{"id":113348,"date":"2024-04-04T10:00:44","date_gmt":"2024-04-04T08:00:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113348"},"modified":"2024-04-04T10:47:19","modified_gmt":"2024-04-04T08:47:19","slug":"der-westen-bekaempft-russland-als-ob-es-keine-atomwaffen-haette-interview-mit-dmitri-trenin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113348","title":{"rendered":"\u201eDer Westen bek\u00e4mpft Russland, als ob es keine Atomwaffen h\u00e4tte\u201c \u2013 Interview mit Dmitri Trenin"},"content":{"rendered":"<p>Vor Kurzem hat der renommierte russische Politikwissenschaftler Dmitri Trenin <a href=\"https:\/\/profile.ru\/abroad\/kak-rossiya-mozhet-pokonchit-s-deficitom-straha-v-otnosheniyah-s-zapadom-1456137\/\">in einem Artikel<\/a> geschrieben, dass das erste Mal seit 1945 der Westen aufgeh&ouml;rt habe, sich vor Russland zu f&uuml;rchten. Ein Angstdefizit kann laut dem ehemaligen Leiter des Carnegie-Instituts Moscow t&ouml;dlich sein und muss daher &uuml;berwunden werden, bevor es zu sp&auml;t ist. Nach der Aufl&ouml;sung des Instituts 2022 ist Trenin im Gegensatz zu mehreren Kollegen in Russland geblieben. Seine im Artikel ge&auml;u&szlig;erten Ansichten, die in mehreren Punkten Gemeinsamkeiten mit seinem Kollegen Sergej Karaganow zeigen, werfen f&uuml;r Europ&auml;er schmerzhafte und qu&auml;lende Fragen auf: Wie sieht ein russischer Experte die Kriegstreiberei des Westens gegen Russland? Wie sind wir so weit gekommen? Was bedeutet diese Konfrontation f&uuml;r Russland? Wie sch&auml;tzt er die Position Ungarns in diesem Konflikt ein? Und warum sollte man dem Westen das F&uuml;rchten beibringen? Das Interview mit <strong>Dmitri Trenin<\/strong> hat <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong> gef&uuml;hrt und aus dem Russischen &uuml;bersetzt.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>&Eacute;va P&eacute;li: Sie schreiben in einem aktuellen Beitrag, dass sich in der EU eine &bdquo;m&auml;chtige Kampagne zur Vorbereitung auf einen Krieg mit Russland&ldquo; entfaltet hat. Warum ist dies geschehen, und was sind Ihrer Meinung nach die Gr&uuml;nde daf&uuml;r?<\/strong><\/p><p><strong>Dmitri Trenin<\/strong>: Die Kampagne zur Vorbereitung auf einen Krieg mit Russland hat viele Gr&uuml;nde. Zun&auml;chst einmal ist es die Entt&auml;uschung &uuml;ber das Scheitern der ukrainischen Offensive 2023, die zu einer Niederlage Russlands f&uuml;hren sollte. Stattdessen ist es zu einer Wende im Krieg gekommen. Die Initiative hat sich auf die russische Armee verlagert. Die Aussicht auf einen russischen milit&auml;rischen Sieg &ndash; und gleichzeitig eine geopolitische Niederlage f&uuml;r den Westen &ndash; wurde real. W&auml;hrenddessen bekamen die Europ&auml;er Angst vor Donald Trumps m&ouml;glichem Einzug ins Wei&szlig;e Haus. Dar&uuml;ber hinaus hat die Position der Republikanischen Partei in den USA bereits dazu gef&uuml;hrt, dass Washington seine Unterst&uuml;tzung f&uuml;r Kiew einschr&auml;nkt.<\/p><p>Vor dem Hintergrund der russischen Erfolge auf dem Schlachtfeld und der allm&auml;hlichen Verlagerung der Aufmerksamkeit der USA auf Asien\/China hat Europa also begonnen, sich mehr Gedanken &uuml;ber die Nachhaltigkeit der wichtigsten atlantischen Institutionen &ndash; NATO und EU &ndash; zu machen. Da sind auch noch die europ&auml;ischen Waffenhersteller. Nat&uuml;rlich wollen sie in Vorbereitung auf einen gro&szlig;en Krieg Geld verdienen.