{"id":112714,"date":"2024-03-21T09:00:58","date_gmt":"2024-03-21T08:00:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=112714"},"modified":"2024-03-21T11:43:07","modified_gmt":"2024-03-21T10:43:07","slug":"friedensbildung-tut-not","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=112714","title":{"rendered":"Friedensbildung tut not!"},"content":{"rendered":"<p>Bundesbildungsministerin Stark-Watzinger forderte am 18. M&auml;rz 2024, in den Schulklassen solle mehr &uuml;ber Kriege, Bundeswehr und Zivilschutzma&szlig;nahmen geredet werden. Diese geistige Zeitenwende ist zutiefst alarmierend. Was ist denn der Sinn und Zweck dieser mentalen und emotionalen Kriegsvorbereitung in den Schulen und Klassenzimmern? Wollen und m&uuml;ssen wir hierzulande tats&auml;chlich &bdquo;kriegst&uuml;chtig&ldquo; werden und nun auch noch die Schuljugend in diese Kriegsert&uuml;chtigung einbinden? Von <strong>Heinz Klippert<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Kinder brauchen Friedensphantasie<\/strong><\/p><p>Vor dieser drohenden Militarisierung der schulischen Bildungsarbeit kann ich nur vehement warnen. Jeder Historiker, Soziologe und Psychologe wei&szlig;, dass ein derartiger Mentalit&auml;tswandel den N&auml;hrboden f&uuml;r neuerliche Waffenverehrung, Waffeng&auml;nge und Feindseligkeiten bildet. Das alles hatten wir in unserer Geschichte nun wahrlich zur Gen&uuml;ge. Was Europa stattdessen braucht, ist Frieden!! Und deshalb sollten unsere Schulen und Lehrkr&auml;fte die Kinder und Jugendlichen ganz vorrangig dazu bef&auml;higen, kriegsskeptisch zu werden und begr&uuml;ndete Friedensliebe und Friedensphantasie zu entwickeln und sich mit guten Argumenten der aktuellen Kriegslogik und dem damit verbundenen &bdquo;Spiel mit dem Feuer&ldquo; entgegenzustellen. Denn&nbsp; Frieden ist m&ouml;glich &ndash; auch in der Ukraine und in Gaza!!&nbsp;<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/westendverlag.de\/Frieden-Sichern\/2072\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/240321-Klippert-cover.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/div><p>Nur muss endlich damit begonnen werden, den Frieden vorzubereiten, bestehende Interessengegens&auml;tze zu analysieren und anzuerkennen, vertretbare Kompromisse zu suchen, verlorengegangenes Vertrauen wiederaufzubauen und das fatale Gut-B&ouml;se-Denken in unserer Gesellschaft zu &uuml;berwinden.&nbsp;Die Schule kann und muss diese auf Vers&ouml;hnung, Entspannung und V&ouml;lkerverst&auml;ndigung gerichtete Denkweise f&ouml;rdern und entsprechende politische und ethische Reflexionen ansto&szlig;en.<\/p><p><strong>Entspannungspolitik ist alternativlos!<\/strong><\/p><p>N&ouml;tig ist diese Friedensorientierung deshalb, weil sich nur so die Faszination des Milit&auml;rischen eind&auml;mmen l&auml;sst. Wenn man derzeit n&auml;mlich Politikern, Milit&auml;rs, Leitartiklern, Fernsehkommentatoren und sonstigen Meinungsmachern in unserer Gesellschaft zuh&ouml;rt, dr&auml;ngt sich der Eindruck auf, dass Aufr&uuml;stung und Waffeng&auml;nge gleichsam <em>alternativlos<\/em> sind. Mit gro&szlig;er Verve wird f&uuml;r Aufr&uuml;stung, Waffenlieferungen, politische Konfrontation und milit&auml;rische Eskalation pl&auml;diert. Diplomatie, Verhandlungen und andere deeskalierende und vertrauensbildende Ma&szlig;nahmen werden bedauerlicherweise kaum noch in Betracht