{"id":1129,"date":"2006-05-17T15:42:55","date_gmt":"2006-05-17T13:42:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1129"},"modified":"2016-02-09T11:05:28","modified_gmt":"2016-02-09T10:05:28","slug":"professoren-von-privatunis-fluchten-an-staats-unis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1129","title":{"rendered":"Professoren von Privatunis fl\u00fcchten an Staats-Unis"},"content":{"rendered":"<p>Mit diesem rei&szlig;erischen Titel berichtet <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/unispiegel\/studium\/0,1518,416306,00.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.spiegel.de\/unispiegel\/studium\/0,1518,416306,00.html\">SPIEGEL ONLINE<\/a> &uuml;ber den Wechsel von bis zu 5 Professoren f&uuml;r das Fach &bdquo;Science in Real Estate&ldquo; (Immobilienwirtschaft) von der privaten rhein-hessischen European Business School in Oestrich-Winkel an die staatliche Uni Regensburg.<br>\n<!--more--><br>\nDiese &bdquo;Flucht&ldquo; belegt mindestens dreierlei:<\/p><ol>\n<li>Dass die staatlichen Hochschulen inzwischen soweit kommerzialisiert sind, dass private daneben nicht mehr konkurrenzf&auml;hig sind.<\/li>\n<li>Dass private Hochschule zunehmend Probleme haben mit ihrer Akkreditierung, d.h. wissenschaftlichen Anerkennung.<\/li>\n<li>Dass inzwischen an unseren staatlichen Hochschulen nicht mehr umfassend gebildete &Ouml;konomen ausgebildet werden, sondern zunehmend Fachidioten, die sich nahtlos den Verwertungsinteressen etwa der Banken unterordnen lassen.<\/li>\n<\/ol><p>Staatlich Hochschulen wurden deshalb von der Allgemeinheit finanziert, weil sie dem allgemeinen Erkenntnisfortschritt dienen und gleichzeitig Nachwuchskr&auml;fte ausbilden sollten, die den Fortschritt in der wissenschaftlichen Erkenntnis in die gesellschaftliche (auch wirtschaftliche) Praxis &uuml;bertragen. Aufgabe der staatlichen Hochschulen war es, die Studierenden zu einer wissenschaftliche Kenntnisse erfordernden Berufsbef&auml;higung heranzubilden, ihre Aufgabe war es nicht Qualifikationen f&uuml;r ganz spezifische Wirtschaftsinteressen anzubieten. Sofern etwa die Banken Immobilienwirtschaftsspezialisten ben&ouml;tigen, dann k&ouml;nnen sie das gerne machen, aber nicht auf Kosten der Allgemeinheit.<\/p><p>Insofern ist es hinzunehmen, wenn bestimmte Unternehmen private Hochschulen einrichten und finanzieren, um ihren Bed&uuml;rfnissen entsprechende Fachkr&auml;fte zu trimmen. Und wenn Studierende daf&uuml;r immense Studiengeb&uuml;hren bezahlen oder von Firmen bezahlen lassen, geschieht das auf ihr privates Risiko.<\/p><p>Das Problem, das solche private Hochschulen haben, ist dann meistens die Frage, betreiben sie Wissenschaft und eine wissenschaftliche Ausbildung oder sind es schlicht Kaderschmieden f&uuml;r angepasste Jungmanager? Und da genau haben bisher fast alle privaten Hochschulen ihr Problem. So eben auch die in Wirtschaftskreisen und den ihr h&ouml;rigen Medien hochgejubelte European Business School in Oestrich-Winkel. Denn defacto war diese Hochschule weder in der Breite des F&auml;cherangebots, noch &ndash; bis auf einzelne betriebswirtschaftliche F&auml;cher &ndash; in ihrer wissenschaftlichen Qualit&auml;t einer staatlichen Hochschule &ndash; welcher auch immer &ndash; vergleichbar.<\/p><p>Das merken nat&uuml;rlich auch die &bdquo;Professoren&ldquo; die an private Hochschulen berufen werden, weil sie dort (wenn sie entsprechend angepasst sind) leichter als an einer staatlichen Uni Hochschullehrer werden k&ouml;nnen. Deshalb wechseln sie dann gerne, wie etwa der Zeitgeisthistoriker Paul Nolte von der privaten International University Bremen (IUB) an eine staatliche Universitt&auml;t, wie die Freie Universit&auml;t Berlin.<\/p><p>Im Falle des Gr&uuml;nders des &bdquo;Departments for Real Estate&ldquo; an der Business School im Rheingau l&auml;sst sich jedoch noch ein anderer Grund f&uuml;r die Abwanderung von Professoren von Privatunis an staatliche Hochschulen erkennen. Der Gr&uuml;nder dieses Departments f&uuml;r Immobilienwirtschaft, Karl-Werner Schulte, offenbar in seinem Fach anerkannt, wechselt mit mehreren anderen Kollegen an die staatliche Uni Regensburg, weil dort der Unternehmer Hans Vielberth vor drei Jahren zusammen mit der Commerzbank-Tochter Eurohypo rund zehn Millionen Euro f&uuml;r ein &ldquo;Institut f&uuml;r Immobilienwirtschaft&rdquo; spendiert hat und das Land Bayern dort die Chance sieht, die &bdquo;Immobilien&ouml;konomie&ldquo; zu konzentrieren.<br>\nMit anderen Worten: Die f&uuml;nf Privathochschulprofessoren k&ouml;nnen also an der staatlichen Hochschule Regensburg in ein gemachtes Nest fl&uuml;chten. Der Gr&uuml;nder der EBS Immobilien-Akademie in Oestrich-Winkel Karl-Wener Schulte braucht so k&uuml;nftig sich nicht mehr &bdquo;selbst zu verdienen und noch jedes Jahr vier- bis f&uuml;nfhunderttausend Euro&ldquo; an seine private Hochschule abf&uuml;hren. Die halbe Million kann er an der staatlichen Uni in Regensburg wahrscheinlich weitgehend selbst behalten.<\/p><p>Dieser Vorgang macht deutlich, dass viele staatliche Hochschulen sich inzwischen den kommerziellen Bed&uuml;rfnissen so angepasst haben, dass sie privaten Hochschulen den Rang ablaufen.