{"id":113145,"date":"2024-03-28T12:30:12","date_gmt":"2024-03-28T11:30:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113145"},"modified":"2024-03-28T13:31:03","modified_gmt":"2024-03-28T12:31:03","slug":"von-der-ethnischen-saeuberung-zum-voelkermord-die-bundesregierung-macht-mit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113145","title":{"rendered":"Von der ethnischen S\u00e4uberung zum V\u00f6lkermord. Die Bundesregierung macht mit."},"content":{"rendered":"<p>Der israelische Historiker Ilan Pappe hat den Umgang Israels mit Pal&auml;stina als ethnische S&auml;uberung bezeichnet. Die Zust&auml;nde sind nicht besser geworden. Sie sind schlimmer. Dazu und zur Rolle Deutschlands kam ein Leserbrief aus Kanada mit einer treffenden Collage. Siehe unten Abschnitt A. Au&szlig;erdem in Abschnitt B. eine einschl&auml;gige &Auml;u&szlig;erung des UNICEF-Sprechers James Elder in Gaza. Und in C. ein Text zum Thema von Arn Strohmeyer. Und vorweg noch zur Beschreibung des entsetzlichen Leidens von Kindern dies hier: <a href=\"https:\/\/twitter.com\/i\/status\/1772997772322472186\">Palestinian 11yr-old Razan Arafat cries after losing her entire family to israeli air strikes on Rafah in Gaza &amp; news her leg has been amputated<\/a>. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong><br>\n<!--more--><\/p><ol type=\"A\">\n<li><strong>Leserbrief von Julia Wille<\/strong>\n<p>Mein Name is Julia Wille. Ich lebe seit &uuml;ber 20 Jahren in Canada. In den letzten Jahren bin ich mehr und mehr entsetzt &uuml;ber die Richtung der Politik, Mainstream Media und Eliten. Nichts is so schlimm wie die deutsche Haltung zum Israel &ndash; Pal&auml;stina Konflict.<\/p>\n<p>Aus Photos von Haaretz und Midleeasteye habe ich heute eine Collage gemacht, die ich Ihnen hiermit zur Verf&uuml;gung stellen m&ouml;chte.<\/p>\n<p>Mit freundlichen Gr&uuml;ssen Julia Wille<\/p>\n<p><strong>Vergr&ouml;&szlig;erter Ausschnitt aus der Collage:<\/strong><\/p>\n<div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/240328-Gaza-Israel.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/240328-Gaza-Israel.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div>\n<\/li>\n<li><strong>Bericht von James Elder (UNICEF) &uuml;ber Gaza: <a href=\"https:\/\/www.unicef.de\/informieren\/aktuelles\/presse\/-\/gaza-kinder-sind-gefangen-in-kreislauf-des-leidens\/352370\">&ldquo;Die Kinder sind gefangen in einem Kreislauf des Leidens&rdquo;<\/a><\/strong>\n<p>Seit einigen Tagen ist <strong>UNICEF-Sprecher James Elder wieder in Gaza.<\/strong> Im folgenden Statement&nbsp; berichtet er &uuml;ber seine Eindr&uuml;cke vor Ort:<\/p>\n<p>&bdquo;Ich m&ouml;chte &uuml;ber zwei wichtige Themen sprechen, von denen die Menschen hier in Gaza sagen, dass sie f&uuml;r ihr &Uuml;berleben entscheidend sind. Die Sicherheit der Menschen in Rafah und die Lieferung von Hilfsg&uuml;tern.<\/p>\n<p>Rafah ist nicht wiederzuerkennen, weil die Stra&szlig;en &uuml;berf&uuml;llt sind und Zelte an Stra&szlig;enecken und auf sandigen Fl&auml;chen stehen. Die Menschen schlafen auf der Stra&szlig;e, in &ouml;ffentlichen Geb&auml;uden und an jedem anderen verf&uuml;gbaren Platz. Die weltweiten Standards f&uuml;r humanit&auml;re Notsituationen legen fest, dass maximal 20 Personen sich eine Toilette teilen sollten. In Rafah gibt es etwa eine Toilette f&uuml;r 850 Menschen. Bei den Duschen sind es viermal so viele, also eine Dusche f&uuml;r 3.600 Menschen. Das ist eine eklatante Missachtung der menschlichen Grundbed&uuml;rfnisse und der Menschenw&uuml;rde.