{"id":1130,"date":"2006-06-09T15:56:28","date_gmt":"2006-06-09T13:56:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1130"},"modified":"2016-02-06T10:40:38","modified_gmt":"2016-02-06T09:40:38","slug":"studiengebuhren-und-dann-finanzielle-konsequenzen-von-studiengebuhren-fur-studierende-und-die-hochschulen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1130","title":{"rendered":"Studiengeb\u00fchren \u2026 und dann? Finanzielle Konsequenzen von Studiengeb\u00fchren f\u00fcr Studierende und die Hochschulen."},"content":{"rendered":"<p>Referat von Wolfgang Lieb im Rahmen der Vorlesungsreihe zum deutschen Hochschulsystem, veranstaltet von der AG gegen Studiengeb&uuml;hren an der Universit&auml;t Dortmund, am 8. Juni 2006.<br>\n<!--more--><br>\nReferat im Rahmen der Vorlesungsreihe zum deutschen Hochschulsystem, veranstaltet von der AG gegen Studiengeb&uuml;hren an der Universit&auml;t Dortmund. Am 8. Juni 2006<\/p><p style=\"text-align:center\"><strong>I.<\/strong><\/p><p>Das vor allem an den Hochschulen g&auml;ngigste und trivialste Argument f&uuml;r Studiengeb&uuml;hren ist:<br>\nDie Hochschulen sind unterfinanziert, sie brauchen mehr Geld. Angesichts knapper &ouml;ffentlicher Kassen, sind Studiengeb&uuml;hren der einzig m&ouml;gliche Weg, zus&auml;tzliche Einnahmen zu erzielen.<\/p><p><strong>Ich nenne das gerne das &bdquo;Strohalmargument&ldquo;<\/strong><\/p><p>Dieses Strohhalmargument, von Rektoren und Hochschullehrern gerne benutzt, beweist, wie weit sich die Hochschulen wieder in ihren &bdquo;Elfenbeinturm&ldquo; zur&uuml;ckgezogen haben und wie eng ihr politisches Blickfeld ist.<\/p><p>Es stimmt, dass die Hochschulen in Deutschland seit Jahren und im OECD-Vergleich unterfinanziert sind und dass die Bundesrepublik beim Anteil der &ouml;ffentlichen Ausgaben f&uuml;r Bildung nur im hinteren Mittelfeld liegt.<\/p><p>Dass der Anteil der Ausgaben der &ouml;ffentlichen Hand f&uuml;r die Hochschulen von 1975 bis 2002 von 1,07% auf 0,88% des BIP sogar noch zur&uuml;ckgegangen ist, (vor allem durch K&uuml;rzungen bei den L&auml;ndern,) (Spiegel 7\/2005) ist nicht das Ergebnis einer schicksalhaften Entwicklung, sondern das Ergebnis von politischen Entscheidungen.<\/p><p>Die Spar- und Steuersenkungspolitik des Staates ist eine politische Wertentscheidung &ndash; genauso wie die Erhebung einer Geb&uuml;hr f&uuml;r eine bestimmte Bev&ouml;lkerungsgruppe, bei Studiengeb&uuml;hren eben f&uuml;r Studierenden.<\/p><p>Allein die Steuersenkungen seit 2000\/2001 bei der Gewerbe-, K&ouml;rperschafts-, Einkommenssteuer oder durch den Wegfall der B&ouml;rsenumsatzsteuer haben nach konservativen Sch&auml;tzungen zu Steuermindereinnahmen von weit &uuml;ber 100 Milliarden Euro gef&uuml;hrt und Deutschland hinter der Slowakei und zusammen mit Tschechien zu einem Land mit der niedrigsten Steuerquoten im europ&auml;ischen Vergleich gemacht. Im &Uuml;brigen mit dem bekannt geringen Erfolg f&uuml;r Wachstum und Besch&auml;ftigung.<\/p><p>Die gesamten &ouml;ffentlichen Ausgaben f&uuml;r die Lehre an den Hochschulen machen dagegen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes j&auml;hrlich gerade 11,7 Milliarden Euro aus.<\/p><p>Statt einer historisch einmaligen F&ouml;rderung des &bdquo;Investitionskapitals&ldquo; durch eine endlose Kette von Steuererleichterungen h&auml;tten wir eher eine F&ouml;rderung des &bdquo;Humankapitals&ldquo; gebraucht.<\/p><p>Der baden-w&uuml;rttembergische Wissenschaftsminister Frankenberg hat ausrechnen lassen, dass die Erhebung von Studiengeb&uuml;hren in H&ouml;he von 500 Euro pro Studierenden nach Abzug von Kosten 1,4 Milliarden zus&auml;tzliche Einnahmen erbr&auml;chten. Stellt man dem gegen&uuml;ber, dass allein die Senkung des Spitzensteuersatzes j&auml;hrlich 2,5 Milliarden Steuererleichterungen bei hohen Einkommensbeziehern brachten, so wird deutlich, wem genommen und wer belastet wird.<\/p><p>Nur zum Vergleich:<br>\nEine Verm&ouml;genssteuer auf private Verm&ouml;gen in H&ouml;he von 1% bei einem Freibetrag von 500.000 Euro unter der Annahme dass Immobilien- und Grundverm&ouml;gen zu 80% ihres Marktwertes angesetzt w&uuml;rden br&auml;chte 14 Milliarden Euro.