<\/p><p>Zudem m&ouml;chte Frankreich die Situation ausnutzen und die Position des &bdquo;Kommandeurs von Europa&ldquo; einnehmen, um die von den USA geschaffene L&uuml;cke zu schlie&szlig;en. Deutschland seinerseits hat den Weg der Aufr&uuml;stung eingeschlagen, auch um seine Position in Europa zu st&auml;rken. Die EU-F&uuml;hrung sch&uuml;rt eine Kriegshysterie, um sich auf antirussischer Basis zu behaupten. &bdquo;Global Britain&ldquo; hat das ewige &bdquo;Great Game&ldquo; gegen Russland wieder in Gang gesetzt. (Anm. Red.: Als &bdquo;The Great Game&ldquo; oder &bdquo;Das Gro&szlig;e Spiel&ldquo; wird der historische Konflikt zwischen dem Vereinigten K&ouml;nigreich und Russland um die Vorherrschaft in Zentralasien bezeichnet. Er dauerte von den Napoleonischen Kriegen bis zum Vertrag von Sankt Petersburg im Jahr 1907.)<\/p><p>Schlie&szlig;lich versuchen eine Reihe von L&auml;ndern an der Ostflanke der NATO beziehungsweise der EU, so die baltischen Staaten, Polen, die Tschechische Republik, Rum&auml;nien, Finnland, Schweden und andere, ihre Bedeutung im Rahmen der westlichen B&uuml;ndnisse und Allianzen zu erh&ouml;hen, um zus&auml;tzliche Hilfe und Unterst&uuml;tzung zu erhalten.<\/p><p><strong>Ist dies eine R&uuml;ckkehr zur Konfrontation wie im Kalten Krieg vor 1989? Wenn es Unterschiede gibt: Was ist daran neu?<\/strong><\/p><p>Anders als in der Zeit des Kalten Krieges ist die Angst des Westens vor den Folgen seines Handelns heute deutlich geringer geworden. Ein Beispiel daf&uuml;r ist Emmanuel Macrons &Auml;u&szlig;erung &uuml;ber die m&ouml;gliche Entsendung von NATO-Truppen in die Ukraine. Die Ideologie des liberalen Globalismus hat Pragmatismus und Realismus besiegt. Das ist gef&auml;hrlich f&uuml;r die Welt. Hinzu kommt, dass der Liberalismus in vielen F&auml;llen totalit&auml;re Z&uuml;ge annimmt.<\/p><p>Die Qualit&auml;t der europ&auml;ischen Eliten im Allgemeinen und der Staatsoberh&auml;upter im Besonderen (siehe Gro&szlig;britannien, Frankreich, Deutschland) ist viel geringer als w&auml;hrend des Kalten Krieges. Die (falsche und gef&auml;hrliche) Vorstellung, Russland k&ouml;nne in einem konventionellen Krieg besiegt werden, hat sich unter den westlichen Eliten verbreitet.<\/p><p><strong>Sie schreiben &uuml;ber die &bdquo;eigenen Gr&uuml;nde&ldquo; der Europ&auml;er f&uuml;r die Konfrontation mit Russland. Welche sind das?<\/strong><\/p><p>Es gibt viele solcher Gr&uuml;nde. Hier sind einige von ihnen:<\/p><ol>\n<li>Die Entt&auml;uschung dar&uuml;ber, dass es nicht gelungen ist, das postsowjetische Russland zu einem gehorsamen Objekt der europ&auml;ischen Politik zu machen.<\/li>\n<li>Die tief verwurzelte Haltung der europ&auml;ischen Eliten gegen&uuml;ber Russland als einem barbarischen Land, einem Empork&ouml;mmling und etwas &bdquo;anderem&ldquo;, was &bdquo;Europa&ldquo; feindlich gegen&uuml;bersteht.<\/li>\n<li>Alte &Auml;ngste vor einem riesigen konservativen Imperium, das sich &bdquo;&uuml;ber Europa erhebt&ldquo;, sp&auml;ter vor einem radikalen kommunistischen Riesen. Die erste Angst ist charakteristisch f&uuml;r die europ&auml;ische Linke, die zweite f&uuml;r die europ&auml;ische Rechte. In beiden F&auml;llen spielt die Gr&ouml;&szlig;e (&bdquo;die Gr&ouml;&szlig;e Russlands&ldquo;) eine Rolle. Fr&uuml;her sagte man &bdquo;Barbaren vor dem Tor&ldquo;, heute spricht man von &bdquo;Dschungeln, die den Garten bedrohen&ldquo;. Die Bedeutung ist jedoch dieselbe.