<\/p>\n<p>Dieselben Standards besagen, dass jeder Mensch t&auml;glich 15 Liter Wasser braucht, und ein absolutes Minimum von drei Litern, nur um zu &uuml;berleben. Als ich im November hier war, waren Familien und Kinder im Gazastreifen auf drei Liter oder weniger Wasser pro Person und Tag angewiesen. Heute haben die befragten Haushalte im Durchschnitt Zugang zu weniger als einem Liter sauberem Wasser pro Person und Tag.<\/p>\n<p>Das benachbarte Chan Yunis ist ebenfalls nicht wiederzuerkennen, wenn auch aus einem anderen Grund &ndash; es existiert kaum noch. In meinen 20 Jahren bei den Vereinten Nationen habe ich noch nie derartige Zerst&ouml;rung gesehen. Nur Chaos und Ruinen, Schutt und Tr&uuml;mmer, die in alle Richtungen verstreut sind. V&ouml;llige Vernichtung. Beim Gang durch die Stra&szlig;en war ich &uuml;berw&auml;ltigt von dem Verlust.<\/p>\n<p>Das bringt uns zur&uuml;ck nach Rafah und den endlosen Diskussionen &uuml;ber eine gro&szlig; angelegte Milit&auml;roperation in Rafah. Rafah ist eine Stadt der Kinder. 600.000 M&auml;dchen und Jungen leben dort. Rafah beherbergt einige der letzten verbliebenen Krankenh&auml;user, Notunterk&uuml;nfte, M&auml;rkte und Wasserversorgungssysteme in Gaza.<\/p>\n<p>Und dann ist da noch der Norden. Gestern war ich wieder in Jabalia. Zehntausende von Menschen dr&auml;ngen sich auf den Stra&szlig;en und halten sich die Hand vor den Mund &ndash; das universelle Zeichen f&uuml;r Hunger.<\/p>\n<p>Als ich vor einer Woche in den Gazastreifen kam, standen Hunderte von Lastwagen mit lebensrettender humanit&auml;rer Hilfe bereit, die darauf warteten, zu den Menschen zu gelangen, die sie dringend ben&ouml;tigten &ndash; allerdings auf der falschen Seite der Grenze. Hunderte von Lkw der UN und INGO [Internationalen Nichtregierungsorganisationen] stehen dort im Stau und warten auf die Einfahrt nach Gaza.<\/p>\n<p>In der Integrated Food Security Phase Classification (IPC) [f&uuml;nfstufige Skala f&uuml;r Hungerrisiken] wurde letzte Woche festgestellt, dass im n&ouml;rdlichen Gazastreifen eine Hungersnot unmittelbar bevorsteht. Der Gazastreifen hat nun den h&ouml;chsten Prozentsatz einer Bev&ouml;lkerung, der die h&ouml;chste Einstufung seit Beginn der Klassifizierung im Jahr 2004 erhalten hat.<\/p>\n<p>Vor dem Krieg war Mangelern&auml;hrung im Gazastreifen selten, weniger als ein Prozent der Kinder unter f&uuml;nf Jahren war akut mangelern&auml;hrt. Heute ist eines von drei Kindern unter zwei Jahren akut mangelern&auml;hrt. Es liegt auf der Hand, dass der Norden dringend gro&szlig;e Mengen an Lebensmitteln und therapeutischer Nahrung ben&ouml;tigt. Aber wir m&uuml;ssen uns dar&uuml;ber im Klaren sein, dass unsere Bem&uuml;hungen, diese Hilfe zu leisten, eingeschr&auml;nkt werden.<\/p>\n<p>Es gibt den alten Grenz&uuml;bergang Erez, der genutzt werden k&ouml;nnte, nur zehn Minuten von den hungernden Menschen entfernt. Zehn Minuten. W&uuml;rde er ge&ouml;ffnet, k&ouml;nnten wir die humanit&auml;re Krise im Norden innerhalb weniger Tage bew&auml;ltigen. Aber er bleibt geschlossen.