<\/p><p>Wenn man schon den Akademikern in die Tasche greifen will, dann w&auml;re es erheblich unkomplizierter gewesen eine &bdquo;Akademikersteuer&ldquo; zu erheben. Dann h&auml;tte man wenigstens diejenigen belastet, die durch ihr Studium schon einen entsprechenden Lohn oder Einkommen beziehen und nicht diejenigen Akademiker, die selbst noch kein Einkommen erzielen. Es bed&uuml;rfte dann weder den riesigen dezentralen Verwaltungsaufwand vom Einzug der Geb&uuml;hren bis zum Inkasso der Kredite &ndash; noch h&auml;tte man das Risiko von Kreditausf&auml;llen.<\/p><p style=\"text-align:center\"><strong>II.<\/strong><\/p><p>Das zweite an den Hochschulen h&auml;ufig genannte Argument ist: Studiengeb&uuml;hren verbessern die Lehr- und Lernbedingungen an den Hochschulen.<\/p><p>Dazu ist zu sagen:<\/p><p>Geb&uuml;hreneinnahmen sind gemessen an staatlichen Zusch&uuml;ssen, ja sogar an Drittmitteln, die von den Hochschulen eingeworben werden, marginal.<\/p><p>Selbstverst&auml;ndlich kann jeder Euro, der den Hochschulen &uuml;ber die staatlichen Finanzzuweisungen hinaus zuflie&szlig;t deren Finanzausstattung verbessern.<\/p><p>Schauen wir uns aber die Rechnung einmal genauer an:<\/p><p>Professor Ziegele vom Bertelsmann Centrum f&uuml;r Hochschulentwicklung &ndash; einer gewiss nicht gerade geb&uuml;hrenkritische Einrichtung &ndash; hat in einer Studie aus dem Jahre 2003 den finanziellen Effekt nicht nur mal so &uuml;ber den Daumen, sondern methodisch akkurat errechnet. Es ist die einzige Studie mit wissenschaftlichem Anspruch, die ich bisher kennengelernt habe.<\/p><p>Die Multiplikation Zahl der Studierenden mal 1000 Euro p.a., wie sie gerne angestellt wird, ist n&auml;mlich ziemlich irref&uuml;hrend.<\/p><p>Die Unis m&uuml;ssen davon abrechnen ihren Personal- und Verwaltungsaufwand, au&szlig;erdem m&uuml;ssen der Inkassoaufwand f&uuml;r eventuelle Kreditierungen und die finanziellen Risiken bei der sp&auml;teren Eintreibung der Kredite &ndash; man rechnet mit einem 20%-igen Ausfallrisiko &ndash; in Rechnung gestellt werden. Noch gar nicht eingerechnet der Aufwand f&uuml;r die &Uuml;berpr&uuml;fung von eventuellen Befreiungstatbest&auml;nden.<\/p><p>Die Studie des CHE kommt f&uuml;r die Uni Bayreuth bei Geb&uuml;hren zwischen 1000 und 1.500 Euro auf Nettoeinnahmen von 6-7 Millionen Euro unter der Annahme von bestimmten Ausnahmeregelungen auf 5- 6 Millionen Euro. Das sind gerade 6-7% der staatlichen Haushaltsmittel f&uuml;r diese Uni.<br>\nDas ist &uuml;brigens ungef&auml;hr der Prozentsatz mit dem an einer privaten Hochschule, n&auml;mlich der Universit&auml;t Witten-Herdecke, die dort erhobenen Geb&uuml;hren zur Gesamtfinanzierung beitragen.<\/p><p>&Uuml;brigens selbst an den teuersten Privatunis an den USA machen die Geb&uuml;hren nur einen Anteil von 4% (Caltech) bis 19% an der Finanzierung der Hochschulen aus.<\/p><p>Ich will nun nicht dar&uuml;ber l&auml;stern, dass kurz nach der Vorlage der Studie von Professor Ziegele, die bayerische Staatsregierung den Hochschuletat um 5% gek&uuml;rzt hat. Die Frage ist allerdings berechtigt, ob die Geb&uuml;hren wirklich an den Hochschulen ankommen oder andersherum, ob die Geb&uuml;hreneinnahmen nicht bei den staatlichen Zusch&uuml;ssen wieder weggek&uuml;rzt werden.<\/p><p>Dar&uuml;ber kann man nat&uuml;rlich nur spekulieren, aber sind die erh&ouml;hten Einschreibgeb&uuml;hren oder etwa die Geb&uuml;hren f&uuml;r die sog. Lanzeitstudierenden und in welchem Umfang an den Hochschulen angekommen?<br>\nHaben sie zu einer Verbesserung der Studienbedingungen gef&uuml;hrt?<\/p><p>Hat die Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren in England, in Australien oder in &Ouml;sterreich zu einer sp&uuml;rbaren Verbesserung der Lehre gef&uuml;hrt?<\/p><p>Nun schw&ouml;ren die Wissenschaftsminister aller L&auml;nder hoch und heilig, dass die Geb&uuml;hren voll und ganz an den Hochschulen verbleiben sollen. Aber selbst Garantieerkl&auml;rungen k&ouml;nnen die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, dass der Haushaltsgesetzgeber Jahr f&uuml;r Jahr &uuml;ber den Haushalt beschlie&szlig;t und zwar in eigener Souver&auml;nit&auml;t.<\/p><p>Wer meint mit 5 bis 7 % zus&auml;tzlichen Geb&uuml;hreneinnahmen die erwartete Zunahme von Studierenden bis 2012 von heute 1,9 Millionen auf 2,7 Millionen auffangen zu k&ouml;nnen und dabei noch die Studienbedingungen verbessern zu k&ouml;nnen, der l&uuml;gt sich selbst in die Tasche.