{"id":11270,"date":"2011-11-11T16:30:20","date_gmt":"2011-11-11T15:30:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11270"},"modified":"2014-12-15T12:09:43","modified_gmt":"2014-12-15T11:09:43","slug":"italien-im-wurgegriff-der-marktkonformen-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11270","title":{"rendered":"Italien im W\u00fcrgegriff der marktkonformen Demokratie"},"content":{"rendered":"<p>Die Spekulanten sind den selbsternannten Eurorettern bereits einen Schritt voraus. Die momentan diskutierte Hebelung der EFSF ist bereits Makulatur, da die Spekulanten mit ihrem Angriff auf Italien ins Herz der Eurozone zielen. Anstatt diesem Treiben endlich einen Riegel vorzuschieben, setzt die EU nun auch Rom eine &Uuml;bergangsregierung aus Technokraten ein, die das kontraproduktive Spardiktat aus Br&uuml;ssel umsetzen sollen. Anstatt diesen Putsch der Finanzm&auml;rkte zu brandmarken, bejubeln die deutschen Medien die Suspendierung der Demokratie als &bdquo;alternativlos&ldquo; und &bdquo;pragmatisch&ldquo;. Europa steht ein kalter Winter bevor. Von Jens Berger.<br>\n<!--more--><\/p><p>Es gibt f&uuml;r einen Kommentator, der sich selbst als progressiv und links sieht, wohl keine undankbarere Aufgabe, als sich ausgerechnet f&uuml;r einen Unsympathen und Antidemokraten wie Silvio Berlusconi einzusetzen. Die Verfehlungen, Verbrechen und Peinlichkeiten des &bdquo;Cavaliere&ldquo; sind Legion. Unter anderen Umst&auml;nden w&auml;re Berlusconis Ende zweifelsohne ein Segen f&uuml;r das Land. Es lohnt sich jedoch, einen genaueren Blick auf das bereits besiegelte politische Ende Berlusconis zu werfen: Nicht etwa Klientelismus, Vorteilsnahme im Amt, Beugung des Rechts oder aber seine moralischen Verfehlungen haben ihn den Kopf gekostet, sondern seine Weigerung, sich von der EU und dem IWF eine kontraproduktive Austerit&auml;tspolitik diktieren zu lassen.<br>\nWer nun meint, ein finanziell unsolides Land wie Italien stelle nun einmal in der jetzigen Situation eine Bedrohung f&uuml;r die Eurozone als Ganzes dar und daher m&uuml;sse man im Zweifelsfalle nun einmal demokratische Prinzipien &bdquo;h&ouml;heren Interessen&ldquo; unterordnen, sollte sich einmal die Fundamentaldaten Italiens ansehen. Italien ist zwar mit 119% seines Bruttoinlandsprodukts relativ hoch verschuldet. Das aber ist nicht neu. Die italienische Staatsverschuldung bewegt sich bereits seit Beginn der 1990er Jahre um 100% des Bruttoinlandsprodukts, was f&uuml;r &bdquo;die M&auml;rkte&ldquo; nie ein Grund war, die Bonit&auml;t und Solvenz des Landes in Frage zu stellen. Warum auch? Schlie&szlig;lich verf&uuml;gt Italien sogar in diesem Jahr &uuml;ber einen prim&auml;ren Haushalts&uuml;berschuss &ndash; das hei&szlig;t, ohne den Zinsdienst w&auml;ren die Steuereinnahmen h&ouml;her als die Staatsausgaben. Wenn das Land neue Schulden aufnehmen muss, dann nicht dazu, um strukturelle Defizite zu finanzieren, sondern um die Zinsen f&uuml;r die hohen Altschulden bedienen zu k&ouml;nnen. Anders als Griechenland, das in der Tat ein sehr gro&szlig;es strukturelles Defizit aufweist, ist Italien daher auch nicht in ernsthaften Schwierigkeiten. Dies k&ouml;nnte sich jedoch &auml;ndern, wenn die Zinsen f&uuml;r italienische Staatsanleihen in die H&ouml;he schnellen und der Zinsdienst sich dadurch verteuern w&uuml;rde. <\/p><p>Italien muss alleine in diesem Jahr noch Staatsanleihen im Wert von 77 Mrd. Euro ausgeben, im n&auml;chsten Jahr laufen alte Anleihen im Wert von rund 200 Mrd. Euro aus, die zwingend refinanziert werden m&uuml;ssen. Was dem Junkie seine Nadel ist, ist f&uuml;r Italien der <a href=\"\/?p=11186\">Prim&auml;rmarkt f&uuml;r Staatsanleihen<\/a>. F&uuml;r Spekulanten stellt diese Abh&auml;ngigkeit eine schier unglaubliche Renditem&ouml;glichkeit dar. Italienische Anleihen wurden in dieser Woche mit einem Spread zu Bundesanleihen von bis zu 500 Basispunkten gehandelt &ndash; das hei&szlig;t, dass ein Spekulant, der sich in dieser Woche mit italienischen Anleihen eingedeckt hat, mit diesen Papieren ganze 5% mehr Zinsen erzielen kann, als mit deutschen Staatsanleihen. Banken m&uuml;ssen f&uuml;r diese &bdquo;Investition&ldquo; noch nicht einmal nennenswert Eigenkapital vorhalten, da sie die Anleihen bei der EZB als Mindestreserve hinterlegen k&ouml;nnen und sich somit das Kapital zum Kauf der Anleihen zum Leitzins von 1,25% bei der EZB leihen k&ouml;nnen. Allen Kritikern