{"id":113155,"date":"2024-03-30T13:00:45","date_gmt":"2024-03-30T12:00:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113155"},"modified":"2024-03-31T12:54:38","modified_gmt":"2024-03-31T10:54:38","slug":"ostern-2024-oder-umgekehrtes-abc-und-andere-verwirrungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113155","title":{"rendered":"Ostern 2024 oder Umgekehrtes ABC und andere Ver(w)irrungen"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>C<\/strong><\/em>orona-gesch&auml;digt, <em><strong>b<\/strong><\/em>ellizistisch gestimmt, allseits gew&uuml;nschte <em><strong>A<\/strong><\/em>mnesie: Seit nunmehr reichlich vier Jahren leben wir im D&auml;mmerzustand grassierender Un&uuml;bersichtlichkeiten. Einst f&uuml;r unverr&uuml;ckbar gehaltene Koordinaten politischen Handelns gelten l&auml;ngst als obsolet. V&ouml;lkerrechtliche Normen sind immer mehr ins Hintertreffen geraten. Stattdessen wird allerorten eine &bdquo;regelbasierte&ldquo; oder &bdquo;wertegeleitete Ordnung&ldquo; beschworen, die m&ouml;glichst von &bdquo;feministischer Au&szlig;enpolitik&ldquo; flankiert werden soll. Amnesie, pr&auml;ziser noch: <em>Vergessen-Machen<\/em>, gilt als Tugend. Was gestern noch sakrosankt war, bietet heute allenfalls Stoff f&uuml;r Zynismus. &Ouml;sterlich-besinnliche Momentaufnahmen von <strong>Rainer Werning.<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5547\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-113155-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240328-Ostern-2024-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240328-Ostern-2024-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240328-Ostern-2024-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240328-Ostern-2024-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=113155-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240328-Ostern-2024-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240328-Ostern-2024-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Vorgegebene Narrative<\/strong><\/p><p>Wenn und wann immer sich Dissens und Kritik wie bei den Covid 19-Ma&szlig;nahmen, dem Krieg in der Ukraine, bei gro&szlig;en Kulturereignissen (<em>documenta 15<\/em> und der diesj&auml;hrigen <em>Berlinale<\/em>) sowie j&uuml;ngst zu den Entwicklungen im Gazastreifen reg(t)en, folg(t)en unverz&uuml;glich und knallhart Sanktionen seitens &bdquo;offizieller&ldquo; Politik und der sogenannten Leitmedien. Dann senken sich unbarmherzig Damoklesschwerter: Wer sich kritisch zu Coronama&szlig;nahmen &auml;u&szlig;erte, galt schnurstracks als &bdquo;Covidiot&ldquo; oder &bdquo;Verschw&ouml;rungstheoretiker&ldquo;. Wer im Ukrainekrieg f&uuml;r Verhandlungen und Diplomatie pl&auml;diert, ist ein &bdquo;Lumpenpazifist&ldquo;, &bdquo;Putinversteher&ldquo; und hoffnungslos von &bdquo;toxischem Pazifismus&ldquo; befallen. Wer heute mit Blick auf Gaza auch nur auf diese oder jene Weise das Leiden der pal&auml;stinischen Zivilbev&ouml;lkerung fokussiert, gilt als ausgemachter &bdquo;(israelfeindlicher) Antisemit&ldquo;. <em>Cancel Culture<\/em> und &auml;hnliche Gangarten in den Bereichen Sport, Wissenschaft und Bildung werden eher zur Regel denn zur Ausnahme. Da wird Botm&auml;&szlig;igkeit notfalls mit dem Verweis auf vermeintliche Parteinahme f&uuml;r den &bdquo;unprovozierten Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine&ldquo; oder angeblichen &bdquo;Antisemitismus&ldquo; hergestellt beziehungsweise erzwungen. Wer selbst lange im medialen Rampenlicht stand, kann flugs im Orkus landen. Diskurse &amp; Dispute in des Wortes urspr&uuml;nglicher Bedeutung &ndash; Fehlanzeige!