<\/p>\n<p>Zwischen dem 1. und 22. M&auml;rz wurde ein Viertel der 40 humanit&auml;ren Hilfsmissionen in den n&ouml;rdlichen Gazastreifen abgelehnt. UNRWA wird nun daran gehindert, Lebensmittel in den Norden zu bringen, obwohl bislang 50 Prozent der in den Norden gelieferten Lebensmittel von UNRWA geliefert wurden. Um es klar zu sagen: Lebensrettende Hilfe wird unterbunden. Menschen verlieren ihr Leben. Die Menschenw&uuml;rde wird missachtet.<\/p>\n<p>Die Entbehrung, die aufgezwungene Ausweglosigkeit lassen die Bev&ouml;lkerung verzweifeln. Die Nerven der Menschen liegen blank angesichts der st&auml;ndigen Angriffe. Sie fragen oft, ob es noch Hoffnung gibt. Alles bewegt sich hier zwischen den Extremen, auch diese Frage. Auf der einen Seite erz&auml;hlt mir eine Mutter, dass sie geliebte Menschen verloren hat, ihr Zuhause und die M&ouml;glichkeit, ihre Kinder regelm&auml;&szlig;ig zu ern&auml;hren. Alles, was sie noch besitzt, ist Hoffnung. Gestern dann sa&szlig; UNICEF mit Jugendlichen zusammen, von denen einige sagten, sie w&uuml;nschten sich so sehr, dass ihr Albtraum ein Ende h&auml;tte und dass sie hofften, get&ouml;tet zu werden.<\/p>\n<p>In Gaza wird regelm&auml;&szlig;ig das Unaussprechliche gesagt. Von M&auml;dchen im Teenageralter, die hoffen, dass sie get&ouml;tet werden, bis hin zu der Aussage, dass ein Kind die letzte noch lebende Person der gesamten Familie ist. Solches Grauen ist hier nicht mehr einzigartig.<\/p>\n<p>Trotz allem gibt es so viele tapfere, hilfsbereite und unerm&uuml;dliche Pal&auml;stinenser*innen, die sich gegenseitig unterst&uuml;tzen. Und die UN-Organisationen und UNICEF machen weiter. Wir von UNICEF setzen uns weiterhin f&uuml;r jedes Kind ein. Wasser, Schutz, Ern&auml;hrung, Unterkunft &ndash; UNICEF ist hier.<\/p>\n<p>Wie wir gestern geh&ouml;rt haben, muss der Waffenstillstand umfassend sein, nicht nur symbolisch. Die Geiseln m&uuml;ssen nach Hause zur&uuml;ckkehren. Die Menschen in Gaza m&uuml;ssen leben d&uuml;rfen.<\/p>\n<p>In den drei Monaten, die zwischen meinen Besuchen lagen, sind alle schrecklichen Zahlen dramatisch angestiegen. Gaza hat die Rekorde der Menschheit f&uuml;r ihre dunkelsten Kapitel gebrochen. Die Menschheit muss jetzt dringend ein anderes Kapitel schreiben.&ldquo;<\/p><\/li>\n<li><strong>Getreu der zionistischen Weltanschauung<\/strong><br>\n<strong>Israels brutales Vorgehen im Gazastreifen folgt genau den Kernaussagen der zionistischen Ideologie<\/strong><br>\n<strong>Von Arn Strohmeyer <\/strong>\n<p>Die extrem brutale zionistische Gewalt, die Israel im Gazastreifen aus&uuml;bt, wird nun sogar von Regierungen kritisiert, die sonst eigentlich loyal hinter Israel stehen. Die israelische Armee hat inzwischen bei ihrem Vorgehen nicht nur eine, sondern alle nur denkbaren roten Linien bez&uuml;glich Gewaltaus&uuml;bung &uuml;berschritten. Die UN-Sonderberichterstatterin f&uuml;r die pal&auml;stinensischen Gebiete, Francesca Albanese, hat das jetzt best&auml;tigt, sie sieht &bdquo;vern&uuml;nftige Gr&uuml;nde f&uuml;r einen V&ouml;lkermord im Gazastreifen&ldquo;. Das israelische Vorgehen zeige regelrechte Muster der Gewalt. Milit&auml;r und Regierung verstie&szlig;en bewusst gegen das Kriegsrecht in dem Versuch, die v&ouml;lkerm&ouml;rderische Gewalt gegen das pal&auml;stinensische Volk zu legitimieren. Israel reagierte mit Emp&ouml;rung auf diese Anklage und bestritt nat&uuml;rlich die Vorw&uuml;rfe.