<\/li>\n<li>&bdquo;The Great Game&ldquo; der Briten gegen Russland, das sie im 20. Jahrhundert verloren haben, wird in Form einer Neuauflage entlang der gesamten russischen Grenzen &ndash; unter anderem Ukraine, Kaukasus, Baltikum, Zentralasien &ndash; wieder aufgenommen.<\/li>\n<li>Die franz&ouml;sische kulturelle und Werte-Arroganz. Frankreichs Anspruch auf die Rolle der &bdquo;europ&auml;ischen USA&ldquo;.<\/li>\n<li>Die traditionelle deutsche Verachtung f&uuml;r Slawen und insbesondere Russen. Dazu kommt ein unterschwelliger &ndash; wenn auch nie anerkannter &ndash; Wunsch nach &bdquo;moralischer Rache&ldquo; f&uuml;r den Zweiten Weltkrieg.<\/li>\n<li>Historische Missst&auml;nde bei den Polen &ndash; wegen der Teilung Polens &ndash; und auch bei den Tschechen wegen 1968, bei den Finnen aufgrund der 40 Jahre andauernden &bdquo;Finnlandisierung&ldquo; w&auml;hrend des Kalten Krieges. Die Balten haben ihre Identit&auml;t ganz auf der Idee aufgebaut, dass sie Opfer des &bdquo;b&ouml;sen Russlands&ldquo; sind.<\/li>\n<\/ol><p><strong>Sie sind der Meinung, dass die NATO auf einen langwierigen Krieg setzt, der Russland entscheidend schw&auml;chen k&ouml;nnte. Die Sowjetunion hat in Afghanistan ein &auml;hnliches Schicksal erlitten. Wie sehen Sie diese Parallelen?<\/strong><\/p><p>Ein langwieriger Krieg ist nicht in Russlands Interesse. Die gemeinsamen Ressourcen des Westens sind gr&ouml;&szlig;er als die von Russland. Daher k&ouml;nnte Russland in eine Lage geraten, in der es entweder gem&auml;&szlig; seiner Milit&auml;rdoktrin Atomwaffen einsetzen oder mit schlimmen Folgen f&uuml;r das Land kapitulieren muss. Putin hat einmal gesagt: &bdquo;Wozu brauchen wir Frieden, wenn es Russland nicht mehr geben wird?&ldquo; Ich pers&ouml;nlich nehme das ernst. Russland muss also den Krieg gewinnen, der f&uuml;r das Land buchst&auml;blich existenziell ist. Aber ein russischer Sieg in der Ukraine wird kein Anfang f&uuml;r einen weiteren Vorsto&szlig; nach Westen sein. Diejenigen, die das behaupten, haben keine Beweise und machen den Menschen nur Angst. Afghanistan war f&uuml;r die UdSSR ein Krieg an der Peripherie. Die Ukraine ist jedoch nicht nur ein strategisch zentraler Krieg f&uuml;r Russland, sondern auch ein B&uuml;rgerkrieg, der sich innerhalb derselben Gesellschaft abspielt.<\/p><p><strong>Sie warnen, dass Russland eine Niederlage droht, wenn es seine Ziele in der Ukraine nicht erreicht. Welche sind das?<\/strong><\/p><p>Wenn Russland seine erkl&auml;rten Ziele in der Ukraine nicht erreicht, wird das f&uuml;r viele in Russland mehr als eine Entt&auml;uschung sein. Es werden sich viele Fragen nach den Gr&uuml;nden f&uuml;r das Scheitern stellen und danach, wer f&uuml;r die sinnlosen Opfer zur Rechenschaft gezogen wird. Es wird ein schwerer Schlag f&uuml;r das Ansehen der F&uuml;hrung des Landes sein. Die wachsende Unzufriedenheit von unten k&ouml;nnte von einem Taumeln der Spitze begleitet sein. Externe Kr&auml;fte werden die Situation weiter beeinflussen und versuchen, Chaos in der Russischen F&ouml;deration und einen sogenannten Regimewechsel im Land herbeizuf&uuml;hren. Eine solche Aussicht ist ein starker Anreiz f&uuml;r Russland, einen &uuml;berzeugenden Sieg in der Ukraine anzustreben und zu erreichen.<\/p><p><strong>Sie schreiben auch, dass die Staats- und Regierungschefs (West-)Europas zum ersten Mal seit 1945 die russischen Atomwaffen nicht mehr f&uuml;rchten. Lange Zeit sagten Beobachter wie der ehemalige DDR-Geheimdienstchef Werner Gro&szlig;mann: &bdquo;Wenn Russland keine Atomwaffen h&auml;tte, g&auml;be es wieder Krieg.&ldquo; Warum ist das nicht mehr der Fall?