<\/p><p><strong>Beklemmende Parallelwelten<\/strong><\/p><p>Wer in den vergangenen Wochen und Monaten t&auml;glich nur eine halbe Stunde lang das englischsprachige Programm des im katarischen Doha beheimateten Senders <em>Al Jazeera<\/em> anschaute und den Rest des im Wachzustand erlebten Tages damit verbrachte, den hiesigen Leitmedien zu lauschen oder sich ihrer Lekt&uuml;re zuzuwenden, musste kirre werden und sich ernsthaft immer wieder selbst aufr&uuml;tteln und fragen, ob Mensch da tats&auml;chlich auf ein und demselben Planeten lebt!<\/p><p>Auf der einen Seite nicht enden wollende Szenen menschlichen Leids, Verw&uuml;stungen gigantischen Ausma&szlig;es und ungebremste Vernichtungsphantasien gegen&uuml;ber der urpl&ouml;tzlich zum ideellen Gesamtb&ouml;sen hochstilisierten <em>Hamas<\/em> &ndash; inklusive st&uuml;ndlich wachsenden Blutzolls seitens der in Gaza zusammengepferchten pal&auml;stinensischen Zivilbev&ouml;lkerung. Auf der anderen Seite das tremoloartig beschworene &bdquo;Selbstverteidigungsrecht&ldquo; Israels, das zu kritisieren sich aus vermeintlicher Staatsr&auml;son strikt verbiete.<\/p><p>Dass kurz nach dem Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 ausgerechnet das lautstarke Diktum <em>&bdquo;Wir sind alle Israelis in diesen Tagen&ldquo;<\/em> aus der Zitadelle bundesdeutscher Au&szlig;enpolitik erklang, lie&szlig; jedweden Anflug von politischem Einf&uuml;hlungsverm&ouml;gen und diplomatischem Geschick vermissen. Stattdessen wird ein Terrain beackert, das in strikt manich&auml;ischer Sicht in gute und schlechte Parzellen unterteilt ist. Wohlverstanden: All dies geschieht in Echtzeit und sehenden Auges!<\/p><p><strong>&bdquo;Antisemitismus&ldquo; als Allzweckkeule<\/strong><\/p><p>Vor wenigen Tagen konstatierte der US-amerikanische Publizist und renommierte Buchautor Norman Solomon mit Blick auf die in seinem Land gleicherma&szlig;en aufgeheizte politische Stimmung verbittert:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>W&auml;hrend Israel weiterhin Kinder, Frauen und M&auml;nner abschlachtet &ndash; nicht schuldiger als eine Menschenmenge, die Sie vielleicht in einem &ouml;rtlichen Supermarkt sehen &ndash;, l&auml;uft der extreme Missbrauch des &sbquo;Antisemitismus&lsquo;-Vorwurfs oft darauf hinaus: Sei still. Protestiere nicht. Sprich nicht einmal laut.<\/em><\/p>\n<p><em>Nat&uuml;rlich gibt es Antisemitismus in den Vereinigten Staaten und im Rest der Welt, und er sollte verurteilt werden. Gleichzeitig ist es ein Missbrauch des Wortes Antisemitismus und ein B&auml;rendienst f&uuml;r alle, die einen einheitlichen Standard der Menschenrechte wollen, wenn man den Begriff missbraucht, um Menschen zum Schweigen zu bringen, w&auml;hrend Israels Gr&auml;ueltaten in Gaza weitergehen.<\/em><\/p>\n<p><em>Letzte Woche gingen 17 Rabbiner und Rabbinatsstudenten zum Capitol Hill und forderten einen Waffenstillstand und ein Ende der bedingungslosen US-Milit&auml;rhilfe f&uuml;r Israel. Rabbi May Ye sagte: &sbquo;Wir sind Rabbiner, die Hunderttausende von Juden repr&auml;sentieren, die der Jewish Voice for Peace Action angeh&ouml;ren, und wir flehen unsere F&uuml;hrer an, ihre Komplizenschaft mit der v&ouml;lkerm&ouml;rderischen Kampagne des israelischen Milit&auml;rs im Namen von tzedek (Gerechtigkeit) und echter Sicherheit f&uuml;r alle Menschen zu beenden.