gezogen. <\/p><p>Dieser Verengung des Blickwinkels muss Schule unbedingt entgegenwirken und alles daf&uuml;r tun, dass die landl&auml;ufigen Aufr&uuml;stungs- und Kriegsbegr&uuml;ndungen hinterfragt, Vorurteile und D&auml;monisierungsversuche entlarvt, Gut-B&ouml;se-Szenarien problematisiert, Informationsvielfalt gesichert und kontroverse Debatten und Meinungsbildungsprozesse er&ouml;ffnet werden, die deutlich machen, dass Kriege mit allen Mitteln zu verhindern und internationale Konflikte m&ouml;glichst fr&uuml;h, flexibel und seri&ouml;s zu deeskalieren sind. Dieser &bdquo;reflektierte Pazifismus&ldquo; hilft, der mentalen und emotionalen Abr&uuml;stung in den K&ouml;pfen der Menschen Schub zu verleihen und gewaltfreie Verfahren der Friedenssicherung ins Bewusstsein zu heben. Das gilt f&uuml;r die schulische und au&szlig;erschulische Bildungsarbeit; das gilt aber auch f&uuml;r Politiker\/innen und Medienschaffende, Parteien und Parlamente. Im Fokus der Friedenssicherung muss deshalb vorrangig der Entspannungs-, Abr&uuml;stungs- und Vers&ouml;hnungsgedanke stehen. Denn den Frieden herbeibomben zu wollen, hat historisch noch selten funktioniert. Diese Notwendigkeit der Kriegsvermeidung muss in Schule und Unterricht eindringlich bewusst gemacht werden. <\/p><p><strong>Ein zorniger Blick auf die Kriegsfolgen<\/strong><\/p><p>Was Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler vor allem erkennen m&uuml;ssen, das sind die verheerenden materiellen und humanit&auml;ren Folgen, die Kriegshandlungen in aller Regel mit sich bringen. Dazu nur einige Beispiele: Besonders dramatische Opferzahlen gab es im Ersten Weltkrieg (9 Millionen Tote), im Zweiten Weltkrieg (70 Millionen Tote) oder im Vietnam-Krieg (5 Millionen Tote). Hinzu kamen gigantische Geb&auml;ude-, Natur- und Infrastruktursch&auml;den, die jahrzehntelange Wiederaufbauma&szlig;nahmen nach sich zogen. <\/p><p>Ein Irrsinn, der auch in unserem &bdquo;aufgekl&auml;rten Zeitalter&ldquo; seine Fortsetzung findet. Schaut man beispielsweise auf den aktuellen Ukraine-Krieg, so gibt es dort nach zwei Jahren mehrere hunderttausend tote Soldaten und Zivilisten, Sachsch&auml;den im Umfang von 500 bis 1.000 Milliarden US-Dollar (gesch&auml;tzte Wiederaufbaukosten) sowie ca. 5 bis 6 Millionen Fl&uuml;chtlinge, die &uuml;ber die westlichen Nachbarl&auml;nder verstreut leben &ndash; 1,2 Millionen davon in Deutschland. Noch schlimmer sieht diese Schreckensbilanz aus, wenn man sich z.B. die Folgen der nach 9\/11 von den USA entfachten Anti-Terror-Kriege und B&uuml;rgerkriege in Afghanistan, Pakistan, Irak, Syrien, Libyen, Jemen und Somalia vor Augen f&uuml;hrt. In Summe gab es dort vier bis sechs Millionen Tote und 38 Millionen Fl&uuml;chtlinge, die zum gro&szlig;en Teil in die Nachbarl&auml;nder, zum Teil aber auch nach Europa gefl&uuml;chtet sind. Und der Gipfel des Ganzen: Die verbliebene Bev&ouml;lkerung lebt heute durchweg schlechter, unsicherer, traumatisierter und unfreier als vorher. Zur&uuml;ckgeblieben sind verbrannte Erde, Leid, Entsetzen und politische Destabilisierung. Jedes rechtzeitige Verhandeln w&auml;re humaner gewesen! <\/p><p><strong>Wo bleiben die anderen Krisenherde?