{"id":11287,"date":"2011-11-14T19:31:47","date_gmt":"2011-11-14T18:31:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11287"},"modified":"2014-12-15T15:11:00","modified_gmt":"2014-12-15T14:11:00","slug":"die-krise-in-der-eurozone","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11287","title":{"rendered":"Die Krise in der Eurozone"},"content":{"rendered":"<p>Nach Auffassung des US-&Ouml;konomen James K. Galbraith ist der europ&auml;ische Kontinent dabei, die Schwachen zum Schutz der Starken zu zerst&ouml;ren. &ldquo;Der Diskurs wird vor frischen Ideen verschlossen und das politische &Uuml;berleben h&auml;ngt davon ab, Probleml&ouml;sungen nach hinten zu verlagern.&ldquo;<br>\n<!--more--><br>\nAm 3. und 4. November hielt Professor James K. Galbraith an der Universit&auml;t von Texas in Austin eine <a href=\"http:\/\/tinyurl.com\/3kut4k5\">Konferenz zur Eurokrise<\/a>. Darauf haben wir am 3. November in den Hinweisen des Tages hingewiesen. Am 5.November haben wir mit Prof. Galbraith ein <a href=\"?p=11217\">Interview<\/a> gef&uuml;hrt und in den NachDenkSeiten auf <a href=\"?p=11231\">Englisch<\/a> und auf <a href=\"?p=11262\">Deutsch<\/a> ver&ouml;ffentlicht. Prof. Galbraith hat am 10.11. dazu einen <a href=\"http:\/\/www.salon.com\/2011\/11\/10\/the_crisis_in_the_eurozone\/singleton\/\">Artikel<\/a> geschrieben, den Lars Schall freundlicherweise &uuml;bersetzt und uns zur Verf&uuml;gung gestellt hat. <strong>Von James K. Galbraith &uuml;bersetzt von Lars Schall<\/strong><\/p><p>Die Eurokrise ist eine Bankenkrise, die sich als eine Reihe von nationalen Schuldenkrisen darstellt und durch reaktion&auml;re &ouml;konomische Ideen, eine defekte Finanzarchitektur und ein giftiges politisches Umfeld, insbesondere in Deutschland, in Frankreich, in Italien und in Griechenland, verkompliziert wird.<\/p><p>Wie unsere eigene, ist die europ&auml;ische Bankenkrise das Produkt der &uuml;berm&auml;&szlig;igen Kreditvergabe an schwache Schuldner, darunter f&uuml;r den Wohnungsbau in Spanien, gewerbliche Immobilien in Irland und den &ouml;ffentlichen Sektor (teilweise f&uuml;r die Infrastruktur) in Griechenland. Die europ&auml;ischen Banken kauften mit hoher Fremdfinanzierung toxische amerikanische Hypotheken auf, und als diese zusammenbrachen, begannen sie ihre schwachen Staatsanleihen zu verkaufen, um starke zu kaufen, trieben Renditen hoch und zwangen schlie&szlig;lich die gesamte europ&auml;ische Peripherie in die Krise. Griechenland war nur der erste Dominostein in der Reihe.<\/p><p>In all diesen Krisen besteht die erste Verteidigungshaltung der Banken darin, auf &uuml;berrascht zu pl&auml;dieren &ndash; &ldquo;niemand h&auml;tte wissen k&ouml;nnen!&rdquo; &ndash; und ihren Kunden die Schuld f&uuml;r R&uuml;cksichtslosigkeit und Betrug zu geben. Das ist wahr, verschleiert aber die Tatsache, dass die Banker die Kreditvergabe forcierten, w&auml;hrend die Geb&uuml;hren &uuml;ppig waren. Die Verteidigung funktioniert in Europa besser als in den USA, weil die nationalen Grenzen Gl&auml;ubiger von Schuldnern trennen, die politischen F&uuml;hrungen in Deutschland und Frankreich an ihre Banker binden, und die Narration eines nationalen Rassismus beg&uuml;nstigen (&ldquo;faule Griechen&rdquo;, &ldquo;nichtsnutzige Italiener&rdquo;), dessen Entsprechung im Amerika der Post-B&uuml;rgerrechtszeit weitgehend unterdr&uuml;ckt wurde.<\/p><p>Die Banker-Macht im Gl&auml;ubiger-Europa wird von einer calvinistischen Sensibilit&auml;t untermauert, die &Uuml;bersch&uuml;sse in ein Zeichen der Tugend und Defizite in ein Mal des Lasters verwandelt hat, w&auml;hrend sie Deregulierung, Privatisierung und marktgerechte Anpassung zu Fetischen erhob. Die Nordeurop&auml;er haben vergessen, dass die wirtschaftliche Integration immerzu die Industrie (und selbst die Landwirtschaft) in den reicheren Regionen konzentriert.