<\/p><p>Soviel ich wei&szlig;, sind in Dortmund Studiengeb&uuml;hren noch nicht beschlossen worden &ndash; es tagt wohl gerade eine Senatskommission:<br>\nVielleicht fragen Sie doch einmal Ihren Rektor, wie viel Mehreinnahmen er nach Abzug der Verwaltungskosten erwartet. Und fragen Sie ihn weiter, wof&uuml;r der ganz konkret das Geld einsetzen m&ouml;chte. Vielleicht k&ouml;nnte damit &ndash; falls Geb&uuml;hren beschlossen werden &ndash; wenigstens eine Brandmauer eingezogen werden, damit das Geld nicht irgendwo versickert.<br>\nDas Mindeste, was sich die Studierenden ausbedingen sollten, ist, dass die Geb&uuml;hreneinnahmen in einem getrennten Haushaltskapitel der Hochschule ausgewiesen werden, und dass die Hochschule ganz konkret Rechenschaft abgibt, wof&uuml;r die Mittel eingesetzt werden. Au&szlig;erdem sollten j&auml;hrlich jeweils die Relationen zu den staatlichen Zusch&uuml;ssen f&uuml;r die Lehre dargestellt werden.<\/p><p style=\"text-align:center\"><strong>III.<\/strong><\/p><p>Doch selbst wenn die Geb&uuml;hren zun&auml;chst unmittelbar den Hochschulen zugute k&auml;men, so haben sie allenfalls die kurzfristige Wirkung einer Droge, die nach einer regelm&auml;&szlig;igen Erh&ouml;hung der Dosis verlangt.<\/p><p>Dass Geb&uuml;hren ein schleichendes Gift sind braucht man gar nicht zu prognostizieren, das belegt ein Blick zur&uuml;ck. Erst hat man in einigen L&auml;ndern, z.B. in Baden-W&uuml;rttemberg eine (im &uuml;brigen verfassungswidrige) &uuml;berh&ouml;hte Einschreibegeb&uuml;hr eingef&uuml;hrt, dann folgten die Geb&uuml;hren f&uuml;r die sog. Lanzeitstudierenden, dann wurde davon gesprochen, dass allgemeine Geb&uuml;hren allenfalls &bdquo;sozialvertr&auml;glich&ldquo; eingef&uuml;hrt werden d&uuml;rften, also etwa Baf&ouml;G-Empf&auml;nger oder sonstige soziale H&auml;rtef&auml;lle von der Geb&uuml;hrenzahlung befreit werden sollen.<br>\nNach dem Gew&ouml;hnungseffekt gelten nunmehr 500 Euro pro Semester ganz allgemein als sozialvertr&auml;glich.<\/p><p>Zwischenbemerkung: Dass Studiengeb&uuml;hren H&ouml;he von 500 Euro sozialvertr&auml;glich w&auml;ren, das entspricht reinem &bdquo;Oberschichtendenken&ldquo;. Man halte doch nur einmal dagegen, dass das Durchschnittseinkommen einer Arbeitfamilie bei netto 2.200 Euro liegt, selbst, wenn man einen Baf&ouml;G-Satz von 439 Euro f&uuml;r das studierende Kind unterstellt, sind 1.000 Euro zus&auml;tzliche Ausbildungskosten f&uuml;r die betreffende Familie ein sehr hoher Anteil am Einkommen. Das gilt auch noch f&uuml;r die das Durchschnittseinkommen einer Angestelltenfamilie mit netto 2.700 Euro (Baf&ouml;G dann 214 Euro)<\/p><p>Der fr&uuml;here Pr&auml;sident der Hochschulrektorenkonferenz, Gaethgens, forderte schon 1000 Euro. Das DIW redet von 2.500 Euro.<br>\nIn der &bdquo;Zeit&ldquo; vom 31.12.03 lie&szlig; einer der Hauptprotagonisten der Studiengeb&uuml;hr, Detlev M&uuml;ller-B&ouml;ling vom CHE, die Katze schon mal aus dem Sack: Er rechnet mittelfristig mit 27.000 Euro f&uuml;r einen Bachelor in Business Administration und zus&auml;tzlich mit weiteren 20.000 Euro f&uuml;r einen Master.<\/p><p>Der Trend zur Erh&ouml;hung der Dosis ist auch anderswo empirisch erh&auml;rtet. Nahezu &uuml;berall, wo in den letzten Jahren Studiengeb&uuml;hren eingef&uuml;hrt wurden, hat man sie teilweise drastisch erh&ouml;ht.<\/p><ul>\n<li>In England auf 3000 Pfund verdreifacht,<\/li>\n<li>an der Uni Z&uuml;rich z.B. vervierfacht,<\/li>\n<li>auch in dem von den Geb&uuml;hrenbef&uuml;rwortern vielfach gelobten Australien wurden die Geb&uuml;hren von anf&auml;nglich 2.442 AusDollar auf bis zu 5000 AusDollar.<\/li>\n<li>Selbst die hohen Geb&uuml;hren in den USA (von durchschnittlich knapp 5000 Dollar) sind im letzten Jahr im Schnitt um 14% gestiegen, in der letzten Dekade um insgesamt 50%. (FAZ v. 28.1.05)<\/li>\n<\/ul><p style=\"text-align:center\"><strong>IV.<\/strong><\/p><p>Immer wieder wird argumentiert, dass Studieren in Deutschland bislang kostenlos gewesen sei.<br>\nTats&auml;chlich sind die Kosten, die die &ouml;ffentliche Hand tr&auml;gt ungef&auml;hr gleich hoch, wie die privaten Kosten f&uuml;r ein Studium.