&lsquo;&rdquo; (eigene &Uuml;bersetzung R.W.)<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Mit Blick auf die k&uuml;rzlich zu Ende gegangene 74. Berlinale war es wiederum eine vergleichsweise junge Frau, die auch die dort (diesmal tats&auml;chlich von wei&szlig;en &auml;lteren Herren) geschwungene Antisemitismuskeule intelligent parierte. Gresa Hasa, Jahrgang 1992, studierte Politikwissenschaft in Albaniens Hauptstadt Tirana und arbeitet als Aktivistin einer linken Graswurzelbewegung zum Thema Arbeitnehmerrechte. Auf ihrem X- Account (fr&uuml;her Twitter) postete sie am 26. Februar folgenden Eintrag:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>K&uuml;nstler kommen aus der ganzen Welt, um an der #Berlinale teilzunehmen &ndash; von #Japan bis #Argentinien, von #Italien bis #China, von #Frankreich bis in die #USA usw. Doch #Germany verlangt, dass all diese Menschen und alle anderen mit Blick auf den Konflikt im Nahen Osten der deutschen Argumentation folgen.&ldquo; (eigene &Uuml;bersetzung R.W.)<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>&Uuml;ber ebendiese Berlinale hatte ein deutscher Wirtschaftsprofessor derma&szlig;en Zeter und Mordio geschrien, dass man meinen konnte, in seinem Fall sei der Verstand vom pr&auml;frontalen Cortex pl&ouml;tzlich buchst&auml;blich in die Hose gegangen. &Uuml;ber das Berlinale-Publikum hatte er sich am 24. Februar auf seinem X-Account (fr&uuml;her Twitter) wie folgt ge&auml;u&szlig;ert:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Antisemitisches Klatschvieh beim Reichstreffen der Filmschaffenden, Opa Goebbels w&auml;re stolz.&rdquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Zuvor hatte die deutsch-amerikanische Schriftstellerin Deborah Feldman die vor allem in der Bundesrepublik uns&auml;glich instrumentalisierte Debatte um &bdquo;Antisemitismus&ldquo; glasklar auf den Punkt gebracht:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Die einzige legitime Lehre des Holocausts ist die absolute, bedingungslose Verteidigung der Menschenrechte f&uuml;r alle.&rdquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Mekong &ndash; Hindukusch &ndash; Mali &ndash; Kiew<\/strong><\/p><p>Was haben dieser Strom in S&uuml;dostasien, dieses zentralasiatische Gebirgsmassiv sowie das zentralafrikanische Land und die Hauptstadt der Ukraine gemein? Dort wurden\/werden seit sechs Dekaden erkl&auml;rterma&szlig;en in Westberlin und in der Bundesrepublik unser aller Werte verteidigt &ndash; &bdquo;Freiheit, Sicherheit und Demokratie&ldquo;, wiewohl nicht unbedingt in dieser Reihenfolge!<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Unsere Sicherheit wird nicht nur, aber auch am Hindukusch verteidigt&ldquo;, sagte am 11. M&auml;rz 2004 der damalige deutsche Verteidigungsminister Peter Struck.<\/em><\/p>\n<p>&bdquo;<em>Wir als Europ&auml;er sind betroffen, weil der Norden Malis eine Staatsgrenze vom Mittelmeer entfernt ist&rdquo;, sagte Au&szlig;enminister Guido Westerwelle in seiner Rede vor Parlamentariern im April 2013. &bdquo;Wir helfen also nicht nur altruistisch Menschen vor Ort, sondern in einer zusammenwachsenden Welt geht es auch darum, unsere Freiheit, unsere offene Gesellschaft und die Art, wie wir in Europa leben, zu verteidigen.