste, die Verluste des Feindes sind erheblich.<\/li>\n<li>Anerkannte Kulturtr&auml;ger und Wissenschaftler unterst&uuml;tzen unser Anliegen.<\/li>\n<li>Unser Anliegen hat etwas Heiliges.<\/li>\n<li>Wer unsere Propaganda in Zweifel zieht, arbeitet f&uuml;r den Feind und ist damit ein Verr&auml;ter.<\/li>\n<\/ol><p>Und jetzt finden Sie bitte eines der zehn Gebote, welches (noch) nicht in direkter oder indirekter Weise von Herrn Habeck und Frau Baerbock, den Herren Kiesewetter, Hofreiter, R&ouml;ttgen, Frau Strack-Zimmermann und ihren medialen Begleitmaschinen Lanz, Miosga, Zamperoni und Slomka u.a. von &bdquo;Radio Rheinmetall&ldquo; (ARD, ZDF, SPIEGEL, BILD usw.) vorgebracht wurde. Ehrlich gesagt, das f&auml;llt schwer.<\/p><p>Insofern ist es auch nicht erstaunlich, dass nun &ndash; wie weiland in den 1950ern &bdquo;alle Wege des Marxismus f&uuml;hren nach Moskau (CDU)&ldquo; &ndash; allen Zweiflern am NATO-Narrativ Kreml-N&auml;he bzw. russische Finanzierung unterstellt wird. Da wir aber schon mal dabei sind, w&auml;re es doch sch&ouml;n, an eine tats&auml;chliche russische Finanzierung in der gemeinsamen europ&auml;ischen Geschichte zu erinnern und dabei gleichzeitig besonders an Petersburg zu denken (oder, wie ich es liebevoll nenne: &bdquo;St. Leningrad&ldquo;, um auch an seine Opfer der deutschen Nazi-Vernichtungsblockade von 1941-1944 zu erinnern, einem in Deutschland bis heute verdr&auml;ngten V&ouml;lkermord an &uuml;ber einer Million Menschen). <\/p><p>Kommen wir zur&uuml;ck zum Erfreulichen:<\/p><p><strong>Es handelt sich um die russische Finanzierung der europ&auml;ischen resp. franz&ouml;sischen Aufkl&auml;rung.<\/strong><\/p><p>Wie bitte? <\/p><p>Ja, genau. Es geht um die Finanzierung z.B. von Voltaire und Diderot (einer von Marx&lsquo; &bdquo;Lieblingsschriftstellern&ldquo;) durch die russische Kaiserin Katharina die Gro&szlig;e (1729-1796). Es geht darum, dass sich deshalb die Bibliotheken Voltaires und Diderots in Petersburg befinden (vgl. <a href=\"https:\/\/www.correspondance-voltaire.de\/die-bibliothek-voltaires\/\">correspondance-voltaire.de\/die-bibliothek-voltaires\/<\/a> sowie Jacques Proust: La biblioth&egrave;que de Diderot. In: Revue des sciences humaines. 1958, S. 257&ndash;272 und Anthony R. Strugnell, Larissa L. Albina: Recherches nouvelles sur l&rsquo;identification des volumes de la biblioth&egrave;que de Diderot. In: Recherches sur Diderot et sur l&rsquo;Encyclop&eacute;die. 1990, Band 9, Nr. 9, S. 41&ndash;54). Diderots Bibliothek ging (wie auch die Voltaires) in die 1795 gegr&uuml;ndete Russische Nationalbibliothek in Petersburg ein. <\/p><p>Es geht darum, dass z.B. Werke von Diderot wie &bdquo;Rameaus Neffe&ldquo; zu Lebzeiten des gro&szlig;en Enzyklop&auml;disten gar nicht auf Franz&ouml;sisch oder auch sonstwie gedruckt wurden bzw. werden durften. Zur Zeit seiner Abfassung in den 1750er\/1760ern war die &bdquo;Enzyklop&auml;die&ldquo; gerade mal wieder verboten und gro&szlig;e Meisterwerke von Voltaire oder Rousseau wurden in Paris noch von der klerikalen &ldquo;Cancel Culture&rdquo; &ouml;ffentlich verbrannt. Die Vorgeschichte der sp&auml;ter erfolgreichen franz&ouml;sischen Aufkl&auml;rung und der Gro&szlig;en Franz&ouml;sischen Revolution wird oft