<\/strong><\/p><p>Im Westen, erstaunlicherweise einschlie&szlig;lich Europa, ist die Angst vor Atomwaffen in den letzten Jahrzehnten fast v&ouml;llig verschwunden. Es wird angenommen, dass es keine Ziele und keine Opfer gibt, die den Einsatz von Atomwaffen rechtfertigen w&uuml;rden &ndash; und daher k&ouml;nnen konventionelle Waffen ohne Einschr&auml;nkung eingesetzt werden. Die USA sind zu dem Schluss gekommen, dass Russland eher kapitulieren w&uuml;rde als einen Atomschlag zu f&uuml;hren. Dadurch werden die NATO-L&auml;nder entfesselt und alle &bdquo;roten Linien&ldquo; weggewischt. Der Westen bek&auml;mpft Russland, als ob es keine Atomwaffen h&auml;tte. Die USA werden offenbar keinen Atomschlag gegen Russland f&uuml;hren, eine massive Invasion starten und russisches Gebiet besetzen. Aber ihre Strategie zielt darauf ab, Russland in der Ukraine eine strategische Niederlage beizubringen, nach der in Russland selbst Chaos ausbrechen k&ouml;nnte.<\/p><p>All diese Berechnungen sind &auml;u&szlig;erst gef&auml;hrlich. Russland wird auf keinen Fall verlieren, geschweige denn kapitulieren. Es ist durchaus in der Lage zu gewinnen. Die st&auml;ndige Eskalation des Krieges durch die NATO-Staaten erh&ouml;ht jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass Moskau seine von Anfang an an den Tag gelegte Zur&uuml;ckhaltung aufgibt und zu Schl&auml;gen gegen Ziele in den Gebieten der am aktivsten am Krieg beteiligten NATO-Staaten &uuml;bergeht.<\/p><p><strong>Einige denken, der Westen sei im Niedergang begriffen und deshalb sehr w&uuml;tend. Der franz&ouml;sische Soziologe Emmanuel Todd meint, dass der Westen einen &bdquo;bizarr aggressiven Weg&ldquo; eingeschlagen hat. Im Gegensatz dazu warnen Sie, dass das Potenzial des Westens, einschlie&szlig;lich Europas, immer noch sehr gro&szlig; ist. Wie rechtfertigen Sie dies?<\/strong><\/p><p>Ich sehe keinen Widerspruch zwischen den Krisenerscheinungen in den L&auml;ndern des Westens, dem R&uuml;ckgang seines Einflusses in der Welt einerseits und der zunehmenden Aggressivit&auml;t der westlichen Politik andererseits. Im Gegenteil, der Westen handelt in einer schwierigen Situation hart, aggressiv und zunehmend riskant. Was die F&auml;higkeiten der westlichen L&auml;nder angeht, so sind sie immer noch sehr bedeutend. Die weltweiten Finanzen und die Logistik, die Informationsressourcen und die milit&auml;rische Macht werden weitgehend von den USA und ihren Verb&uuml;ndeten kontrolliert. Der Gegner sollte niemals untersch&auml;tzt werden.<\/p><p>Die Kombination aus gro&szlig;em Potenzial, einem ausgepr&auml;gten Bedrohungsgef&uuml;hl und einer besonderen Aggressivit&auml;t ist also ein gef&auml;hrlicher Cocktail. Russland muss angesichts eines solchen Gegners Wege finden, seine eigenen Ressourcen m&ouml;glichst effektiv zu mobilisieren und erfolgreich mit Partnerl&auml;ndern zusammenzuarbeiten.<\/p><p><strong>Was ist Ihrer Meinung nach der Grund daf&uuml;r, dass Europa und der Westen als Ganzes so geschlossen wie nie zuvor gegen Russland auftreten?<\/strong><\/p><p>Die antirussische Einigkeit der westlichen L&auml;nder ist ein Erfolg der US-amerikanischen Strategie. Ab Mitte der 2000er-Jahre, unmittelbar nach der US-amerikanischen Aggression gegen den Irak, begann Washington, die europ&auml;ischen Eliten von &bdquo;Dissidenten&ldquo;, die sich der US-Politik widersetzten, zu &bdquo;s&auml;ubern&ldquo;. Infolgedessen wurden die Nachfolger von Bundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der und Pr&auml;sident Jaques Chirac sehr viel mehr zu proamerikanischen Politikern.