&rdquo;<\/em><\/p>\n<p><em>Wie EU-Kommissionspr&auml;sidentin Ursula von der Leyen im Mai 2023 feststellte, &bdquo;steht die Ukraine an vorderster Front, wenn es um die Verteidigung all dessen geht, was uns Europ&auml;erinnen und Europ&auml;ern lieb und teuer ist: unsere Freiheit, unsere Demokratie, unsere Meinungs- und Gedankenfreiheit.&ldquo;<\/em><\/p>\n<p><em>(Gr&uuml;nen-Chef) Omid Nouripour im FOCUS-Interview am 24. M&auml;rz 2024: &bdquo;Wir sollten nicht vergessen, dass wir bei der Unterst&uuml;tzung der Ukraine am Ende auch unsere eigene Sicherheit verteidigen.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Angesichts des Scheiterns dieser hehren Vors&auml;tze auf ganzer Linie dr&auml;ngt sich die Frage auf, wie es nach alledem um unsere &bdquo;Freiheit, Sicherheit, Demokratie&ldquo; und dergleichen bestellt ist &ndash; abgesehen davon, dass in all den genannten Regionen und L&auml;ndern Schneisen imperialer und neokolonialer Verw&uuml;stung und menschlicher Trag&ouml;dien geschlagen wurden. Und im Falle Afghanistans und Malis stehen abschlie&szlig;ende Bewertungen dieser verniedlichend &bdquo;Eins&auml;tze&ldquo; genannten Kriege noch aus.<\/p><p>&bdquo;<strong>Kriegstauglichkeit&ldquo; statt Friedensf&auml;higkeit<\/strong><\/p><p>Ausgerechnet ein Mann wie der Sozialdemokrat Boris Pistorius, der immerhin von November 2006 bis Februar 2013 als Oberb&uuml;rgermeister der Friedensstadt Osnabr&uuml;ck amtierte, sollte sich mit seinem Wunsch nach erh&ouml;hter &bdquo;Kriegstauglichkeit&ldquo; oder &bdquo;Kriegsf&auml;higkeit&ldquo; als Stichwortgeber f&uuml;r eine mittlerweile partei&uuml;bergreifend gebilligte Militarisierung in Staat und Gesellschaft erweisen. Als gelte es, dem jetzigen Verteidigungsminister in putativem Gehorsam unter die Arme zu greifen und so etwas wie eine &bdquo;feministische Innenpolitik&ldquo; zu betreiben, hat Pistorius&rsquo; Ministerkollegin, Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger, bereits die Einbeziehung von Schulen in die Vorbereitung der deutschen Gesellschaft auf einen etwaigen gro&szlig;en Krieg gefordert. &bdquo;Zivilschutz&ldquo; sei &bdquo;immens wichtig&ldquo; und geh&ouml;re &bdquo;auch in die Schulen&ldquo;, erkl&auml;rte die Ministerin. Stark-Watzinger meint damit Ma&szlig;nahmen, die die &Uuml;berlebenschancen der Zivilbev&ouml;lkerung im Kriegsfall erh&ouml;hen sollen. Sie &bdquo;verga&szlig;&ldquo; dabei zu erw&auml;hnen, dass Derartiges bereits vor 62 Jahren wenig Taugliches zutage f&ouml;rderte.<\/p><p>Vielmehr und st&auml;rker denn je ist eine aktive Friedensbildung angesagt, wie dies auf diesen Seiten erst k&uuml;rzlich erneut <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=112714\">Heinz Klippert<\/a> eindringlich unterstrich:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Aus alledem ergibt sich f&uuml;r die politische und ethische Bildungsarbeit in Schulen, Universit&auml;ten, Akademien und sonstigen Einrichtungen der Erwachsenenbildung die Verpflichtung, das menschliche &sbquo;Kriegs-Gen&lsquo; dadurch zu z&auml;hmen, dass f&uuml;r ein Mehr an begr&uuml;ndeter Kriegsskepsis, Friedensphantasie und Konfliktregelungskompetenz gesorgt wird. &sbquo;Begr&uuml;ndet&lsquo; hei&szlig;t hierbei, dass auf differenzierte Informationen, Reflexionen, Perspektivenwechsel, Debatten und sonstige Formen der tiefgreifenden Meinungsbildung in Sachen Krieg und Frieden gesetzt werden sollte, damit das Meinungsmanagement kriegsaffiner Scharfmacher in Politik, Medien, Parlamenten, Zivilgesellschaft und milit&auml;rischen Kreisen nicht vorschnell verf&auml;ngt.