{"id":11298,"date":"2011-11-15T08:54:53","date_gmt":"2011-11-15T07:54:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11298"},"modified":"2019-07-11T16:17:34","modified_gmt":"2019-07-11T14:17:34","slug":"atomausstieg-nein-verlangerung-der-betriebsdauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11298","title":{"rendered":"Atomausstieg? Nein: Verl\u00e4ngerung der Betriebsdauer!"},"content":{"rendered":"<p>Deutschland ist weder im Jahr 2000 noch im Jahr 2011 aus der Atomenergie ausgestiegen, sondern schon vor der Katastrophe von Tschernobyl im Jahre 1986.<\/p><ul>\n<li>Den letzten Auftrag f&uuml;r den Bau eines  AKW in Deutschland erhielt die Kraftwerksunion (KWU) von Siemens im Jahre 1979.<\/li>\n<li>Nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 wurde in Deutschland kein AKW mehr beantragt.<\/li>\n<li>Mit Neckarwestheim 2 ging im April 1989 das letzte (vor 1986 beantragte) AKW ans Netz.<\/li>\n<\/ul><p>Der Ausstieg ist vor allem ein Erfolg der Anti-Atomkraft-Bewegung und ihrer Massendemonstrationen in den 1970er und 1980er Jahren. Die SPD\/FDP-Bundesregierung sah  bis 1985 den Bau von 50 AKW vor. Insgesamt sollten es mindestens 90 werden. Es wurden 17. Der energische Widerstand gegen AKW verhinderte den Bau von mehr als 70 AKW (Ditfurth 2011, 46 f.).<br>\nThese 1 der Schrift von <strong>Rainer Roth<\/strong> und <strong>Jens Wernicke<\/strong> mit dem Titel &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.klartext-info.de\/broschueren\/Der_Kernschmelze_keine_Chance_20111010_A5_inhalt.pdf\">Der Kernschmelze Keine Chance [PDF &ndash; 873 KB]<\/a>&ldquo;<br>\n<!--more--><\/p><p>Angeblich wurde mit dem <strong>Atomkonsens I<\/strong> im Jahr 2000 der Ausstieg aus der Atomstromproduktion beschlossen. Mit dem Atomkonsens I &bdquo;respektieren die EVU (Energieversorgungs-Unternehmen) die Entscheidung der Bundesregierung, die Stromerzeugung aus der Kernenergie geordnet beenden zu wollen&ldquo; (Becker 2011, 349). In Wirklichkeit handelt es sich um den Konsens, den bereits ein Vierteljahrhundert vorher gegen die Atomkonzerne durchgesetzten und von ihnen vollstreckten Ausstieg m&ouml;glichst lange hinauszuz&ouml;gern.<\/p><blockquote><p><em>&ldquo;Atomkraftwerke (waren) anfangs nur f&uuml;r 25 Jahre Betrieb ausgelegt. Seit &uuml;ber einem Jahrzehnt ist kein neues Atomkraftwerk mehr ans Netz gegangen. Das hei&szlig;t, die Atomkraftwerke laufen l&auml;nger als urspr&uuml;nglich geplant, und das wird uns als Ausstieg verkauft. Wir werden arglistig get&auml;uscht.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>(Holger Strohm, &lsquo;Die stille Katastrophe&rsquo;, Frankfurt 1999, 2; vgl. auch Ditfurth 2011, 47)<\/p><p>Das letzte AKW h&auml;tte eigentlich nach 25 Jahren Betriebsdauer 2014 abgeschaltet werden m&uuml;ssen. Im Atomkonsens I aus dem Jahr 2000 jedoch sollte Neckarwestheim 2 als letztes AKW nach 33 Jahren Betriebsdauer erst 2022 vom Netz. Die Schr&ouml;der\/Fischer-Regierung gestand allerdings gleichzeitig eine sogenannte Reststrommenge von 2.623 TW Atomstrom zu, die der von 1968 bis 2000 insgesamt produzierten Menge an Atomstrom entsprach. Die Laufzeit sollte damit erst nach Erzeugung der Reststrommenge beendet sein. Da dar&uuml;ber hinaus die &Uuml;bertragung von Reststrommengen auf andere AKW erm&ouml;glicht  wurde, w&auml;re das letzte AKW vielleicht erst 2035 vom Netz gegangen. Der Atomkonsens I kannte faktisch keine Begrenzung der Betriebsdauer und erlaubte die Verl&auml;ngerung der Laufzeiten auf mindestens 35 bis weit &uuml;ber 40 Jahre.<br>\nSchr&ouml;der (SPD) und Trittin (Gr&uuml;ne) zeigten sich gegen&uuml;ber den Atomkonzernen willf&auml;hrig. 2002 wurde das Atomgesetz gem&auml;&szlig; dem Atomkonsens ge&auml;ndert. SPD und Gr&uuml;ne verkauften die erhebliche Ausdehnung der Betriebsdauer als gr&uuml;n-roten Atomausstieg. Atomparteien stellten sich als Anti-Atomparteien hin.