<\/p><p>Die &ouml;ffentlichen Durchschnittskosten pro Studienplatz lagen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Jahre 2003 bei 7.170 Euro pro Jahr.<br>\nNach Berechnungen von Dohmen und Hoi ben&ouml;tigt ein Studierender f&uuml;r den Lebensunterhalt und f&uuml;r studienbedingte Aufwendungen im Durchschnitt j&auml;hrlich 9.400 Euro.<\/p><p>&Ouml;konomisch betrachtet m&uuml;sste man dabei noch die w&auml;hrend des Studiums entgangenen Erwerbseinkommen von niedrig angesetzten 30.000 Euro pro Jahr einkalkulieren.<\/p><p>Aber selbst wenn man diese sog. &bdquo;Opportunit&auml;tskosten&ldquo; au&szlig;er Acht l&auml;sst, kann man sagen, dass die &ouml;ffentlichen Ausgaben f&uuml;r ein Studium und die privaten Kosten sich ungef&auml;hr die Waage halten.<br>\nIch halte das f&uuml;r eine faire Lastenverteilung, die nicht zu Lasten von Privaten verschoben werden sollte.<\/p><p style=\"text-align:center\"><strong>V.<\/strong><\/p><p>Verlassen wir einmal die Elfenbeinturmargumente f&uuml;r die Studiengeb&uuml;hr und besch&auml;ftigen wir uns mit der Begr&uuml;ndung der Studiengeb&uuml;hren auf der politischen Ebene.<\/p><p>Die Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren ist ein Beispiel f&uuml;r einen gesellschaftspolitischen Paradigmenwechsel auch auf dem Felde der Hochschulpolitik.<\/p><p>Seit den 60er Jahren bis &uuml;ber die Jahrhundertwende 2002 &ndash; also etwa dem Jahr der gesetzlichen Verankerung der &bdquo;Studiengeb&uuml;hrenfreiheit&ldquo; im HRG &ndash; gab es in Bund und L&auml;ndern eine gro&szlig;e politische Mehrheit, die <strong>ein Studium als ein &ouml;ffentliches, gemeinn&uuml;tziges Gut behandelte, dessen F&ouml;rderung ein allgemeines Anliegen und eine &ouml;ffentliche Aufgabe zu sein hat<\/strong>.<\/p><p>Allerdings setzte sich schon seit dem Bruch der sozial-liberalen Koalition im Jahr 1982 mehr und mehr ein von der neoklassischen, angebotsorientierten &ouml;konomischen Lehre gepr&auml;gtes zun&auml;chst nur auf die Wirtschaft bezogenes, mehr und mehr aber auch die Politik und die &Ouml;ffentliche Meinung beeinflussendes &bdquo;libert&auml;res&ldquo; (Thomas Meyer) gesellschaftliches Leitbild durch.<br>\nAngesto&szlig;en von den Wirtschaftsverb&auml;nden und ihrer Lobbyorganisation auf dem Feld der Wissenschaft &ndash; dem Stifterverband f&uuml;r die Deutsche Wissenschaft &ndash; beraten u.a. vom Bertelsmann Centrum f&uuml;r Hochschulentwicklung (CHE) setzte sich eine &ouml;konomische, genauer m&uuml;sste man sagen, eine betriebswirtschaftliche Betrachtungsweise eines Studium durch:<\/p><p>Wissenschaftliche Qualifizierung wurde nicht mehr &uuml;berwiegend als Fundament f&uuml;r die technologische Innovation und Leistungsf&auml;higkeit der Volkswirtschaft und als Element des wissenschaftlichen Fortschritts und der demokratischen Teilhabe und der kulturellen Entwicklung der Gesellschaft verstanden, sondern als eine <strong>private Investition in die pers&ouml;nliche Zukunft, die sp&auml;ter durch eine h&ouml;heres berufliches Einkommen eine individuelle Rendite abwirft<\/strong>.<\/p><p>Dieses &bdquo;libert&auml;re&ldquo; Leitbild bedeutet &uuml;bertragen auf das Hochschulwesen: <\/p><p>Weniger staatliche oder weniger b&uuml;rokratische Steuerung und weniger demokratische Mitbestimmung zugunsten von mehr &bdquo;Autonomie&ldquo;, mehr Wettbewerb zur Steigerung der betriebswirtschaftlichen Effizienz, mehr private statt mehr staatliche Finanzierung. <\/p><p>Heruntergebrochen auf das Studium fordert dieses Leitbild:<\/p><ul>\n<li>H&ouml;herer privater Anteil an der Finanzierung der Hochschulen.<\/li>\n<li>Dadurch entstehe ein &bdquo;nachfrage- und preisorientierter Steuerungseffekt&ldquo; auf die Hochschulen. &bdquo;Der Kunde wird K&ouml;nig&ldquo;.<\/li>\n<li>Studiengeb&uuml;hren schafften mehr Wettbewerb unter den Hochschulen und verbesserten dadurch die Qualit&auml;t des Studienangebots.<\/li>\n<li>Die h&ouml;here Kostenbeteiligung der Studierenden f&uuml;hre zu &bdquo;effizienterem Studierverhalten und damit zu k&uuml;rzeren Studienzeiten&ldquo;.<\/li>\n<\/ul><p>Als soziale R&uuml;ckbindung und, um sich nicht den Vorwurf eines Versto&szlig;es gegen die Chancengerechtigkeit einzuhandeln, soll die Geb&uuml;hr nat&uuml;rlich &bdquo;sozial vertr&auml;glich&ldquo; sein.