{"id":113255,"date":"2024-04-03T10:25:49","date_gmt":"2024-04-03T08:25:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113255"},"modified":"2024-04-03T10:58:29","modified_gmt":"2024-04-03T08:58:29","slug":"sag-nein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113255","title":{"rendered":"Sag NEIN"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Gestern beim Ostermarsch hat mich ein guter Bekannter auf dieses Gedicht aufmerksam gemacht, das ich nur in Teilen kannte&ldquo;, schreibt Susanne Bur. &bdquo;Es steht zwar f&uuml;r alle Menschen und alle Kriege, aber bei unserer heutigen Kriegsbesoffenheit in Deutschland, steht es m. M. nach als wichtiges Mahnwahl, wohin uns die Polit- und sonstige Eliten gerade treiben.&nbsp;&ndash; F&uuml;r mich auch der Hinweis auf die M&ouml;glichkeiten des zivilen Widerstands. Wir k&ouml;nnen nicht oft genug versuchen in die K&ouml;pfe der Menschen zu bringen, was Krieg bedeutet, welche H&ouml;lle das ist.&ldquo;<br>\nVon <strong>Wolfgang Borchert<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Sag NEIN<\/strong><\/p><p>Dann gibt es nur eins!<\/p><p>Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kocht&ouml;pfe mehr machen &ndash; sondern Stahlhelm und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins:<br>\nSag NEIN!<\/p><p>Du. M&auml;dchen hinterm Ladentisch und M&auml;dchen im B&uuml;ro. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Granaten f&uuml;llen und Zielfernrohre f&uuml;r Scharfsch&uuml;tzengewehre montieren, dann gibt es nur eins:<br>\nSag NEIN!<\/p><p>Du. Besitzer der Fabrik. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst statt Puder und Kakao Schiesspulver verkaufen, dann gibt es nur eins:<br>\nSag NEIN!<\/p><p>Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie Dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins:<br>\nSag NEIN!<\/p><p>Du. Dichter in deiner Stube. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Liebeslieder, du sollst Hasslieder singen, dann gibt es nur eins:<br>\nSag NEIN!<\/p><p>Du. Arzt am Krankenbett. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst die M&auml;nner kriegstauglich schreiben, dann gibt es nur eins:<br>\nSag NEIN!<\/p><p>Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins:<br>\nSag NEIN!<\/p><p>Du. Kapit&auml;n auf dem Dampfer. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keinen Weizen mehr fahren &ndash; sondern Kanonen und Panzer, dann gibt es nur eins:<br>\nSag NEIN!<\/p><p>Du. Pilot auf dem Flugfeld. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Bomben und Phosphor &uuml;ber die St&auml;dte tragen, dann gibt es nur eins:<br>\nSag NEIN!<\/p><p>Du. Schneider auf deinem Bett. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Uniformen zuschneiden, dann gibt es nur eins:<br>\nSag NEIN!<\/p><p>Du. Richter im Talar. Wenn sie dir morgen befehlen, Du sollst zum Kriegsgericht gehen, dann gibt es nur eins:<br>\nSag NEIN!<\/p><p>Du. Mann auf dem Bahnhof. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst das Signal zur Abfahrt geben f&uuml;r den Munitionszug und f&uuml;r den Truppentransporter, dann gibt es nur eins:<br>\nSag NEIN!<\/p><p>Du. Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt. Wenn sie morgen kommen und dir den Gestellungsbefehl bringen, dann gibt es nur eins:<br>\nSag NEIN!<\/p><p>Du. Mutter in der Normandie und Mutter in der Ukraine, du, Mutter in Frisko und London, du am Hoangho und am Mississippi, du, Mutter in Neapel und Hamburg und Kairo und Oslo &ndash; M&uuml;tter in allen Erdteilen, M&uuml;tter in der Welt, wenn sie morgen befehlen, ihr sollt Kinder geb&auml;ren, Krankenschwestern f&uuml;r Kriegslazarette und neue Soldaten f&uuml;r neue Schlachten, M&uuml;tter in der Welt, dann gibt es nur eins:<br>\nSagt NEIN! M&uuml;tter, sagt NEIN!