<\/p><p>Sp&auml;ter, als Folge der Sondereins&auml;tze der USA und ihrer Verb&uuml;ndeten, wurden die Personen neutralisiert, die einen unabh&auml;ngigen Kurs verfolgten: Dominique Strauss-Kahn in Frankreich, Vizekanzler Heinz-Christian Strache in &Ouml;sterreich und der stellvertretende Ministerpr&auml;sident Matteo Salvini in Italien. Pro-US-amerikanische Medien in europ&auml;ischen L&auml;ndern, vor allem in Gro&szlig;britannien, Deutschland und Frankreich, schufen eine Situation, in der jeder Versuch einer objektiven Ann&auml;herung an Russland durch die sogenannten Russland- beziehungsweise Putin-Versteher als Abkehr von der liberalen Ideologie und de facto als Verrat an Idealen und Werten angesehen wurde. Ab etwa 2006 begann die regelrechte D&auml;monisierung Russlands und Putins pers&ouml;nlich. Diejenigen, die sich dieser Gehirnw&auml;sche nicht unterwarfen, wurden aus der &bdquo;anst&auml;ndigen Gesellschaft&ldquo; ausgeschlossen. 20 Jahre sp&auml;ter haben die USA das Ergebnis erreicht, das sie anstrebten.<\/p><p><strong>Budapest scheint sich wiederholt gegen den antirussischen Kurs der EU und der NATO zu stellen. Sie sehen die ungarische Politik als rein taktisch und auf die eigenen Interessen ausgerichtet. Wie begr&uuml;nden Sie das?<\/strong><\/p><p>Ungarn ist Mitglied der NATO und der EU. Die Ungarn haben ihre eigenen Erinnerungen an die historischen Beziehungen zu Russland. Die Position Budapests in Bezug auf Russland ist keineswegs prorussisch. Die ungarische F&uuml;hrung mit Ministerpr&auml;sident Viktor Orb&aacute;n an der Spitze handelt auf der Grundlage der ungarischen nationalen Interessen. Sie ist grunds&auml;tzlich gegen den Druck der liberalen Globalisten aus den USA und Europa. Eine solche Konfrontation erfordert eine Menge Mut. Gleichzeitig ist Orb&aacute;n ein gewiefter Politiker und ein pragmatischer Staatsmann. Er versteht, bis zu welchen Grenzen der Widerstand eines kleinen Landes gegen m&auml;chtige externe Kr&auml;fte Fr&uuml;chte tragen kann und wo f&uuml;r Budapest unsichtbare &bdquo;rote Linien&ldquo; gezogen werden. Auf dieser Grundlage gelingt es Ministerpr&auml;sident Orb&aacute;n, das Maximum f&uuml;r sein Land aus der Situation &bdquo;herauszuholen&ldquo;.<\/p><p><strong>Welche Chancen sehen Sie f&uuml;r Russland im Zusammenhang mit der antirussischen Haltung des Westens?<\/strong><\/p><p>Die antirussische Haltung des kollektiven Westens schafft an sich keine Chancen f&uuml;r Russland. Sie schafft Probleme. Die Notwendigkeit, sich dem Westen zu widersetzen, mobilisiert gleichzeitig Russland von innen heraus. Das zwingt die Russen, sich auf ihren Verstand und ihre eigene Arbeitskraft zu verlassen und wegzukommen von der Einstellung, dass, wenn ein Land &uuml;ber &Ouml;l und Gas verf&uuml;gt, alles andere im Ausland gekauft werden kann. Der Bruch mit dem Westen stellte Russland vor grundlegende Fragen in den Bereichen Wirtschaft, Politik, Ideologie und Werte. Die Antwort darauf war die These von einer eigenst&auml;ndigen russischen Zivilisation, die allm&auml;hlich Gestalt annimmt. Dies ist ein Wandel von kolossalem Ausma&szlig;. Nicht nur die Haltungen der letzten 35 Jahre, beginnend mit Michail Gorbatschows Perestroika, sondern auch die Haltungen der letzten 300 Jahre, beginnend mit Peter dem Gro&szlig;en, werden einer Revision unterzogen.