<\/p><p>Erlauben Sie mir eine kleine <strong>Zwischenbemerkung<\/strong> zu dieser &bdquo;Vertr&auml;glichkeitsrhetorik&ldquo; (van den Daele, 1993):<br>\nWenn derzeit von 100 Kindern hoher sozialer Herkunft, 84 der &Uuml;bergang in die gymnasiale Oberstufe und 72 die Aufnahme eines Studiums gelingt, von 100 Kindern unterer sozialen Herkunft aber nur 33 der &Uuml;bergang in eine weiterf&uuml;hrende Schule und nur noch 8 von 100 die &Uuml;berwindung der Schwelle zum Studium gelingt (DSW Sozialerhebung), dann ist das schon heute weder volkswirtschaftlich vertretbar noch sozial vertr&auml;glich, sondern ein &bdquo;sozial <strong>unertr&auml;glicher<\/strong>&ldquo; bildungspolitischer Skandal. Dem man mit aktiven Ma&szlig;nahmen entgegensteuern m&uuml;sste.<\/p><p style=\"text-align:center\"><strong>VI.<\/strong><\/p><p><strong>Ist die &ouml;konomische Betrachtungsweise eines Studiums und die Funktion, die dabei Studiengeb&uuml;hren zugeschrieben wird, in sich schl&uuml;ssig und zielf&uuml;hrend?<\/strong><\/p><p>Man k&ouml;nnte sich zuerst einmal trefflich dar&uuml;ber streiten, ob Hochschulen &bdquo;Wirtschaftsbetriebe&ldquo; sind oder sein sollten, und ob ein Studium ein verk&auml;ufliches Gut darstellt.<br>\nMan k&ouml;nnte auch danach Fragen, ob es nicht gerade bei G&uuml;tern der Daseinsvorsorge ein eklatantes Marktversagen gibt? Wie man das etwa in England nach der Privatisierung der Bahn ganz praktisch erlebt hat.<\/p><p>Aber solche unter ausl&auml;ndischen &Ouml;konomen durchaus heftig diskutierten Fragen sind in Deutschland gegenw&auml;rtig nicht opportun. Im Hochschulbereich werden sie schlicht mit dem Hinweis zur&uuml;ckgewiesen, dass es in den USA &ndash; unter 3000 teilweise sehr schlechten &ndash; ein paar Dutzend private Hochschulen gibt, die von M&auml;zenaten der Fr&uuml;hindustrialisierung mit Milliardenverm&ouml;gen ausgestattet sind und die angeblich besser sind als die unsrigen.<\/p><p style=\"text-align:center\"><strong>VII.<\/strong><\/p><p>Also fragen wir noch enger nach den immer wieder behaupteten positiven &ouml;konomischen Effekten der Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren.<\/p><p>Meine These ist:<br>\nDie &ouml;konomischen Begr&uuml;ndungen der Studiengeb&uuml;hr sind ziemlich weit hergeholt oder schlicht falsch oder einfach nur ideologisch.<\/p><p>Die &ouml;konomischen Steuerungseffekte der Studiengeb&uuml;hr sind h&ouml;chst problematisch. Die Studiengeb&uuml;hr<\/p><ul>\n<li>f&uuml;hrt a) zu einer Nachfragesenkung nach dem Gut &bdquo;Studium,<\/li>\n<li>es besteht b) die Gefahr einer Fehlsteuerung des Studienangebots der Hochschulen,<\/li>\n<li>und es entsteht c) das Risiko einer Fehlsteuerung der Studienwahl<\/li>\n<\/ul><p><strong>Zu a) Senkung der Nachfrage: <\/strong><\/p><p>&Uuml;ber ein grundlegendes &ouml;konomisches Gesetz wird im Zusammenhang mit der Studiengeb&uuml;hr merkw&uuml;rdigerweise recht selten gesprochen: <strong>N&auml;mlich dass eine Erh&ouml;hung des Preises f&uuml;r eine Ware, tendenziell die Nachfrage nach ihr senkt.<\/strong><\/p><p>Studiengeb&uuml;hren erh&ouml;hen, neben den schon erw&auml;hnten direkten und Opportunit&auml;ts-Kosten den &bdquo;Preis&ldquo; f&uuml;r ein Studium und senken damit schon nach &ouml;konomischer Grundlogik die Nachfrage nach einer wissenschaftlichen Ausbildung. <\/p><p>Die Einf&uuml;hrung der Studiengeb&uuml;hren in &Ouml;sterreich 2001 (726 Euro p.a.) f&uuml;hrte zu einem R&uuml;ckgang der Ersteinschreibungen um 15%. Inl&auml;ndische Ersteinschreibungen liegen heute noch niedriger, obwohl immerhin die Stipendien gegen&uuml;ber 2000 um 57% ausgeweitet wurden.<\/p><p>Nach einer Umfrage des Hochschul-Informations-Systems (HIS) sagen schon heute 22 % derjenigen, die sich gegen ein Studium entschieden haben, sie k&ouml;nnten sich Studiengeb&uuml;hren nicht leisten. <\/p><p>Welche Barriere die privaten Kosten f&uuml;r die Aufnahme eines Studiums darstellen k&ouml;nnen, kann man aus der historischen Entwicklung ablesen, dass sich seit der Verbesserung des Baf&ouml;G durch die Bundesregierung im Jahre 1999 der Anteil der Studierenden pro Jahrgang bis heute von 27,7 auf 35,7% <strong>erh&ouml;ht<\/strong> hat.<\/p><p>Unter Bedingungen eines Nachfrage&uuml;berhangs (&Uuml;berlast) gibt es allenfalls einen h&ouml;heren Marktpreis, aber noch lange keinen Qualit&auml;tswettbewerb.