<br>\nDas hat vermutlich schon fr&uuml;her auch der Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn erkannt, der zun&auml;chst die private Universit&auml;t Witten-Herdecke (PIW)als Stachel im Fleisch der staatlichen Hochschulen im Wesentlichen finanzierte, und als er dann erkannte, dass er &uuml;ber sein von der Bertelsmann-Stiftung finanziertes &bdquo;Centrum f&uuml;r Hochschulentwicklung&ldquo; (CHE) den staatlichen Hochschulen eine Unternehmensstruktur und eine Unternehmensausrichtung verpassen konnte, hat er sein Engagement f&uuml;r die PIW von heute auf morgen eingestellt.<\/p><p>Dass es in Deutschland &uuml;ber die staatlichen Hochschulen keinen wirklichen Bedarf an privaten Hochschulen gibt, beweist nicht zuletzt der bisherige Flop der <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/unispiegel\/jobundberuf\/0,1518,398905,00.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.spiegel.de\/unispiegel\/jobundberuf\/0,1518,398905,00.html\">European School of Management and Technology (ESMT)<\/a> im ehemaligen Staatsratsgeb&auml;ude der DDR in Berlin. Dazu sind und waren die staatlichen Hochschulen &ndash; bei allen Klagen, die &uuml;ber sie gef&uuml;hrt wurden &ndash; einfach zu gut. Bis &uuml;ber einige &bdquo;billige&ldquo; Buchf&auml;cher wie &bdquo;Business Administration&ldquo; oder &bdquo;Law&ldquo; (Bucerius Law School in Hamburg) hat es noch keine dieser privaten Hochschulen geschafft einer staatlichen Universit&auml;t in der fachlichen Breite auch nur das Wasser zu reichen. Au&szlig;er vielleicht Witten-Herdecke &ndash; und da steht gerade die Medizin auf der wissenschaftlichen Abschussliste.<\/p><p>Die Flucht der Professoren von einer privaten in eine staatliche Hochschule ist ein Beleg daf&uuml;r, dass die Hochschul-&bdquo;Reformen&ldquo; an den staatlichen Hochschulen inzwischen so weit Fr&uuml;chte getragen zu haben, dass wir zunehmend staatlich finanzierte Hochschulen haben, die nicht mehr der Allgemeinheit und der unabh&auml;ngigen Forschung im allgemeinen Interesse verpflichtet sind, sondern spezifischen gesellschaftlichen Teilinteressen. Und der Praxisbezug eines Studiums scheint inzwischen soweit gelungen zu sein, dass die staatlichen Hochschulen zur Ausbildungsst&auml;tten von aktuell gerade nachgefragten Berufsfertigkeiten geworden sind.<\/p><p>Einige Jungkarrieristen werden von solchen Studienangeboten profitieren, was passiert aber mit unseren &bdquo;Masters of Science in Real Estate&ldquo;, wenn die Banken ihren doch &uuml;berschaubaren Bedarf an Nachwuchskr&auml;ften befriedigt haben? Wer bezahlt die Professoren weiter, wenn die S&auml;ttigung f&uuml;r ihr Spezialfach eingetreten und die Nachfrage nach ihrem Angebot schwindet?<\/p><p>Nichts gegen einen Lehrstuhl in Sachen &bdquo;Real Estate&ldquo; und nichts gegen eine Spezialisierung einzelner Betriebswirte f&uuml;r die Immobilienwirtschaft nach ihrem Grundstudium, aber k&ouml;nnen wir es wirklich verantworten mit Steuergeldern junge Menschen in ein fachlich so eng begrenztes Studium zu locken, wo sie dann, wenn der Immobilienboom zu Ende ist, entweder auf der Stra&szlig;e sitzen oder gleich das n&auml;chste Spezialstudium antreten k&ouml;nnen.<br>\nDas ist ganz typisch f&uuml;r die Verlagerung des Risikos der Employability (der Besch&auml;ftigungsf&auml;higkeit) auf den R&uuml;cken der Generation Praktikum. Das mag die Wirtschaft nicht weiter interessieren, wie sie auch bisher das Schicksal, der von ihr Entlassenen nicht weiter interessiert, die &ouml;ffentlich verantworteten und finanzierten Hochschulen und damit die Hochschulpolitik sollte das allerdings schon interessieren.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit diesem rei&szlig;erischen Titel berichtet <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/unispiegel\/studium\/0,1518,416306,00.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.spiegel.de\/unispiegel\/studium\/0,1518,416306,00.html\">SPIEGEL ONLINE<\/a> &uuml;ber den Wechsel von bis zu 5 Professoren f&uuml;r das Fach &bdquo;Science in Real Estate&ldquo; (Immobilienwirtschaft) von der privaten rhein-hessischen European Business School in Oestrich-Winkel an die staatliche Uni Regensburg. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[17,160],"tags":[232,231,561],"class_list":["post-1129","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hochschulen-und-wissenschaft","category-markt-und-staat","tag-bertelsmann","tag-che","tag-privatschulen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1129","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1129"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1129\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31023,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1129\/revisions\/31023"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1129"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1129"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1129"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}