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><strong>&bdquo;S&uuml;&szlig; scheint der Krieg den Unerfahrenen&ldquo;<\/strong><\/p><p>Ostern gilt gemeinhin als eine Zeit der Besinnung. Wie s&uuml;&szlig; w&auml;re da allein die Vorstellung, bitter-gallige Kriegsapologeten im nimmerm&uuml;dem Talkshow-Modus verstummten mal f&uuml;r wenige Tage im Zuge einer Alpaka-Wanderung &ndash; und l&auml;sen bei der Gelegenheit in Ruhe einen Text, den der gro&szlig;e Humanist <em>Erasmus von Rotterdam<\/em> im Jahre 1517 (sic!) verfasste:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Wenn man also zuerst nur die Erscheinung und Gestalt des menschlichen K&ouml;rpers ansieht, merkt man denn nicht sofort, dass die Natur, oder vielmehr Gott, ein solches Wesen nicht f&uuml;r Krieg, sondern f&uuml;r Freundschaft, nicht zum Verderben, sondern zum Heil, nicht f&uuml;r Gewalttaten, sondern f&uuml;r Wohlt&auml;tigkeit erschaffen habe? Ein jedes der anderen Wesen stattete sie mit eigenen Waffen aus, den Stier mit H&ouml;rnern, den L&ouml;wen mit Pranken, den Eber mit Sto&szlig;z&auml;hnen, andere mit Gift, wieder andere mit Schnelligkeit. Der Mensch aber ist nackt, zart, wehrlos und schwach, nichts kann man an den Gliedern sehen, was f&uuml;r einen Kampf oder eine Gewaltt&auml;tigkeit bestimmt w&auml;re. Er kommt auf die Welt und ist lange Zeit vor fremder Hilfe abh&auml;ngig, kann blo&szlig; durch Wimmern und Weinen nach Beistand rufen. Die Natur schenkte ihm freundliche Augen als Spiegel der Seele, biegsame Arme zur Umarmung, gab ihm die Empfindung eines Kusses, das Lachen als Ausdruck von Fr&ouml;hlichkeit, Tr&auml;nen als Symbol f&uuml;r Sanftmut und des Mitleids.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Krieg wird aus dem Krieg erzeugt, aus einem Scheinkrieg entsteht ein offener, aus einem winzigen der gewaltigste [&hellip;] Wo denn ist das Reich des Teufels, wenn es nicht im Krieg ist? Warum schleppen wir Christus hierhin, zu dem der Krieg noch weniger passt als ein Hurenhaus? So m&ouml;gen wir Krieg und Frieden, die zugleich elendeste und verbrecherischste Sache vergleichen, und es wird vollends klar werden, ein wie gro&szlig;er Wahnsinn es sei, mit so viel Tumult, so viel Strapazen, so einem gro&szlig;en Kostenaufwand, unter h&ouml;chster Gefahr und so vielen Verlusten Krieg zu veranstalten, obwohl um ein viel Geringeres die Eintracht erkauft werden k&ouml;nnte.&rdquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><small>Titelbild: Evgeny Atamanenko\/shutterstock.com<\/small><\/p><p><strong>Quellen und Anmerkungen<\/strong><\/p><ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/video\/phoenix-vor-ort\/wir-sind-alle-israelis-in-diesen-tagen\/phoenix\/Y3JpZDovL3Bob2VuaXguZGUvMzUwNzg0Nw\">ardmediathek.de\/video\/phoenix-vor-ort\/wir-sind-alle-israelis-in-diesen-tagen\/phoenix\/Y3JpZDovL3Bob2VuaXguZGUvMzUwNzg0Nw<\/a><\/li>\n<li>German Foreign Policy (18. M&auml;rz 2024): <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/9515\">german-foreign-policy.com\/news\/detail\/9515<\/a><\/li>\n<li><em>Jeder hat keine Chance<\/em> &ndash; DER SPIEGEL in seiner Ausgabe vom 22. Mai 1962 &uuml;ber Luftschutz &amp; Bundesplanung * <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/jeder-hat-keine-chance-a-9c37969c-0002-0001-0000-000045140177\">spiegel.de\/politik\/jeder-hat-keine-chance-a-9c37969c-0002-0001-0000-000045140177<\/a> <\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.imi-online.