<br>\nWill man vielleicht in Wahrheit nur den Preis f&uuml;r das Studieren erh&ouml;hen, um die Nachfrage zu senken und damit die &bdquo;&Uuml;berlast&ldquo; abbauen? (Ich kenne viele Hochschullehrer, die insgeheim so denken.)<\/p><p>Deutschland liegt beim Anteil der Bev&ouml;lkerung zwischen 24 &ndash; 35 Jahren, der einen terti&auml;ren Abschluss erreicht hat auf Platz 20 unter den von der OECD verglichenen 29 Staaten. Angesichts zur&uuml;ckgehender Jahrgangsst&auml;rken, kann schon in absehbarer Zeit vor allem im naturwissenschaftlichen Bereich nicht einmal mehr der Ersatzbedarf an wissenschaftlich Qualifizierten befriedigt werden.<\/p><p>Alle volkswirtschaftlichen Analysen vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) bis zur internationalen OECD sind sich einig: <strong>Wir brauchen mehr Studierende.<\/strong><\/p><p>Wer es ernst meint mit dieser Forderung, darf den Zugang zum Studium nicht noch erschweren.<\/p><p>Studiengeb&uuml;hren belasten den Aufbau des in Deutschland im internationalen Vergleich ohnehin ungen&uuml;gend entwickelten &bdquo;Humankapitals&ldquo; und sind insoweit ein Produktivit&auml;tshemmnis und eine Innovations- und Wachstumsbremse &ndash; das sagt die wirtschaftsnahe OECD. Doch darum k&uuml;mmern sich unsere betriebswirtschaftlich denkenden Politiker nicht.<\/p><p>Wer meint Studiengeb&uuml;hren wirkten studienzeitverk&uuml;rzend, der sollte sich vor Augen halten, dass schon derzeit 67% aller Studierenden neben ihrem Studium einer Erwerbsarbeit nachgehen m&uuml;ssen. Studiengeb&uuml;hren zwingen noch mehr Studierende zu noch l&auml;ngerer Erwerbsarbeit neben dem Studium und wirken dadurch eher studienzeitverl&auml;ngernd.<br>\nIn &Ouml;sterreich jobben nach dem Wiener Professor Kolland seit Einf&uuml;hrung der Geb&uuml;hr die Studierenden um 10% mehr.<\/p><p>Jedenfalls, wer wirklich eine Steuerung &uuml;ber Geld will, sollte seine Kraft und seine intellektuellen Bem&uuml;hungen dort ansetzen, wo wirklich Geld flie&szlig;t und keine Nebenkriegsschaupl&auml;tze mit der Einf&uuml;hrung einer allenfalls gering sprudelnden Geldquelle wie der Studiengeb&uuml;hr er&ouml;ffnen.<\/p><p>Im &Uuml;brigen g&auml;be es viel naheliegendere und wirkungsvollere Steuerungsinstrumente f&uuml;r die Studierenden:<br>\nMehr Mitsprache und Mitbestimmung der Studierenden gerade in der Lehre.<\/p><p><strong>b) Gefahr der Fehlsteuerung des Studienangebots:<\/strong> <\/p><p>Studiengeb&uuml;hren d&uuml;rften nicht zu dem behaupteten nachfrageorientierten Qualit&auml;tswettbewerb unter den Hochschulen f&uuml;hren, sondern eher zu einer Fehlsteuerung des Hochschulsystems und der wissenschaftlichen Ausbildung.<\/p><p>Der Anteil der Studiengeb&uuml;hren am Hochschulhaushalt h&auml;lt sich wie schon erw&auml;hnt in engen Grenzen, die <strong>Nachfragemacht des Staates<\/strong> ist um ein Vielfaches gr&ouml;&szlig;er. Wenn man wirklich einen Steuerungseffekt auf die Hochschulen erzielen wollte, ihre Lehrangebote zu verbessern, warum f&uuml;hrt man dann nicht mit dem gleichen Engagement, wie bei der Einf&uuml;hrung von Geb&uuml;hren, eine Debatte &uuml;ber eine vern&uuml;nftige <strong>leistungsbezogene Mittelverteilung<\/strong>.<\/p><p>Solange die Kosten f&uuml;r ein Studium zu weit &uuml;ber 90 % &bdquo;subventioniert&ldquo; werden, sollte, wer wirklich eine Steuerung &uuml;ber Geld will, seine Kraft und seine intellektuellen Bem&uuml;hungen dort ansetzen, wo wirklich Geld flie&szlig;t.<\/p><p><strong>Nebenbei bemerkt:<\/strong> Wenn man schon auf eine Nachfragesteuerung setzen wollte, so k&ouml;nnte man das etwa mit dem <strong>Studienkontenmodell<\/strong> mindestens genauso gut erreichen, wie mit Geb&uuml;hren.<\/p><p>Studiengeb&uuml;hren <strong>verzerren den Wettbewerb<\/strong> zwischen den Hochschulen noch st&auml;rker zugunsten gro&szlig;er Hochschulen in Ballungsr&auml;umen und zugunsten von Hochschulen, die auf Grund der Attraktivit&auml;t der St&auml;dte einen Standortvorteil haben. Wie sollten Hochschulen mit weniger Studierenden und damit geringeren Studiengeb&uuml;hreneinnahmen wie etwa Siegen oder Paderborn, um nicht von Dortmund zu sprechen, mit den gro&szlig;en Unis in Heidelberg, K&ouml;ln, M&uuml;nchen oder Berlin mithalten k&ouml;nnen.