<\/p><p>Je &auml;lter die Reaktoren sind, desto h&auml;ufiger kommt es zu Stillstandszeiten.<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Infolge immer h&auml;ufigerer Abschaltungen streckt sich die &ldquo;Rest&rdquo;-Laufzeit in unbekannte L&auml;nge. Dieser Irrsinn bedeutete faktisch, dass die Reaktoren um so l&auml;nger betrieben werden durften, je maroder sie werden, da die Stillstandszeiten den Zeitpunkt des Abschaltens entsprechend hinausz&ouml;gern.&ldquo; <\/em><\/p><\/blockquote><p>(<a href=\"http:\/\/www.netzwerk-regenbogen.de\/akwi02050102.html\">Folge 2<\/a>) <\/p><p>Je &auml;lter die Reaktoren sind, desto zahlreicher werden die St&ouml;rf&auml;lle und desto h&auml;ufiger kommt es in deren Rahmen zu Austritten von Radioaktivit&auml;t. Auch die Gefahr einer Kernschmelze steigt.<br>\nAus Perspektive der Atomkonzerne ist die &bdquo;Gefahr&ldquo; jedoch eine ganz andere: Sie betrachten jede Stilllegung zu einem fr&uuml;heren als dem l&auml;ngst m&ouml;glichen Zeitpunkt (zurecht) als Vernichtung ihres investierten Kapitals. Ralf G&uuml;ldner, heute stellvertretender Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der Eon Kernkraft GmbH, setzte sich beispielweise 2003 als Vorsitzender der Kerntechnischen Gesellschaft f&uuml;r die Verl&auml;ngerung der Betriebsdauer von AKW auf bis zu 60 Jahre ein. (PM vom 14.10.2003) <\/p><p>Der Atomkonsens I kam den Interessen der Atomkonzerne also nicht weit genug entgegen. Deswegen versprach die CDU\/FDP-Bundesregierung schon in ihrer Koalitionsvereinbarung 2009 eine weitere Laufzeitverl&auml;ngerung. Sie lie&szlig; zuerst eine Verl&auml;ngerung auf 50 bis 60 Jahre pr&uuml;fen &ndash; und brachte schlie&szlig;lich im Oktober 2010 mittels des &bdquo;<strong>Atomkonsens II<\/strong>&ldquo; eine Verl&auml;ngerung der von Rot-Gr&uuml;n vereinbarten offiziellen Laufzeiten um weitere 8 bis 14 Jahre durch den Bundestag. Die zul&auml;ssige Betriebsdauer stieg auf bis zu 50 Jahr. Das bedeutete eine Verdoppelung der urspr&uuml;nglichen Vorgaben aus den 1980er Jahren. Die Stilllegungen sollten nicht 2011\/2012, sondern erst 2018 beginnen und 2035 abgeschlossen sein. Mit Blick auf die &bdquo;Standortkonkurrenz&ldquo; eine folgerichtige Entscheidung: Schlie&szlig;lich wollten die Atomkonzerne mit den US-Betreibern ann&auml;hernd gleichziehen, deren auslaufende Lizenzen von der Nuclaer Regulatory Commission auf 60 Jahre Betriebszeit verl&auml;ngert worden waren, bis Juli 2011 bei 66 Reaktoren. Weitere Verl&auml;ngerungen wurden nicht ausgeschlossen.<\/p><p>Die vier Atomkonzerne Eon, RWE, Vattenfall und EnbW und ihre Bundesregierung haben ihre Rechnung jedoch ohne das Volk gemacht. Nach den Kernschmelzen in Fukushima, deren Reaktoren wie &uuml;berall auch hier als sicher verkauft wurden, gingen Hunderttausende f&uuml;r einen sofortigen Atomausstieg auf die Stra&szlig;e. CDU und FDP verzeichneten massive Verluste bei den Landtagswahlen, die Gr&uuml;nen erhebliche Zuw&auml;chse. Die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung war und ist f&uuml;r einen m&ouml;glichst schnellen Ausstieg aus der Atomenergie. Das bedeutete f&uuml;r die Stromriesen einen schweren Schlag und lie&szlig; Merkel eine Rolle r&uuml;ckw&auml;rts drehen.<br>\nDer Atomkonsens II wurde aufgehoben. Wie schon 2002 beschlossen, gehen sieben Meiler plus der seit vier Jahren funktionsunf&auml;hige Pannenreaktor Kr&uuml;mmel nun 2011 vom Netz. Die durchschnittliche Laufzeit der verbleibenden 9 AKW wird gegen&uuml;ber dem Atomkonsens I jedoch um zwei Jahre verl&auml;ngert. <\/p><p>Nach wie vor gibt es zudem Reststrommengen, die von stillgelegten Reaktoren auf laufende Reaktoren &uuml;bertragen werden k&ouml;nnen. Die Stilllegungsdaten der einzelnen AKW sollen aber diesmal endg&uuml;ltig sein. Die alten Reststrommengen gelten zwar weiter, die Betriebsgenehmigung erlischt jedoch zu einem festgesetzten Zeitpunkt, auch wenn die zugestandenen Strommengen nicht voll ausgesch&ouml;pft wurden. So der &sect; 7 Abs. 1a des neuen Atomgesetzes vom 6.8.2011, quasi der <strong>Atomkonsens III<\/strong>. Der letzte Reaktor soll wieder 2022 vom Netz, wie bereits 2000 geplant.