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/AusdruckMaerz2024_web.pdf\">imi-online.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/AusdruckMaerz2024_web.pdf<\/a> * <em>Der Ausdruck<\/em> wird herausgegeben von und bezogen &uuml;ber Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V., T&uuml;bingen<\/li>\n<li><em>Indochina: &bdquo;Damit haben wir nicht gerechnet&rdquo;<\/em> * <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/indochina-damit-haben-wir-nicht-gerechnet-a-df7950eb-0002-0001-0000-000041533839\">spiegel.de\/politik\/indochina-damit-haben-wir-nicht-gerechnet-a-df7950eb-0002-0001-0000-000041533839<\/a> \/ Da der <em>&bdquo;<\/em>Amerikanische Krieg&rdquo;, wie er in Vietnam genannt wurde, gleichzeitig auch<em> freedom &amp; democracy<\/em> in Westberlin zu sch&uuml;tzen vorgab, fiel der Vorspann dieses <em>SPIEGEL<\/em>-Beitrags am 6. April 1975 krachend ern&uuml;chternd aus: <em>&bdquo;Zwei Drittel seines Landes, die H&auml;lfte seiner Divisionen und f&uuml;r eine Milliarde Dollar Kriegsmaterial verloren, die Regierung in Panik und Millionen auf der Flucht &ndash; so sah der Staat des Pr&auml;sidenten Thieu, bis vor kurzem noch st&auml;rkste Milit&auml;rmacht S&uuml;dostasiens, vorige Woche aus. Die USA verk&uuml;ndeten: &sbquo;Dies ist nicht unser Krieg.'&rdquo;<\/em><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/471964.nahostkonflikt-entlarvte-l%C3%BCgen.html\">jungewelt.de\/artikel\/471964.nahostkonflikt-entlarvte-l%C3%BCgen.html<\/a><\/li>\n<li>Heinz Klippert (21. M&auml;rz 2024): <em>Friedensbildung tut not! <\/em>* <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=112714\">nachdenkseiten.de\/?p=112714<\/a><\/li>\n<li>J&uuml;din kritisiert mangelnden Schutz in Deutschland | Markus Lanz vom 1. November 2023 &ndash;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=yblJzvEw2Go\">youtube.com\/watch?v=yblJzvEw2Go<\/a><\/li>\n<li>Gresa Hasa auf X am 25. &amp; 26. Februar 2024: <a href=\"https:\/\/twitter.com\/GresaHasa\/status\/1761887723579728210\">twitter.com\/GresaHasa\/status\/1761887723579728210<\/a>&nbsp; <em>&amp;<\/em> <a href=\"https:\/\/twitter.com\/GresaHasa\/status\/1762101974151897368\">twitter.com\/GresaHasa\/status\/1762101974151897368<\/a><\/li>\n<li>Jan Schnellenbach auf X am 24. Februar 2024: <a href=\"https:\/\/twitter.com\/schnellenbachj\/status\/1761524145139937643?s=20\">twitter.com\/schnellenbachj\/status\/1761524145139937643?s=20<\/a> &ndash; Der Autor ist Wirtschaftsprofessor an der Brandenburgischen TU Cottbus-Senftenberg.<\/li>\n<li>Norman Solomon (22. M&auml;rz 2024): <a href=\"https:\/\/original.antiwar.com\/solomon\/2024\/03\/21\/apologists-for-israels-mass-murder-in-gaza-fall-back-on-antisemitism-claims\/\">original.antiwar.com\/solomon\/2024\/03\/21\/apologists-for-israels-mass-murder-in-gaza-fall-back-on-antisemitism-claims\/<\/a><\/li>\n<li>Alexander Troche (2001): <em>&bdquo;Berlin wird am Mekong verteidigt&rdquo;. Die Ostasienpolitik der Bundesrepublik in China, Taiwan und S&uuml;d-Vietnam 1954-1966.