<\/strong><\/p><p>Eine weitere Schattenseite der skizzierten Kriegstreiberei ist die, dass das in Waffen und Wiederaufbauhilfen flie&szlig;ende Geld nat&uuml;rlich an anderen Stellen fehlt. Das gilt aktuell sowohl f&uuml;r die hochbrisanten internationalen Gro&szlig;baustellen Klimakrise, Umweltkrise, Ern&auml;hrungskrise, Energiekrise, Fl&uuml;chtlingskrise und Wachstumskrise als auch f&uuml;r innerdeutsche Brennpunkte wie das marode Bildungs- und Sozialwesen, die kaputtgesparten Krankenh&auml;user und Altenheime, die wachsende Altersarmut und die dringend modernisierungsbed&uuml;rftige Infrastruktur (Br&uuml;cken, Stra&szlig;en, Bahnlinien etc.). <\/p><p>Solange der Primat der Aufr&uuml;stung und internationalen Spaltung und Blockbildung bestehen bleibt, wird es um die L&ouml;sung dieser Problemlagen schlecht bestellt sein. Auch das sollte in den Bildungseinrichtungen in den Blick gebracht werden. Wirksam anzugehen sind die genannten internationalen Problemlagen n&auml;mlich nur dann, wenn die unterschiedlichsten Gro&szlig;- und Mittelm&auml;chte konstruktiv zusammenarbeiten und ihre Ressourcen so b&uuml;ndeln, dass wirksame Abhilfe geschaffen werden kann. Kostspielige Aufr&uuml;stungsma&szlig;nahmen, zerst&ouml;rerische Kriege und sonstige geopolitische und milit&auml;rische Reibungsverluste stehen dieser konzertierten Problembew&auml;ltigung diametral entgegen.<\/p><p><strong>Konsequenzen f&uuml;r den Bildungsbereich<\/strong><\/p><p>Aus alledem ergibt sich f&uuml;r die politische und ethische Bildungsarbeit in Schulen, Universit&auml;ten, Akademien und sonstigen Einrichtungen der Erwachsenenbildung die Verpflichtung, das menschliche &bdquo;Kriegs-Gen&ldquo; dadurch zu z&auml;hmen, dass f&uuml;r ein Mehr an begr&uuml;ndeter Kriegsskepsis, Friedensphantasie und Konfliktregelungskompetenz gesorgt wird. &bdquo;Begr&uuml;ndet&ldquo; hei&szlig;t hierbei, dass auf differenzierte Informationen, Reflexionen, Perspektivenwechsel, Debatten und sonstige Formen der tiefgreifenden Meinungsbildung in Sachen Krieg und Frieden gesetzt werden sollte, damit das Meinungsmanagement kriegsaffiner Scharfmacher in Politik, Medien, Parlamenten, Zivilgesellschaft und milit&auml;rischen Kreisen nicht vorschnell verf&auml;ngt. <\/p><p>Wie diese &bdquo;M&uuml;ndigkeit&ldquo; in Sachen Krieg und Frieden aufgebaut und ein korrespondierender <em>&bdquo;reflektierter Pazifismus<\/em>&ldquo; grundgelegt werden kann, wird im angef&uuml;hrten Buch mittels vielf&auml;ltiger Reflexionsanst&ouml;&szlig;e und kontrastreicher Materialien gezeigt. Wohlgemerkt: Kriege sind nie alternativlos! Alternativlos sollte allein das Bem&uuml;hen um Frieden, gewaltfreie Konfliktl&ouml;sungen, Vertrauensbildung und umfassende Entspannungspolitik sein! Das ist eine der Kernbotschaften des Buches. Der Bildungsbereich kann und muss zu dieser friedensethischen Reflexions- und Kl&auml;rungsarbeit beitragen und die n&ouml;tige Kriegsskepsis entwickeln helfen.<\/p><p><strong>Zur Vertiefung<\/strong><\/p><p><strong>Heinz Klippert: <a href=\"https:\/\/westendverlag.de\/Frieden-Sichern\/2072\">Frieden sichern! Anleitung zur Belebung pazifistischen Denkens.<\/a> Westend Verlag. 336 Seiten. 24 Euro. <\/strong><\/p><p><small>Titelbild: (C) Statista<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bundesbildungsministerin Stark-Watzinger forderte am 18. M&auml;rz 2024, in den Schulklassen solle mehr &uuml;ber Kriege, Bundeswehr und Zivilschutzma&szlig;nahmen geredet werden. Diese geistige Zeitenwende ist zutiefst alarmierend. 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