<\/p><p>Denn wenn ihr nicht NEIN sagt, wenn IHR nicht nein sagt, M&uuml;tter, dann: dann:<\/p><p>In den l&auml;rmenden dampfdunstigen Hafenst&auml;dten werden die grossen Schiffe st&ouml;hnend verstummen und wie titanische Mammutkadaver wasserleichig tr&auml;ge gegen die toten vereinsamten Kaimauern schwanken, algen-, tang- und muschel&uuml;berwest, den fr&uuml;her so schimmernden dr&ouml;hnenden Leib, friedh&ouml;flich fischfaulig duftend, m&uuml;rbe, siech, gestorben &ndash; die Strassenbahnen werden wie sinnlose glanzlose glas&auml;ugige K&auml;fige bl&ouml;de verbeult und abgebl&auml;ttert neben den verwirrten Stahlskeletten der Dr&auml;hte und Gleise liegen, hinter morschen dachdurchl&ouml;cherten Schuppen, in verlorenen kraterzerrissenen Strassen &ndash; eine schlammgraue dickbreiige bleierne Stille wird sich heranw&auml;lzen, gefr&auml;ssig, wachsend, wird anwachsen in den Schulen und Universit&auml;ten und Schauspielh&auml;usern, auf Sport- und Kinderspielpl&auml;tzen, grausig und gierig unaufhaltsam &ndash; der sonnige saftige Wein wird an den verfallenen H&auml;ngen verfaulen, der Reis wird in der verdorrten Erde vertrocknen, die Kartoffel wird auf den brachliegenden &Auml;ckern erfrieren und die K&uuml;he werden ihre totsteifen Beine wie umgekippte Melkschemel in den Himmel strecken &ndash; in den Instituten werden die genialen Erfindungen der grossen &Auml;rzte sauer werden, verrotten, pilzig verschimmeln &ndash; in den K&uuml;chen, Kammern und Kellern, in den K&uuml;hlh&auml;usern und Speichern werden die letzten S&auml;cke Mehl, die letzten Gl&auml;ser Erdbeeren, K&uuml;rbis und Kirschsaft verkommen &ndash; das Brot unter den umgest&uuml;rzten Tischen und auf zersplitterten Tellern wird gr&uuml;n werden und die ausgelaufene Butter wird stinken wie Schmierseife, das Korn auf den Feldern wird neben verrosteten Pfl&uuml;gen hingesunken sein wie ein erschlagenes Heer und die qualmenden Ziegelschornsteine, die Essen und die Schlote der stampfenden Fabriken werden, vom ewigen Gras zugedeckt, zerbr&ouml;ckeln &ndash; zerbr&ouml;ckeln &ndash; zerbr&ouml;ckeln &ndash; dann wird der letzte Mensch, mit zerfetzten Ged&auml;rmen und verpesteter Lunge, antwortlos und einsam unter der giftig gl&uuml;henden Sonne und unter wankenden Gestirnen umherirren, einsam zwischen den un&uuml;bersehbaren Massengr&auml;bern und den kalten G&ouml;tzen der gigantischen betonklotzigen ver&ouml;deten St&auml;dte, der letzte Mensch, d&uuml;rr, wahnsinnig, l&auml;sternd, klagend &ndash; und seine furchtbare Klage: WARUM? wird ungeh&ouml;rt in der Steppe verrinnen, durch die geborstenen Ruinen wehen, versickern im Schutt der Kirchen, gegen Hochbunker klatschen, in Blutlachen fallen, ungeh&ouml;rt, antwortlos, letzter Tierschrei des letzten Tieres Mensch &ndash; all dieses wird eintreffen, morgen, morgen vielleicht, vielleicht heute Nacht schon, vielleicht heute Nacht, wenn &mdash; wenn &mdash; wenn ihr nicht NEIN sagt.<\/p><p><em>Wolfgang Borchert (1921-1947)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Gestern beim Ostermarsch hat mich ein guter Bekannter auf dieses Gedicht aufmerksam gemacht, das ich nur in Teilen kannte&ldquo;, schreibt Susanne Bur. &bdquo;Es steht zwar f&uuml;r alle Menschen und alle Kriege, aber bei unserer heutigen Kriegsbesoffenheit in Deutschland, steht es m. M. nach als wichtiges Mahnwahl, wohin uns die Polit- und sonstige Eliten gerade treiben.&nbsp;&ndash;<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113255\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[35,170,917],"tags":[1678,1257],"class_list":["post-113255","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-friedenspolitik","category-kultur-und-kulturpolitik","tag-kuenstler","tag-pazifismus"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/113255","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=113255"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/113255\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":113318,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/113255\/revisions\/113318"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=113255"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=113255"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=113255"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}