<\/p>\n<p>Seltsamerweise wird in der medialen Kommentierung des vernichtende Gewaltgeschehens im Gazastreifen nie gefragt, warum Israels so unerbittlich und grausam vorgeht. Dabei ist die Antwort sehr einfach: Israel setzt in diesem neuen Krieg wie schon in vielen vorherigen die Ziele seiner Staatsideologie &ndash; des Zionismus &ndash; konsequent und blutig in die Tat um.<\/p>\n<p>Der israelische Historiker Ilan Pappe hat schon vor Jahren in seinem Buch <em>Was ist los mit Israel? Die zehn Hauptmythen des Zionismus <\/em>(in Deutschland 2016 erschienen) die stufenweise durchgef&uuml;hrte gewaltsame Vorgehensweise gegen den Gazastreifen, die Israel auch jetzt wieder angewandt hat, beschrieben: &bdquo;Vom &sbquo;Ersten Regen&lsquo; bis zu den &sbquo;Herbstwolken&lsquo; [Bezeichnungen fr&uuml;herer Angriffe auf den Gazastreifen] kann man in jedem Parameter eine Eskalation beobachten. In einem ersten Parameter finden wir das Verschwinden der Unterscheidung zwischen &sbquo;zivilen&lsquo; und &sbquo;nicht-zivilen&lsquo; Zielen: Das sinnlose T&ouml;ten hat die Bev&ouml;lkerung als Ganzes zum Hauptziel der Operationen der israelischen Armee gemacht. <\/p>\n<p>Der zweite Parameter zeigt eine Eskalation der Mittel: den Einsatz s&auml;mtlicher T&ouml;tungsmaschinen im Besitz der israelischen Armee. Drittens sticht die Eskalation im Hinblick auf die Anzahl der Opfer hervor: Zumeist wurde mit jeder neuen Operation eine noch h&ouml;here Zahl von Menschen get&ouml;tet oder verwundet. Und schlie&szlig;lich, und das ist der wichtigste Punkt, verwandelten sich die Operationen in eine Strategie &ndash; eine Strategie, die zeigte, wie Israel das Problem des Gazastreifens zu l&ouml;sen gedenkt, n&auml;mlich durch eine sorgf&auml;ltig dosierte Politik des V&ouml;lkermordes.&ldquo;<\/p>\n<p>Das Ergebnis von Israels fr&uuml;heren Kriegen im Gazastreifen hat der Bericht des UN News Centers am 1. September 2015 so zusammengefasst: &bdquo;Drei israelische Milit&auml;roperationen in den letzten sechs Jahren und acht Jahre wirtschaftliche Blockade haben die bereits verkr&uuml;ppelte Infrastruktur des Gazastreifens verw&uuml;stet, seine Produktionsbasis zerst&ouml;rt, keine Zeit f&uuml;r sinnvollen Wiederaufbau oder &ouml;konomische Erholung gelassen und die pal&auml;stinensische Bev&ouml;lkerung im Gazastreifen zu Bettlern gemacht, deren wirtschaftliche Situation heute schlechter ist als noch vor zwanzig Jahren.&ldquo;<\/p>\n<p>Die deutsch-israelische Historikerin Tamar Amar-Dahl hat ein Buch &uuml;ber die zionistische Ideologie verfasst (<em>Das zionistische Israel. J&uuml;discher Nationalismus und die Geschichte des Nahostkonflikts<\/em>).