<br>\nWie man jedoch wei&szlig;, k&ouml;nnen Gesetze ge&auml;ndert werden. Die Atomkonzerne versuchen, die Begrenzung der Laufzeit mit Klagen zu kippen. Sie argumentieren, dass die Reststrommengen ein Eigentumsrecht darstellen, das nicht verletzt werden d&uuml;rfe. Der Bundestag hat es abgelehnt, den Zeitpunkt der Stilllegung im Grundgesetz zu verankern. Der Beschluss ist also nicht unumkehrbar.  Der Ausstieg aus dem sogenannten Ausstieg bleibt weiterhin m&ouml;glich. Merkels R&uuml;ckzug stellt daher eine Mogelpackung dar: Dem Atomkonsens III kann ein Atomkonsens IV usw. folgen, um schlie&szlig;lich vielleicht doch noch die US-Betreiber in Bezug auf die Laufzeiten und auf Kapitalausbeute zu &uuml;berfl&uuml;geln&hellip;<\/p><p>Dabei gilt, dass auch der jetzige R&uuml;ckzug der Regierung gegen&uuml;ber den urspr&uuml;nglich auf eine Betriebsdauer von 25 Jahren ausgelegten AKW eine deutliche Verl&auml;ngerung bedeutet. Sie werden, wenn dieses Atomgesetz Bestand haben sollte, zwischen 33 und 40 Jahre Laufzeit erreichen.<br>\nUmweltminister R&ouml;ttgen (CDU) nannte den R&uuml;ckzug der Bundesregierung ein &bdquo;<em>nationales Gemeinschaftswerk<\/em>&ldquo;. <\/p><p>Wir stellen demgegen&uuml;ber fest: Wir haben kein Interesse, die Verl&auml;ngerung der Betriebsdauer von AKW als &bdquo;nationale Aufgabe&ldquo; zu betrachten. Wir haben kein Interesse, die &bdquo;Standortkonkurrenz&ldquo; der kapitalistischen Nationalstaaten um maximale Profitabsch&ouml;pfung zu Gemeininteressen verkl&auml;ren zu lassen. Das Werk auch dieser Bundesregierung liegt ausschlie&szlig;lich im Interesse der Stromkonzerne. Ginge es nach dem Allgemeininteresse, m&uuml;ssten die AKW schon l&auml;ngst abgeschaltet sein.<\/p><p><strong>Sofortige Abschaltung aller AKW in Deutschland,<\/strong><br>\n<strong>damit die Gefahr einer Kernschmelze ausgeschaltet wird!<\/strong><\/p><p>Das B&auml;ndchen &bdquo;Der Kernschmelze keine Chance! Vorrang f&uuml;r die Kraft-W&auml;rme-Koppelung&ldquo; von Rainer Roth und Jens Wernicke erschien bei &bdquo;KLARtext e.V.) und kann gegen eine Spende von mindestens 3 Euro zzg. Porto <a href=\"http:\/\/51446661.de.strato-hosting.eu\/cgi-bin\/formmanager.php.cgi?action=ext_preview&amp;fid=1\">hier<\/a> bestellt werden. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland ist weder im Jahr 2000 noch im Jahr 2011 aus der Atomenergie ausgestiegen, sondern schon vor der Katastrophe von Tschernobyl im Jahre 1986.<\/p>\n<ul>\n<li>Den letzten Auftrag f&uuml;r den Bau eines AKW in Deutschland erhielt die Kraftwerksunion (KWU) von Siemens im Jahre 1979.<\/li>\n<li>Nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 wurde in Deutschland kein AKW mehr<\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11298\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[163,164],"tags":[700,411],"class_list":["post-11298","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-atompolitik","category-energiewende","tag-atomausstieg","tag-schroeder-gerhard"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11298","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11298"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11298\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53332,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11298\/revisions\/53332"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11298"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11298"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11298"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}