<\/p><p>Studiengeb&uuml;hren werden zu einer Hierarchisierung der Hochschullandschaft mit unterschiedlicher Qualit&auml;t f&uuml;hren. <\/p><p>Deutschland hat aber &ndash; international anerkannt &ndash; seine besondere St&auml;rke in der Breite der wissenschaftlichen Ausbildung bei hoher Qualit&auml;t.<\/p><p><strong>Wird der Kunde Student wirklich K&ouml;nig?<\/strong><\/p><p>Wie wenig die Anh&auml;nger eines nachfrageorientierten Steuerungseffekts ihren Annahmen wirklich trauen, zeigt sich am deutlichsten darin, dass die allermeisten unter den Studiengeb&uuml;hrenbef&uuml;rwortern, die Forderung nach einer Studiengeb&uuml;hr mit einem Auswahlrecht der Hochschule verkn&uuml;pfen. Das Grundprinzip der Nachfrage- Angebotssteuerung, n&auml;mlich <strong>der freie Marktzugang<\/strong>, wird also gleich wieder au&szlig;er Kraft gesetzt.<\/p><p><strong>Da zittert also offenbar die &bdquo;invisible hand&ldquo;:<\/strong> Nichts ist`s mit dem freien Marktzugang, nichts ist`s mit dem K&ouml;nig Kunden. Der Anbieter sucht sich seine ihm passenden Kunden aus.<br>\nWer steuert da wen, der Kunde den Anbieter oder der Anbieter den Kunden?<\/p><p><strong>c) Gefahr der Fehlsteuerung der Studienwahl:<\/strong><\/p><p>Studiengeb&uuml;hren d&uuml;rften zu einer Fehlsteuerung der Ausbildungsangebot und damit der Wissenschaft insgesamt hin zu solchen Studien und Wissenschaftsdisziplinen f&uuml;hren, die viel nachgefragt werden, weil sie sich &bdquo;auszahlen&ldquo;, also einen hohen und schnellen &bdquo;return of investment&ldquo; erwarten lassen.<br>\nDie Hochschulen werden m&ouml;glichst viele &bdquo;billige&ldquo; Studieng&auml;nge anbieten. Die Tendenz zeigt sich in der Realit&auml;t der privaten Hochschulen in Deutschland, die meisten bieten allenfalls F&auml;cher der Betriebswirtschaftlehre oder bestenfalls noch Jura an, keine aber die teueren Ingenieur- oder Naturwissenschaften.<br>\n(Ein Medizinstudiengang an einer staatlichen Hochschule kostet 28.000 Euro p.a., ein BWL-Studiengang 1.990 Euro p.a.).<\/p><p>Studiengeb&uuml;hren beeinflussen die Studienmotivation: Die Bereitschaft materielle Kosten zu tragen bzw. die Fachwahl nach m&ouml;glichst geringer Verschuldung oder geringem beruflichem Riskiko wird immer wichtiger als eine Studienwahl nach Leistung und fachlichem Interesse und vor allem auch pers&ouml;nlicher Neigung.<\/p><p>Bei einer gleichfalls schon diskutierten unterschiedlichen H&ouml;he der Studiengeb&uuml;hren f&uuml;r verschieden teure F&auml;cher (Modell des hessischen Ministerpr&auml;sidenten Koch) k&auml;me es sogar noch zu einer sozialen Selektion nach F&auml;chern oder nach dem Renommee von Hochschulen bzw. zwischen FH und Uni. Nur Studierende reicher Eltern k&ouml;nnten sich tendenziell noch Medizin oder Ingenieurwissenschaften leisten, f&uuml;r die Kinder der &Auml;rmeren bleibt Sozialarbeit oder allenfalls das Lehramt.<\/p><p>Studiengeb&uuml;hren k&uuml;ndigen an einer weiteren Stelle den <strong>Generationenvertrag<\/strong> auf. <\/p><p>Es ist schon merkw&uuml;rdig, dass gerade die Gewinner der Bildungsexpansion seit den 70er Jahren bei der Nachfolgegeneration abkassieren wollen. <\/p><p>Da w&auml;re die schon angesprochene Akademikersteuer viel gerechter. Studiengeb&uuml;hren, bedeuten wie die Kopfpauschale einen weiteren Schritt in den Geb&uuml;hrenstaat, wo jeder das gleiche bezahlt, wenn er es sich denn leisten kann. Die soziale Ausgleichsfunktion des leistungsbezogenen Steuersystems wird mehr und mehr ausgehebelt. <\/p><p>Nun wird vielfach behauptet, die Krankenschwester bezahle das Studium des Chefarztes mit. Wenn das so w&auml;re, dann ist das allenfalls Ausdruck der Ungerechtigkeit unseres Steuersystems. Das Argument wird umso unglaubw&uuml;rdiger, wenn es von denjenigen vorgetragen wird, die Studiengeb&uuml;hren einf&uuml;hren wollen und gleichzeitig die Senkung der Spitzensteuers&auml;tze propagieren.<\/p><p style=\"text-align:center\"><strong>VIII.<\/strong><\/p><p>Von den Bef&uuml;rwortern der Studiengeb&uuml;hr wird immer wieder behauptet eine &bdquo;nachgelagerte Geb&uuml;hr&ldquo;, d.h. eine Studiengeb&uuml;hr auf Kredit w&auml;re &bdquo;sozialvertr&auml;glich&ldquo;. <\/p><p>Warum sollte aber Schuldenmachen f&uuml;r diejenigen, die die Geb&uuml;hr nicht &bdquo;cash&ldquo; bezahlen k&ouml;nnen, sozial vertr&auml;glich sein?