einer Staatsfinanzierung durch die EZB sei hier gesagt: Das Geld, mit dem momentan italienische Anleihen gekauft werden, stammt bereits heute nahezu ausschlie&szlig;lich von der EZB. Wenn die EZB weiterhin zum Nichtstun verdammt wird, stellt dies somit nur eine Subventionierung der Spekulanten dar, die wie eine kl&auml;ffende Meute ganze L&auml;nder vor sich hertreiben. <\/p><p>Die Spekulationsgewinne haben die direkte Folge, dass sich auch die Ausgabe neuer Anleihen massiv verteuert. Italien musste in dieser Woche bei einer Auktion bereits 6,087 Prozent f&uuml;r eine einj&auml;hrige Anleihe zahlen &ndash; bei der letzten Auktion am 11. Oktober lag der Zins noch bei 3,57 Prozent. Die entscheidende Frage ist somit, wie man &bdquo;die M&auml;rkte bes&auml;nftigen&ldquo; und damit das Zinsniveau senken kann. Darauf hat die &ndash; von Deutschland getriebene &ndash; EU nur eine Antwort: Sparen! Italien hat aber bereits ganze drei Sparpakete in weniger als f&uuml;nf Monaten verabschiedet. Mit jedem neuen Sparpaket stiegen jedoch die Zinsen. Die Antwort, die die Italiener von den Sparkommissaren auf diesen eigentlich verst&auml;ndlichen Vorgang erhalten, erinnert eher an absurdes Theater als an rationale Politik: &bdquo;Ihr spart halt noch nicht genug!&ldquo;<\/p><p>Dabei sollte es mehr als offensichtlich sein, dass Sparen in einer Krise exakt die falsche Antwort ist. Die Folgen von Austerit&auml;tsprogrammen sind bekannt: Durch die Einsparungen sinken die Steuereinnahmen, w&auml;hrend sich die Staatsausgaben aufgrund der gestiegenen Arbeitslosigkeit weiter erh&ouml;hen und die Binnenwirtschaft aufgrund der gesunkenen Nachfrage kollabiert. (Siehe <a href=\"http:\/\/www.kleinezeitung.at\/nachrichten\/politik\/eu\/2874489\/angst-vor-rezession-europa.story\">die  Prognosen der Gesamtverschuldung der EU<\/a>) <\/p><p>Die Erfahrung zeigt, dass die &bdquo;M&auml;rkte&ldquo; viel &bdquo;kl&uuml;ger&ldquo; und vor allem schneller sind und auf Sparprogramme mit weiteren Zinserh&ouml;hungen reagieren, die dann wie in einem Teufelskreis von EU und IWF mit weiteren Sparprogrammen beantwortet werden. Ein souver&auml;nes Land mit eigener W&auml;hrung w&uuml;rde ganz einfach &bdquo;Basta!&ldquo; sagen und den Teufelskreis beenden. Ist ein Land in einer W&auml;hrungsunion aber erst einmal angeschlagen, verliert es seine Souver&auml;nit&auml;t. Sobald ein demokratisch gew&auml;hlter Regierungschef sich gegen das Spardiktat aus Br&uuml;ssel und Washington stellt, droht man ihm mit dem Entzug &uuml;berlebenswichtiger Hilfen. Ein Land wie Italien, das sich im Fadenkreuz der Spekulanten befindet und in einer W&auml;hrungsunion keine souver&auml;ne Geldpolitik betreiben kann, ist den &bdquo;M&auml;rkten&ldquo; genau so hilflos ausgeliefert wie ein Drittweltstaat, der in einer Fremdw&auml;hrung verschuldet ist. EU und IWF haben somit den Hebel, demokratisch gew&auml;hlten Regierungen ein Angebot machen zu k&ouml;nnen, das diese nicht ablehnen k&ouml;nnen. Zaudern sie, werden sie &ndash; siehe Papandreou und Berlusconi &ndash; mit Hilfe der nationalen Parlamente abges&auml;gt und durch einen Technokratenrat aus &bdquo;Finanzexperten&ldquo; ersetzt. Italien und Griechenland m&uuml;ssen nun das erfahren, was viele Drittweltstaaten, die sich dem IWF oder der Weltbank ausgeliefert haben, bereits schmerzlich erleben mussten &ndash; den Verlust der Souver&auml;nit&auml;t.<\/p><p>Wo aber bleibt der Aufschrei der Demokraten? Wo bleiben die Leitartikler, die ansonsten bei jeder Gelegenheit das F&auml;hnlein der Demokratie schwingen? Direkt vor unserer Haust&uuml;r werden demokratisch gew&auml;hlte Regierungen weggeputscht, um den Forderungen der &bdquo;M&auml;rkte&ldquo; Gen&uuml;ge zu tun. Anstatt auf die Barrikaden zu gehen, verschanzen sich unsere Leitartikler hinter einem imagin&auml;ren Sachzwang und feiern sogar noch das Ende demokratischer Entscheidungsfindung. Frei nach Adorno k&ouml;nnte man sagen: &ldquo;Ich f&uuml;rchte mich nicht vor der R&uuml;ckkehr der Feinde der Demokratie in der Maske der Antidemokraten, sondern vor der R&uuml;ckkehr der Feinde der Demokratie in der Maske der Demokraten&rdquo;.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/30139b31afb94b31bea4edae7c1d6f08\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Spekulanten sind den selbsternannten Eurorettern bereits einen Schritt voraus. 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