<em> <\/em>Aus ihren Angaben erkl&auml;rt sich der weltanschauliche Hintergrund der israelischen Kriegsf&uuml;hrung im Gazastreifen sehr gut. Ein Kernelement dieser Ideologie ist die tiefe Verachtung der Pal&auml;stinenser. Sie sind die &bdquo;Anderen&ldquo;, die es zu verdr&auml;ngen oder zu vertreiben gilt. Sowohl physisch (&hellip;) als auch aus dem Bewusstsein. Die Pal&auml;stinenser stellen die &bdquo;out-group&ldquo; der zionistischen Utopie dar, da sie auf dem den Juden in der Thora (Alte Testament) verhei&szlig;enen Land leben. <\/p>\n<p>Der fr&uuml;here israelische Spitzenpolitiker Shimon Peres betrachtete die Araber bzw. die Pal&auml;stinenser aus einer eindeutig rassistischen Perspektive als &bdquo;b&ouml;swillig, unterlegen, nicht kompromisswillig; sie neigten dazu, die Wahrheit zu verdrehen und zu hetzen. Sie seien primitiv und um ihre W&uuml;rde bem&uuml;ht, aggressiv, ungebildet und sozial r&uuml;ckst&auml;ndig.&ldquo;<\/p>\n<p>Der erste israelische Ministerpr&auml;sident Ben Gurion teilte dieses bipolare Weltbild. Die menschliche Gattung bestand f&uuml;r ihn aus &bdquo;Guten, Starken und Zivilisierten&ldquo; auf der einen Seite und den Zur&uuml;ckgebliebenen und Schwachen auf der anderen Seite. Zu letzteren geh&ouml;ren nat&uuml;rlich die Pal&auml;stinenser. Aus dieser Sicht leiten die Zionisten auch ihren Anspruch auf die Vorherrschaft und Dominanz in der nah&ouml;stlichen Region ab. Sie soll durch eine geopolitische &bdquo;Umstrukturierung&ldquo; erreicht werden &ndash; also mit milit&auml;rischen Mitteln. <\/p>\n<p>Aus der Verachtung der Pal&auml;stinenser als primitiv und r&uuml;ckst&auml;ndig folgt automatisch, dass sie kein ebenb&uuml;rtiger und gleichberechtigter Partner f&uuml;r Verhandlungen oder einen Friedensvertrag sind. Deshalb sind Verhandlungen mit ihnen nur sehr bedingt m&ouml;glich. W&ouml;rtlich schreibt die Autorin: &bdquo;Israels Verst&auml;ndnis des zionistischen Projekts als j&uuml;discher Staat f&uuml;r das j&uuml;dische Volk im Land der Juden bedeutet angesichts der existierenden binationalen Verh&auml;ltnisse unweigerlich die Errichtung einer systemimmanenten Gewaltordnung.&ldquo; Diese existiert als Besatzung seit der Gr&uuml;ndung des Staates 1948 &ndash; bis 1966 &uuml;ber die nach der Nakba im Land gebliebenen Pal&auml;stinenser, seit dem Krieg 1967 &uuml;ber die Pal&auml;stinenser in den besetzten Gebieten. <\/p>\n<p>Aus der totalen Verachtung der Pal&auml;stinenser ergeben sich weitere Schlussfolgerungen: Erstens: Der Zionismus versteht den Konflikt mit den Pal&auml;stinensern als gegeben und unver&auml;nderlich. Damit wird er letztlich entpolitisiert, das hei&szlig;t, die Ursachen des Konflikts werden nicht in der eigenen Politik, den Kriegen, der Eroberung, Besatzung, Unterdr&uuml;ckung, Siedlungs- und Bev&ouml;lkerungspolitik, sondern nur in der &bdquo;umfassenden Feindseligkeit&ldquo; und in der &bdquo;Mentalit&auml;t der Anderen [der Pal&auml;stinenser] bzw. der Araber gesehen. Mit anderen Worten: Israel bestreitet, mit den Ursachen des Konflikts irgendetwas zu tun zu haben. F&uuml;r den Konflikt sind allein die &bdquo;Anderen&ldquo; verantwortlich. <\/p>\n<p>Zweitens: Das Recht auf Gewalt wird aus dem Holocaust und auch aus dem &bdquo;Unabh&auml;ngigkeitskrieg&ldquo; von 1948 abgeleiteten Glauben gerechtfertigt, dass es sich bei der Feindschaft mit den Pal&auml;stinensern um die Fortsetzung der aus dem Judenhass hervorgegangenen Leid- und Verfolgungsgeschichte des j&uuml;dischen Volkes in Europa handelt. Die Pal&auml;stinenser sind f&uuml;r die Zionisten die &bdquo;neuen Nazis&ldquo;. So wurde Jassir Arafat zum Beispiel immer als der neue Hitler angesehen &ndash; eine psychische &Uuml;bertragung , die die siedlerkolonialistische