etwas versch&auml;mt verdr&auml;ngt. Lange nach Diderots Tod (1784) fand der deutsche Dichter Friedrich Maximilian Klinger 1804 in der Petersburger Bibliothek ein franz&ouml;sisches Manuskript von &bdquo;Rameaus Neffe&ldquo;, &uuml;bergab es Schiller und der konnte noch kurz vor seinem eigenen Tode Goethe davon &uuml;berzeugen, das Meisterwerk des dialektischen Denkens ins Deutsche zu &uuml;bersetzen. Aus der R&uuml;ck&uuml;bersetzung dieser Goetheschen Version des Diderotschen Werkes wurde dann erst 1821 die erste franz&ouml;sische Version von &bdquo;Rameaus Neffe&ldquo;\/Neveu de Rameau&ldquo; in Frankreich gedruckt. Somit haben wir es hier mit einer franz&ouml;sisch-russisch-deutschen Kulturgeschichte zu tun.<\/p><p><strong>Und wem ist das also auch zu verdanken? <\/strong><\/p><p>Der gro&szlig;en Zarin aus Stettin und Zerbst (bzw. Anhalt-Zerbst, heute: Sachsen-Anhalt). <\/p><p>In seinem Anekdotenband schreibt Andr&eacute; M&uuml;ller Sen.: &bdquo;Katharina von Russland, die man die Semiramis des Nordens nannte, war viele Jahre Diderots M&auml;zenin. Sie kaufte seine Bibliothek auf, lieh sie ihm zur Nutzung auf Lebenszeit und zahlte ihm ein Gehalt als Bibliothekar, und zwar f&uuml;r f&uuml;nfzig Jahre im Voraus. Diderot reiste nach Petersburg, um Katharina seinen Dank abzustatten. Die Zarin und Diderot verstanden sich gut, und er hatte jeden Tag drei Stunden freien Zutritt zu ihr, um &uuml;ber Philosophie zu diskutieren. Diderot lie&szlig; dabei nicht von seiner Gewohnheit ab, im erregten Gespr&auml;ch seinen Partnern auf die Schenkel zu schlagen.<\/p><p>&sbquo;Der Besuch von Diderot war nach jeder Seite ein Gewinn&lsquo;, kommentierte Katharina sp&auml;ter. &sbquo;Ich habe gar nicht gewusst, wie schnell die Philosophie einem blaue Flecken einbringen kann.&lsquo;&ldquo; (Andr&eacute; M&uuml;ller Sen.: &Uuml;ber das Ungl&uuml;ck geistreich zu sein. Eulenspiegel Verlag Berlin 2012, S. 72).<\/p><p>Die europ&auml;ische Aufkl&auml;rung also mit-finanziert durch Russland? <\/p><p>Igitt! <\/p><p>Igitt? Oder einer der gemeinsamen und gerade heute sehr erinnernswerten H&ouml;hepunkte europ&auml;ischer Kultur?<\/p><p>Wenn das die NATO-Wissenschaftlerin Florence Gaub w&uuml;sste, die herausgefunden haben will, dass Russen zwar aussehen wie Europ&auml;er, aber in Wirklichkeit gar keine seien! Oder Frau Baerbock, die f&uuml;r vier Jahre gew&auml;hlt wurde, aber &bdquo;f&uuml;r immer&ldquo; keine Rohstoffe mehr aus Russland nach Deutschland zulassen m&ouml;chte (vgl. <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/plus238698981\/Baerbock-ueber-russische-Rohstoffe-Fuer-immer-ohne-russische-Energie-was-bedeutet-das.html\">welt.de<\/a>).<\/p><p>Alle anderen k&ouml;nnten vielleicht auch einfach mal sagen: <\/p><p>Spasiba, Mir und ein langes Leben, liebes M&uuml;tterchen.&nbsp;<\/p><p>Lass uns gute Nachbarn sein.<\/p><p><small>Titelbild: Pavel Sapozhnikov \/ Shutterstock<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der neue Kalte Krieg h&auml;lt sich in all seinen Facetten an die zehn Gebote der Kriegspropaganda, welche der britische Politiker Arthur Ponsonby vor fast 100 Jahren aus der Erforschung des Ersten Weltkrieges ermitteln konnte. 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