<\/p><p>Wenn diese Bem&uuml;hungen fruchtbar sind, wird sich Russland schlie&szlig;lich von einer peripheren Provinz im westlichen Weltsystem in eines der Zentren einer neuen Weltstruktur verwandeln, in der chinesische, indische, islamische, afrikanische und andere Zivilisationen, einschlie&szlig;lich der westlichen und der russischen, gleichberechtigt koexistieren und interagieren werden.<\/p><p><strong>Trotz der wachsenden Konfrontation ist aus Ihrer Sicht Krieg zwischen dem Westen und Russland vermeidbar. Sie sehen aber gleichzeitig die Gefahr eines &bdquo;katastrophalen Frontalzusammensto&szlig;es&ldquo;. Was meinen Sie damit?<\/strong><\/p><p>Es gibt in der Geschichte nichts vollkommen Unvermeidliches, au&szlig;er dass jeder Mensch sterblich ist (manchmal, wie Michail Bulgakow warnte, pl&ouml;tzlich). Die gegnerischen Kr&auml;fte haben die M&ouml;glichkeit anzuhalten, zu verhandeln. In einer bestimmten Situation zwischen Russland und dem Westen sollte man sich dar&uuml;ber im Klaren sein, was f&uuml;r jede Seite auf dem Spiel steht. F&uuml;r die USA geht es um ihr Prestige, ihre globalen Ambitionen und die Beziehungen zu ihren Verb&uuml;ndeten. F&uuml;r Russland geht es um die Existenz des Staates selbst. Ich erinnere nochmal an Putins Worte aus einem fr&uuml;heren Interview mit dem US-amerikanischen Fernsehen: &bdquo;Wozu brauchen wir Frieden, wenn es Russland nicht mehr geben wird?&ldquo; Ich pers&ouml;nlich nehme das ernst.<\/p><p><strong>Sie fordern, die Eskalationsspirale des Westens zu durchbrechen, unter anderem, indem die propagierte Angst des Westens vor einem russischen Sieg in eine echte verwandelt wird, die andere Seite einzusch&uuml;chtern &ndash; durch die Drohung mit dem Einsatz von Atomwaffen, durch die Wiederaufnahme der Kernwaffentests. Das klingt &auml;hnlich wie der Vorschlag von Sergej Karaganow vom Juni 2023, mit pr&auml;ventiven Nuklearschl&auml;gen gegen westliche Ziele dem Westen die Grenzen aufzuzeigen. Haben Sie sich ihm angen&auml;hert oder gibt es da entscheidende Unterschiede?<\/strong><\/p><p>Bereits im Fr&uuml;hherbst 2022 habe ich in der Fernsehsendung <em>Internationale Rundschau (&#1052;&#1077;&#1078;&#1076;&#1091;&#1085;&#1072;&#1088;&#1086;&#1076;&#1085;&#1086;&#1077; &#1086;&#1073;&#1086;&#1079;&#1088;&#1077;&#1085;&#1080;&#1077;)<\/em> von Fjodor Lukjanow &uuml;ber den Faktor Angst als wichtigste Komponente der gegenseitigen Abschreckung im Atomzeitalter gesprochen. Seitdem habe ich meine Position nicht nur nicht ge&auml;ndert, sondern zunehmend davor gewarnt, dass das derzeitige Angstdefizit in den USA und insbesondere in Europa die Welt in eine Katastrophe f&uuml;hren k&ouml;nnte. Die Eskalationsschritte des Westens haben uns in den letzten zwei Jahren deutlich n&auml;her an den Abgrund gebracht. Die Situation ist sehr gef&auml;hrlich. Sie k&ouml;nnen meine Ver&ouml;ffentlichungen der letzten anderthalb oder zwei Jahre mit den Artikeln meines Kollegen und Freundes Sergej Karaganow vergleichen und die entsprechenden Schl&uuml;sse daraus ziehen.<\/p><p><strong>Warum gibt es Ihrer Meinung nach nur Frieden zwischen den Gro&szlig;m&auml;chten, wenn die Angst voreinander gro&szlig; genug ist? Ist Angst eine gute Grundlage f&uuml;r Frieden?