Realit&auml;t als Ursache des Konflikts in Israel\/Pal&auml;stina v&ouml;llig leugnet. <\/p>\n<p>Drittens: Der Sicherheit des Staates wird alles Andere untergeordnet. Sicherheit ist <em>das<\/em> Kennzeichen der israelischen Gesellschaftsordnung und einer ihrer unantastbaren Glaubenss&auml;tze. Sicherheit ist die absolute Grundvoraussetzung f&uuml;r die nationalstaatliche Existenz. Der Krieg ist deshalb positiv konnotiert, weil er die Nationalstaatlichkeit sichert. Die Autorin schreibt: &bdquo;Das israelische Kollektiv ist sowohl institutionell (Politik, Milit&auml;r, Gesellschaft, Wirtschaft, Industrie und Rechtssystem) als auch mental bzw. politisch kulturell auf Krieg fixiert. Der Krieg ist in zionistischer Sicht integraler Bestandteil der nah&ouml;stlichen Realit&auml;t.&ldquo;<\/p>\n<p>Aus dem Sicherheitsargument leiten die Zionisten ihr Recht auf &bdquo;aktivistische Verteidigung&ldquo;, ,,Pr&auml;ventivkrieg&ldquo;, &bdquo;Vergeltung&ldquo;, &bdquo;Selbstverteidigung&ldquo; und &bdquo;Abschreckung&ldquo; ab. Frieden kann es f&uuml;r den Zionismus nur geben, wenn Israel sich Respekt verschafft, indem es die arabischen Staaten und auch die Pal&auml;stinenser von seiner St&auml;rke und Unbesiegbarkeit &uuml;berzeugt, wozu nat&uuml;rlich eine &uuml;berlegene Armee und Waffentechnik geh&ouml;ren. (Ariel Sharon hat einmal gesagt: &bdquo;Sie &ndash; die Araber &ndash; m&uuml;ssen Angst vor uns haben.&ldquo; Das ist das israelische Verst&auml;ndnis von Abschreckung.) Daraus ergibt sich auch das zionistische Verst&auml;ndnis von Frieden. Er ist nur m&ouml;glich, wenn Israel die Kontrolle &uuml;ber die Pal&auml;stinenser beh&auml;lt, weil sie einem wirklichen Frieden mit Israel in ihrer R&uuml;ckst&auml;ndigkeit nicht gewachsen sind. Immer wieder betonen die Zionisten deshalb, dass es f&uuml;r sie keinen Gespr&auml;chspartner f&uuml;r Frieden gebe. Letzten Endes sei Frieden nur dann m&ouml;glich und erreichbar, wenn man sich der Pal&auml;stinenser entledige. <\/p>\n<p>Gewalt gegen die Gojim [Nicht-Juden], wie ungez&uuml;gelt auch immer, wird als legitim angesehen. Der Konflikt mit den arabischen Nachbarn und den Pal&auml;stinensern wird als eine gegebene, unver&auml;nderliche Tatsache angesehen, wie die ablehnende Haltung der neuen Gojim gegen&uuml;ber den &bdquo;Juden&ldquo; als jenseits von historischen Entwicklungen aufgefasst wird. Da der Konflikt mit den Pal&auml;stinensern einzig aus der &bdquo;umfassenden Feindseligkeit&ldquo; der &bdquo;neuen Gojim&ldquo; herr&uuml;hrt, also in der Gewalt der &bdquo;Anderen&ldquo; seine Ursache hat, ist er unl&ouml;sbar. <\/p>\n<p>Das schlie&szlig;t einen Friedensschluss mit den Pal&auml;stinensern aus. Einen Frieden mit ihnen kann es auch deshalb nicht geben, weil dadurch der wichtigste zionistische Gr&uuml;ndungsmythos au&szlig;er Kraft gesetzt w&uuml;rde. Denn <em>Eretz Israel<\/em> [Gro&szlig; Israel] wird als das ausschlie&szlig;liche Land des j&uuml;dischen Volkes angesehen, deshalb kann Israel das Selbstbestimmungsrecht der auf diesem Territorium lebenden Pal&auml;stinenser nicht anerkennen. (Genau das steht auch im israelischen Nationalstaatsgesetz von 2019: Nur Juden &uuml;ben auf diesem Territorium das Selbstbestimmungsrecht aus.) Das ist auch der Grund, warum Israel die Gr&uuml;ndung