<br>\nSeit wann ist es sozial vertr&auml;glich, wenn jemand f&uuml;r den Kauf eines Autos einen Kredit aufnehmen muss, w&auml;hrend der Wohlhabende bar zahlen kann? <\/p><p>Nach gegenw&auml;rtigen Berechnungen k&ouml;nnte die Kreditschuld doppelt so hoch liegen, wie wenn bar bezahlt w&uuml;rde, n&auml;mlich bis zu 11.000 Euro. Der &Auml;rmere zahlt also das Doppelte! <\/p><p>Auch hier ist ein Blick zur&uuml;ck erhellend: Obwohl die Verschuldungsh&ouml;he auf 10.000 Euro gedeckelt wurde, sank nach der Umstellung des Baf&ouml;G auf Darlehensmodelle im Jahre 1982 der Anteil der Studierenden aus sog. &bdquo;bildungsfernen&ldquo; Schichten bis 2000 von 23% auf 13%, der Anteil der einkommensstarken Herkunftsgruppen stieg von 17% auf 33%.<\/p><p>Die &bdquo;nachgelagerte Geb&uuml;hr&ldquo; schreibt die Benachteiligung der Studierenden aus niedrigen Einkommensverh&auml;ltnissen und aus Familien mit Kindern als Start- und Einkommensnachteil in die Berufsphase fort. Wer reiche Eltern hat, startet ohne Hypothek.<br>\nNach der 15. Sozialerhebung des DSW werden weit &uuml;ber achtzig Prozent der Studierenden von ihren Eltern finanziert oder wenigstens mitfinanziert.<\/p><p>Sie benachteiligt &uuml;brigens Frauen st&auml;rker als M&auml;nner, weil die R&uuml;ckzahlungsverpflichtungen vor dem Hintergrund nach wie vor schlechterer Einkommenserwartungen oder der Unterbrechung der Erwerbst&auml;tigkeit einen h&ouml;heren Abschreckungseffekt haben (eine schlechtere Bildungsrendite erwarten lassen) als bei M&auml;nnern.<br>\nSie sind kinderfeindlich, weil sie vor allem bei Frauen dazu f&uuml;hren, dass wegen der R&uuml;ckzahlungsverpflichtungen der Kinderwunsch vermutlich noch weiter zur&uuml;ckgestellt wird, als das ohnehin bei Akademikerinnen der Fall ist.<\/p><p>Als Zuckerbrot wird immer wieder darauf hingewiesen, dass soziale Benachteiligungen durch Stipendien ausgeglichen werden m&uuml;ssten.<br>\nDoch wo sind die Stipendienmodelle?<br>\nM&uuml;ssen in NRW k&uuml;nftig nicht sogar noch die Baf&ouml;g-Empf&auml;nger bezahlen?<\/p><p>Einwand: In anderen L&auml;ndern mit Geb&uuml;hren gebe es keine soziale Auslese:<\/p><ul>\n<li>In Australien hat sich die Bildungsbeteiligung um 30% erh&ouml;ht, nicht aber die schichtenspezifische Verteilung. (Sturm\/Wohlfahrth)<\/li>\n<li>USA: Harvard oder Yale: &frac34; der Studierenden von den oberen 20% der Einkommensbezieher. Von der unteren H&auml;lfte nicht einmal 10% und das auch nur aufgrund von strengen administrativen Regelungen. An den ca. 150 Hochschulen, die den deutschen Universit&auml;ten vergleichbar sind, stammen weniger als zehn Prozent aus der unteren H&auml;lfte der Bev&ouml;lkerung, 74 Prozent aber aus dem oberen Viertel. Die Rekrutierung ist damit sozial erheblich selektiver als an den deutschen Universit&auml;ten, wo immerhin auch schon zwei Drittel der Studierenden aus dem oberen Drittel der Bev&ouml;lkerung stammen.<\/li>\n<li>GB: Dort findet schon eine scharfe Selektion in den teueren privaten Public Schools statt. 90% kommen aus einem Bev&ouml;lkerungsanteil von nur 5% der Oberschicht. Das setzt sich in den Elite-Unis fort.<\/li>\n<li>Frankreich: An der ENA kommen 90% der Studierenden von den oberen 10% der Gesellschaft.<\/li>\n<\/ul><p>In Finnland oder Schweden, L&auml;nder, die sowohl bei den internationalen Bildungsvergleichen, aber auch bei der &ouml;konomischen Entwicklung immer gern als Vorbild herangezogen werden, studieren 70 % eines Altersjahrgangs, dort gibt es nicht nur keine Studiengeb&uuml;hren sondern sogar &ndash; wie bei uns bei den Auszubildenden im dualen System &ndash; noch f&uuml;r jeden Studierenden eine elternunabh&auml;ngige Studienf&ouml;rderung. <\/p><p>Wollen wir in Deutschland also noch weiter zur&uuml;ckfallen?<br>\nNur weil wir uns weniger f&uuml;r Bildung leisten, als wir uns leisten k&ouml;nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Referat von Wolfgang Lieb im Rahmen der Vorlesungsreihe zum deutschen Hochschulsystem, veranstaltet von der AG gegen Studiengeb&uuml;hren an der Universit&auml;t Dortmund, am 8. 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