<\/strong><\/p><p>Ich halte Angst nicht f&uuml;r eine &bdquo;gute&ldquo; Grundlage f&uuml;r den Frieden. Die Geschichte der internationalen Beziehungen, insbesondere der letzten 80 Jahre, zeigt jedoch, dass die Gro&szlig;m&auml;chte, sofern sie nicht in einem stabilen B&uuml;ndnis oder einer Partnerschaft miteinander stehen, gezwungen sind, ihre Sicherheit auf die F&auml;higkeit zu gr&uuml;nden, entweder einen potenziellen Gegner am Sieg zu hindern oder ihn zu vernichten, selbst um den Preis ihrer eigenen Zerst&ouml;rung. Es gibt nat&uuml;rlich noch einen dritten Weg: Kapitulation mit anschlie&szlig;ender Unterwerfung oder Selbstaufl&ouml;sung. F&uuml;r Russland ist dieser Weg inakzeptabel. Angst ist also eine schlechte Grundlage, aber die Alternative zum Gleichgewicht durch Angst bedeutet entweder die allgemeine Vernichtung oder die Selbstliquidierung eines der Rivalen.<\/p><p><strong>Noch eine Frage zu Russland: Pr&auml;sident Wladimir Putin warnt den Westen klar vor den Folgen des Konfrontationskurses und sagt auch, Russland wolle die NATO nicht angreifen. Er lehnt auch Karaganows Vorschlag ab. F&uuml;r viele im Westen steht Putin immer noch f&uuml;r die Vernunft auf der globalen B&uuml;hne. Was passiert, wenn er abtritt?<\/strong><\/p><p>Pr&auml;sident Putin wird nach seinem Wahlsieg 2024 noch mindestens sechs weitere Jahre an der Spitze Russlands stehen. Das Problem der Nachfolge an der Macht ist eines der schwierigsten und potenziell gef&auml;hrlichsten im russischen politischen System. Weder Lenin, Stalin noch andere sowjetische Machthaber waren in der Lage, dieses Problem zu l&ouml;sen. Die einzige Ausnahme ist Boris Jelzin, der die Geschicke des Landes an Putin &uuml;bergeben hat.<\/p><p>Ich bin sicher, dass das Problem der Nachfolge Putin besch&auml;ftigt. Ich denke, er arbeitet daran, aber er wird dem Land und der Welt wohl kaum einen Nachfolger pr&auml;sentieren, bevor er selbst bereit ist, ihm die Macht zu &uuml;bergeben. Putin hat soeben ein noch gr&ouml;&szlig;eres Problem aufgeworfen: die Bildung einer neuen Elite, einer Dienstleistungselite, die an die Stelle der Geldelite der postsowjetischen &Auml;ra treten soll, die auf ihre eigenen egoistischen Interessen ausgerichtet ist. Meiner Meinung nach tragen die Transformationsprozesse, die derzeit in Russland stattfinden, dazu bei, dass sich die Qualit&auml;t der obersten F&uuml;hrungsschicht des Landes im Vergleich zu der vor 25 oder 35 Jahren verbessert.<\/p><p><small>Titelbild: Dmitri Trenin tr&auml;gt sich in das G&auml;stebuch des Obersten Alliierten Befehlshabers Europas, General John Craddock, im Rahmen eines Empfangs am Abend des 15. Juni 2009 in dessen Residenz Chateau Gendebien in der N&auml;he von Mons, Belgien, ein &ndash; Fotoquelle: Staff Sgt. James Hennessey, gemeinfrei.<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110433\">Interview mit Sicherheitsexperte Karaganow: USA w&uuml;rden Europa ohne Z&ouml;gern opfern<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=112337\">Stimmen aus der Ukraine: Noch glaubt Selenskyj an Revanche<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=109594\">Der Tod eines US-amerikanischen Bloggers im ukrainischen Gef&auml;ngnis und die Doppelmoral<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=107760\">Deutschland &ndash; Diener und Opfer der USA<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/29f1f28f369543e2b32a376e687b4425\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor Kurzem hat der renommierte russische Politikwissenschaftler Dmitri Trenin <a href=\"https:\/\/profile.ru\/abroad\/kak-rossiya-mozhet-pokonchit-s-deficitom-straha-v-otnosheniyah-s-zapadom-1456137\/\">in einem Artikel<\/a> geschrieben, dass das erste Mal seit 1945 der Westen aufgeh&ouml;rt habe, sich vor Russland zu f&uuml;rchten. 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