eines pal&auml;stinensischen Staates ablehnt. <\/p>\n<p>Da die zionistische Ideologie in so gut wie allen Aussagen gegen das V&ouml;lkerrecht und die Menschenrechte verst&ouml;&szlig;t, stellt sich die Frage, wie die Zionisten ihre Weltanschauung moralisch begr&uuml;nden. Darauf geben sie eine klare Antwort: Der Zionismus m&uuml;sse gegen den Strom agieren und gegen den Willen der Mehrheit bzw. gegen den Gang der Geschichte seine Ziele erreichen. Er unterliege daher &bdquo;anderen Ma&szlig;st&auml;ben als der &bdquo;formalen Moralit&auml;t&ldquo;. Mit anderen Worten: Der Zionismus hat seine eigenen Gesetze, die nicht mit denen der &uuml;brigen Menschheit &uuml;bereinstimmen. <\/p>\n<p>Welche Mittel die Zionisten bei der Verfolgung ihrer Ziele anwenden, aber welche Gefahren f&uuml;r sie daraus auch erwachsen, hat der israelische Soziologe Baruch Kimmerling an der Politik Ariel Sharons sehr anschaulich aufgezeigt, seine Aussage gilt aber auch f&uuml;r den Zionismus ganz allgemein. Er hat f&uuml;r die israelische Politik den Begriff <em>Politizid<\/em> gepr&auml;gt und definiert ihn so: &bdquo;Mit Politizid meine ich einen Prozess, an dessen Ziel das Ende der Existenz des pal&auml;stinensischen Volkes als soziale, politische und wirtschaftliche Gr&ouml;&szlig;e steht. Dieser Prozess kann auch eine teilweise oder vollst&auml;ndige ethnische S&auml;uberung des &sbquo;Landes Israel&lsquo; beinhalten. Diese Politik wird das Wesen der israelischen Gesellschaft unausweichlich zerst&ouml;ren und die moralische Basis des j&uuml;dischen Staates im Nahen Osten untergraben. So gesehen wird das Ergebnis ein doppelter Politizid sein &ndash; das Ende der Pal&auml;stinenser, aber auf lange Sicht auch das Ende der j&uuml;dischen Gemeinschaft. Die wichtigsten Werkzeuge daf&uuml;r [f&uuml;r den Politizid an den Pal&auml;stinensern] sind Mord, lokal begrenzte Massaker, Eliminierung der F&uuml;hrung und der intellektuellen Elite, die physische Vernichtung der Infrastruktur und der Geb&auml;ude politischer Institutionen, Kolonisierung, k&uuml;nstlich erzeugte Hungersn&ouml;te, soziale und politische Isolation, Umerziehung und gebietsweise ethnische S&auml;uberungen.&ldquo; Kimmerling beschreibt hier also genau das, was zurzeit im Gazastreifen stattfindet.<\/p>\n<p>Kimmerling zitiert auch ein Interview, das der israelische Generalstabschef Moshe Yalon in einem Interview mit der Zeitung Haaratz (30.08.2002) gab: &bdquo;Yalon: &sbquo;Die Merkmale der Bedrohung [durch die Pal&auml;stinenser] sind unsichtbar, wie beim Krebs. Wenn man von au&szlig;en angegriffen wird, kann man den Angreifer sehen, man ist verletzt. Der Krebs hingegen ist etwas im Innern. Ich finde das also eher beunruhigend, weil in diesem Fall die Diagnose kritisch ist. (&hellip;) Ich behaupte, dass es sich hier um Krebs handelt. (&hellip;) Meine fachkundige Diagnose lautet, dass es ein Ph&auml;nomen gibt, das eine existentielle Bedrohung darstellt.&lsquo; Reporter: &sbquo;Soll das hei&szlig;en, dass das, was Sie nun als Stabschef im Westjordanland und in Gaza unternehmen, eine Chemotherapie ist?&lsquo; Yalon: &sbquo;F&uuml;r Krebserkrankungen gibt es alle m&ouml;glichen Behandlungen. Manche sagen, man muss operieren. Aber im Augenblick f&uuml;hre ich eine Chemotherapie durch, ja.