<\/p><p>Indem sich dieser Prozess entfaltet, ernten die Deutschen die Mieten und belehren ihre neu verschuldeten Kunden, die L&ouml;hne zu senken, Verm&ouml;genswerte zu verkaufen und ihre Renten, Schulen, Universit&auml;ten und Gesundheitswesen aufzugeben &ndash; von denen viele von Beginn an zweitklassig waren. Vor kurzem sind aus den Belehrungen Befehle geworden, geliefert durch den IWF und die EZB, dadurch den neuen Schulden-Tagel&ouml;hnern Europas demonstrierend, dass sie nicht mehr in demokratischen Staaten leben.<\/p><p><strong>Der US-Vorteil<\/strong><\/p><p>Die Architektur der Eurozone macht in zweierlei Hinsicht alles noch schlimmer. W&auml;hrend die EU seit langem einen gewissen Ausgleich an ihre &auml;rmeren Regionen zahlte, waren diese Strukturmittel nie ausreichend und werden jetzt von nicht zu erf&uuml;llenden Eigenbeitragsanforderungen blockiert. Und der Zone fehlen die interregionalen Umverteilungskan&auml;le an Haushalte, die die USA unter anderem durch Social Security, Medicare, Medicaid, Bundesregierungsgeh&auml;lter und milit&auml;rische Auftragsvergaben entwickelt hat. Auch setzen sich deutsche Rentner nicht in Griechenland oder Portugal in gro&szlig;er Anzahl zur Ruhe, so wie es die New Yorker in Florida oder die Menschen aus Michigan in Texas tun.<\/p><p>Zweitens lehnt die EZB es ab, die Krise mit einem Schlag zu l&ouml;sen, was sie durch den Aufkauf und die Refinanzierung der Anleihen der schwachen L&auml;nder tun k&ouml;nnte. Das Argument dagegen wird &ldquo;subjektives Risiko&ldquo; (&ldquo;moral hazard&rdquo;) genannt, gest&uuml;tzt von altmodischen Inflations&auml;ngste, aber das wirkliche Problem besteht darin, dass dies zu tun bedeuten w&uuml;rde, den Verlust der Kontrolle durch die Gl&auml;ubiger &uuml;ber die Zentralbank zuzulassen. Aktionen parallel zu denen, die von der Federal Reserve unternommen wurden &ndash; die Verstaatlichung des gesamten Markts f&uuml;r kurzfristige Anleihen (Commercial Paper) beispielsweise -, w&uuml;rde die EZB zur&uuml;ckweisen, auch wenn sie Staatsanleihen aufkauft, wenn sie muss. Stattdessen schafft die Zone also eine gigantische toxische CDO (Collateralized Debt Obligation = besicherte Schuldverschreibung) namens Europ&auml;ische Finanz-Stabilisierungs-Fazilit&auml;t, die sich in K&uuml;rze m&ouml;glicherweise in eine noch gigantischere toxische CDS (Credit Default Swap = Kreditausfallversicherung) verwandeln wird (wie bei AIG werden sie es &ldquo;Versicherung&rdquo; nennen). Dies vermag Panik h&ouml;chstens f&uuml;r eine kurze Weile zu verschieben.<\/p><p>Technische L&ouml;sungen existieren. Die am meisten entwickelte ist der &ldquo;Bescheidene Vorschlag&ldquo; (&ldquo;Modest Proposal&rdquo;) von Yanis Varoufakis und Stuart Holland, der von den &auml;lteren politischen F&uuml;hrern in Europa weitgehend unterst&uuml;tzt wird. Er w&uuml;rde 1.) die ersten 60 Prozent des BIP eines jeden verschuldeten Landes der Eurozone in eine gemeinsame europ&auml;ische Anleihe konvertieren, die von der EZB herausgegebenen wird, 2.) das Bankensystem rekapitalisieren und europ&auml;isieren, womit die Vorrangstellung der nationalen Banken f&uuml;r nationale Politiker aufgebrochen werden w&uuml;rde, und 3.) ein New Deal-&auml;hnliches Programm von Investitionsprojekten durch die Europ&auml;ische Investitionsbank finanzieren.<br>\nZahlreiche Vorschl&auml;ge beinhalten die Forderung von Kunibert Raffer nach einer souver&auml;nen Insolvenzregelung, die nach dem Konkursgesetz der US-Kommunen modelliert ist, Thomas Palleys Vorschlag f&uuml;r einen neuen &ldquo;Regierungsbankier&rdquo; und Jan Toporowskis Vorschlag f&uuml;r eine Steuer auf die Bankenbilanzen, um &uuml;bersch&uuml;ssige Staatsverschuldungen aufzugeben.