<\/em> D&uuml;sseldorf: Droste Verlag &ndash; Reihe Forschungen und Quellen zur Zeitgeschichte 37 *<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.hsozkult.de\/publicationreview\/id\/reb-2604\">hsozkult.de\/publicationreview\/id\/reb-2604<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-531-94312-1_10\">link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-531-94312-1_10<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.liberale.de\/content\/mali-wird-auch-europas-freiheit-verteidigt\">liberale.de\/content\/mali-wird-auch-europas-freiheit-verteidigt<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/de.usembassy.gov\/de\/wir-duerfen-die-ukraine-nicht-aufgeben\/\">de.usembassy.gov\/de\/wir-duerfen-die-ukraine-nicht-aufgeben\/<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.focus.de\/politik\/deutschland\/deutschland-waere-verlierer-gruenen-chef-macht-knallharte-afd-ansage_id_259792528.html\">focus.de\/politik\/deutschland\/deutschland-waere-verlierer-gruenen-chef-macht-knallharte-afd-ansage_id_259792528.html<\/a><\/li>\n<li>Erasmus von Rotterdam: <em>&bdquo;S&uuml;&szlig; scheint der Krieg den Unerfahrenen&rdquo;.<\/em> &Uuml;bers., kommentiert u. hg. von Brigitte Hannemann, M&uuml;nchen 1987<em>; Eine klagende G&ouml;ttin<\/em> | NZZ (2001) * <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/article72TEN-ld.178899\">nzz.ch\/article72TEN-ld.178899<\/a>; <em>S&uuml;&szlig; ist der Krieg den Unerfahrenen (Dulce bellum inexpertis) * <\/em><a href=\"https:\/\/schwabe.ch\/erasmus-von-rotterdam-ueber-krieg-und-frieden.-die-friedensschriften-des-erasmus-von-rotterdam-978-3-7965-4782-9\">schwabe.ch\/erasmus-von-rotterdam-ueber-krieg-und-frieden.-die-friedensschriften-des-erasmus-von-rotterdam-978-3-7965-4782-9<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><em><strong>C<\/strong><\/em>orona-gesch&auml;digt, <em><strong>b<\/strong><\/em>ellizistisch gestimmt, allseits gew&uuml;nschte <em><strong>A<\/strong><\/em>mnesie: Seit nunmehr reichlich vier Jahren leben wir im D&auml;mmerzustand grassierender Un&uuml;bersichtlichkeiten. Einst f&uuml;r unverr&uuml;ckbar gehaltene Koordinaten politischen Handelns gelten l&auml;ngst als obsolet. V&ouml;lkerrechtliche Normen sind immer mehr ins Hintertreffen geraten. Stattdessen wird allerorten eine &bdquo;regelbasierte&ldquo; oder &bdquo;wertegeleitete Ordnung&ldquo; beschworen, die m&ouml;glichst von &bdquo;feministischer Au&szlig;enpolitik&ldquo; flankiert werden soll. Amnesie, pr&auml;ziser<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113155\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":113156,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,11,161],"tags":[3293,3041,1120,2269,1163,893,2374,827],"class_list":["post-113155","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-strategien-der-meinungsmache","category-wertedebatte","tag-bellizismus","tag-cancel-culture","tag-friedensbewegung","tag-konformitaetsdruck","tag-meinungspluralismus","tag-militarisierung","tag-staatsraeson","tag-stigmatisierung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Shutterstock_2123900633.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/113155","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=113155"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/113155\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":113252,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/113155\/revisions\/113252"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/113156"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=113155"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=113155"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=113155"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}