&lsquo;&ldquo; Mit der &bdquo;Chemotherapie&ldquo; war der Krieg Israels gegen die pal&auml;stinensische Zivilbev&ouml;lkerung 2002 gemeint, die Hunderten von Pal&auml;stinensern das Leben kostete. Kimmerling interpretiert die Aussage Yalons so, dass sie direkt aus der NS-Zeitung <em>Der St&uuml;rmer<\/em> stammen k&ouml;nne.<\/p>\n<p>Offensichtlich f&uuml;hrt Israel gerade im Gazastreifen auch eine Chemotherapie durch.<\/p>\n<p>27.03.2024<\/p><\/li>\n<\/ol><p><strong>Nachtrag Albrecht M&uuml;ller:<\/strong><\/p><p>Bei Wikipedia steht &uuml;ber den Autor Arn Strohmeyer:<\/p><blockquote><p>\nStrohmeyer besch&auml;ftigt sich seit seiner Pensionierung schwerpunktm&auml;&szlig;ig mit dem&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Israelisch-pal%C3%A4stinensischer_Konflikt\">israelisch-pal&auml;stinensischen Konflikt<\/a>.&nbsp;Dabei setzt er sich kritisch mit der Politik Israels gegen&uuml;ber den&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pal%C3%A4stinenser\">Pal&auml;stinensern<\/a>&nbsp;auseinander, vertritt&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Antizionismus\">antizionistische<\/a>&nbsp;Positionen und wurde in diesem Rahmen vom&nbsp;<em>Bremer B&uuml;ndnis gegen Antisemitismus<\/em>&nbsp;als&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Antisemitismus\">antisemitisch<\/a>&nbsp;kritisiert.\n<\/p><\/blockquote><p>Die Bewertung dieser Kritik ist selbstverst&auml;ndlich Ihnen &uuml;berlassen.<\/p><p><small>Titelbild: Collage von Julia Wille<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der israelische Historiker Ilan Pappe hat den Umgang Israels mit Pal&auml;stina als ethnische S&auml;uberung bezeichnet. Die Zust&auml;nde sind nicht besser geworden. Sie sind schlimmer. Dazu und zur Rolle Deutschlands kam ein Leserbrief aus Kanada mit einer treffenden Collage. Siehe unten Abschnitt A. Au&szlig;erdem in Abschnitt B. eine einschl&auml;gige &Auml;u&szlig;erung des UNICEF-Sprechers James Elder in Gaza.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113145\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":113146,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[201,103,171],"tags":[2035,302,1917,2222,1557,849,303,826,334,335,1281,2360],"class_list":["post-113145","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ideologiekritik","category-leserbriefe","category-militaereinsaetzekriege","tag-abschreckungsstrategie","tag-gaza","tag-genozid","tag-humanitaere-hilfe","tag-israel","tag-nahrungsmittel","tag-palaestina","tag-rassismus","tag-unicef","tag-wasserversorgung","tag-zionismus","tag-zivile-opfer"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/240328-Gaza-Israel.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/113145","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=113145"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/113145\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":113194,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/113145\/revisions\/113194"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/113146"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=113145"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=113145"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=113145"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}