<\/p><p>Dies sind die besten Ideen und keine von ihnen wird umgesetzt werden. Europas politische Klassen befinden sich dieser Tage in einem Schraubstock, der von verzweifelten Bankern und w&uuml;tenden W&auml;hler geschmiedet ist, in Deutschland und Frankreich nicht weniger als in Griechenland oder Italien. Der Diskurs wird vor frischen Ideen verschlossen und das politische &Uuml;berleben h&auml;ngt davon ab, Probleml&ouml;sungen nach hinten zu verlagern, so dass die Tatsache, dass dies eine Bankenkrise ist, nicht angegangen werden muss. Das Schicksal der Schwachen ist bestenfalls zweitrangig. So kann jedes Treffen der Finanzminister und Premierminister t&uuml;ckische Halbheiten und juristische Ausfl&uuml;chte erzielen.<\/p><p>Das j&uuml;ngste Beispiel war die Brezel-Logik, die einen 50-prozentigen Abschlag auf die griechischen Schulden als &ldquo;freiwillig&rdquo; erkl&auml;rte, so dass keine Zahlungsunf&auml;higkeitsklauseln auf die CDS ausgel&ouml;st wurden, der insbesondere einige amerikanische Banken ausgesetzt h&auml;tten sein k&ouml;nnen. Als Timothy Geithner die Europ&auml;er vor einer potentiellen &ldquo;Katastrophe&rdquo; im letzten Monat warnte, k&ouml;nnte man vern&uuml;nftigerweise folgern, habe er dieses Risiko &ndash; und nicht etwa den geringen Einfluss auf unsere bereits katastrophale Arbeitsmarktsituation &ndash; im Hinterkopf gehabt. Aber nat&uuml;rlich, wenn der Abschlag als freiwillig deklariert werden kann, dann ist die CDS nicht den Speicherplatz wert, den sie in den Banker-Computern belegt, und ein weiterer Vorschlag f&uuml;r den schnell scheiternden Markt f&uuml;r Staatsschulden f&auml;llt zu Boden.<\/p><p>Politische Instabilit&auml;t erkl&auml;rt auch die Wut in Frankreich und Deutschland, als Giorgos Papandreou [&uuml;brigens der ruhigste Mensch in Europa, der in Minnesota geboren wurde und aufwuchs] versuchte, den Knoten seiner rebellischen Minister, der unverantwortlichen Opposition und w&uuml;tenden &Ouml;ffentlichkeit zu l&ouml;sen, indem er das j&uuml;ngste Sparpaket zur Abstimmung stellte. Gott helfe den Bankern! Der Schachzug erwies sich binnen kurzer Zeit als fatal f&uuml;r Papandreou, und Griechenland wird nun an eine Junta aus Gl&auml;ubiger-Abgeordneten &uuml;bergeben werden, wenn sich solche finden lassen, die bereit sind, den Job anzunehmen. Es wird niemand sein, der hinterher in Griechenland weiterleben m&ouml;chte.<br>\nGriechenland und Irland werden zerst&ouml;rt. Portugal und Spanien sind in der Schwebe, und die Krise verschiebt sich nach Italien &ndash; wirklich too big to fail -, das einer vom IWF diktierten Zwangsverwaltung unterstellt wird, w&auml;hrend ich dieses schreibe. In der Zwischenzeit versucht Frankreich die (unvermeidliche) Herabstufung seines Triple A-Ratings zu verz&ouml;gern, indem es jedes Sozial- und Investitionsprogramm k&uuml;rzt.<\/p><p>G&auml;be es einen leichten Ausstieg aus dem Euro, w&uuml;rde Griechenland bereits verschwunden sein. Aber Griechenland ist nicht Argentinien mit Sojabohnen und &Ouml;l f&uuml;r den chinesischen Markt, und legal den Euro zu verlassen bedeutet, aus der Europ&auml;ischen Union auszusteigen. Es ist eine Wahl, die nur Deutschland treffen kann. F&uuml;r die anderen besteht die Wahl zwischen Krebs und Herzinfarkt, abgesehen von einer Umwandlung in ein Nordeuropa, das nicht einmal durch sozialistische Siege in den n&auml;chsten deutschen und franz&ouml;sischen Wahlg&auml;ngen zustande k&auml;me.<\/p><p>Somit brodelt der Kessel. Das Schulden-Europa geht in Richtung sozialer Zusammenbruch, finanzielle Panik und schlie&szlig;lich Emigration, wieder einmal, als der Weg heraus, f&uuml;r einige zumindest. Jedoch &ndash; und hier ist ein weiterer Unterschied zu den Vereinigten Staaten -, die Menschen dort haben nicht ganz vergessen, sich zu wehren. M&auml;rsche, Demonstrationen, Streiks und Generalstreiks sind auf dem Vormarsch. Wir sind an dem Punkt, wo die politischen Strukturen keine Hoffnung bieten und der Gummikn&uuml;ppel recht bald bereit ist, in die Hand des Widerstands zu wechseln. Er ist vielleicht nicht in der Lage, viel zu erreichen &ndash; aber wir werden sehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Auffassung des US-&Ouml;konomen James K. 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